Sammelrezension: Krieg und Gesellschaft im Ersten Weltkrieg

Meiners, Antonia: Die Stunde der Frauen. Zwischen Monarchie, Weltkrieg und Wahlrecht 1913–1919. München : Elisabeth Sandmann Verlag 2013 ISBN 978-3-938045-81-7, 144 S. € 24,95.

Bruendel, Steffen: Zeitenwende 1914. Künstler, Dichter und Denker im Ersten Weltkrieg. München : Herbig Verlag 2014 ISBN 978-3-7766-2734-3, 303 S. € 19,99.

Piper, Ernst: Nacht über Europa. Kulturgeschichte des Ersten Weltkrieges. Berlin : Propyläen Verlag 2013 ISBN 978-3-84370616-2, 592 S. € 26,99.

Friedrich, Jörg: 14/18. Der Weg nach Versailles. München : Propyläen Verlag 2014 ISBN 978-3-549073-17-9, 1072 S. € 34,99.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Bernd Ulrich, Berlin

Es gibt Bücher zum Ersten Weltkrieg, die anlässlich seiner hundertsten Wiederkehr erschienen und noch nicht an dieser Stelle besprochen worden sind. Das soll nun nachgeholt werden, nicht zuletzt auch deshalb, weil jedes der in diesem Zusammenhang vorgestellten Werke es verdient hat, über das Jubiläum hinaus Beachtung zu finden. Und dass, obwohl gleich die erste vorzustellende Studie kaum das bringt, was bis auf eine Ausnahme alle hier besprochenen Texte charakterisiert: Sie bieten kaum wirklich Neues – jedenfalls nicht den Spezialisten der Kunst- und Literatur-, der Geschlechter-, der Wissenschafts- und Kulturgeschichte sowie generell den Weltkriegshistorikern.

Die Stärken des reich bebilderten Bandes der Lektorin und bewährten Sachbuchautorin Antonia Meiners liegen denn auch eher in der Zusammenstellung und der biographischen Zuspitzung von frauenspezifischen Themen.[1] Der Ton des Kompendiums wird schon in der Einleitung vorgegeben. Sie läuft in leicht verständlicher Sprache, wenngleich naturgemäß inhaltlich verkürzt, auf die zentrale Frage zu, die Meiners im Folgenden immer wieder neu einkreist: „Zählen also die Frauen Deutschlands und Österreichs gewissermaßen doch zu den ´Gewinnerinnen` des Ersten Weltkriegs?“ (S. 13) Die Frage sei, so die Autorin, nicht eindeutig zu beantworten, – aber doch anhand vieler, vor allem biographischer Bilder zu erläutern –, nicht zuletzt „angesichts der in der Weimarer Republik noch immer vorherrschenden traditionellen Geschlechterzuordnung“; ein Befund, der in seiner Gewichtung sicher noch weiter in die Gegenwart hinein reicht (S.13).

Die Autorin jedenfalls führt kurz und bündig die durch den und im Weltkrieg „gestiegene ökonomische Bedeutung der Frauenarbeit“ als wesentliche Ursache für den dadurch forcierten „Wandel der gesellschaftlichen Stellung der Frau“ an (S. 13). Dabei ist Meiners klar, dass die sattsam bekannten Bilder von Straßenbahnschaffnerinnen, Postbotinnen oder Granatendreherinnen sich einerseits dem massenhaften Armeedienst der Männer verdankten, vernachlässigt aber andererseits die Verdienste der bereits vor 1914 in Europa und den USA virulenten Frauenbewegung, die mindestens ebenso stark wie der Krieg selbst Anteil an dem allmählich sich verändernden Erscheinungsbild ‚der‘ Frau hatte.

Doch dieser Einwand ändert nichts daran, dass der Autorin ein historisch fundierter Einstieg in die Geschichte der Frauenbewegung in den Zeiten des Krieges gelungen ist. Drei kurze thematische Blöcke – „Briefe und Feldpost“ (S. 36f.), zum Roten Kreuz (S. 61ff.), das 1917 den einzigen Friedensnobelpreis während des Krieges bekam, und „Hunger und Entbehrung“ (S. 82ff.) – und fünf biographisch geprägte Kapitel zwischen Rosa Luxemburg und Thea von Harbou – thematisch von der „Mobilmachung“ (S. 14ff.) bis hin zum politischen Engagement von Frauen und Frauenverbänden in der unmittelbaren Nachkriegszeit reichend („Aufbruch und Wahlrecht“, S. 110ff.) – bieten der Leserschaft einen informativen Einstieg in die Geschichte der Frauenbewegung zwischen Kriegsbeginn und erster Nachkriegszeit.

Auch der mittlerweile das Forschungszentrum für Historische Geisteswissenschaften der Frankfurter Goethe-Universität leitende Historiker Steffen Bruendel vermag für ein interessiertes, breites Publikum ein wahres Feuerwerk an Einblicken in die heute fremd anmutende Welt deutscher und österreichischer Bellizisten aus Künstler- und Gelehrtenkreisen zu entfachen. Gewiss – darüber was „Künstler, Dichter und Denker im Ersten Weltkrieg“ – so der Untertitel der hier anzuzeigenden Studie „Zeitenwende 1914“ – so produziert und veröffentlicht, was Bildende Künstler gerade in der Anfangsphase des „Weltenbrandes“ gezeichnet und gemalt haben, sind wir eigentlich ganz gut unterrichtet. Einmal abgesehen von der freilich zumeist affirmativen, wenig kritischen zeitgenössischen Sekundärliteratur, abgesehen aber auch von etlichen Spezialstudien, etwa zur trüben Rolle von Theologen beider Konfessionen im August 1914, verfügen wir über umfängliche, nahezu jede Facette der intellektuellen und künstlerischen Interventionen berücksichtigende Kompendien und Studien. Genannt sei nur die Quellensammlung von Klaus Böhme oder die Arbeit von Kurt Flasch.[2]

Aber Bruendel gelingt es, das Bekannte neu zu arrangieren und eingebettet in einen teils spannenden, teil horizonterweiternden Erzählduktus mitzuteilen und aufzufächern. Dabei soll, so der Autor, „die Ideenwelt der künstlerischen und intellektuellen Elite zwischen 1914 und 1918 lebendig“ und zu einer Art „historischen Revue“ verdichtet werden (S. 11f.). Als durchaus eingestandene Vorbilder fungieren hier gleichermaßen die von dem kanadischen Historiker Modris Eksteins verfasste, wie Bruendel meint, „tiefgründige Kulturgeschichte“ über die „Geburt der Moderne und der Erste Weltkrieg“[3] wie jene Collage eines, so Bruendel, „morbid-nervösen europäischen Panoptikums“, die der Journalist und Kunsthistoriker Florian Illies so anhaltend erfolgreich mit seinem Buch „1913“[4] platzieren konnte (S. 12).

Das alles liest sich gut und besser und wird sicherlich auch Eingang in den gymnasialen Fachunterricht bzw. in das universitäre Curriculum der einschlägigen Seminare finden. Besonders hervorzuheben ist nicht zuletzt der Epilog, in dem Bruendel die „Bücherverbrennung“ am 10. Mai 1933 – „in der der Nationalsozialismus sein wahres Gesicht“ zeigte (S. 259) – ebenso behandelt wie die NS-Ausstellung „Entartete Kunst“ im Jahre 1937. Bruendel hat schon Recht: „Beides, Bücherverbrennung wie Schmähausstellung, besiegelte auf symbolischer Ebene den Bruch des neuen Regimes mit dem ´Geist von Weimar`.“ (S. 261) Und damit auch mit der freien, politisch unabhängigen künstlerischen Auseinandersetzung mit dem erst kurz zurückliegenden Weltkrieg, aus der die meisten Werke der Literatur, Lyrik und der bildenden Kunst einen „pazifistischen, antimilitaristischen und gesellschaftskritischen“ (S. 262) Impetus zu destillieren wussten. Das hatte umso mehr Durchschlagskraft als viele der von den Nazis verfemten und stigmatisierten Wissenschaftler und Künstler selbst als Soldaten und Offiziere im Weltkrieg gedient hatten oder gar in jenen Jahren oder nach dem Krieg an den Folgen von Kriegsverletzungen gestorben waren. Aber, „die nationalsozialistische Kulturpolitik war zugleich Erinnerungspolitik und löschte aus, was nicht in ihr Konzept passte“ (S. 263).

Dem Autor unterlaufen allerdings auch Fehler oder, anders formuliert, im Neu-Arrangement eines alten Themas werden mitunter die durch die bisherige Literatur tradierten Irrtümer fraglos übernommen; auch ein Phänomen, das bis auf eine Ausnahme in allen vorliegenden Studien zu beobachten ist. Otto Dix etwa, um nur einen zu nennen, war kein „Kriegsfreiwilliger“ (S. 81); vielmehr wurde er am 22. August 1914 als Ersatz-Reservist eingezogen und kam erst 13 Monate später, im September 1915, an die Front, da der Ersatz an Maschinengewehrabteilungen höchst dringlich und Dix trotz wohlwollender Vorgesetzter nicht mehr in der Heimat zu halten war.[5] Das ist zwar keine Kleinigkeit, aber sie kann den insgesamt positiven Gesamteindruck von Bruendels Buch kaum mindern. Ärgerlich bleibt jedoch, dass kein Register diese notwendig personenreiche Studie ziert und die Orientierung erleichtert.

Das Werk des habilitierten Historikers, Sachbuchautors und Literatur-Agenten Ernst Piper verfügt erfreulicherweise über ein mehrseitiges Personenregister. Doch ist auch sein Buch nicht ganz frei von solchen Problemen, die bei Bruendel zu diagnostizieren waren. Das ist vorderhand auch kein Wunder, denn Piper wie auch schon Bruendel fußen ja in ihren Studien auf denen vieler Vorgänger, verwerten sie und setzen neue Schwerpunkte und Akzente – und wiederholen eben auch mitunter deren Fehler oder fragen nicht nach, wo nachzufragen wäre. Dazu gleich mehr.

In Ernst Pipers voluminösem Buch mit dem etwas pathetischen Obertitel „Nacht über Europa“ soll nichts weniger als eine „Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs“ geboten werden. Einer Geschichte, die für den Autor überdies familiäre Bezüge bereithält: Namentlich der Großvater väterlicherseits, der Verleger Reinhard Piper, der 1904, mit 25 Jahren, den gleichnamigen Verlag begründete, „war in vielerlei Hinsicht vom Kriegsgeschehen betroffen“ (S. 7). Der neuen Lage gehorchend, gestaltete er das Verlagsprogramm kriegsgemäß um und verlegte etwa mehr oder weniger prächtige Bildbände über Schlachten oder auch über deutsche Landschaften, von denen insbesondere der Paul von Hindenburg, dem „Sieger von Tannenberg“, gewidmete Prachtband „Das schöne Ostpreußen“ sehr gute Umsätze brachte. Derlei Entwicklungen, noch intensiviert durch die an den Sohn weitergegebenen Erfahrungen des Vaters als Kind während des Kriegs und in der Revolution, führten dazu, so Ernst Piper, „dass für mich der Erste Weltkrieg ein Ereignis der Zeitgeschichte ist, ein Ereignis der Epoche der Mitlebenden, auch wenn die erwähnten Vorfahren inzwischen alle längst verstorben sind“ (S. 8).

Dem Autor geht es in seinem Werk nicht allein um die kulturellen Hervorbringungen der Kriegsjahre, – die in einer 29 Abbildungen umfassenden, vorzüglichen Auswahl in einem Bildblock präsentiert werden –, sondern „auch um die Akteure und ihre unmittelbare Perzeption des historischen Geschehens, die noch nicht durch das Wissen um das Ergebnis des Krieges und spätere Sinndeutungen überformt ist“ (S. 11). In diesem Zusammenhang möchte Piper vor allem der „geistigen Mobilmachung“ und deren Literatur auf die Spur kommen, „aber auch dem Propagandaschrifttum, den Kriegszieldiskussionen, den Werken der Kriegsteilnehmer und der Kriegsgegner“ – zwischen denen ein Gegensatz ja nicht notwendig bestehen muss – „und nicht zuletzt den Artefakten der Memorialkultur“ (S. 11). Zwar gilt Pipers zentraler Blick – wie schon der Bruendels – den Mittelmächten, doch rücken „korrespondierend“ (nicht: vergleichend) auch Beispiele aus England, Italien, Frankreich und der Schweiz in den Fokus. Wobei wenig überraschend konstatiert werden muss, dass die einst internationalen und krisenfest scheinenden „Netzwerke“ der Kulturschaffenden gegen die „nationalen Egoismen“ keine Chance hatten bzw. dem „nationalistischen Furor nicht stand“ zu halten vermochten (S. 276).

Natürlich kommt bei diesem Thema – um nur ein Beispiel zu nennen, bei dem der Rezensent gut Bescheid weiß – auch wieder Otto Dix als Zeichner und Maler des Frontirrsinns vor. Zwar zeigt sich Piper in diesem Bereich insgesamt besser informiert als Steffen Bruendel; der Autor kennt die neue, wenngleich nicht die neueste Literatur ausschnittsweise. Doch auch er behauptet, der Maler hätte sich freiwillig gemeldet, unterstützt durch das bekannte Dix-Zitat, wonach er „alle Untiefen des Lebens … selbst erleben“ musste „und deswegen habe ich mich auch freiwillig gemeldet“ (S. 117). Die Aussage stammte indessen aus einem aufgenommenen Gespräch mit Dix vom November 1961 und Piper geht – ebenso wie die Studien, derer er sich für diesen Abschnitt bedient – der absichtsvoll stilisierten Selbstidealisierung des Künstlers auf den Leim. Es bleibt eben die Frage, warum Dix erst überraschend spät und nach einer so erklärungsbedürftigen wie überlangen, stationsreichen Ausbildung an der deutschen Westfront zum Einsatz kam – und wie es ihm gelang, kulturgeschichtlich ja von nicht geringer Bedeutung, bereits vor seinem „Front-Erleben“ eindrucksvolle Werke über den Krieg und dessen Wirkung zu gestalten.

Es bleiben jedoch auch die kleinen Irrtümer, von denen, wiederum mit Dix-Bezug, eins genannt sei: Dix wurde nicht zum „Feldwebel“ befördert, sondern zum „Vize-Feldwebel“, ein kleiner, aber feiner Unterschied in der kaiserlichen Armee (S. 116). Der Dienstgrad galt eigentlich als ein auf den Offizier (Leutnant) vorbereitender Rang, den Dix freilich trotz seiner, in den Augen seiner Vorgesetzten, hervorragenden Leistungen als MG-Schütze und Zugführer nie zu erreichen vermochte, da er als Volksschüler und Absolvent einer Kunstakademie nicht zu den erwählten Kreisen gehörte und deshalb auch nie, wie etwa Ernst Jünger, ein sogenannter Kriegsleutnant werden konnte – und allein schon dies ist Grund genug, ihn und sein Werk nicht mit dem Ernst Jüngers zu vergleichen (S. 119).

Derlei ist zwar ärgerlich, aber, wie gesagt, wohl auch der Preis für den Anspruch, Überblicksdarstellungen für ein größeres Publikum zu verfassen, ohne in wirklich allen geschilderten Bereichen auf eigenen Forschungen gründen zu können. Das sollte indessen nicht übersehen lassen, welche Leistung Piper mit seinem Buch vollbracht hat: In einem immer wohltemperierten, narrativen Duktus – vielleicht ab und an zu sehr in der reinen Beschreibung verharrend – gelingt ihm über weite Strecken ein profunder Überblick über kulturelle Erzeugnisse des Ersten Weltkriegs. Prosa und Lyrik tauchen hier – und nicht allein mit den üblichen Verdächtigen als Urhebern – ebenso auf wie das malende und zeichnende Gewerbe, wobei neben den sehr bekannten durchaus auch marginale oder heute vergessene Künstler behandelt werden[6], propagandistische Erzeugnisse wie der „Aufruf an die Kulturwelt!“ (S. 221ff.) finden sich notwendigerweise, aber auch eine detailreiche Darlegung des sozialdemokratischen „Augusterlebnisses“ (S. 50ff.), während der „Lage des Judentums inmitten der Völker“ ein ganzes Kapitel gewidmet ist (S. 315–367). Der Autor weiß, dass eine Kulturgeschichte des Weltkriegs in der kontextuellen Einordnung ihrer Fragen und Antwortversuche nicht auf die essentiellen Entwicklungen der Politik- und Sozialgeschichte im 20. Jahrhundert verzichten kann. Freilich spielt dabei die austarierte Gewichtung eine Rolle, und es geschieht immer wieder, dass dem Autor bei der Herstellung des sozialhistorischen Hintergrunds unversehens sein eigentliches Thema, die Kulturgeschichte, nur noch ganz am Rande vor- oder gänzlich abhanden kommt.

Piper lässt seinen fulminanten Überflug über die mehr oder weniger stark in die jeweiligen historischen Kontexte eingebundenen künstlerischen Artefakte des Weltkriegs in ein „Tote Helden“ betiteltes Schlusskapitel auslaufen. In seiner Komposition bringt es nochmals alle Vor- und Nachteile des Werkes zur Anschauung: Einerseits werden auf gut zwanzig Seiten die biographischen, politischen und mentalen bis letalen Folgen dieses Krieges dargestellt und skizzenhaft zwar, aber präzise ausgeleuchtet. Andererseits tauchen kulturhistorische Fragestellungen oder Ergebnisse dieses Krieges gar nicht mehr auf – wenn man einmal, um es salopp zu formulieren, von etwas Ernst Jünger und Wilhelm Lamszus absieht. Überdies wird in der Behandlung des in diesem Schlusskapitel so zentralen wie kulturhistorisch bedeutsamen Themas des „Totenkults“ und der „Gefallenenehrung“ nur der sattsam bekannte Topos wiederholt, wonach „der Okkupation der Erinnerung an den Krieg durch die politische Rechte […] die unter schwierigen Verhältnissen zustande gekommene Demokratie von Weimar so gut wie nichts entgegen zu setzen“ hatte (S. 483).

Zweifel sind hier angebracht. Die Weimarer Demokratie hat trotz vieler Widerstände viele und überzeugende Angebote des Gedenkens gemacht. Man betrachte nur die Zehnjahresfeier des Kriegsbeginns 1924 und die Ansprache des Reichspräsidenten Friedrich Ebert einmal genauer oder widme sich der Frage, welche Initiativen (und Geldmittel) das Reich und die Länder nach 1918 für die Pflege der Kriegsgräber im In-, vor allem aber naturgemäß im Ausland aufgewendet haben und welche riesigen sozialen Wohnbauprogramme für die Veteranen des Krieges im Nachkriegsdeutschland lange vor 1933 aufgelegt worden sind. Gewiss, es war das nationalistische Lager, das in all seinen Spielarten die Realitäten der Niederlage 1918 leugnete und den Mythos des angeblich „unbesiegten Heeres“ in den Mittelpunkt aller Kriegsverarbeitung rückte. Aber ebenso gewiss haben sich ‚die‘ Republik und ihre Institutionen durchaus dagegen gewehrt – und waren dabei sogar lange Jahre recht erfolgreich.[7]

Kompositionsprobleme finden sich auch im vierten vorzustellenden Werk. Denn Jörg Friedrich, einer der bekanntesten und in seinem Metier versiertesten Publizisten und Sachbuchautoren der Republik, kann sich wie immer und oft nicht entscheiden, was er stilistisch und inhaltlich will: einen literarischen Text abliefern, sich als nachträglichen Erkenntnissen geschuldeter auktorialer Besserwisser geben, Schlachtenlenker spielen oder doch im Impetus des eiskalten Beobachters etwa die Wirkungen eines Granatsplitters beim Aufprall auf menschliche Weichteile sezieren; wer danach nicht zum Pazifisten wird, dem ist nicht mehr zu helfen.

Das mag einer überzeugend finden, ein anderer nur manieriert – „in der russischen Militärspitze schwelte rabenschwarzer Pessimismus“ (S. 324) – und mitunter unfreiwillig komisch. Ein weiterer Leser schließlich könnte sich an der überall vorzufindenden, oft gar nicht nur subkutan sondern ganz offen eingewebten ideologischen Unterfütterung stoßen, wonach aus dem von Karl Kraus einst geschöpften Wort von „Deutschland als der verfolgenden Unschuld“ bei Friedrich unversehens doch wieder eine „verfolgte“ wird. Einer „naiven“ zumal, denn Naivität, so Friedrich ein ums andere Mal, ist das, was ‚die‘ Deutschen und ihr Vorkriegs- und Kriegshandeln vor allem auszeichnet und sie letztlich von den anderen kriegsbeteiligten Staaten (und Völkern) unterscheidet: Gierig, nach der Macht schielend und brutal sich über jede Humanität hinweg setzend waren schließlich mit nur unwesentlichen Abstufungen alle! Das schlagende Beispiel sind für ihn die von deutschen Truppen verübten Gräueltaten an der belgischen Zivilbevölkerung im August und September 1914 (S. 515–541), zumeist begangen im Kontext der seit dem Krieg gegen Frankreich von 1870/71 tradierten Angst vor dem „Franctireur“, dem zivil auftretenden, aus dem Hinterhalt mordenden Freischärler oder Partisan. In der alliierten Propaganda und deren grotesken Übertreibungen dienen diese „Gräuel“, da hat Friedrich schon recht, als Initialzündung für das bis über den Krieg hinaus wirkende Schreckensbild des geifernden „Hunnen“, der Kinder massakriert, Frauen schändet und Leichen zu Seife verarbeitet. „Es hieße wohl, die christliche Demut übertreiben, wenn Belgier und Briten anbetrachts der Massenexekution Hunderter von Dörflern bekannt hätten, im Kongo oder im Konzentrationslager“ – gemeint sind die englischen im Südafrika des Vorkriegs – „sei es weit schlimmer gewesen. Jeder büßt für seine Schmach. Die Deutschen gaben sich eine moralische Blöße, und daraus wand ihnen das politische Talent der anderen einen Strick. So wurden sie die Parias des Westen, für keinerlei Kompromiß Berührbare“(S. 540). Da ist schon was dran, aber doch auch wieder nicht. Denn so schlecht kann die viel geschmähte deutsche Propaganda trotz langjährigen Bildverbots auch wieder nicht gewesen sein. Schließlich hielt sie die deutsche Bevölkerung über 50 lange, harte Monate hinweg und trotz zunehmender Not und Streiklust bei der Stange.

Doch trotz aller Einwände und Kritik: Friedrich hat ein über weite Strecken großartiges Buch vorgelegt. Auch er fußt selbstverständlich auf der Forschungsleistung vieler Vorgänger, aber er arrangiert das Rezipierte nicht nur geschickt, er forscht auch selbst, gibt sich mit eingespielten Antworten nicht zufrieden, stellt neue Fragen und setzt starke Akzente. Wie er auf 240 Seiten (S. 213–453) und noch vor dem Krieg an der deutschen Westfront – auf gut 190 Seiten ebenfalls ein Meisterstück der authentischen Kriegsschilderung, so noch nie geschrieben (S. 455–647) – die Geschehnisse im Osten abhandelt, zwischen dem Trauerspiel in Serbien und der Missachtung und Vernichtung der griechischen Neutralität, bleibt schlicht meisterhaft.

Anmerkungen:
[1]Vgl. etwa Antonia Meiners, Wir haben wieder aufgebaut. Frauen der Stunde Null erzählen, München 2011.
[2] Klaus Böhme, Aufrufe und Reden deutscher Professoren im Ersten Weltkrieg, Stuttgart 2014 (1. Aufl. 1975); Kurt Flasch, Die geistige Mobilmachung. Die deutschen Intellektuellen und der Erste Weltkrieg, Berlin 2000.
[3] Modris Ekstein, Tanz über Gräben. Die Geburt der Moderne und der erste Weltkrieg, Reinbeck 1990.
[4] Florian Illies, 1913. Der Sommer des Jahrhunderts, Frankfurt am Main 2012.
[5] Vgl. Bernd Ulrich, „Dann geht’s wieder in die schöne Läuse-Schlampagne“ – Otto Dix im Ersten Weltkrieg, in: Birgit Dalbajewa, Simone Fleischer, Olaf Peters (Hrsg.), Otto Dix. Der Krieg – Das Dresdner Triptychon, Dresden 2014, S. 34–45.
[6] Vgl. dazu vor allem: Bernd Küster (Hrsg.), Der Erste Weltkrieg und die Kunst. Von der Propaganda zum Widerstand, Oldenburg 2008 und Dietrich Schubert, Künstler im Trommelfeuer des Krieges 1914–18, Heidelberg 2013.
[7] Material- und erkenntnisreich dazu: Benjamin Ziemann, Gewalt im Ersten Weltkrieg. Töten – Überleben – Verweigern, Essen 2013.

Zitation
Bernd Ulrich: Rezension zu: Meiners, Antonia: Die Stunde der Frauen. Zwischen Monarchie, Weltkrieg und Wahlrecht 1913–1919. München 2013 / Bruendel, Steffen: Zeitenwende 1914. Künstler, Dichter und Denker im Ersten Weltkrieg. München 2014 / Piper, Ernst: Nacht über Europa. Kulturgeschichte des Ersten Weltkrieges. Berlin 2013 / Friedrich, Jörg: 14/18. Der Weg nach Versailles. München 2014 , in: H-Soz-Kult, 16.07.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24818>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.07.2015
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/