L. Sanner: Explosionskatastrophen in der BASF 1921 und 1948

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Titel
"Als wäre das Ende der Welt da". Die Explosionskatastrophen in der BASF 1921 und 1948


Autor(en)
Sanner, Lisa
Erschienen
Ludwigshafen am Rhein 2015: Stadtverwaltung Ludwigshafen am Rhein
Umfang
486 S.
Preis
25,00 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kathrin Reichert, Institut für Geschichte, Technische Universität Darmstadt

In den letzten Jahren beschäftigt sich die Geschichtswissenschaft zunehmend mit Katastrophen. Zuvor wurde dieses Forschungsfeld vor allem unter soziologischen und anthropologischen Perspektiven betrachtet, seit den 1980er-Jahren insbesondere in Hinsicht auf das Risikopotenzial moderner-technisierter Gesellschaften.[1] Erst in den vergangenen Jahren wurden Katastrophen und deren Bewältigung als Thematik für die Geschichtswissenschaft attraktiv.[2] Allerdings fokussiert die Geschichtswissenschaft bisher auf Naturkatastrophen und widmet industriellen Katastrophen nur geringe Beachtung. Eine Ausnahme bildet die im März 2014 an der Ludwig-Maximilians-Universität München angenommene Dissertation von Lisa Sanner. Sie beschäftigt sich mit zwei Katastrophen, „die als zwei der größten industriellen Unfälle in Deutschland gelten“ und die „heute weitgehend in Vergessenheit geraten“ (S. 10) sind. In beiden Fällen handelt es sich um Vorfälle bei der BASF. Am 21. September 1921 explodierte auf dem Fabrikgelände in Oppau ein Silo, das mit ca. 4.500 Tonnen Düngemittel gefüllt war. Dabei starben 559 Menschen und ca. 2.000 Verletzte waren zu beklagen. Am 28. Juli 1948 explodierte ein Kesselwagen mit Chemikalien auf dem Fabrikgelände in Ludwigshafen. Die Zahl der Todesopfer belief sich auf 271 Menschen und 3.818 Menschen wurden verletzt. In ihrer Studie kann Lisa Sanner vergleichend zeigen, dass insbesondere die jeweiligen historischen Kontexte ausschlaggebend dafür waren, wie die Unfälle bewältigt, wahrgenommen und instrumentalisiert wurden.

Der Band gliedert sich in zwei Teile: In einem ersten Großkapitel schildert die Autorin „die Oppauer Katastrophe im Jahr 1921“, während das zweite „die Ludwigshafener Katastrophe im Jahr 1948“ thematisiert. Da beide Unglücke in unmittelbare Nachkriegszeiten fielen und in demselben Unternehmen stattfanden, bietet sich aufgrund des ähnlichen Kontextes ein historischer Vergleich an: Beide Katastrophen stellten „Extremereignisse in Extremsituationen“ (S. 25) dar. Im Zentrum der Studie stehen sowohl die materielle und immaterielle Bewältigung als auch die politische Instrumentalisierung der beiden Katastrophen durch die Medien. Diese drei Ebenen gliedern mit einer allgemeinen Einführung in den jeweiligen historischen Kontext die beiden Hauptkapitel. Im abschließenden Kapitel wird der diachrone Vergleich in einer synchronen Zusammenschau der Untersuchungsstränge zusammengefasst.

Als Quellengrundlage dienten Sanner neben den Beständen des BASF-Archivs, des Stadtarchivs Ludwigshafen, Reichs- und Landtagsprotokollen vor allem deutsch-, englisch- und französischsprachige Tageszeitungen und Illustrierte.

Bei der Untersuchung der materiellen Bewältigung stehen die Fragen nach den Funktions- und Handlungsspielräumen der lokalen und nationalen Behörden, Institutionen und Verbände sowie die Koordination der Hilfeleistungen im Fokus. Dazu stellt Sanner zunächst die lokale/nationale Organisation der Hilfsmaßnahmen dar: von Spendenaktionen über „Hilfswerke“ bis zum „Ringen mit der BASF“ um Entschädigungszahlungen für Werksangehörige und Hinterbliebene. Die spontane Katastrophenhilfe und die langfristige materielle Bewältigung identifiziert Sanner als die primären Aufgabenfelder der lokalen und nationalen Behörden nach den Unglücken (S. 417). In beiden Fällen war die schnelle und reibungslose Kooperation mit der französischen Besatzungsmacht die augenfälligste Parallele, die vorherrschende Konflikte und gegenseitige Vorbehalte für eine gewisse Dauer überdeckten. Als Hemmnis bei der Bewältigung der Unfallfolgen erwies sich nach der Oppauer Katastrophe nicht nur die Geldentwertung, sondern auch das problematische Abhängigkeitsverhältnis zwischen der Gemeinde, dem unter dem bayrischen Staatskommissariat stehendem „Hilfswerk Oppau“ und der BASF (S. 418f.). Aufgrund des verhältnismäßig geringen Ausmaßes der Kesselwagenexplosion, der geringen Anzahl an Hinterbliebenen sowie der durch amerikanische Finanzhilfen unterstützten, wirtschaftlichen Entwicklung war die Situation 1948 entspannter (S. 419).

Die zweite, umfangreichere Analyse in beiden Teilen der Studie widmet sich der immateriellen Bewältigung. Zunächst richtet sich der Blick auf die Ursachenforschung. Nach der Ludwigshafener Katastrophe erfolgte eine raschere Aufarbeitung des Unglückes als 1921; in beiden Fällen wurde menschliches Fehlverhalten ausgeschlossen und das Erkenntnisinteresse auf die naturwissenschaftliche Ebene verschoben (S. 420). Insbesondere die „wiederholte Zurückhaltung der Öffentlichkeit [sei] auffallend“ (ebd.) gewesen. Der Beziehung zwischen Katastrophe und Medien und ihrer Darstellung widmet sich Sanner im nächsten Schritt. Mithilfe der Berichterstattung sollten Spendengelder mobilisiert und das Erlebte aufgearbeitet werden. Die deutsche und internationale Berichterstattung schuf dabei eine „Medienrealität“ – angereichert mit Gerüchten und Legenden –, die neben die „Ereignisrealität“ der Katastrophe trat. 1921 versuchten amerikanische und französische Zeitungen ein militaristisches Feindbild der Deutschen zu zeichnen, indem sie die Katastrophe mit einer geheimen Giftgasherstellung verknüpften (S. 421) und sich damit an der jungen Kriegsvergangenheit orientierten. Demgegenüber führten Medien der Ostzone die Explosion 1948 auf eine illegale Rüstungsproduktion zurück und instrumentalisierten diese für eine gezielte Anti-West-Propaganda im sich anbahnenden Ost-West-Konflikt.

Der bereits erwähnten „Politisierung der Katastrophe“ widmet Sanner jeweils die letzten Unterkapitel der beiden Hauptteile, die somit auch einen resümierenden Part einnehmen. Die Einbindung der Katastrophe erfolgte in die jeweiligen innenpolitischen und internationalen Konfliktfelder (S. 423). Nach der Oppauer Katastrophe, die als „nationales Ereignis“ ausgerufen wurde, trat Reichspräsident Friedrich Ebert als zentrale Integrationsfigur hervor, um innenpolitische Gräben zu überwinden. Die Verbundenheit von Helfern und Opfern sollte dazu dienen, ein Zusammenrücken der „Volksgemeinschaft“ zu proklamieren (S. 425). Auf internationaler Ebene schienen 1921 die spontanen Hilfeleistungen die Spannungen in den deutsch-französischen Beziehungen zeitweise zu entspannen; insbesondere die Trauerfeier sei ein „Barometer des deutsch-französischen Verhältnisses“ (S. 424) gewesen. Im Jahr 1948 lag mit der Aufteilung Deutschlands in vier Zonen eine andere Ausgangslage vor, die den Ausruf eines „nationalen Ereignisses“ verhinderte. Einheitsproklamationen fanden jedoch auf anderen Ebenen statt. So wurde beispielsweise versucht, die Verbundenheit von Ludwigshafen und Mannheim sowie den Gemeinsinn der pfälzischen Bevölkerung zu stärken (S. 426). Die Solidarisierungsbestrebungen richteten sich gegen den „äußeren Feind“ – die Besatzungsmacht –, der mit angekündigten Demontagevorhaben ökonomische Ängste in der Bevölkerung schürte.

Trotz der umfangreichen Quellenbasis und der sehr detaillierten Ausarbeitung der Studie offenbart sich eine Leerstelle: Die Bewältigung der Unglücke innerhalb der BASF. Insbesondere da es sich um zwei Industriekatastrophen desselben Unternehmens handelt, wäre das Verhalten des Unternehmens von großem Interesse gewesen und hätte eine eingehendere Betrachtung gelohnt. Welche Strategien entwickelte die BASF zur Bewältigung der Schäden an den Produktionsstätten, im Umgang mit den Katastrophen und den Hinterbliebenen? Welchen Einfluss hatten die Katastrophen auf das unternehmerische Selbstverständnis und -bild? Inwiefern wurden Präventionsmaßnahmen in der Produktion und Produktentwicklung getroffen? Die Klärung solcher Fragen wäre wünschenswert gewesen.

Diese Anmerkungen sollen nicht die Leistung der Autorin schmälern. Alles in allem gelingt es Lisa Sanner in ihrer gut recherchierten Studie zu zeigen, dass die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Kontexte einer Industriekatastrophe deren soziale Auswirkungen, lokale und nationale Bewältigungsformen und politische Instrumentalisierung maßgeblich bestimmen. Für die noch junge historische Forschung zu Industriekatastrophen leistet diese Fallstudie zu den beiden Explosionsunglücken der BASF somit einen gewichtigen Forschungsbeitrag.

Anmerkungen:
[1] Dazu beispielsweise Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main 1986 oder Charles Perrow: Normale Katastrophen. Die unvermeidbaren Risiken der Großtechnik, Frankfurt am Main 1987.
[2] Zur aktuellen Forschungsliteratur siehe Nicolai Hannig, Katastrophen im 19. und 20. Jahrhundert. Befunde, Kontexte und Perspektiven, in: Neue Politische Literatur 61 (2016) 3, S. 439–463.

Zitation
Kathrin Reichert: Rezension zu: Sanner, Lisa: "Als wäre das Ende der Welt da". Die Explosionskatastrophen in der BASF 1921 und 1948. Ludwigshafen am Rhein 2015 , in: H-Soz-Kult, 15.09.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25408>.