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Titel
Flucht und Versteck. Untergetauchte Juden in München – Verfolgungserfahrung und Nachkriegsalltag


Autor(en)
Schrafstetter, Susanna
Erschienen
Göttingen 2015: Wallstein Verlag
Umfang
336 S.
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Susanne Beer, Centre Marc Bloch, Berlin

Die Geschichte der deutschen Juden während des Holocaust ist bereits in vielen Studien untersucht worden, doch ist noch immer relativ wenig über die Gruppe derjenigen bekannt, die sich auf dem Gebiet des sogenannten Altreichs versteckt hielten, um den Deportationen zu entkommen. Schätzungen gehen davon aus, dass hier immerhin 10.000 bis 15.000 Personen den Schritt in die Illegalität wagten, d.h. neun Prozent der noch im Herbst 1941 in Deutschland lebenden jüdischen Bevölkerung.[1] Die Mehrheit tauchte in Berlin und Umgebung unter. Doch gab es auch in anderen Regionen eine Reihe von Fluchtversuchen, wie die Arbeiten zum sogenannten Rettungswiderstand von Petra Bonavita (Frankfurt), Günther B. Ginzel und Manfred Struck (Rheinland), Frank Wilhelm Homberg (Wuppertal), H. Walter Kern (Essen), Irene Pill (Südwestdeutschland), Wolfram Wette (Baden) sowie Beate Meyer und das Team um Ulrike Hoppe (Hamburg) gezeigt haben.[2]

Susanna Schrafstetter erweitert mit ihrer Studie nun die Geschichte dieser Verfolgtengruppe um den Großraum München. Ihre Darstellung ist in zwei Teile zur Kriegs- und Nachkriegsgeschichte gegliedert, die insgesamt elf übersichtlich strukturierte Kapitel umfassen. Nach einer kurzen Einleitung, in der Forschungsstand und Quellen vorgestellt werden, folgen zwei Kapitel zur Vorgeschichte und zum historischen Kontext. Es schließen fünf Kapitel an, in denen die einzelnen Fluchtwellen in München in chronologischer Reihenfolge und nach Themen geordnet dargestellt werden. Die letzten vier Kapitel des Buches setzen sich mit der Zeit nach Mai 1945 auseinander – angefangen vom Wiederauftauchen bis hin zur Ehrung ehemaliger Helferinnen und Helfer. Jedes Kapitel umfasst eine Einleitung, die Darstellung mehrerer Fallgeschichten und einen synthetisierenden Schlussteil.

Schrafstetters Beitrag ist in mehrfacher Hinsicht innovativ. Zum einen, weil sie erstmals eine systematisch angelegte Monographie vorlegt, die sich ganz dezidiert der Sicht der Verfolgten widmet und ihre Überlebensbedingungen und Strategien in den Fokus rückt.[3] Zum Zweiten, weil sie den Fall München regionalgeschichtlich ausleuchtet, dabei aber stets den Vergleich zur Situation in anderen Städten sucht. Und drittens, weil ihre Darstellung nicht mit dem Wiederauftauchen der Versteckten im Frühjahr 1945 endet, sondern darüber hinaus den noch weitgehend unerforschten Nachkriegsalltags dieser Gruppe in den Blick nimmt.

Anhand von Überlebenden-Berichten und Nachkriegsakten konnte Schrafstetter rund 90 Fluchtgeschichten rekonstruieren. Aufgrund von Dunkelziffern geht sie insgesamt jedoch von der höheren Gesamtzahl von etwa 110 bis 120 Fluchtfällen im Großraum München aus (S. 11). Die meisten von ihnen ereigneten sich erst im Frühjahr 1945. Frühere Fluchtversuche waren offenbar selten. Das habe unter anderem an der raschen Umsetzung der großen Massendeportationen in München gelegen. Von den 3.240 Juden, die Anfang November 1941 noch in der Stadt lebten, waren Ende 1942 nur noch 645 offiziell dort wohnhaft. Die meisten dieser Zurückgebliebenen lebten in sogenannten Mischehen und waren daher vorerst vor den Deportationen geschützt. Erst als die Gestapo im Frühjahr 1945 dazu überging, Gestellungsbefehle an Juden in Mischehen und sogenannte Geltungsjuden zu verschicken, setzte eine größere Fluchtwelle ein (S. 110). Schrafstetter geht davon aus, dass in den letzten Kriegsmonaten noch bis zu 100 Verfolgte untertauchten, unter denen sich auch zahlreiche Kinder und sogenannte „Mischlinge 1. Grades“ befanden (S. 117, 289).

Die Geschichte des Überlebens war in München insofern aufs Engste mit dem Mischehe-Milieu verbunden. Bestehende Kontakte zu nicht-jüdischen Bekannten und christlichen Hilfenetzwerken für sogenannte „nicht-arische Christen“ spielten eine zentrale Rolle – ein Aspekt, auf den Schrafstetter allerdings nur kurz eingeht, da er bereits relativ gut erforscht sei (S. 172). Der späte Zeitpunkt des Untertauchens und die engen Verbindungen zu nicht-jüdischen Kreisen dürften auch erklären, warum die Überlebenschancen der in München untergetauchten Verfolgten im Vergleich zu Berlin anscheinend verhältnismäßig gut waren (S. 128f.).

Der erste Teil des Buches schließt mit zwei thematisch angelegten Kapiteln zu Gefahren und missglückten Fluchtversuchen sowie überregionalen Fluchtrouten. Überzeugend arbeitet Schrafstetter dabei die hohe Mobilität der Untergetauchten heraus. Sie bewegten sich von Versteck zu Versteck, aber auch von der Stadt auf das Land, in andere Regionen und über Ländergrenzen hinweg. Deutlich wird auch das Ausmaß an Eigeninitiative der Verfolgten, die nicht nur Selbsthilfe betrieben, sondern sich in zahlreichen Fällen aktiv an der Unterstützung anderer Verfolgter beteiligten.[4]

Der zweite Teil des Buches widmet sich schließlich der Nachkriegszeit. Schrafstetter geht davon aus, dass die meisten Untergetauchten nach Kriegsende in München und Umgebung blieben. Das lag laut Autorin jedoch weniger an der erfahrenen Hilfe, als vielmehr am Alter und sozialen Status dieser Verfolgtengruppe. Zu Kriegsende seien sie bereits zwischen 40 und 60 Jahre alt gewesen und hätten vor 1933 eine assimilierte, bürgerliche Existenz geführt. „Sie wollten beruflich wieder Fuß fassen, suchten die Rückkehr in eine bürgerliche Existenz“, schreibt Schrafstetter (S. 216f.).

Von Entschädigungszahlungen blieben die vormals untergetauchten Juden im amerikanischen Sektor zunächst ausgeschlossen. Diese Benachteiligung gegenüber den Überlebenden aus Konzentrations- und Vernichtungslagern wurde erst durch das bundeseinheitliche Entschädigungsgesetz von 1953 korrigiert. Entschädigungsberechtigt waren nun auch jene Verfolgte, die unter „haftähnlichen oder menschenunwürdigen Bedingungen“ gelebt hatten (S. 258). Nichtsdestotrotz habe sich die Anerkennung in der Praxis oftmals schwierig gestaltet, da die Behörden unterschiedlich auslegten, was unter „menschenunwürdig“ zu verstehen sei. Ein Umdenken in der Entschädigungspraxis habe letztlich erst Ende der 1960er-Jahre eingesetzt.

Auch im Hinblick auf die öffentliche Wahrnehmung und Anerkennung der ehemaligen Helferinnen und Helfer markierten die 1960er-Jahre eine wichtige Zäsur. Nachdem in München Versuche für eine eigenständige Ehrung als „unbesungene Helden“ fehlgeschlagen waren, entschied die Stadt, ihnen die Medaille „München leuchtet“ für besondere Verdienste um die Stadt zu verleihen. Zudem wurde ein Besucherprogramm für emigrierte Münchener aufgelegt, das die bayerische Landeshauptstadt als „Stadt zahlreicher Helfer“ präsentierte (S. 282). Die Autorin merkt kritisch an, dass die öffentliche Erinnerung an die ermordeten Münchener Juden demgegenüber bis in die 1990er-Jahre auf ein Minimum begrenzt blieb.

Schrafstetter hat ein facettenreiches Buch geschrieben, in dem die Einzelschicksale der Verfolgten im Vordergrund stehen, ohne jedoch den Anspruch auf übergreifende Deutungen preiszugeben. Überzeugend betont sie, dass eine Vielzahl von Akteuren an den Fluchtgeschichten beteiligt war, die über das Schema „Retter und Gerettete“ weit hinausging, angefangen von stillen Mitwissern, Eingeweihten und indirekten Mithelfern über kleine und große Nutznießer bis hin zu Betrügern und Denunzianten. Der angestrebte Vergleich mit anderen Städten ist wichtig und anregend, stellt allerdings kein leichtes Unterfangen dar. Durch den Kontrast mit den verhältnismäßig geringen und späten Fluchtversuchen in München erscheint Berlin – durch die Brille der Erinnerungsberichte einzelner Überlebender – fast schon als Paradies für untergetauchte Juden, die ein „ausgedehnter Markt für Lebensmittel, Unterkünfte, falsche Papiere, Schmuggler und Schleuser“, mehrere „Fälscherwerkstätten“, „neue Widerstandsgruppen“ (S. 288) und „umfangreiche Netzwerke zwischen den noch verbliebenen Juden“ (S. 98) erwartet hätten. Schrafstetter geht zudem davon aus, dass in Berlin häufiger eigennützige, auf den finanziellen Gewinn orientierte Helfer aus proletarischem Milieu agiert hätten, während in München in erster Linie altruistisch motivierte Helfern aus dem bürgerlichen Milieu aktiv gewesen seien (u.a. S. 78f., 101, 291) – eine überraschende These, wenn man bedenkt, dass Schrafstetter oftmals nur spärliche Informationen über die Biographien der Helfer zur Verfügung standen. Aber gerade dass die Autorin versucht, größere Zusammenhänge sichtbar zu machen, macht ihre Studie so interessant, beschränken sich doch viele Publikationen auf eine rein deskriptive Darstellung einzelner Fallgeschichten. Ihre in vielerlei Hinsicht originelle und einfühlsam geschriebene Studie ist ohne Zweifel ein wichtiger Beitrag zur Verfolgungs- und Nachkriegsgeschichte der deutschen Juden und reicht über das im engeren Sinne behandelte Thema der Fluchtversuche im Großraum München weit hinaus.

Anmerkungen:
[1] Zur Schätzung der Zahl der untergetauchten Juden siehe beispielsweise Claudia Schoppmann, Rettung von Juden. Ein kaum beachteter Widerstand von Frauen, in: Beate Kosmala / Claudia Schoppmann (Hrsg.), Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit, Band 5: Überleben im Untergrund. Hilfe für Juden in Deutschland 1941–1945, Berlin 2002, S. 109–126, hier S. 114; sowie die Druckfassung eines Vortrags von Beate Kosmala, Verbotene Hilfe. Rettung für Juden in Deutschland 1941–1945, Bonn 2004, S. 9.
[2] Petra Bonavita, Mit falschem Pass und Zyankali. Jüdische Frankfurter und ihre Rettung vor Deportation und Verfolgung, Stuttgart 2009; Günther B. Ginzel (Hrsg.), „das durfte keiner wissen!“. Hilfe für Verfolgte im Rheinland von 1933 bis 1945, Köln 1995; Manfred Struck, „Nur keinen Arzt – Nur keinen Arzt.“ Projekt-Abschlussbericht zu erkundeten Rettungen von Juden und als Juden Verfolgten 1933-1945 mit Bezug zur Projektregion Mittelrhein, Bonn 2015; Frank Friedhelm Homberg, Retterwiderstand in Wuppertal während des Nationalsozialismus, Düsseldorf 2008; H. Walter Kern, Stille Helden aus Essen. Widerstehen in der Zeit der Verfolgung 1933–1945, Essen 2014; Irene Pill (Hrsg.), Helfer im Verborgenen. Retter jüdischer Menschen in Südwestdeutschland, Heidelberg 2012; Wolfram Wette (Hrsg.), Stille Helden. Judenretter im Dreiländereck während des Zweiten Weltkriegs, Freiburg im Breisgau 2005; Beate Meyer, „A conto Zukunft“. Hilfe und Rettung für untergetauchte Hamburger Juden, in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 88 (2002), S. 205–233; und Ulrike Hoppe (Hrsg.), „... und nicht zuletzt Ihre stille Courage“. Hilfe für Verfolgte in Hamburg 1933–1945. Ein Projekt des Vereins „Geschichtswerkstätten in Hamburg e.V.“, Hamburg 2010.
[3] Vergleichbare Studien zur Situation der im sogenannten Altreich untergetauchten Juden haben bislang lediglich Avraham Seligman und Birgit Schreiber vorgelegt: Avraham Seligmann, An Illegal Way of Life in Nazi Germany, in: Leo Baeck Institute Yearbook 27 (1992), S. 327–361; und Birgit Schreiber, Versteckt: Jüdische Kinder im nationalsozialistischen Deutschland und ihr Leben danach, Frankfurt am Main 2005. Siehe auch die noch unveröffentlichte Dissertation von Richard Lutjens, In Plain Sight: The “Hidden” Jews of Nazi Berlin, 1941–1945 (Northwestern University, Evanston/IL).
[4] Zum Aspekt der Mobilität und Eigeninitiative der Verfolgten siehe auch die Dissertation von Marten Düring, in der er die weit verzweigten Kontaktketten der Untergetauchten und ihrer Helfer nachgezeichnet hat: Marten Düring, Verdeckte soziale Netzwerke im Nationalsozialismus. Die Entstehung und Arbeitsweise von Berliner Hilfsnetzwerken für verfolgte Juden, Göttingen 2015, rezensiert für H-Soz-Kult (08.04.2016) von Laura Pörzgen, www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24914 (24.03.2017).

Zitation
Susanne Beer: Rezension zu: Schrafstetter, Susanna: Flucht und Versteck. Untergetauchte Juden in München – Verfolgungserfahrung und Nachkriegsalltag. Göttingen 2015 , in: H-Soz-Kult, 14.04.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25158>.
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Veröffentlicht am
14.04.2017
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