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Titel
Macht der Unordnung. Stalins Herrschaft in Zentralasien 1920–1950


Autor(en)
Teichmann, Christian
Erschienen
Umfang
287 S.
Preis
€ 28,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Beate Eschment, Redaktion Zentralasien-Analysen / ZOiS gGmbH, Berlin

Nachdem das Phänomen Stalinismus jahrzehntelang nur mit Blick auf das Zentrum behandelt worden ist (bzw. behandelt werden konnte), sind in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Arbeiten erschienen, die die gewaltsame Durchsetzung des Sowjetsystems in den Peripherien der Union zum Gegenstand hatten und nicht nur neue Details zutage förderten, sondern auch ganz neue Erklärungsansätze hervorbrachten.[1] In diesen Kontext gehört nun auch Christian Teichmanns wegweisende Untersuchung der Etablierung der Sowjetmacht bei den sesshaften, traditionell Ackerbau treibenden Bevölkerungsgruppen Zentralasiens, das heißt auf dem Gebiet der Usbekischen und Tadschikischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Aus Perspektive des Kreml handelte es sich um rückständige Gebiete, denen es an Merkmalen moderner Staatlichkeit genauso fehlte wie an ethnisch konsolidierten Nationen – vor allem aber natürlich an einer etablierten Sowjetmacht (S. 17f.). Wirtschaftlich war das Gebiet allerdings interessant, vor allem wegen der Baumwolle. Es bot sich also an, quasi mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Die Rekonstruktion und vor allem Erweiterung der schon in der Zarenzeit angelegten Bewässerungsanlagen zwecks Steigerung des Baumwollanbaus sollten eine soziale Revolution auslösen und die Sowjetherrschaft wirtschaftlich und politisch zugleich etablieren (z.B. S. 7, S. 10). Wie das im Detail geschah, will Christian Teichmann mit seinem Buch, der überarbeiteten Fassung seiner 2010 an der Humboldt-Universität zu Berlin verteidigten Dissertation, zeigen.

Auch eine Arbeit mit der Überschrift „Unordnung“ bedarf der inneren Ordnung. Diese herzustellen dürfte angesichts des Umfangs des Themas und der Vielzahl und Verschiedenartigkeit der für das Vorhaben relevanten Aspekte und Handlungsstränge eine echte Herausforderung gewesen sein. Dargelegt werden Vorgänge in Moskau wie vor allem in zwei verschiedenen Sowjetrepubliken, wobei der Schwerpunkt auf Usbekistan liegt; Pläne auf der einen Seite, die Realität auf der anderen; aber auch die Rolle von Personen, hier ganz besonders die der Wasserbauingenieure, und persönliche Auseinandersetzungen, das heißt Machtkämpfe zwischen Parteimitgliedern; Säuberungen, bürokratische Prozesse, ökonomische Zusammenhänge und wasserbautechnische Probleme. Christian Teichmann hat sich für eine grundsätzlich chronologische Darstellung entschieden, kombiniert mit sich teilweise zeitlich überschneidenden Sachkapiteln. So folgt zum Beispiel auf die Darstellung des (misslungenen) Kanalbaus im tadschikischen Wachsch-Tal, 1930–1937 (S. 142–172) die Schilderung der Baumwollwirtschaft unter den Bedingungen von Planwirtschaft und Terror in Usbekistan, 1933–1937 (S. 173–210). Anders als im Buchtitel angekündigt, beginnt die Darstellung nicht 1920, sondern viel früher, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, mit einer ausführlichen und auch bereits auf Archivarbeit beruhenden einführenden Darstellung in die Thematik während der Zarenzeit und der Revolutionen. Dafür wird die Nachkriegszeit (Bleierne Jahre, 1945–1950) ganz anders als die vorangegangenen Etappen nur noch sehr knapp auf zwei Seiten kursorisch abgehandelt (S. 237–239). Die häufig sehr kleinteilige Schilderung verbunden mit den vielen getrennten und nicht immer im Fazit eines Kapitels zusammengefügten Themensträngen erfordert Geduld und Durchhaltevermögen beim Lesen. Erleichtert wird dies allerdings durch eine ganz erstaunlich gute Lesbarkeit: kurze Sätze, verständliche Sprache und inhaltlich sehr gute Einführungen sowohl in die Gesamtthematik als auch die speziellen Fragestellungen der einzelnen Kapitel.

Wäre für die Stringenz der Darstellung also weniger vielleicht mehr gewesen, so ist es für die Stützung des Gesamtergebnisses natürlich vorteilhaft, dass die neue, ungewohnte Forschungshypothese mit so unendlich vielen Belegen aus ganz unterschiedlichen Bereichen untermauert werden kann. Geschildert wird nämlich nicht die gewohnte klassische Geschichte der zwar gewaltsamen, aber doch planmäßigen und letztlich erfolgreichen Durchsetzung von sowjetischer Staatlichkeit, sondern ganz im Gegenteil eine Zeit der Misserfolge, der Überforderung, verfehlter Pläne, wirtschaftlicher Probleme und sozialer Verwerfungen.

Schon der Ausgangspunkt des Kreml, die Verknüpfung der Etablierung der Sowjetmacht mit der Steigerung des Baumwollanbaus war problematisch. Was folgte, war keine geplante und gezielte Politik des Kreml zwecks Modernisierung in Kombination von Emanzipation und Entwicklung, sondern Unordnung verbunden mit Gewalt als Prinzip (S. 20f.) – Chaos, Willkür, Unberechenbarkeit, Angst (S. 156; S. 208–210). Und hier liegt das innovative Element von Teichmanns Arbeit, das ihm unter anderem die Auszeichnung mit dem Hannah-Arendt-Preis der Böll-Stiftung eingebracht hat.[2] Ganz im Gegensatz zur bislang vorherrschenden Darstellung in den historischen Sozialwissenschaften betrachtet Teichmann diese Unordnung nicht als Betriebsunfall, sondern als bewusst eingesetztes, wichtigstes Mittel, um politische Macht in Zentralasien zu manifestieren (S. 21). Ziel der Staatsgewalt war es demnach, anders als bislang postuliert, nicht, Ordnung in Chaos und Gewalt Zentralasiens zu schaffen, sondern sie setzte Chaos und Gewalt ein, um staatliche Ordnung in einem zentralistischen Staat zu schaffen (S. 241) – wobei Stalin Auslöser und einziger Profiteur dieser Unordnung war (S. 251).

Über diese spannende Erklärung des Phänomens Etablierung staatlicher Herrschaft à la Stalin hinaus sind manche der beschriebenen Phänomene und Entwicklungen eine sehr hilfreiche Ergänzung für das Verständnis nicht nur der Geschichte, sondern auch der aktuellen Besonderheiten und Probleme Zentralasiens. Zu nennen sind hier so unterschiedliche Dinge wie Details zur Grenzziehung (S. 57–69) und Wasserkonflikten (S. 69) oder die Beobachtung der schon damals extremen Personalisierung von Politik, die in vielen Fallbeispielen deutlich wird.

Dennoch bleibt bei der Rezensentin, die nicht Stalinismusexpertin, sondern Zentralasienwissenschaftlerin ist, ein gewisses Gefühl von Unzufriedenheit. Dies ist allerdings primär nicht Christian Teichmann anzulasten, sondern der Größe der Aufgabe und, wie so oft, der Archivsituation. Behandelt wird ein peripherer Raum, aber eben doch die Politik Moskaus in diesem Raum – die Perspektive Moskaus auf die Peripherie überwiegt. Die betroffenen Einheimischen bleiben irgendwie fremd und fern, „typisch zentralasiatische“ Phänomene wie Clanwesen (S. 247), extreme Personalisierung (S. 69) oder Korruption (S. 193) werden nur aus Moskauer Sicht dargelegt. Es stellt sich die Frage, inwieweit manche der beschriebenen Misserfolge auf kulturellen Missverständnissen beruhten, und darauf folgend für Teichmanns Argumentation wichtiger: Ist das Beschriebene typisch für den Herrschaftsstil Stalins insgesamt – oder nicht vielleicht eher eine Reaktion auf die speziellen zentralasiatischen Verhältnisse?

Vor allem bleibt bei Phänomenen wie zum Beispiel der willkürlichen Entscheidung zur gewalttätigen Getreidebeschaffung (S. 120) oder der Tatsache, dass Stalin sich en détail mit Baumwollquoten befasste (S. 181f.) die Frage: Steckt hinter der so überzeugend dargelegten Unordnung tatsächlich ein bewusst eingesetztes Prinzip oder war es schlichtes Unvermögen? Ohne Zweifel wirkten Stalins erratische Beschlüsse verunsichernd und beängstigend, aber war das ihr primäres Ziel oder eine zwar im Ergebnis erfolgreiche, aber eigentlich gar nicht intendierte Wirkung? Handelt es sich nicht vielleicht um eine Erklärung, einen Versuch von Sinngebung, im Nachhinein? Christian Teichmanns These von der bewusst erzeugten Unordnung als Mittel zur Schaffung sozialistischer staatlicher Ordnung ist ein innovativer, mutiger Denkanstoß, der aber noch vieler weiterer Belege bedarf, bevor man ihn als wirklich überzeugend für die sowjetische Politik in der Zeit Stalins betrachten kann.

Anmerkungen:
[1] Am bekanntesten im deutschen Sprachraum: Jörg Baberowski, Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus, München 2003; Robert Kindler, Stalins Nomaden. Herrschaft und Hunger in Kasachstan, Hamburg 2014.
[2] Christian Teichmann ist Hannah-Arendt-Preisträger 2016, 15. September 2016, https://www.boell.de/de/2016/09/15/christian-teichmann-ist-hannah-arendt-preistraeger-2016 (06.03.2017).

Zitation
Beate Eschment: Rezension zu: Teichmann, Christian: Macht der Unordnung. Stalins Herrschaft in Zentralasien 1920–1950. Hamburg 2016 , in: H-Soz-Kult, 20.03.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25844>.