Cover
Titel
Das 20. Jahrhundert erzählen. Zeiterfahrung und Zeiterforschung im geteilten Deutschland


Hrsg. v.
Maubach, Franka; Morina, Christina
Erschienen
Göttingen 2016: Wallstein Verlag
Umfang
508 S.
Preis
€ 42,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christof Dipper, Institut für Geschichte, Technische Universität Darmstadt

Deutsch-deutsche Historikerkontakte waren vor 1989 selten, erst recht bei Themen wie Arbeiter- und Zeitgeschichte, die hohen identifikatorischen Charakter besaßen und deshalb in der DDR noch engeren politischen Vorgaben unterlagen als andere Felder. Der Trierer Historikertag 1958 war der letzte, zu dem ostdeutsche Kollegen anreisen konnten, danach waren gemeinsame Konferenzen in einem der beiden deutschen Staaten undenkbar (ein informelles Treffen 1964 in Ost-Berlin brachte den Gastgebern Parteistrafen ein), jedenfalls bis 1984 (vgl. S. 59). Persönliche Begegnungen fanden daher am ehesten bei internationalen Tagungen statt (über die die DDR-Kollegen dann regelmäßig dem MfS Bericht erstatten mussten, was im Westen natürlich bekannt war), aber sie änderten nichts daran, dass sich die Disziplin gründlich auseinanderlebte und mit den Scientific Communities dritter Staaten viel engere Kontakte pflegte als mit den Kollegen jenseits der Mauer bzw. des „antifaschistischen Schutzwalls“. Von einem nationalen Standpunkt aus war das alles reichlich absurd (und wurde vor 1989 bei unseren Nachbarn auch so gesehen).

Das bedeutete natürlich nicht, dass die Forscher nicht voneinander Notiz genommen hätten – im Westen geschah dies meist aus persönlichem Interesse, im Osten war die Beobachtung eher obsessiv, denn die ‚bürgerliche‘ Geschichtswissenschaft musste im Auftrag der Partei natürlich auf die von ihr ausgehenden Gefahren geprüft (und anschließend weitgehend in den Giftschrank gestellt) werden. Anders als etwa im Bereich der Frühen Neuzeit / Frühbürgerlichen Revolution oder in der Agrargeschichte konnte man in Westdeutschland von den ostdeutschen Forschungen zum 20. Jahrhundert und besonders zur Geschichte nach 1945 kaum Anregungen beziehen.

Die Herausgeberinnen Franka Maubach und Christina Morina waren beim Mauerfall 15 und 13 Jahre alt, kannten die alltagsbestimmende harte wissenschaftliche Konfrontation also zunächst nur vom Hörensagen und wollten sich mit diesem offenkundig nicht zufrieden geben. Wenn schon keine Begegnungen, so müsse es doch „Resonanzen“ in einem trotz geteilter Wissenschaft „ungeteilten deutsch-deutschen Erfahrungsraum“ (S. 30) gegeben haben. Ich halte die Vorstellung eines solchen „Erfahrungsraums“ für eine Illusion der Nachgeborenen. Damit soll beileibe nicht gesagt sein, dass der Sammelband wertlos sei, aber eine angemessene Perspektive auf die deutsch-deutsche Geschichtswissenschaft vermag ich nicht zu sehen. Denn von einer Verflechtungsgeschichte kann streng genommen nicht gesprochen werden, da diese gegenseitige Rezeptionen und Einflussnahmen voraussetzt, was im deutsch-deutschen Fall an der vielfältigen Asymmetrie bis fast ganz zum Schluss immer wieder gescheitert ist. Es war ja gerade der Sinn der Parteiaufsicht, die DDR-Geschichtswissenschaft vor Rezeptionen und Einflussnahmen zu bewahren, weil das den offiziellen Legitimationsauftrag dieser Disziplin gefährdet hätte. Ulbricht und Honecker waren letztlich die entscheidenden Historiker.

Genug der Vorrede. Mit acht Fallstudien sollen in dem Sammelband „Resonanzräume“ eines vor allem erfahrungsgeschichtlich gesteuerten Blicks auf einzelne Publikationen ost- und westdeutscher Historiker ausgelotet werden. Inwieweit die Befunde verallgemeinerbar sind, bleibt unerörtert. Die Fallstudien betreffen den Ersten Weltkrieg, die Novemberrevolution, den Nationalsozialismus, die Kriegsniederlage des Deutschen Reiches, den Holocaust, den Mauerbau, die deutsche Teilung und den Mauerfall. Dieses abschließende Kapitel (in dem die erheblichen Mängel bei den Literaturverweisen – auf S. 416f. stimmt kein einziges Erscheinungsjahr − die Lektüre behindern) bietet zwar sehr kenntnisreiche Einblicke in die letzten eineinhalb Jahre DDR-Geschichtswissenschaft, aber deren innere Konflikte und baldige „Abwicklung“ fallen trotz ausführlicher Darstellung von Jürgen Kockas Aktionen und Reflexionen aus dem Rahmenkonzept. Viel besser eignete sich diese Phase für einen Vergleich mit den „Säuberungen“ nach 1945.

Matthew Stibbe betrachtet, wie Kriegs- und andere Erfahrungen bei den Historikern Gerhard Ritter, Fritz Fischer, Fritz Klein und Willibald Gutsche auf ihre Weltkriegsforschungen gewirkt haben könnten. Aber dieses Thema ist schon zu gut erschlossen, als dass man jenseits personenbezogener Details wirklich Unbekanntes erführe. Immerhin kann Stibbe Resonanzräume am ehesten 1945/47 und 1957/61 ausmachen, als die Systemkonkurrenz etwas zurücktrat. Klaus Latzels methodisch außerordentlich reflektierter Beitrag zur historiographischen Frage, ob ein „Dritter Weg“ zwischen bürgerlicher Demokratie und proletarischer Diktatur in der Novemberrevolution Chancen gehabt habe oder nicht – wofür der Autor Karl Dietrich Erdmann, Peter von Oertzen, Albert Schreiner und Wolfgang Ruge heranzieht –, kann auch keine Resonanzen im engen Sinne feststellen, denn die Gründe der Veränderungen „waren primär jeweils hausgemacht“ (S. 128).

Bei der Frage, wie „es“ möglich war, nämlich die Zäsur von 1933, sieht Franka Maubach dann zwei klar unterschiedene Antworten. Unmittelbar nach Kriegsende gab die „Miseretheorie“ den Ausschlag (jedenfalls bei Alexander Abusch und Friedrich Meinecke), d.h. schuld waren Junker und preußische Untertanenmentalität. Seit den frühen 1950er-Jahren beherrschten dann konträre Ansichten das Feld: Ritter sah im Militarismus der Massen die Schuld, Ernst Engelberg stellte den westlichen Kollegen dafür in die Traditionslinie eines als reaktionär verstandenen Historismus, Vorspiel zur „organisierten Demontage“ (S. 187) des nach dem Mauerbau zum „NATO-Historiker“ Beförderten (so Gerhard Lozek / Horst Syrbe 1964). Ich frage mich, ob dieser zeitliche Gegensatz nicht konstruiert ist, also eine Folge der gewählten Autoren von 1945/46. Hätte Maubach andere gewählt oder die zeitgenössische ‚bürgerliche‘ Kritik an Meineckes „jämmerlichem Buch“ (Leo Baeck) berücksichtigt, wäre die Entwicklungslinie möglicherweise eine andere. Richtig, aber wohl auch unvermeidlich ist allerdings, dass nach der „doppelten Staatsgründung“ die „Irrwege“ der Deutschen „ins jeweils andere Deutschland führten“ (S. 188).

War der 8. Mai 1945 Sieg oder Niederlage? Christina Morina sieht biographische Hintergründe für die gegensätzlichen Antworten, die Karl Dietrich Erdmann und Stefan Doernberg 1959 lieferten. Da war in der DDR der Sieg freilich längst als „gesetzmäßig“ festgelegt, und damit wird die erfahrungsgeschichtliche Grundierung als Argument hinfällig; Koselleck war 1977 sogar so weit gegangen, dies als unwissenschaftlich zu erklären (zit. auf S. 244). Wieso muss dann überhaupt noch nach Resonanzräumen gesucht werden? Annette Leo ist aufgefallen, dass die beiden gleichaltrigen Historiker Kurt Pätzold (1930–2016) und Hans Mommsen (1930–2015) in zwei Aufsätzen von 1980 bzw. 1983 den Holocaust abweichend vom Mainstream nicht als Folge des Antisemitismus erklärten. Leo sucht dafür nach biographischen Parallelen, allerdings ohne Ergebnis, denn Pätzold wollte damit bekanntlich die alte These vom Monopolkapitalismus auf die Ermordung der europäischen Juden erweitern und Mommsen seine funktionalistische Deutung absichern. Der einzige Mehrwert dieses Beitrags besteht in der sehr sorgfältig ausgeleuchteten Biographie Pätzolds, bei dem die Autorin auch in der Vorlesung saß und mehrfach irritiert war.

Christoph Kleßmann, Entdecker der „asymmetrisch verflochtenen Parallelgeschichte“, liefert so etwas wie den wissenschaftsgeschichtlichen Leitartikel für das ganze Buch, kann aber mit den methodischen Vorgaben wenig anfangen; die beiden so unterschiedlichen Biographien von Heinz Heitzer und Rudi Goguel wirken nachgeschoben. Die Verflechtungen dürften nicht über die radikalen Unterschiede gerade in der Rolle der Zeitgeschichte nach 1945 hinwegtäuschen; im Osten war sie laut Kleßmann „überwiegend Legitimationsideologie pur“ (S. 289). Vergleichbar dagegen seien der Kampf um Anerkennung als Disziplin und das Vorwalten politikgeschichtlicher Themen. Kleßmann berichtet dann über die weitgehend auf ihn selbst zurückgehenden Konferenzen und Werkstattgespräche ab 1984, die ersten deutsch-deutschen Historikerkontakte seit 20 Jahren, deren ostdeutsches Echo er mittels BStU-Unterlagen rekonstruiert. Sie führten in die Krise, weil die innerdeutsche Konkurrenz die wissenschaftlichen Defizite erbarmungslos zu Tage förderte, wie Kleßmann mit Verweis auf Martin Sabrows Arbeiten betont.

Hintergründe dazu (und vieles andere mehr) kann man in Marion Detjens Beitrag über die „Mauer“ lesen, in dem der trotz Parteimitgliedschaft nicht so recht ins Schema passende Nachwuchshistoriker Jörn Schütrumpf (geb. 1956) eine wesentliche Rolle spielt. Um ihn herum etablierte sich 1985/86 eine „Koalition der Vernunft“ von Historikern um Lutz Niethammer einerseits und aus der Akademie der Wissenschaften der DDR andererseits, um „die DDR-Geschichtswissenschaft aus ihrer Paralyse zu erlösen“ (S. 371). Hier ist nun wirklich viel von Verflechtung explizit und Resonanz implizit die Rede, deren Pointe darin besteht, dass Schütrumpf 1993 vor der Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages erklärte, an der Misere der Osthistoriker hätten die westdeutschen Kollegen durchaus Anteil gehabt, weil die unkonventionellen Vorträge der bei Niethammers Tagungen auftretenden DDR-Historiker die Westdeutschen mit der DDR versöhnt statt zu einem Bündnis gegen die verstockten SED-Oberen animiert hätten (S. 378f.).

Der Sammelband liefert eine erfahrungsgeschichtlich erweiterte Ideen- und Intellektuellengeschichte einer Reihe meist prominenter Historiker (Frauen spielten hüben wie drüben kaum eine Rolle), die zugleich die Konjunkturen von Nähe und Ferne sichtbar werden lässt: Wissenschaftlich am ergiebigsten war die unmittelbare Nachkriegszeit. Die zweite kurze Phase begann in den späten 1950er-Jahren und endete mit dem Mauerbau, bis dann Mitte der 1980er-Jahre im Rahmen der durch die DDR-Wirtschaftsmisere gesteigerten innerdeutschen Beziehungen wieder zaghafte Begegnungen möglich wurden. Damit ist klar, dass die politischen Rahmenbedingungen den Ausschlag gaben. Das Verhältnis blieb asymmetrisch, der Diskurs eher nicht, aber von gleicher Augenhöhe, wie mehrfach betont wird, kann keine Rede sein. Diese alles andere als nebensächliche Randbedingung wird nach Kräften ausgeblendet, und namentlich die Herausgeberinnen vertreten eine Form von Wertneutralität, die der Sache nicht angemessen ist (und im Falle des „Dritten Reiches“ wohl niemandem in den Sinn käme). Die DDR war eine Diktatur (was im Nachwort auf S. 449 dann auch explizit anerkannt wird), und jeder, der eine abweichende Meinung vertrat – nicht nur die Historiker –, musste mit Repression rechnen. Man liest deshalb mit Befremden den Satz, dass beim Quellenfundus „eine deutliche Asymmetrie“ deshalb herrsche, weil die vielfach herangezogenen SED- und MfS-Akten „eine Quellengattung [sind], die für die westdeutsche Seite so nicht existiert bzw. noch nicht zugänglich ist“ (S. 15). Soll das heißen, man könnte eines Tages eine westdeutsche Historiographiegeschichte mit BND-Akten schreiben? Das ganze Konzept ist schief, weil die beiden Herausgeberinnen genau dieses Thema nicht näher beleuchten wollen – obwohl sich die Zeithistoriker auf beiden Seiten der Mauer als politische Historiker verstanden, wie Maubach und Morina selbst in der Einleitung betonen. Insgesamt ist dies ein ausgesprochen interessanter Sammelband, der sich über die Repräsentativität seiner Beispiele aber keine Gedanken macht und mit dem Politischen einen maßgeblichen Teil der Wirklichkeit des Kalten Krieges ausklammert.

Zitation
Christof Dipper: Rezension zu: Maubach, Franka; Morina, Christina (Hrsg.): Das 20. Jahrhundert erzählen. Zeiterfahrung und Zeiterforschung im geteilten Deutschland. Göttingen 2016 , in: H-Soz-Kult, 21.03.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24630>.