W. Geerlings: Theologen der christlichen Antike

Cover
Titel
Theologen der christlichen Antike. Eine Einführung


Hrsg. v.
Geerlings, Wilhelm
Erschienen
Umfang
226 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Paul Metzger, Seminar für Neues Testament, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Obwohl unsere Gegenwart penibel darauf achtet, müssen die Frage nach Gott und die nach der Welt nicht notwendigerweise auseinandergehalten werden. Im Gegensatz zur modernen Philosophie, die bei der Frage nach der Welt von der Frage nach Gott absieht, ist beides in der Antike untrennbar miteinander verbunden. Eine Einführung in das Denken christlicher Theologen dieser Zeit stellt damit zugleich ein Kompendium der verschiedenen Ausdrucksgestalten der christlichen Weltanschauung dar. Die Tatsache, dass sich die in dem Band "Theologen der christlichen Antike" versammelten Denker zu ein und demselben Gott bekennen, zeichnet ihre gemeinsame christliche Basis aus, auf der sich eine Vielzahl verschiedener Gedankengebäude aufbaut, der das Buch anhand einzelner Porträts nachgeht. Dass sich dabei der profane wie religiöse Kontext der vorgestellten Denker auf deren Theologie auswirkt, verdeutlich die Einführung des Herausgebers Wilhelm Geerlings (S. 7-12), der vor allem als Augustinforscher und u.a. auch als Herausgeber des "Lexikons der antiken christlichen Literatur" bekannt ist.[1] Dabei wird in der antiken Theologie hauptsächlich aus dem Platonismus stammende Terminologie ebenso verwendet wie traditionelle gedankliche Vorstellungen, die dazu benutzt werden, das sprachlich wiederzugeben, was sich im Schicksal Christi ereignet hat. In diesem Sinne behandeln die vorgestellten christlichen Denker nicht lediglich Theologie in dem Sinn, wie sie gegenwärtig als wissenschaftliche Disziplin definiert wird, sondern beschäftigen sich buchstäblich mit Gott und der Welt in all ihren Schattierungen.

Das Denken der antiken Theologen geht dabei von verschiedenen Prämissen aus. So ist sowohl der Glaube wie auch die Vernunft, die auf den Glauben hinweist, unabdingbar, um dem nachzudenken und das auszulegen, was sich für den Christen mit dem Leben und Sterben Christi verbindet. Dieser grundlegende Vorgang bildet die Basis sämtlicher Denker, die dieses Ereignis in ihren Horizont und ihre Zeit übersetzen. Nach Augustin lehrt die Vernunft, dass wir glauben müssen, um zu verstehen (S. 9). Der Glaubenssatz, dass Christus gestorben und auferstanden ist, kann also in seiner Tragweite für uns nur verstanden werden, wenn wir ihn im Glauben nachsprechen. Darauf weist uns die Vernunft hin, und von diesem Satz her kann die Vernunft auch weiterdenken. In diesem grundlegenden Zusammenhang von Glaube und Vernunft ist das Verhältnis von Theologie und Philosophie ein fruchtbares Ineinander (S. 9).

Die Anlage des Buches, das Denken der Alten Kirche anhand einzelner Porträts zu veranschaulichen, trägt der Erkenntnis Rechnung, diese nicht als ein in sich geschlossenes Gebilde anzusehen. Dies verhilft dem Leser dazu, die verschiedenen Sprachräume und damit zusammenhängend auch die unterschiedlichen Denkhorizonte differenziert wahrzunehmen. So will der Band sowohl den lateinischen und griechischen wie auch den orientalischen Sprachraum berücksichtigen. Während der orientalische Raum, der im Verlauf der Kirchengeschichte nicht ganz die Wirkung wie die beiden anderen entfalten konnte, lediglich durch Ephräm den Syrer, vorgestellt von Peter Bruns unter dem Titel "Theologie als Lobpreis", repräsentiert wird (S. 184-201), sind die beiden richtungsweisenden Gestalten der westlichen und östlichen Kirche mit Tertullian und Origenes vertreten. Porträtiert von Eva Schulz-Flügel unter dem Titel "Theologie als Recht" (S. 13-32) und Hermann Josef Vogt unter der Überschrift "Theologie des Wortes Gottes", (S. 53-66), stehen beide exemplarisch für die Art, wie die jeweilige Richtung ihr Theologietreiben versteht.

Während vereinfacht gesprochen der Westen seit Tertullian einen Hang zur Verrechtlichung der Theologie an den Tag legt und sich dabei eher praktischen, ethischen Fragen zuwendet, gewinnt die Ostkirche im Überblick eher an dogmatischer Tiefe und bemüht sich dabei, das christliche Mysterium zu ergründen. Eingehender beschäftigen sich die Theologen im Gefolge von Origenes wie vor allem die drei großen Kappadokier mit der Schriftauslegung, mit theologischen Systemen und der gedanklichen wie mystischen Durchdringung der göttlichen Natur. Im einzelnen wird dies in kundiger Weise von Judith Pauli, "Basilius. Der Theologe des Heiligen Geistes" (S. 67-81), von H.-J. Sieben, "Gregor von Nazianz. Dichterische Theologie" (S. 82-97) und schließlich von Franz Dünzl, "Gregor von Nyssa. Mystik und Gottesliebe" (S. 98-114) vorgeführt.

Ein besonderes Interesse an der Soteriologie, was sich vor allem in der Beschäftigung mit der wahren Kirche und der wahren Spendung der Sakramente ausdrückt, kennzeichnet dagegen die Theologie des lateinischen Sprachraums. Dabei sollte aber bei aller wahrzunehmenden Verrechtlichung nicht der Vorwurf einer theologischen Verwaltungsmentalität erhoben werden, was neben der bereits erwähnten Eva Schulz-Flügel für Tertullian auch Andreas Hoffmann im Hinblick auf Cyprian ("Theologie des Bischofsamtes", S. 33-52) und Christoph Markschies mit seinem Artikel über Ambrosius ("Ein wahrer Bischof", S. 129-147) deutlich machen. Welch große Synthese die westliche Theologie hervorbringen konnte, zeigt vor allem Wilhelm Geerlings mit seinem Augustin-Porträt unter dem Titel "Lehrer der Gnade" (S. 148-167). In seiner Bedeutung und Wirkung kaum zu überschätzen, bedeutet das Schaffen Augustins für den Westen nichts weniger als eine kraftvolle Bündelung aller bisherigen Gedanken unter Aufnahme ostkirchlicher Erkenntnisse. Ähnlich wie Hieronymus, vorgestellt von Alfons Fürst unter dem Titel "Theologie als Wissenschaft" (S. 168-183) auf Origenes zurückgreift, so kann auch Augustin östliche (s. o.) Gedanken in das traditionelle westliche Interessengeflecht aufnehmen, geradezu revolutionär neu erfassen und weiterentwickeln. Deshalb darf laut Wilhelm Geerlings behauptet werden: "Die abendländische Theologiegeschichte besteht aus einer Reihe von Fußnoten zu Augustin." (S. 148)

Ähnlich wie dessen Gedanken besonders hinsichtlich der Gnadenlehre, der Ekklesiologie oder der Anthropologie von der weiteren Theologie nicht zu ignorieren sind, so können hinsichtlich der Christologie die Erkenntnisse des Cyrill von Alexandrien nicht verlassen werden, was Gudrun Münch-Labacher unter Aufnahme eines Diktums von Hans von Campenhausen (S. 115) in ihrem Artikel "Cyrill. Gottessohnschaft Jesu" (S. 115-128) überzeugend darstellt. Das Insistieren Cyrills auf der zugleich vollkommenen Gottheit und vollkommenen Menschheit Christi trägt dabei entscheidend zur christologischen Aussage von Chalkedon im Jahre 451 bei (S. 124). Beschlossen wird die Reihe der Porträts mit dem des Dionysius Areopagita, von dem seine Porträtistin Beate Regina Suchla unter dem Titel "Das überfließende Eine" (S. 202-220) behauptet, dass die Bedeutung seiner Schriften lediglich von der der Bibel überragt werde (S. 202), womit laut der Autorin ein vorzüglicher Anschluss an die weitere Kirchengeschichte geschaffen ist, da "kein Denker [...] eine derart breite [...] die Gegenwart erreichende Wirkung" (S. 202) erreicht haben soll.

Das insgesamt 12 Porträts umfassende und einen Zeitraum von etwa drei Jahrhunderten widerspiegelnde Buch wird ergänzt von einem Personen- und Sachregister (S. 221-225), das dem Leser/der Leserin ermöglicht, bestimmte Themen durch die verschiedenen Sprachräume und Entwicklungen zu verfolgen. Dass die einzelnen Porträts von Kennern ihres Fachs geschrieben wurden, verbürgt ihre Qualität. Die zwar zuweilen sehr konzentriert, da knapp verfassten Einführungen in das Denken der einzelnen Autoren, sind in der Regel gut und sehr gewinnbringend zu lesen. Zugleich bürgt das Autorenkollektiv für eine gewisse Weite der Forschung und verhindert eine Engführung der Perspektive auf die Kirchenväter, wie es ein einzelner Autor kaum vermeiden kann. In der Anlage und im Aufbau der einzelnen Portraits der großen Reihe "Gestalten der Kirchengeschichte" [2] durchaus verwandt, verschafft das Buch einen schnellen Zugang zu den einzelnen Denkern. Das jedem Porträt angefügte Literaturverzeichnis weist den Leser dabei sowohl auf Editionen der Werke der Theologen wie auch auf weiterführende Sekundärliteratur hin. Insofern ist das kleine, preislich leider mit 29,90 EUR etwas zu teuer geratene Werk sowohl als eine gute Erstinformation für alle an der Alten Kirche Interessierten wie auch als zusammenfassender Überblick für Examenskandidaten gut geeignet.

Anmerkungen:
[1] Lexikon der antiken christlichen Literatur, hrsg. v. Wilhelm Geerlings; Siegmar Döpp, unter Mitarbeit von Peter Bruns, Georg Röwekamp, Matthias Skeb u. Bettina Windau, Freiburg i.Br. 2002.
[2] Gestalten der Kirchengeschichte, hrsg. v. Martin Greschat, Bände 1-12, 2. Aufl., Stuttgart 1994.

Zitation
Paul Metzger: Rezension zu: Geerlings, Wilhelm (Hrsg.): Theologen der christlichen Antike. Eine Einführung. Darmstadt 2002 , in: H-Soz-Kult, 24.03.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2510>.
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24.03.2003
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