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Titel
Das visuelle Zeitalter. Punkt und Pixel


Autor(en)
Paul, Gerhard
Erschienen
Göttingen 2016: Wallstein Verlag
Umfang
760 S., 949 überwiegend farbige Abb.
Preis
€ 39,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christine Engel, Institut für Slawistik, Universität Innsbruck

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist eine neue Welt des Visuellen entstanden. Die Möglichkeiten der technischen, elektronischen und digitalen (Re-)Produktion der Welt haben dazu geführt, dass inzwischen das Bild (statt der Schrift) zum Basismedium avanciert ist. Und sie haben außerdem dazu geführt, dass Wirklichkeit immer intensiver als eine durch Punkt und Pixel vermittelte wahrgenommen wird: der Rasterpunkt als drucktechnischer Durchbruch für die massenhafte Verbreitung von Fotografien und das Pixel als Baustein der digitalisierten Bilderwelt. Das ist der Ansatz, von dem Gerhard Paul ausgeht, um die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts als einem visuellen Zeitalter zu rekonstruieren. Dabei legt er den Schwerpunkt seiner Ausführungen auf Deutschland und spannt den Bogen von 1839, der ersten öffentlichen Vorstellung der Fotografie, bis in die heutige digitale Gegenwart.

Der Autor geht von der grundsätzlichen Überlegung aus, dass Bildgeschichte immer auch Mediengeschichte ist und dass Bilder keine Abbilder von Geschichte sind, sondern ihre eigene Realität erzeugen. Außerdem bieten Fotografien keineswegs die Gewähr für die so oft postulierte Authentizität des fotografisch „Festgehaltenen“. Als seine konkrete Aufgabenstellung formuliert Gerhard Paul: „Über die ikonographische Bildanalyse hinaus betrachte ich Bilder und ihre medialen Träger in ihrer Entstehung, Nutzung, Rezeption abhängig von ihren historischen, politischen, sozialen und kulturellen Kontexten sowie den vielfältigen Weisen ihres sozialen Gebrauchs.“ (S. 13) Mit der visuellen Evolution geht auch die Entwicklung des „Visual Man“ einher, dem in jedem Kapitel Aufmerksamkeit geschenkt wird (eine gegenderte Variante wäre noch attraktiver). Dieser Persönlichkeitstyp musste lernen, „die neuen optischen Bildtechnologien anzuwenden und mit ihnen die Welt zu sehen, der spezifische Fertigkeiten und Kompetenzen entwickeln musste, um die qualitativ neuen Bilderwelten deuten zu können, sich in ihnen souverän zu bewegen und zugleich Distanz zu wahren“ (S. 14).

Um diese komplexe Aufgabenstellung zu bewältigen, legt Gerhard Paul ein umfangreiches Buch vor mit 760 Seiten, 960 Bildzitaten und geschätzten 3.000 Verweisen auf Sekundärliteratur. Die sieben großen Kapitel folgen den Abschnitten der neueren deutschen Geschichte, „die überraschenderweise immer auch Zäsuren ihrer Bildgeschichte waren“ (S. 14). Im ersten Kapitel, das den Zeitabschnitt bis nach dem Ersten Weltkrieg behandelt, verknüpft der Autor die technischen Innovationen von Bildreproduktion und Bildübertragung (Fotografie, Chromolithografie und Autotypie, Film, Television) sowie ihrer Nutzung mit den jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Er geht darauf ein, wie Sehlust und Bildhunger zu Produktivkräften wurden, die (bis heute) Auswirkungen auf Lebensbereiche wie Bildung, Unterhaltung, Presse und Wirtschaft hatten. Er spricht die Hoffnungen und Möglichkeiten an, die mit der (massenhaften) Bildreproduktion verbunden wurden: Man konnte Dinge virtuell in Besitz nehmen, derer man physisch nicht habhaft werden konnte. Die Fotografie vergrößerte die Reichweite der menschlichen Wahrnehmung um ein Vielfaches, was zugleich kriminalistische Überwachungsszenarien anregte. Im Rundblick und im Luftbild gewann man neue und spektakuläre Perspektiven auf die Welt. In der Wissenschaft wurde die Fotografie zum Symbol wissenschaftlicher Objektivität. Außerdem kamen Fotografien dem menschlichen Bedürfnis entgegen, sich selbst im Bild zu sehen und sich bildlich auszudrücken, und ihre Nutzung als Medium der Inszenierung von Status und Herrschaftsanspruch übertraf alle früheren Möglichkeiten bei weitem. Die mannigfaltigen Anwendungen, die sich aus diesem Spektrum ergaben, werden im Buch aufgezeigt und kommentiert, wie zum Beispiel der Speicherort Fotoalbum, die Visitenkartenporträts, die Werksfotografie, die Kriegsfotografie, die Fotografie in Naturwissenschaften und Medizin sowie in der Anthropologie und Ethnografie, wo sie ein wichtiges Instrument zur problematischen und folgenschweren Konstruktion und Klassifikation von Rassen war.

Im Prinzip wird mit dem ersten Kapitel ein Problem- und Themenspektrum aufgespannt, das in den folgenden Kapiteln immer wieder aufgegriffen und erweitert wird. Das zweite Kapitel behandelt die Zeit der Weimarer Republik und die Befreiung der Bilder aus den bis dahin geltenden rechtlichen und politischen Reglementierungen. Optische Innovationen im öffentlichen Raum sowie die Bilderwelten der Werbung, des Kinos und der Politik zählen zu den behandelten Themen. Die Kapitel über das nationalsozialistische Bildregime (Kapitel 3) und die Bilddiskurse in den unmittelbaren Nachkriegsjahren (Kapitel 4) erweitern die Palette um die Themen „Praxen der Sichtbarkeit und der Unsichtbarkeit“, „Bildkontrolle“ und „Bilderziehung“. Der Bonner Republik mit dem Aufstieg des Fernsehens zum Leitmedium und den Bildwelten der DDR mit ihrer „Ikonografie des sozialistischen Scheins“, den Bildpraxen der Staatssicherheit und der Gegenbewegungen sind jeweils eigene Kapitel gewidmet. Das letzte, siebente Kapitel verfolgt die Bildkulturen der digitalen Welt und des vereinigten Deutschlands. Hier stehen unter anderem der „Bildertsunami“ und die Entgrenzung der Überwachung zur Debatte. Für den Visual Man wird es immer schwieriger, „zu den neuen, faszinierenden Bilderwelten Distanz zu halten“ (S. 712), denn außerpiktorale und piktorale Realität rücken immer näher zusammen, und mit seiner Datenbrille ausgestattet, muss er auch noch in zwei unterschiedlichen Sehfeldern – im Leibraum und im Bildraum – agieren (S. 741).

Gerhard Paul ist ein Historiker, der die Diskurse seiner Zunft kennt und darüber hinaus eine reiche Erfahrung in der Darstellung der Visual History mitbringt, mit der er sich schon in seiner Dissertation befasste und umfangreiche einschlägige Werke dazu publiziert hat. Mit „Punkt und Pixel“ will er nun die großen Stränge der vorangegangenen Untersuchungen herausarbeiten und verknüpfen (S. 14). Das ist über weite Strecken auch gelungen, vor allem in den Abschnitten, die sich mit den Praxen des Visuellen im politischen Bereich und mit Herrschaftslegitimation befassen. Andere Abschnitte wiederum drohen an ihrem Materialreichtum zu ersticken, denn die Materialgrundlage schließt auch Kunst und Architektur mit ein, und die Bildverwendungen sind schier endlos und umfassen Produktinszenierungen, Versandhauskataloge, Plattenhüllen, Plakate, Emoticons und vieles mehr. Diese Materialfülle, die offensichtlich gut kommentiert in der Datenbank des Verfassers abgespeichert ist, führt zu einem Darstellungsduktus, der kurze Sätze bevorzugt und eher beschreibend und einordnend daherkommt. Dadurch stellt sich eine Art Aufzählungsmodus ein, der stakkatoartig abhakt. Einige durchgehende Themen ergeben sich allerdings dadurch, dass sie, wie erwähnt, in den einzelnen Kapiteln wiederholt aufgenommen werden, wie zum Beispiel „Überwachen“, „Körperbilder“ oder „Statusinszenierungen“.

Es erhebt sich also die Frage, wie man denn ein solches Buch nutzen kann. Einfach von vorne bis hinten zu lesen gestaltet sich schwierig, weil eben viele Felder oft nur aneinanderreihend angerissen werden. Weiterführend gedacht, bietet all das sicherlich reiches Material für künftige Detailanalysen in der neuen Reihe, die mit diesem Band ins Leben gerufen wurde. Es ist aber andererseits auch schwierig, das Buch als Nachschlagewerk zu verwenden. Erstens fehlt ein Stichwortverzeichnis (das vorhandene Personen- und Ortsverzeichnis kann dieses Manko nicht ausgleichen). Möglicherweise ist das bei einer solchen Fülle an Material auch gar nicht machbar – was aber dann wiederum die Frage aufwirft, ob in diesem Fall das Medium Buch wirklich der richtige Materialträger ist. Die Auffindbarkeit und schnelle Orientierung ist zweitens auch noch dadurch eingeschränkt, dass im Inhaltsverzeichnis nur zwei Ebenen an Kapitelüberschriften aufgenommen wurden. Findet man dadurch schon die Zwischenüberschriften der dritten Ebene nur durch Blättern, so ist das beim Auffinden einzelner interessanter Themen noch diffiziler, wenn nicht aussichtslos. So wird zum Beispiel der interessante Aspekt der veränderten Geschlechterbilder in den 1960er-/1970er-Jahren auf zwei Seiten ausgeführt (S. 495–496), das sich jedoch im Unter-Unterkapitel „‚A Star is Born‘: Popkulturelle Bilderwelten“ (S. 489–496) versteckt, welches jedoch auch nicht im Inhaltsverzeichnis angeführt ist.

Sehr gut gelöst ist wiederum das Layout, das die Bilder, die im Text zur Diskussion stehen, in der Randleiste vor Augen führt. Und abschließend sei noch erwähnt, dass die Anmerkungen mit den Verweisen auf die Sekundärliteratur in ihrer Fülle ein besonderer Schatz sind, da sie ein weites und fundiertes Netzwerk zu Fotografie, Film, Fernsehen, Werbung sowie deren Verknüpfung zu übergeordneten Themen wie Erinnerung, Politik und Gesellschaft aufspannen.

Zitation
Christine Engel: Rezension zu: Paul, Gerhard: Das visuelle Zeitalter. Punkt und Pixel. Göttingen 2016 , in: H-Soz-Kult, 13.10.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25111>.
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Veröffentlicht am
13.10.2016
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