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Titel
Das Personal der Postmoderne. Inventur einer Epoche


Hrsg. v.
Frei, Alban; Mangold, Hannes
Umfang
266 S.
Preis
€ 19,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Clemens Albrecht, Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Macht man bei Geschäftsaufgabe eine Inventur? In der Regel nicht, sondern einen Ausverkauf. Alban Frei und Hannes Mangold aber verabschieden die Postmoderne, indem sie deren zentrale Figuren versammeln und ausstellen. Die Beiträge in ihrem Band sollen darauf hinweisen, „dass ein Zeitraum Vergangenheit geworden ist und in den Lagerbestand abgeschlossener Epochen verschoben wird“ (S. 7). Es geht hier also eher um die Verschiebung von Museumsbeständen ins Archiv, um eine klassische Dokumentation. Denn zentraler Zweck jeder Inventur ist die Taxierung des Wertes der gelagerten Waren. Auch der unterbleibt hier.

Und dann der Epochenbegriff. Den Herausgebern, die beide an der Professur für Technikgeschichte der ETH Zürich arbeiten, geht es um den Zeitraum ab 1960, aber nur in Westeuropa. Im legendären „Poetik und Hermeneutik“-Band XII von 1987[1] war der Epochenbegriff noch die große Münze der Geschichtsdeutung, gebunden an geistige Strömungen oder Herrschergestalten. Im Vergleich kann die Postmoderne nicht so recht mithalten, sie wirkt gegenüber „Reformation“ oder „Aufklärung“ doch ein wenig zwergenhaft, verzettelt, bloß witzig. Sie ist das Satyrspiel, das auf die großen Tragödien folgt, und die paar Jahrzehnte, die man „postmodern“ nennen könnte, werden historisch prägnant nur vor dem Hintergrund einer allgemeinen Theorie der Beschleunigung. Gut jedenfalls, dass die Herausgeber gegenüber ihrem eigenen Anspruch sofort auch die Ironie in Stellung bringen (S. 7). Wusste man schon bei den Theoretikern der Postmoderne nie so richtig, ob sie das alles auch ernst meinen, dann setzt sich dieses Merkmal in der Dokumentation der Epoche fort.

Ziel des vorliegenden Bandes ist es, typische Rollen zusammenzustellen, die die postmoderne Epoche ausgemacht haben. „Rolle“, das wird in der Einleitung explizit theatralisch interpretiert: „Persona“ war die Maske, die sich der Schauspieler aufgesetzt hat, und durch sie transformierte er sich in eine „Figur“ (S. 9). Die Herausgeber entnehmen diese Rollen instinktiv einem Fundamentalprinzip der westlichen Gesellschaften seit der Mitte des 20. Jahrhunderts: Die Rollen werden meist nicht (mehr) primär durch das Geschlecht, das Alter, die Gruppenzugehörigkeit bestimmt, sondern durch eine von der Person abgehobene Leistung, den Beruf. Zum Beginn des avisierten Zeitraums, 1960, formulierte Helmuth Plessner das Phänomen: „Das Tertium comparationis zwischen dem theatralischen und dem funktionellen Rollenbegriff, die durch den Verlust der kosmischen Weltidee dicht aneinandergerückt sind, besteht heute ausschließlich in der inneren systematischen Gefügtheit einer durchrationalisierten Arbeitsgesellschaft, welche die Funktionsanalyse des modernen Soziologen ebenso voraussetzt und bejaht, wie es die Menschen tun, welche durch ihr Doppelgängertum diese Gesellschaft bilden.“[2] Deswegen schließen sich die Historiker den Soziologen an, indem sie auch rückblickend das eigentliche Signum einer Epoche nicht in Ereignissen, sondern im arbeitsteiligen Rollengefüge identifizieren.

Das grob chronologisch geordnete Tableau beginnt mit dem „Programmierer“. David Gugerli zeichnet die unspezifischen Konturen des Steuerungspersonals der wachsenden Großmacht digitaler Medien nach, die zwischen dem einfachen Schreiber der Befehlszeile „GOTO“ und dem komplexen Architekten digitaler Landschaften oszillierte. Der entscheidende Schritt in der Statusdefinition war auch hier die Akademisierung: Erst dem „Informatiker“ als wissenschaftlich angeleitetem Programmierer gelang die berufsständische Statuskonsistenz.

Sehr informativ ist der folgende Beitrag zum „Bildungsökonomen“. An der Polarität zwischen Gottfried Bombach (1919–2010) und Friedrich Edding (1909–2002) macht Michael Geiss die Eigenheiten dieses Berufsstandes und ihre typischen Karrieren fest, angefangen bei der Bevölkerungspolitik der 1930er-Jahre im Statistischen Reichsamt über die Integration der Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Übergang in die Planungsszenarien der großen internationalen Organisationen. In solchen Beiträgen zeigt sich die diachrone Tiefenschärfe, die Historiker Sozialporträts zu geben vermögen.

Die „Stadtguerillera“ (Hannes Mangold) erscheint zunächst als eine Konzession an die Geschlechtergerechtigkeit, entwickelt jedoch eine eigene Pointe, indem die Rote Zora der 1970er- und 1980er-Jahre als Schnittlinie zweier sich überkreuzender Befreiungsbewegungen skizziert wird: der klassischen Frauenemanzipation mit der antiimperialistischen Stadtguerilla, wie sie zuerst die Tupamaros in West-Berlin und München vorgespielt hatten.

Unter dem Stichwort „Sampler“ zeichnet Benedikt Sartorius die Karriere des US-amerikanischen Sängers und Produzenten Sylvester Stewart alias Sly Stone als Exempel für die Mechanisierung der Musik nach, und nur wer sich selbst einmal in dieser Szene getummelt hat, versteht vielleicht auch die Anspielungen.

Leider nicht auf den Programmierer als Komplementärrolle bezogen folgt Max Stadlers Porträt des „Users“. Benutzerfreundlichkeit, die Ergonomik von Bildschirmarbeitsplätzen und die Ästhetik der grafischen Benutzeroberfläche waren jedenfalls ernsthafte Themenbereiche, in denen Apple seinen Aufstieg vollzog, obwohl die meisten dann doch vor Windows 95 sitzen mussten.

Die Schnittstelle zwischen Frauenbewegung und Technisierung behandelt Karin Harrasser unter dem Stichwort „Cyborg“. Dieser informative Beitrag zeichnet zum einen die Debatte zwischen Donna Haraways feministisch-sozialistischem Manifest und Peter Sloterdijks Anthropotechniken nach, ist zugleich aber ein Bruch in der Konzeption des Bandes; denn dem Verfasser dieser Rezension ist nicht bekannt, dass Cyborgs im größeren Umfang die Büros der Postmoderne belebt hätten, nimmt man einmal den „Terminator“ Arnold Schwarzenegger aus. Hier wird also eine Diskursfigur unter die realen Figuren gerechnet – eine typisch kulturwissenschaftliche Unschärfe der Postmoderne.

Ganz anders der „Coach“, dessen Genese Brigitta Bernet schildert, indem sie die Linien zwischen kalifornischen New-Age-Think-Tanks, der mentalen Revolution im Tennis-Training und den postfordistischen Anforderungen an den stets motivierten, aber immer entlassungsbereiten Arbeitnehmer während der großen neoliberalen Flexibilisierung nachzeichnet. Dieser Arbeitnehmer begreift sich als Unternehmen und findet sein Gegenüber im Coach, nicht im Therapeuten. Auch in diesem Beitrag zeigt sich wieder die Stärke einer historischen Perspektive.

Fermin Suter führt in die unendlichen Teilungsdebatten der Political Correctness ein, indem er die „Postkolonialistin“ als die mehrfachdiskriminierte Kritik schwarzer Feministinnen am weißen Mittelschichtenfeminismus entfaltet. Wie schon beim Cyborg stellt sich durch diesen Beitrag verstärkt die Frage, wo Westeuropa eigentlich geographisch liegt.

Simone De Angelis eher autobiographischer Beitrag zum „Wissenschaftshistoriker“ zeigt das Aufbrechen der akademischen Disziplinen unter neuen Fragen, während mit Gisela Hürlimanns Porträt des „Steuerexperten“ nun eine vielleicht etwas spezifischere Figur der Schweizer Postmoderne das Tableau betritt. Ihre Schilderung der Übergänge zwischen der Grundlegung von Karrieren in staatlichen Finanzämtern, um dann die Seite zu wechseln und im Dienste großer internationaler Konzerne Geld zu verdienen, hätte eine Generalisierung verdient, weil sie auf Politiker ausgedehnt werden kann, die in der Figur des Kommunikationsberaters enden.

Eneia Dragomir behandelt ebenfalls anhand Schweizer Materials den „Fachoffizier“, Gioia Dal Molin die „Kuratorin“, jene Figur also, mit der sich die Herausgeber des Bandes identifizieren könnten. Die Beiträge von Luca Froelicher über den „Raider“, von Florian Schmitz über den „Security Contractor“ und von Alban Frei über die „Wissenschaftsmanagerin“ behandeln dasselbe Leitmotiv in unterschiedlichen Organisationstypen: das Vordringen der ökonomischen Rationalitäts- und Kontrollformen. Alle diese Figuren enthalten großes historisches Potential, das aber nur in wenigen Anspielungen auf die Tradition der Schweizer Landsknechte angedeutet wird. Florian Kappeler entwirft unter dem Stichwort „Globalisierungskritiker_in“ ein Porträt des Subcomandante Marcos, einer politischen Kunstfigur der Jahre 1994–2014, und Michael Hagner schließt den Band mit einem amüsanten Brief an die Herausgeber, warum er am Versuch, einen Beitrag über den „Blogger“ zu schreiben, gescheitert ist.

Überblickt man den ganzen Band und vergleicht ihn mit einschlägigen Vorgängern[3], so liegt seine spezifische Stärke in allen Beiträgen, die über gegenwartsorientierte Porträts von Berufsgruppen und Diskursfiguren hinausreichen und im klassischen Sinne historisch angelegt sind. Vielleicht ist die Postmoderne auch deshalb am Ende, weil ihre kulturwissenschaftliche Erzählform einen Grenznutzen erreicht hat. Und wahrscheinlich ist sie die letzte Epoche, die von Westeuropa und seinen Lebensformen aus dokumentiert werden kann; denn als die entscheidenden Sozialfiguren unserer Zeit können schon in wenigen Jahrzehnten der Warlord, der kapitalistische KP-Funktionär und der Flüchtling gelten. Ihre Geschichte muss dann erzählt werden. Aber bitte mit Ernst.

Anmerkungen:
[1] Reinhart Herzog / Reinhart Koselleck (Hrsg.), Epochenschwelle und Epochenbewußtsein (Poetik und Hermeneutik XII), München 1987.
[2] Helmuth Plessner, Soziale Rolle und menschliche Natur [1960], in: ders., Diesseits der Utopie. Ausgewählte Beiträge zur Kultursoziologie, Frankfurt am Main 1974, S. 23–35, hier S. 28f.
[3] Etwa Stephan Moebius / Markus Schroer (Hrsg.), Diven, Hacker, Spekulanten. Sozialfiguren der Gegenwart, Frankfurt am Main 2010; Kuckuck. Notizen zur Alltagskultur 29 (2014), Heft 2: Figuren.

Zitation
Clemens Albrecht: Rezension zu: Frei, Alban; Mangold, Hannes (Hrsg.): Das Personal der Postmoderne. Inventur einer Epoche. Bielefeld 2015 , in: H-Soz-Kult, 18.05.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25296>.