A. Niederstätter u.a.: Geschichte Vorarlbergs

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Titel
Geschichte Vorarlbergs in drei Bänden. Bd. 1 Vorarlberg im Mittelalter; Bd. 2 Vorarlberg 1523 bis 1861. Auf dem Weg zum Land; Bd. 3 Das Land Vorarlberg 1861 bis 2015


Autor(en)
Niederstätter, Alois; Pichler, Meinrad
Erschienen
Umfang
1.182 S.
Preis
€ 79,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wolfgang Weber, Institut für Zeitgeschichte, Universität Innsbruck Email:

Vorarlberg ist eine von sechs autonomen Regionen, welche im November 1918 aus der Konkursmasse der Habsburgermonarchie heraus gemeinsam mit der ehemaligen Reichs- und Residenzstadt Wien die Republik Österreich, anfangs noch Republik Deutsch-Österreich [sic], gründeten. Nach der militärischen Niederlage und der Befreiung von der nationalsozialistischen Diktatur durch die Alliierten wiederholte es im September 1945 gemeinsam mit den nun sieben vormaligen österreichischen Ländern und der Stadt Wien diesen Schritt und gründete die zweite österreichische Republik – auf dem verfassungsrechtlichen Boden, wie er 1920/29 von den österreichischen Ländern und Wien, mit Ausnahme des Burgenlandes, das als früherer Teil Ungarns erst 1921 als österreichisches Bundesland gegründet wurde, beschlossen worden war.

Vorarlberg ist nach der Bundeshauptstadt Wien das an Fläche kleinste österreichische Bundesland. Die beiden größten Wiener Bezirke, Donaustadt und Favoriten, zählen ebenso viele Einwohner/innen wie das gesamte Land Vorarlberg. Nur das Burgenland hat weniger Bevölkerung als Vorarlberg. Aufgrund seiner geringen Fläche von rund 2.600 Quadratkilometern ist Vorarlberg jedoch nach Wien das am dichtesten besiedelte Land Österreichs. Im innerösterreichischen Vergleich verweist es auf eine Reihe weiterer zweiter Plätze: So ist es nach Wien das am zweitstärksten industrialisierte Bundesland; es hat nach Wien den zweitgrößten Migrationsanteil an der Bevölkerung; und die zweitgrößte Religionsgemeinschaft in Vorarlberg ist der Islam. Schließlich ist es vor dem Burgenland das zweitjüngste Bundesland der Republik Österreich.

Wie das Burgenland entsendet Vorarlberg drei Mandatare bzw. Mandatarinnen in den 61 Mitglieder zählenden Bundesrat; aktuell sechs in den 183 Mitglieder zählenden österreichischen Nationalrat. Seine politische Bedeutung innerhalb der österreichischen Länder und des Bundes ist also rein quantitativ betrachtet gering. Seine ökonomische ist eindrucksvoller, denn mit 70 Prozent weist es die höchste Exportquote aller österreichischen Bundesländer auf.

2018 wird Vorarlberg die hundertste Wiederkehr seiner Unabhängigkeitserklärung und „Staatswerdung“ feiern können. Bis dahin war es nämlich ein gemeinsam mit Tirol verwaltetes Kronland der Habsburgermonarchie. Am 3. November 1918 erklärte es seine administrative und politische Autonomie und trat freiwillig einem noch zu gründenden deutsch-österreichischen [sic] Staat bei.

Es war nicht dieses bevorstehende 100-Jahr-Jubiläum, welches Alois Niederstätter und Meinrad Pichler jene 1.182 Seiten Vorarlberger Geschichte schreiben ließ, die hier angezeigt werden. Zumindest wird darauf in den drei Vorworten und drei Einleitungen der drei Bände nicht Bezug genommen. Dort wird jedoch auch keine andere Intention erwähnt, welche Anlass oder Ursache für eine vielhundertseitige Darstellung einer Region in Mitteleuropa war, die es in den heutigen Grenzen erst seit rund 200 Jahren gibt.

Vergeblich suchte der Rezensent in den einführenden Seiten auch nach allfälligen methodischen und wissenschaftstheoretischen Grundlagen, mit welchen sich die Ziele der beiden Autoren beschreiben ließen. Auch Erkenntnis leitende Fragestellungen, nach denen sich die vom Universitätsverlag Wagner in Innsbruck drucktechnisch und handwerklich nicht optimal verlegte Studie, im Rahmen einer Rezension bewerten ließen, erschließen sich wenn überhaupt nur indirekt und fordern vom Leser bzw. der Leserin eine bestimmte Vertrautheit mit der Geschichte des Landes Vorarlberg und der dortigen Historiographie.

Josef Riedmann und Nikolaus Hagen betonen in ihren beiden Rezensionen über die von Alois Niederstätter geschriebenen zwei Bände zur Geschichte Vorarlbergs vom Mittelalter bis 1861 dessen großen Verdienst,[1] da seine Darstellung den sogenannten Vorarlberger Historikerstreit der 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts endgültig entschieden habe.

Dieser Disput über die Issues und Antreiber in der Geschichte Vorarlbergs kulminierte 1986 in einer Pressekampagne gegen den Leiter des Vorarlberger Landesarchivs, Karl Heinz Burmeister, in der vom Chefredakteur der auflagenstärksten Vorarlberger Tageszeitung dessen Landesverweis gefordert wurde. Burmeister, in Zürich habilitierter Rechtshistoriker, hatte in einem Radiointerview aus Anlass seines 50. Geburtstages darauf verwiesen, dass es entgegen der offiziellen, von der Landesregierung in diversen Publikationen geförderten Sichtweise von Vorarlberg als dem Ort der persönlichen Freiheit des Individuums und der Demokratie in der Geschichte eine Gegenlesart gebe, welche Vorarlberg als Teil der österreichischen Geschichte verstehe, dessen realpolitische und verfassungsrechtliche Strukturen sich im Gleichschritt mit jenen der es umgebenden deutschsprachigen Regionen entwickelt habe. Diese waren nicht demokratisch, sondern feudal.

Alois Niederstätter, Schüler und Nachfolger von Karl Heinz Burmeister als Vorarlberger Landesarchivar, nimmt im Band 1 der Geschichte Vorarlbergs zu dieser Frage eindeutig Stellung, indem er im Kapitel über „Herrschaft und politische Raumordnung“ 34 Seiten unter die Subkapitel-Überschrift „Ohne Habsburg kein Vorarlberg“ stellt. Anhand einschlägiger landesgeschichtlicher Literatur und publizierter Urkunden macht er deutlich, dass die „Landwerdung“ Vorarlbergs seit dem Mittelalter ohne die habsburgische Machtpolitik nicht denkbar gewesen wäre. Im Band 2 belegt er diese Arbeitshypothese mit weiteren Befunden aus der wissenschaftlichen Literatur sowie weiteren gedruckten Quellen. Habsburg begünstigte also die Entstehung eines geographisch und politisch geschlossen Raumes, der im November 1918 erstmals als eigenständiger Akteur der Geschichte auftrat und im 20. und 21. Jahrhundert zu einem von neun politischen Subjekten der föderalen Republik Österreich wurde.

Niederstätter stellt sich mit dieser Aussage in die Tradition aller Vorarlberger Landesarchivare, welche einen longue durée zwischen Österreich und Vorarlberg sehen; obwohl es dieses Vorarlberg, so ihr Befund, erst seit dem 18. Jahrhundert sprachlich und faktisch gab. Folglich ist es dem Autor auch wichtig, die Strukturveränderungen und die damit verbundenen Prozesse zu rekonstruieren und darzustellen. Dazu sondiert er das historische Feld in unterschiedliche Narrative, welche er nach Möglichkeit miteinander korrespondieren lässt.

Im Band 1 sind diese Narrative die Kapitel über „Mensch und Siedlung“, „Die Wirtschaft“, „Herrschaft und politische Raumordnung“, „Die Institutionen: Rechtsleben und Verwaltung“, „Gesellschaftliche Strukturen und soziale Verhältnisse“, „Kultur“. Im Band 2 definiert er folgende Kapitel: „Die Bevölkerung“, „Die soziale Landschaft“, „Die Wirtschaft“, „Herrschaft, Verwaltung und Rechtsleben“, „Kriege, Krisen, Katastrophen: Vorarlberg vom 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert“, „Die ‚Revolution‘ von 1848 und Franz Josephs ‚Neoabsolutismus‘“, „Kultur“. Was im Band 1 „Mensch und Siedlung“ ist, scheint im Band 2 als „Die Bevölkerung“ auf; „Gesellschaftliche Strukturen und soziale Verhältnisse“ im ersten Band stellen im zweiten Band „Die soziale Landschaft“ dar. Andere Kapitel sind in den beiden Bänden gleich benannt, womit deren Verbindung über die Jahrhunderte selbsterklärend ist. Durch dieses didaktische Konzept ist es dem Leser und der Leserin möglich, historische Prozesse über viele Jahrhunderte zu verfolgen und die entsprechenden Strukturen gedanklich nachzuzeichnen, zumal es Niederstätter sehr gut versteht, Prozesse und Strukturen auch sprachlich gleichlautend zu dechiffrieren, so dass beim aufmerksamen Lesen willkommene „Aha“-Effekte entstehen.

Bedauerlicherweise hält sich Meinrad Pichler als Autor des dritten Bandes nicht an Niederstätters Vermittlungskonzept, so dass die von ihm bearbeitete Epoche von der Mitte des 19. bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts nicht in gleicher Weise mit den vorhergehenden Jahrhunderten korrespondiert wie dies die Jahrhunderte von der Steinzeit bis 1861 tun. Pichler fokussiert auf die courte durée und organisiert seine Darstellung daher chronologisch. Im ersten Kapitel seines dritten Bandes beschreibt er unter dem Titel „Endlich Land – Vorarlberg 1861–1914“ wesentliche Meilensteine der ökonomischen und politischen Geschichte des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Es folgen Kapitel zu „Vorarlberg im Ersten Weltkrieg“, „Die Zwischenkriegszeit“, „Vorarlberg während der NS-Diktatur“, „Nachkriegszeit und Nachkriegsentwicklungen“, „Das zeitgenössische Vorarlberg“. Aus Sicht des Rezensenten weder methodisch noch wissenschaftstheoretisch nachvollziehbar ist ein Kapitel, welches mit „Die Frauen – eine eigene Geschichte“ [sic] betitelt ist. In diesem zeichnet der Autor über 24 Seiten einzelne Biographien, Ideologeme und Strukturen mit Bezug zum weiblichen Geschlecht nach, statt sie in seine Gesamtdarstellung zu integrieren, welche nach Gesichtspunkten der Geschlechtergeschichte verfasst ist.

Wie die ersten beiden Bände, fußt auch der dritte Band im Wesentlichen auf eigenen Publikationen sowie Studien des wissenschaftlichen Umfeldes des Autors. Das ist bedauerlich, zumal dadurch andere methodische Zugänge nicht berücksichtigt werden. So eröffnet etwa die vergleichende Regionalgeschichte neue Fragestellungen und überraschende Antworten. Für die Geschichte der bürgerlichen Revolution von 1848 liegt seit 1999 eine vergleichende Studie über die Träger der Bewegung und ihr soziokulturelles Umfeld in Deutschland, Liechtenstein, Österreich und der Schweiz vor, welche der Einschätzung dieser Ereignisse im Band 2 als lediglich ökonomischen Protest und Beginn der Geschichte parteipolitischer Partizipation im interregionalen Vergleich widerspricht.[2] Diese Forschung wird ebenso wenig rezipiert wie etwa im Band 3 nicht auf aktuelle Forschungsergebnisse zur Geschichte der 68er-Bewegung in Deutschland, Liechtenstein, Österreich und der Schweiz um den Bodensee rekurriert wird, welche neue und überraschende Einsichten in die interregionale Geschichte der Aktivist/inn/en um den Bodensee zum Beispiel aus Baden-Württemberg hinein nach Vorarlberg dokumentieren.[3]

Ein solcher interregionaler Ansatz wäre eine erfreuliche methodische Erweiterung der vorliegenden dreibändigen Geschichte Vorarlbergs gewesen. Im ersten Band wird er in Ansätzen betrieben. Alois Niederstätter verweist dort in seinen einleitenden Seiten, welche mit „Grenzen, Räume und Orientierungen“ überschrieben sind, darauf, dass „historische Bezugsräume mit modernen Staats- und Ländergrenzen nur selten zur Deckung zu bringen sind“ (S. 11). In der Folge erzählt er dann die Geschichte des späteren Vorarlberg von der Steinzeit bis ins Mittelalter auch als Geschichte des Raumes ohne Grenzen und stellt das Gemeinsame vor das Trennende, auch unter Berücksichtigung mentalitätsgeschichtlicher Diskurse.

Dieser Erzählduktus bricht im zweiten Band allmählich ab und verschwindet im dritten vollkommen. Denn auf den 834 Seiten der Bände 2 und 3 werden jene Territorialisierungsprozesse beschrieben, welche aus mehreren offenen Räumen ein geschlossenes Vorarlberg machten, das mit dem Beginn der „Landwerdung“ im 14. Jahrhundert eng an die Habsburgermonarchie geknüpft war. Diese Bindung erneuerte es im Herbst 1918 und im Herbst 1945 als es gemeinsam mit den anderen österreichischen Ländern die Republik Österreich gründete. Wäre hier das Konzept des Raumes ohne Grenzen und damit einer vergleichenden interregionalen Geschichte fortgeschrieben worden, hätte sich die Kernaussage dieser dreibändigen Geschichte Vorarlbergs als ein seit vielen Jahrhunderten „österreichisches“ Land nicht aufrechterhalten lassen. Damit gehen manche alltags- und mentalitätsgeschichtliche Aussagen, welche die Stärke des ersten Bandes ausmachen, in den Bänden 2 und 3 verloren. Dafür bleibt die zentrale staatspolitisch tragfähige Erkenntnis der hier zu besprechenden dreibändigen Geschichte Vorarlbergs erhalten. Sie lautet: Kein Vorarlberg ohne Österreich.

Ein von Teilen der Vorarlberger Historiographie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts postulierter Sonderweg als von Beginn an politisch freies Volk mit protodemokratischem Staatswesen im Sinne einer Schweizer Eidgenossenschaft dekonstruiert Niederstätter in Band 1 und Band 2 durch exzessive Auswertung der eigenen und der Forschungsliteratur seiner peer group sowie einzelner gedruckter Quellen als identifikationsstiftende Mär der Nachkriegsjahrzehnte der Zweiten Republik. Besonders beeindruckend sind in diesem Zusammenhang seine Befunde über Position und Funktion von Freien und Unfreien in der mittelalterlichen und neuzeitlichen Gesellschaft in den Herrschaften vor dem Arlberg. Sie machen deutlich, dass sich der Landstrich im Gleichschritt mit den ihn umgebenden feudalen Regionen und nicht als demokratische Insel der Seligen entwickelte.

Daneben enthalten alle drei Bände eine Menge akribisch in drei Jahrzehnten eigener Forschungstätigkeit der beiden Autoren zusammengetragene Daten und Fakten, welche gekonnt zu Geschichten und Erzählungen verwoben wurden. Sie geben Aufschluss über Familiengrößen, Wirtschaftsleistungen, Rechtsverhältnisse und vieles mehr. Diese vielen Geschichten und Erzählungen systematisch zu erschließen, fällt jedoch schwer. Die Register, als gemeinsamer Personen- und Ortsindex, im dritten Band noch um Firmennamen ergänzt, sind dafür weitestgehend ungeeignet. Ein Sachregister fehlt. Wer nicht mit den großen Leitlinien und zentralen Brüchen der Regionalgeschichte des Bodenseeraumes vertraut ist, wird sich schwer tun, nach spezifischen Ereignissen zu suchen oder sie interregional zu verorten. Dazu ist das didaktische Konzept der drei Bände zu wenig aufeinander abgestimmt und sind die wissenschaftstheoretische und methodische Grundlage der beiden Autoren zu unterschiedlich.

Während Alois Niederstätter sehr um eine von Michael Gehler bereits 1992 formulierte wissenschaftliche Regionalgeschichte als Geschichte überschaubarer Räume bemüht ist,[4] legt Meinrad Pichler mehr eine traditionelle Landesgeschichte mit Elementen der Heimatkunde vor. Das zeigt sich bereits an der inhaltlichen Struktur der Bände.

Die von Niederstätter verfassten Bände 1 und 2 sind entlang jener gesellschaftsgeschichtlichen Kategorien strukturiert, die Hans-Ulrich Wehler seit den 1970er-Jahren für Deutschland und Ernst Hanisch seit den 1980er-Jahren für Österreich einforderten. Mit den Max Weberschen Analysefeldern von Wirtschaft-Herrschaft-Kultur lassen sich kollektive und individuelle Strukturen im Wirkungszusammenhang ihrer räumlichen Identitäten erfassen und in eine allfällige Gesamtgeschichte, hier jener von Österreich bzw. Österreich-Ungarn, einbetten. So wird es möglich, „auf Lebensverhältnisse und Erfahrungswelten mittlerer Größenordnungen und kleinerer Umfelder wie ländliche, städtische und lokale oder kleinste Bereiche, wie Familien, Vereine oder Einzelpersonen – teilweise auch losgelöst von staatlichen, Landes- und Bezirksverwaltungen – Rücksicht“[5] zu nehmen, wie es Michael Gehler postulierte.

Im Unterschied dazu formuliert Pichler im von ihm verfassten dritten Band zwar ebenso unzählige Einzel- und Kollektivgeschichten, er rastert diese jedoch nicht im Sinne einer Dekomposition der Weberschen Kategorien, sondern nutzt stark die identitätsbildende Kompensationsfunktion von Landesgeschichte und Heimatkunde. Vorarlberg und seine Einwohner/innen stellen für Pichler den Relevanzrahmen seiner Ausführungen dar, nicht wissenschaftstheoretische Überlegungen über Räume und Regionen. Das führt dazu, dass sein Bemühen, eine „demokratische Heimatgeschichte“ auf Basis gesellschaftsgeschichtlicher Kategorien zu schreiben, an einzelnen Stellen brüchig wird. Auf Seite 71 etwa klagt er darüber, dass „Rassisten und Fremdenfeinde anonym“ in Internetforen gegen „Neu-VorarlbergerInnen“ [sic] hetzen würden und meint mit „Neu-VorarlbergerInnen“ jene Menschen, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge einer Arbeitsmigration nach Vorarlberg zuwanderten. Damit ist Vorarlberg der Bezugsrahmen und die dort lebenden historischen Subjekte werden völlig unhistorisch nach dem Datum ihrer Niederlassung kategorisiert. Vor dem Hintergrund der in den ersten beiden Bänden rekonstruierten Migrationsgeschichte der Region Vorarlberg, welche Wandern als räumlichen Prozess der feudalen und modernen Gesellschaften benennt und in seiner staatspolitische Grenzen überwindenden Dimension begreift, schmälern derlei Ausführungen den grundsätzlich positiven Befund dieser dreibändigen Geschichte Vorarlbergs.

Kritisch anzumerken bleibt weiters die Reproduktion und Verwendung visueller Quellen. Sie sind technisch schwach ausgeführt und inhaltlich im besten Fall illustrierend. Die Prinzipien der Quellenkritik wurden nicht angewandt. Im Abbildungsverzeichnis sind lediglich die Verwahrorte, nicht jedoch notwendige Metadaten aufgeführt. Manche Bildunterschriften sind faktisch falsch beispielsweise Abbildung 78 auf Seite 169 im Band 3; andere inhaltlich ohne Auskunft wie Abbildung 65 auf Seite 233 im Band 2 wo es heißt: „Der Renaissancepalast der Grafen von Hohenems, historische Aufnahme.“ [sic]

Um derlei Fehler und inhaltliche Widersprüche zu verhindern, wäre es nach Ansicht des Rezensenten hilfreich gewesen, den drei Bänden der Geschichte Vorarlbergs eine methodische und wissenschaftstheoretische Gesamtkonzeption voranzustellen und diese auf die 1.182 Seiten konsequent anzuwenden. Dies hätte die fachliche Rezeption erleichtert und sie entlang der von der Disziplin und den Autoren formulierten Kriterien überprüfbar gemacht. So bleibt es dem Leser bzw. der Leserin überlassen, die nach bestem Wissen und Gewissen grosso modo aus der Forschungsliteratur recherchierten unzähligen Fakten und Details der Geschichte eines seit 1918 administrativ und politisch unabhängigen Landes der Republik Österreich in die aktuelle wissenschaftliche Debatte einzuordnen und entsprechende Schlüsse zu ziehen. Dazu wird er oder sie jedoch mit den großen Entwicklungslinien jener Nationalgeschichten vertraut sein müssen, welche die Geschichte Vorarlbergs konstituierten: Österreich und seine Nachbarstaaten im äußersten Westen der Republik, nämlich Deutschland, Liechtenstein und die Schweiz. Diese vier, so weist es Alois Niederstätter nach, präjudizierten jenen Raum, aus dem sich zwischen der Antike und dem 19. Jahrhundert das Land Vorarlberg entwickelte.

Anmerkungen:
[1] Geschichte und Region / Storia e Regione 1 (2016), S. 205–211.
[2] Werner Matt / Wolfgang Weber (Hrsg.), „Schwarz-Rot-Gold’ne Banner küssen“. Die Jahre 1848/49 als Zeitenwende im Bodenseeraum, Konstanz 1999.
[3] Heike Kempe (Hrsg.), Die „andere“ Provinz. Kulturelle Auf- und Ausbrüche im Bodenseeraum seit den 1960er Jahren, Konstanz 2014.
[4] Michael Gehler, „Regionale“ Zeitgeschichte als „Geschichte überschaubarer Räume“. Von Grenzen, Möglichkeiten, Aufgaben und Fragen einer Forschungsrichtung, in: Geschichte und Region / Storia e Regione 1 (1992), S. 85–120.
[5] Michael Gehler, „Regionale“ Zeitgeschichte als „Geschichte überschaubarer Räume“, hier S. 89.

Zitation
Wolfgang Weber: Rezension zu: Niederstätter, Alois; Pichler, Meinrad: Geschichte Vorarlbergs in drei Bänden. Bd. 1 Vorarlberg im Mittelalter; Bd. 2 Vorarlberg 1523 bis 1861. Auf dem Weg zum Land; Bd. 3 Das Land Vorarlberg 1861 bis 2015. Innsbruck 2015 , in: H-Soz-Kult, 14.09.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25427>.
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14.09.2017
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