S. Samerski: Selig- und Heiligsprechungen

Titel
"Wie im Himmel, so auf Erden"?. Selig- und Heiligsprechung in der Katholischen Kirche 1740 bis 1870


Autor(en)
Samerski, Stefan
Erschienen
Stuttgart 2002: Kohlhammer Verlag
Umfang
510 S.
Preis
€ 50,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Eric Steinhauer, Institut für religiöse Volkskunde, Universität Münster

Die Heiligen der katholischen Kirche sind ein beliebter Gegenstand historischer Darstellungen. Dabei stehen vor allem Leben und Wirken einzelner Persönlichkeiten im Vordergrund oder ihre fromme Verehrung, beleuchtet aus meist volkskundlicher Perspektive. Die Frage aber, wie denn ein Heiliger entsteht, wird nur selten behandelt. Dabei gibt es in der katholischen Kirche ein genau geregeltes Verfahren der Heiligsprechung, das nicht nur seine eigene Geschichte hat, sondern selbst den Anspruch erhebt, historisch genau das Leben der künftigen Heiligen zu untersuchen und nach religiösen Maßstäben zu bewerten. Grund genug also, das Heiligsprechungsverfahren selbst mit dem Blick des Historikers zu betrachten. Als erstes Ergebnis solcher Forschung liegt die Münchener Habilitationsschrift im Fach Kirchengeschichte von Stefan Samerski vor. Sie behandelt nicht die ganze Geschichte der Heiligsprechung, die sich bis in die Frühzeit des Christentums zurückverfolgen lässt, sondern nur die Zeit von 1740 bis 1870. Der Beginn wird markiert durch das Pontifikat Papst Benedikts XIV., der als historisch versierter Kanonist bis heute fortwirkende Grundlagen des Heiligsprechungsverfahrens in der katholischen Kirche gelegt hat. Das Ende wird vom Ersten Vatikanischen Konzil und dem Verlust des Kirchenstaates geprägt. Diese Ereignisse ergeben einen sinnvollen Zeitraum, denn die Gestalt Papst Benedikts weist bis in die Gegenwart und steht für den Beginn des Typs von Heiligsprechungsverfahren, die auch heute noch und zwar zahlreich in der katholischen Kirche durchgeführt werden, modifiziert freilich durch die Reform des kanonischen Rechts im Jahre 1983. Das Ende des Kirchenstaates und das Erste Vatikanische Konzil bedeuteten einen Epochenabschluss in der Kirchengeschichte, der sich besonders in der stärker werdenden weltkirchlichen Perspektive des Papsttums äußert. Die vorliegende Arbeit behandelt daher zum großen Teil italienische Kirchen- und Heiligengeschichte.

Sie gliedert sich in fünf Teile. Der erste Teil stellt das Heiligsprechungsverfahren als besonderen kanonischen Prozess dar, wobei ein Schwerpunkt auf dem durch Papst Benedikt XIV. neu geordneten Verfahren liegt, gleichsam als Grundlage für die weiteren Ausführungen. Die Teile zwei bis fünf behandeln die Heiligsprechungsverfahren der damaligen Zeit aus unterschiedlicher Perspektive. Teil zwei ordnet die Verfahren einzelnen Pontifikaten zu. Im Einzelnen wird das Wirken der Päpste Benedikt XIV., Clemens XIII., Pius VI. und Pius IX. in einem eigenen Abschnitt gewürdigt. Der dritte und ausführlichste Teil der Arbeit organisiert die besprochenen Heiligsprechungsverfahren, die „Causae“ im Fachjargon, unter verschiedenen Aspekten, die Samerski knapp mit „Typologie“ betitelt. Es geht dabei um die unterschiedlichen Funktionalisierungen der Heiligsprechungsverfahren für politische und oder religiöse Zwecke. Hier liegt ein Schwerpunkt von Samerskis Untersuchung. Ist von ihrem Selbstverständnis her die Heiligsprechung in der katholischen Kirche bloß die Approbation einer schon vorhandenen Verehrung des gläubigen Volkes, wobei die Heiligkeit tugendhaftes Leben des künftigen Heiligen und auf seine Fürsprache hin geschehene Wunder erfordert, so zeigt Samerski, dass fromme Verehrung, heiliges Leben, das historisch manchmal kaum fassbar ist, ja sogar Wunder durch (kirchen-)politische und theologische Zeitinteressen überspielt werden können und überspielt wurden. Das Leben der Heiligen konnte während der oft langen Verfahren zur Folie für mitunter sogar wechselnde Interessen werden. Im vierten Teil werden die Heiligsprechungen nach Grundkonstanten wie Ordenszugehörigkeit und (lokale) Herkunft untersucht. Eine Heiligsprechung, das wird hierbei deutlich, ist immer auch ein ökonomisch aufwendiges Unternehmen, und Samerski versäumt es nicht, stets die Kostenfrage anzusprechen. Besonders geschieht dies im fünften Teil der Arbeit.

Im Rahmen dieser kurzen Besprechung kann unmöglich auf die Fülle der von Samerski aufgeworfenen Fragen und Verfahren eingegangen werden. Einige Aspekte müssen daher genügen. Der Aufbau der Arbeit ist ungewöhnlich. Er verlässt das chronologische Schema, das man bei einer historischen Arbeit zumeist erwartet und gliedert nach inhaltlichen Aspekten. Nur bei Teil zwei, den Pontifikaten, findet sich eine historische Abfolge. Dieser Ansatz erweist sich aber als tragfähig, denn er bildet die Vielschichtigkeit der Aspekte und Interessen ab, die bei Heiligsprechungsverfahren zu beobachten sind. Dadurch werden Vergleiche möglich. Allerdings ist Samerski auch gezwungen, einzelne Verfahren an mehreren Stellen zu behandeln. Das wird nicht immer deutlich (etwa durch Verweise in den Fußnoten), aber ein solides Register hilft, Zusammengehöriges zu finden.

Grundgerüst der Arbeit ist das Archiv der Ritenkongregation in Rom, bei der die besprochenen Verfahren anhängig waren. Samerski belegt seine Beobachtungen sehr genau anhand der archivischen Quellen. Hier hat er Pionierarbeit geleistet, da er als einer der ersten das Archiv der Kongregation als historische Quelle für die Geschichte der Heiligsprechungsverfahren ausgewertet hat. Insoweit kommt der Arbeit Vorbildcharakter für weitere Forschungen zu. Die Fülle der Aspekte, die Samerski ausbreitet, bietet auf jeder Seite Stoff für weiterführende Untersuchungen. Gerade in dieser großen tour d’horizont des Heiligsprechungswesens der Neuzeit liegt der Wert von Samerskis Arbeit. Daneben gelingt es ihm auch, den Gang einzelner Verfahren zu durchleuchten. Dabei werden alle wichtigen Causen des Untersuchungszeitraums gewürdigt. Samerski bietet, das sei positiv vermerkt, durchgängig biografische Notizen zu den erwähnten Heiligen, aber auch zu den Protagonisten aus der Ritenkongregation. Die Schilderung der Verfahren indes ist manchmal zu detailreich, wenn auch stets quellenmäßig belegt. Hier hätte eine Straffung die Einflüsse, denen die Causen ausgesetzt waren, noch deutlicher in Erscheinung treten lassen. Allerdings wird der hagiographisch interessierte Leser gerade die Details sehr schätzen. Es lohnt sich, für jede in den Untersuchungszeitraum fallende Causa das Register zu konsultieren. Man findet etwa auf den S. 413-420 eine regelrechte Geschichte der Selig- und Heiligsprechung des Gründers der Passionisten, des hl. Paul vom Kreuz.

Samerski macht es dem Leser aber nicht leicht, diese hagiographischen „Perlen“ zu finden. Mehr Zwischenüberschriften und Gliederungspunkte hätten die punktuelle Konsultation des Buches unterstützen können. Maximal drei Gliederungsebenen innerhalb der einzelnen Teile sind bei einer Arbeit von derartiger Detailfülle zu wenig. Im Falle Pauls vom Kreuz, um beim Beispiel zu bleiben, hilft auch das ansonsten ausführliche und sorgfältige Register nicht weiter. Samerski hat es leider versäumt, die meist italienischen Heiligen mit ihren im Deutschen bekannten Namen zu verzeichnen oder entsprechende Verweise vorzunehmen. Unter „Croce, Paolo della“, einer bibliographisch ungewöhnlichen Form, sucht man ihn wahrscheinlich nicht.

Abschließend noch ein Wort zur verwendeten Literatur. Man sieht es der Arbeit an, dass sie im italienischen Kontext entstanden ist. Besonders auffällig ist dies bei den Lemmata hagiographischer und theologischer Lexika, die durchgängig der renommierten „Biblioteca Sanctorum“ (BS) entnommen sind. Mit Blick auf den deutschen Leser hätte man sich aber Hinweise auf die vorhandene deutschsprachige Literatur gewünscht, denn nicht jeder Historiker hat die BS zur Hand, wohl aber das „Lexikon für Theologie und Kirche“ (LThK), um ein Beispiel zu nennen. Im übrigen ist das Literaturverzeichnis sorgfältig bearbeitet und führt dankenswerterweise auch die einzelnen Lemmata von Lexika auf. So kann der Leser die manchmal unvollständig gebliebenen Zitate in den Fußnoten rasch auflösen.

Der Gesamteindruck der Arbeit ist äußerst positiv. Samerski ist es gelungen, eine ungeheure Stoffülle in einen überschaubaren und nachvollziehbaren Rahmen zu stellen und Grundlinien neuzeitlicher Heiligsprechung herauszuarbeiten, die bis in die Gegenwart Gültigkeit haben. Historiker, die sich mit der Thematik der Heiligsprechung in der katholischen Kirche – auch unter kulturgeschichtlichen Fragestellungen – beschäftigen wollen, werden in Zukunft an Samerskis Arbeit nicht vorbeikommen. Sie erwartet eine lehrreiche, angenehme, ja spannende Lektüre.

Zitation
Eric Steinhauer: Rezension zu: Samerski, Stefan: "Wie im Himmel, so auf Erden"?. Selig- und Heiligsprechung in der Katholischen Kirche 1740 bis 1870. Stuttgart 2002 , in: H-Soz-Kult, 08.05.2003, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2570>.
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08.05.2003
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