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Titel
Johannes Haller. Eine politische Gelehrtenbiographie


Autor(en)
Hasselhorn, Benjamin
Erschienen
Göttingen 2015: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
480 S.
Preis
€ 79,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Matthias Berg, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Weitaus rascher als der Rezensent zu folgen vermochte, hat Benjamin Hasselhorn seiner 2014 vorgelegten Edition der Briefe Johannes Hallers die angekündigte biographische Darstellung des Lebensweges dieses einstmals prominenten Historikers folgen lassen.[1] Hervorgegangen aus einer an der Universität Passau angenommenen Dissertation, hat Hasselhorn seiner Studie zudem einen unveröffentlichten Teil der Lebenserinnerungen Hallers beigefügt.[2] Die eigentliche „politische Gelehrtenbiographie“ weist deshalb mit knapp 280 Druckseiten einen für biographische Studien zu deutschen Historiker eher knapp gehaltenen Umfang auf, was weder zum Schaden der Darstellung noch ihrer Rezeption sein muss. Am Lebenslauf Hallers orientiert sich die Gliederung bis zum Ersten Weltkrieg, diese prägenden Jahre vor allem im wilhelminischen Kaiserreich behandelt Hasselhorn in vier an Hallers beruflicher Entwicklung orientierten Kapiteln. Danach wird auf eine biographisch oder wissenschaftshistorisch begründete Periodisierung verzichtet, die politischen Zäsuren 1914, 1918, 1933 und 1945 ordnen die Untersuchung.

Unweigerlich muss sich Hasselhorn einleitend mit der Frage, ob es eine biographische Darstellung Hallers braucht, beschäftigen – Pro und Kontra biographischer Untersuchungen sind jedoch in den vergangenen Jahren hinlänglich ausgetauscht worden. Dass Haller aus heutiger Sicht kaum Interesse weckt, genügt als Dispens der historiographiegeschichtlichen Bedeutung ebenso wenig wie seine bedeutsame, aber nicht „erstrangige“ Stellung – lässt diese eine beispielhafte Darstellung doch vielversprechender erscheinen als ein singulär Aufmerksamkeit erzeugender „Held“. Weniger überzeugend erscheint, dass Haller, wie Hasselhorn erwägt, wegen seiner politischen „Belastung“ bislang nicht mit einer „Gelehrtenbiographie bedacht worden“ sei (S. 10). Zunächst ordnet sich Haller in dieser Hinsicht in den Mainstream des Faches ein, vor allem aber erscheinen seit mehr als zwei Jahrzehnten in rascher Folge Studien zu in eben in dieser Weise exponierten Fachvertretern, evozierte ein Engagement im NS-Staat oftmals die Aufmerksamkeit der fachgeschichtlichen Reflexion weitaus mehr als historiographische Meriten. Bündig gibt Hasselhorn schließlich Auskunft über seine Fragestellung, es solle „Hallers Entwicklung“ in wissenschaftlicher und politischer sowie in „weltanschaulich-religiöser“ Hinsicht nachgezeichnet werden (S. 15). Kurzum, die Person Hallers steht im Fokus der Betrachtung, einen die engere biographische Perspektive überschreitenden Erkenntnisgewinn verspricht Hasselhorn kaum.

Wie viele seiner späteren Fachkollegen wuchs Haller als Sohn eines lutherischen Pastors auf, die deutschbaltische Umgebung hingegen verlieh seinen Jugendjahren eine besondere Prägung, auf die ein „deutscher Schock“ (S. 39), ausgelöst von einem Studiensemester in Berlin, folgte. Angesichts der ausdrücklich als Erkenntnisziel benannten Konzentration auf Haller als Person hält Hasselhorn die Darstellung dieser formativen Jahre erstaunlich kurz, nach gut 20 Seiten ist der frisch promovierte Haller bereits auf dem Weg zu einer prägenden Station seiner Laufbahn – dem Königlich Preußischen Historischen Institut in Rom. Nach fünf Jahren wechselte Haller nach Basel, um an der Quellenedition des Basler Konzils zu arbeiten, doch wie in Rom blieb Haller auch dort „unzufrieden“ (S. 65). Wenig erstaunlich speist sich die Studie mit viel Gewinn aus dem Briefwerk Hallers. Die Einbeziehung seiner Lebenserinnerungen gestaltet Hasselhorn keineswegs unkritisch, gleichwohl nehmen diese als Referenz mehr Raum ein, als einer im Abstand von Jahrzehnten entstandenen, mit der biographischen Forschung im Grunde konkurrierenden Selbstdarstellung zukommen sollte.

Unter der Überschrift „Gelehrte Isolation“ fasst Hasselhorn, nachdem sich weitere römische Avancen zerschlagen hatten, den universitären Aufstieg Hallers mitsamt seiner 1913 in Tübingen ihren Abschluss nehmenden Berufungskarriere zusammen. Hallers unzugängliche Persönlichkeit – die in seinen Briefen in teils drastischen Worten ihren Ausdruck fand – ließ ihn nach Hasselhorn zumeist am Rande stehen, als Mensch wie als Wissenschaftler. Als letzterer hatte Haller durchaus Erfolge zu verzeichnen, publizierte, rezensierte und trug auf zwei Historikertagen (Heidelberg 1903 und Braunschweig 1911) vor der versammelten Disziplin vor. Spannend jedoch liest sich dieses, vom Biographierten selbst in seinen Briefen mit viel Larmoyanz kommentierte Leben nicht, Hasselhorn arbeitet die Stationen und Themen zuverlässig ab, gleichwohl bleibt Haller alles in allem erstaunlich blass angesichts des verbreiteten Rufes eines „enfant terrible“.

Die Selbst- wie Fremdwahrnehmung Hallers als „Außenseiter“ erscheint als ein liebgewonnener Gestus, zumal Ausbildung und berufliche Etablierung keine ungewöhnlichen Bahnen beschritten. Auch 1914 entschied sich Haller für einen verbreiteten Rollenwechsel: Als „Weltkriegsdeuter“ kämpfte er an der publizistischen Heimatfront, der „Gelehrte“ trat – nicht nur für die Zeit des Krieges – in die zweite Reihe zurück. Hasselhorn schenkt dem „politischen“ Haller viel Aufmerksamkeit, zumal dieser in der Tat eine erhebliche Prominenz als Kriegspublizist erlangte. Hallers „historisch fundierte Lageanalysen“ (S. 116) profitierten vom autoritativen Rang eines Universitätsprofessors, jener wiederum begründete hier seine Karriere als populärer Autor. Die wissenschaftliche Produktion aber litt unter diesem Engagement, persönliche Verwerfungen – etwa das die Mitarbeit Hallers an der Historischen Zeitschrift für lange Zeit beendende Zerwürfnis mit Meinecke – verwiesen den bis zum Krieg in der Disziplin durchaus verankerten Haller zunehmend auf alternative Wirkungsfelder.

Der als Mediävist gestartete Haller war auf den Geschmack der als akademisches Fach in den Kinderschuhen steckenden Zeitgeschichte gekommen. Rasch fabrizierte Monographien etwa über den früheren Reichskanzler Bernhard von Bülow hielten Hallers Namen in der Öffentlichkeit, deren grelles Licht zugleich Schatten auf das wissenschaftliche Ansehen warf, nicht zuletzt durch Hallers Versuche, Philipp zu Eulenburg, den einstmaligen Vertrauten Wilhelm II., publizistisch zu rehabilitieren. Passgenau plazierte Haller 1923 seine „Epochen der deutschen Geschichte“, eine für Geschichtsprofessoren fortgeschrittenen Alters nicht ungewöhnliche Gesamtdeutung, die sich von konkurrierenden Werken vor allem durch ihren außergewöhnlichen Publikumserfolg unterschied. Hier wie an anderer Stelle werden die Werke Hallers eingehend referiert, während ihre Rezeption und Wirkungsgeschichte weitaus weniger Aufmerksamkeit erfährt. Zu Recht weist Hasselhorn den „Epochen“ gesonderte Bedeutung für Hallers Biographie zu, der beinahe Sechzigjährige überschrieb mit diesem Buch frühere Rollen als Gelehrter, Mittelalterforscher, auch als unzufriedener Sonderling auf mittelbedeutenden Lehrstühlen – ohne diesen gänzlich entkommen zu können. Für die nun reservierte Rolle als Lehrmeister der Nation war Haller persönlich nicht geeignet, verstrickte sich weiterhin in größere und kleinere, wissenschaftliche und institutionelle Fehden.

Die in den 1920er-Jahren vertretenen politischen Positionen ließen, in dieser Hinsicht überzeugt Hasselhorns Darstellung, den Nationalsozialismus für Haller als eine zunächst wünschbare Option erscheinen, dessen tatsächliche Umsetzung jedoch rasch nicht mehr seine Zustimmung fand. Den NS-Machthabern war dies einerlei, und auch für den bereits emeritieren Haller folgten aus seiner „Distanz“ keine nennenswerten Nachteile. Für eine „politische Gelehrtenbiographie“ Hallers mag die vorgenommene, im Gesamtverhältnis der Studie herausgehobene Berücksichtigung der NS-Zeit nötig erschienen sein, der Lebenslauf Hallers rechtfertigt diese nicht. Als Gelehrter war Haller ein Mann des Kaiserreichs, als historisch geschulter Gegenwartsdeuter erreichte er seinen Zenit im Ersten Weltkrieg und in den Krisenjahren der Weimarer Republik – eine eigentliche Rolle fand er im NS-Staat nicht. Entsprechend kehrte er zum biographischen Ausgang zurück und widmete sich einer wirkungsreichen „Geschichte des Papsttums“. Hallers zweieinhalb Lebensjahre nach Kriegsende bis zum Tod im Dezember 1947 blieben der privaten Sinnsuche vorbehalten.

In seinem knapp gehaltenen Fazit zeichnet Hasselhorn zunächst den Wandel der posthumen Rezeption Hallers bis zu deren Versiegen Mitte der 1960er-Jahre nach. Wertend mag sich Hasselhorn zwischen der betonten Außenseiterstellung Hallers und seiner vielfach zugleich „typischen“ Entwicklung nicht entscheiden, und selbstredend bedarf ein Lebenslauf keiner abschließenden, Widersprüche einebnenden Summierung. Es liegt mit dieser weiteren Biographie eines deutschen Historikers eine zuverlässige und gut lesbare Studie vor, die allerdings dem Wunsch ihres Autors, es mögen weitere Untersuchungen „über Haller selbst, aber vor allem auch über Politik, Religion und Wissenschaft im 19. und 20. Jahrhundert […] an die hier vorgetragenen Ergebnisse anknüpfen“ (S. 285), recht wenig Inspiration mit auf den Weg gibt. Als „Held“ einer vollkommen auf ihn konzentrierten Studie bietet Haller selbst offenkundig nur begrenzt erzählenswerten Stoff, der Erkenntnisgewinn über die biographierte Person hinaus jedoch wird nur selten gesucht. Eine sinnbildliche Entsprechung erfährt die Blickrichtung der Studie schließlich mit ihrer Umschlagabbildung: Man blickt auf einen am Schreibtisch sitzenden, den Kopf gesenkt haltenden, schreibenden Haller – mit der ihn umgebenden Umwelt allenfalls indirekt, in Schriftform, in Kontakt tretend.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Johannes Haller (1865–1947), Briefe eines Historikers, bearbeitet von Benjamin Hasselhorn nach Vorarbeiten von Christian Kleinert, München 2014 sowie die entsprechende Rezension: in H-Soz-Kult, 03.02.2015, URL: http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23387 (26.09.2017).
[2] Bei der Veröffentlichung der Memoiren seines akademischen Lehrers hatte Reinhard Wittram 1960 diese Passagen ihrer „Zeitbedingtheit“ wegen ausgespart, eine Entscheidung, die eine heutige Lektüre nur mühsam nachzuvollziehen vermag. Unter dem von Haller gewählten Titel „Im Strom der Zeit“ – eine jener in der nach 1945 weit verbreiteten Erinnerungsliteratur beliebten, Passivität suggerierenden Metaphern – finden sich vor allem Ausführungen zum Ersten Weltkrieg, nur wenige abschließende Bemerkungen widmete Haller den Jahren von 1919 bis zur zweiten Nachkriegszeit, vgl. S. 287–439 sowie Johannes Haller, Lebenserinnerungen. Gesehenes – Gehörtes – Gedachtes, Stuttgart 1960.

Zitation
Matthias Berg: Rezension zu: Hasselhorn, Benjamin: Johannes Haller. Eine politische Gelehrtenbiographie. Göttingen 2015 , in: H-Soz-Kult, 11.10.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25001>.
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11.10.2017
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