H. Halbrainer u.a. (Hrsg.): Kriegsende in der Steiermark 1945

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Titel
Kriegsende in der Steiermark 1945. Terror, Kapitulation, Besatzung, Neubeginn


Hrsg. v.
Halbrainer, Heimo; Kumar, Victoria
Erschienen
Graz 2015: CLIO Verlag
Umfang
285 S.
Preis
€ 22,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wolfgang Weber, Institut für Zeitgeschichte, Universität Innsbruck Email:

Im Mai 2015 fand eine gemeinsam von Clio – Verein für Geschichts- und Bildungsarbeit und „die siebente fakultät“ – dem Zentrum für Gesellschaft, Wissen und Kommunikation der Karl-Franzens-Universität Graz organisierte Tagung über die Steiermark im Jahr 1945 statt. Im Fokus der zwölf Vorträge des Symposions standen jene vier Unterrsuchungsfelder, die im Untertitel des Tagungsbandes angeführt sind: der Terror des NS-Regimes und seiner Unterstützer gegen jüdische Menschen, Zwangsarbeiter/innen, den steirischen Widerstand, die Deserteure, die Häftlinge in Gefängnissen und Konzentrationslagern und alliierte Kriegsgefangene; die militärische Niederlage und Kapitulation der Deutschen Wehrmacht und ihrer Verbündeten in der Steiermark; die als Besatzung titulierte Befreiung; sowie der Neubeginn, respektive dem Aufbau einer militärischen und zivilen Landesverwaltung.

Für die Publikation nicht berücksichtigt wurde der Eröffnungsvortrag von Alt-Rektor Helmut Konrad über die von ihm so benannten „Fünfer-Jahre“ 1945, 1955 und 2015. Dafür wurde der Tagungsband um einen zweiten Beitrag des Co-Herausgebers Heimo Halbrainer über NS-Verbrechen bei der Räumung von Haftanstalten und Konzentrationslagern sowie von Karin M. Schmidlechner über die so genannten Trümmerfrauen ergänzt. Die insgesamt 13 Beiträge zum vorliegenden Sammelband wurden nach vier Kapiteln gegliedert, welche die vier oben genannten Panels des Symposions widerspiegeln.

Nach einleitenden Bemerkungen von Heimo Halbrainer und Victoria Kumar, welche einen Einblick in die Genese der NS-Forschung in der Steiermark seit 1971 geben, fasst Wolfram Dornik den aktuellen Stand der Forschung über das militärische Kriegsende 1945 zusammen und setzt es in den Kontext des (ost-)steirischen Opferdiskurses. Dabei kommt er zum Schluss, dass die Erinnerung am Land noch deutlich stärker vom steinernen Gedächtnis der Kriegerdenkmäler geprägt ist als jene in der Stadt Graz oder ausgewiesenen internationalen Erinnerungsorten der Region wie dem Präbichlpass.

Im ersten Kapitel, welches mit „Terror in der Endphase des NS-Regimes“ betitelt ist, fassen vier Autor/innen ihre Forschungen zum genannten Untersuchungsgegenstand auf jeweils rund 20 Seiten prägnant zusammen. Eleonore Lappin-Eppel (33–49) referiert auf Basis ihrer Studien und Akten im britischen und österreichischen Nationalarchiv sowie dem Wiener Stadt- und dem Steiermärkischen Landesarchiv die Morde an jüdischen ungarischen Menschen im April 1945 in der Steiermark. Dabei zeigt sie die lokale und regionale Verantwortung für diese Verbrechen auf. Das tut auch Georg Hoffmann (51–70), der am Beispiel der Lynchjustiz an alliierten Flugzeugbesatzungen und der Erinnerung daran nach 1945 deutlich macht, wie gering die Einsicht in die österreichische Täterrolle über viele Jahrzehnte war. Wie Lappin-Eppel verwendet auch er Akten aus internationalen Archiven und Interviews mit Zeitzeugen, die er im Rahmen eines von mehreren österreichischen Institutionen finanzierten Forschungsprojektes führte.

Heimo Halbrainer erinnert in seinem ersten von zwei Beiträgen an die NS-Verbrechen bei der Räumung von Haftanstalten und Außenlagern des Konzentrationslagers Mauthausen in der Steiermark (71–95). Er verortet die regionalgeschichtlichen Ereignisse in der Universalgeschichte des Nationalsozialismus und macht damit die europäische Dimension der Endphaseverbrechen deutlich. Wie Lappin-Eppel und Hoffmann reflektiert auch Halbrainer neben der Fachliteratur auf einschlägige Bestände in nationalen und internationalen Archiven, aus den Fußnoten 87 und 88 erschließt sich jedoch leider nicht das vermutlich internationale Archiv der beiden zitierten Akten.

Mathias Lichtenwagner wertet für seine Untersuchung (97–117) über die Militärjustiz neben einschlägiger Literatur Akten im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes in Wien aus. Er plädiert dafür, beim Blick auf die Opfer dieser „Justiz“ nicht bei den Verbrechen in der Endphase vor der sprichwörtlichen Haustüre zu verharren, sondern deren Kontinuität von den Verbrechen an den diversen Fronten des Zweiten Weltkrieges, insbesondere im Osten, hin zu den Verbrechen in der engeren Region zu beachten.

Wie das zweite Panel der Tagung so ist auch das zweite Kapitel des Konferenzbandes mit „Handlungsspielräume“ überschrieben. In zwei Aufsätzen wird darin darauf verwiesen, dass Widerstand eine Option war. Heimo Halbrainer gibt im ersten Beitrag (121–144) einen kurzen Überblick zum steirischen Widerstand zwischen 1938 und 1944, um dann detailliert den autonomen und heteronom unterstützten politischen Widerstand in den letzten Kriegsmonaten zu rekonstruieren. Er zeigt die bedeutende Rolle, welche Kommunistinnen und Kommunisten spielten auf und bindet deren Verdienste in das Widerstandsnarrativ von Partisanen, Sozialisten, Fallschirmagenten, Deserteuren und viele andere mehr ein. Engelbert Kremshofer reflektiert in seinem Aufsatz auf eine besondere Gruppe des Widerstandes, nämlich die „Gerechten unter den Völkern“ aus der Steiermark (145–162). Er verweist darin nicht nur auf jene Steirerinnen und Steirer, die durch Yad Vashem mit diesem Titel ausgezeichnet wurden, sondern auf 40 steirische Familien, welche bei Kriegsende zumindest 160 jüdischen Menschen das Leben retteten.

Im dritten sowohl bei der Tagung als im Konferenzband mit „Die sogenannte ‚Stunde Null‘“ betitelten Kapitel referieren zwei Doyens der Forschung über die Besatzungszeit in der Steiermark und präsentierten ihre in vielen Jahren intensiver Recherche und Publikationstätigkeit gesammelten Ergebnisse. Barbara Stelzl-Marx fasst auf 15 Seiten die zentralen Aspekte der sowjetischen Befreiung und der wenigen Wochen dauernden Besatzung der Steiermark durch Sowjettruppen zusammen (165–180). Sie erinnert an Demontagen und Plünderungen, an Verhaftungen und Verschleppungen, an Liebesbeziehungen und Vergewaltigungen – und an sogenannte Besatzungskinder und deren Marginalisierung in der steirischen Nach- und Gegenwartsgesellschaft. Gerade um die Wahrnehmung der letzteren hat sie sich sehr verdient gemacht und 2015 einen grundlegenden Sammelband[1] vorgelegt, welcher deren Lebensverläufe historisiert. Siegfried Beer fokussiert in seiner Darstellung (181–201) mehr auf die administrativ-politische Geschichte der britischen Besatzungsjahre und zeigt mittels amüsanter Zitate aus britischen Akten auf, wie stark das britische Besatzungspersonal von Stereotypen über Österreich geleitet war. Stelzl-Marx und Beer machen deutlich, warum 1945 keine Unterbrechung, sondern Kontinuität herrschte, weswegen sich die Frage stellt, warum dann sowohl in Panel- wie in Kapitelüberschrift die „Stunde Null“ wenn auch mit dem Affix „sog.“ als Bild bemüht wird. Hier wäre es nach Ansicht des Rezensenten vernünftiger gewesen, eine treffendere Begrifflichkeit zu verwenden.

Im abschließenden vierten Kapitel, welches wiederum denselben Titel wie das Panel trägt, nämlich „Nachzeit: Aufarbeiten und Erinnern“, diskutieren drei Autorinnen und ein Autor am Beispiel der strafrechtlichen Verfolgung von NS-Verbrechen in Österreich (Claudia Kuretsidis-Haider, 205–219), des steirischen Gedenkens an den NS-Terror in der Endphase (Viktoria Kumar, 221–238), der Anfänge der jüdischen Gemeinde Steiermark in der Zweiten Republik (Gerald Lamprecht, 239–259) sowie von Frauenarbeit und Trümmerfrauen (Karin M. Schmidlechner, 261–276) die gesellschaftspolitischen Aktivitäten, welche nach Befreiung, Besatzung und neuer staatlicher Souveränität Platz griffen. Im Unterschied zu den vorangehenden drei Kapiteln fehlt dem vierten die inhaltliche Klammer, welche es zusammenhält. Sie lässt sich der mit der Regional- und Nationalgeschichte vertrauten Person eventuell über die Figur des Vergessens erschließen: Alle vier verweisen nämlich in ihren Studien darauf, dass in den ersten Nachkriegsjahren sehr wohl eine Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen, NS-Gedenken, der Vernichtung der jüdischen Gemeinde oder der Rolle der Frauen in der Nachkriegswirtschaft stattfand; dass diese jedoch ab den 1950er- in eine Amnesie fiel und erst ab den 1980er-Jahren wieder thematisiert wurde.

Ein solcher Befund wäre eventuell die Grundlage für ein resümierendes Kapitel der Herausgeber gewesen. Dieses fehlt und so hat der Tagungsband etwas Unvollendetes. Er ist trotzdem ein zentrales Nachschlagewerk für alle an der Regionalgeschichte des Kriegsendes 1945 Interessierten. Die einzelnen Kapitel weisen eine Länge auf, die kein Register notwendig macht. Sie sind von den besten Fachleuten der steiermärkischen Zeitgeschichte geschrieben, die für ihre Studien schriftliche Überlieferungen aus internationalen und nationalen Archiven auswerten und sie mit der aktuellen Fachliteratur korrespondieren lassen. Daher ist dieses Buch ein Best-of des Status quo zur Historiographie des Jahres 1945 in der Steiermark.

Anmerkung:
[1] Barbara Stelzl-Marx / Silke Satjukow (Hrsg.), Besatzungskinder. Die Nachkommen alliierter Soldaten in Österreich und Deutschland, Wien 2015.

Zitation
Wolfgang Weber: Rezension zu: Halbrainer, Heimo; Kumar, Victoria (Hrsg.): Kriegsende in der Steiermark 1945. Terror, Kapitulation, Besatzung, Neubeginn. Graz 2015 , in: H-Soz-Kult, 11.09.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25795>.
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Veröffentlicht am
11.09.2017
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