J. H. Arnold u.a. (Hrsg.): Heresy and Inquisition in France

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Titel
Heresy and Inquisition in France, 1200–1300. Edited and translated by John H. Arnold and Peter Biller


Hrsg. v.
Arnold, John H.; Biller, Peter
Erschienen
Umfang
XII, 521 S.
Preis
€ 31,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jörg Feuchter, Regesten Kaiser Friedrichs III., Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

Vor fast 50 Jahren veröffentlichte Walter L. Wakefield den von ihm und seinem damals bereits verstorbenen Lehrer Austin P. Evans erarbeiteten Band „Heresies of the High Middle Ages“.[1] Die gut 850-seitige Sammlung von Quellen bzw. Quellenauszügen in englischer Übersetzung hat die akademische Auseinandersetzung vor allem mit den großen Dissidentenbewegungen der Katharer und Waldenser stark geprägt, zumal es in anderen modernen Sprachen keine vergleichbaren Anthologien gibt. Der Wakefield/Evans brachte nicht nur lateinunkundigen Studierenden die Texte nahe, sondern diente auch den Forschern selbst als Quellenhandbuch, das Überblick und Einordnung leistet. Im Jahr 1975 legte Robert Ian Moore eine kurze Zusammenstellung speziell von Quellen des 12. Jahrhunderts nach[2], 1980 folgte Edward Peters mit einer Kompilation zu „Heresy and Authority“.[3] Moore und Peters weisen viele Überlappungen mit dem Wakefield/Evans auf, der selbst 1991 noch einmal unverändert nachgedruckt wurde.

Nun haben John H. Arnold (Cambridge) und Peter Biller (York) eine weitere Übersetzungsanthologie zusammengestellt, die im Umfang dem Wälzer von Wakefield und Evans vergleichbar ist und als Ergänzung zum großen Vorgänger gedacht ist. Es werden also ganz überwiegend Texte präsentiert, die dort nicht enthalten waren. Die Auswahl der Texte ist dabei auch ein Zeugnis für die Entwicklung der Häresieforschung im letzten halben Jahrhundert. Das reflektiert auch der Titel, in den neben „Häresie“ nun „Inquisition“ getreten ist, also jene Einrichtung, die den Großteil der Texte zur Häretikern im Mittelalter erst hervorgebracht hat.

Wie schon bei Wakefield und Evans stehen auch bei Arnold und Biller vor allem die dualistische Häresie der Katharer und die Laienpredigerbewegung der Waldenser im Mittelpunkt. Jedoch liegt der Fokus bei ihnen nahezu ausschließlich auf (Süd-)Frankreich im 13. Jahrhundert, auf das sich die Forschung in den letzten Jahrzehnten wegen des dort gegebenen immensen Quellenreichtums immer mehr konzentriert hat, während zu Italien und zur Zeit nach Anfang des 14. Jahrhunderts nur noch wenig gearbeitet wird (ab ca. 1330 gab es keine Katharer mehr, aber die Waldenser existierten bis zur Reformation weiter). Im Gegensatz zur geographisch-zeitlichen Verengung wird in dem neuen Quellenband aber das Spektrum der Quellengattungen bedeutend erweitert. Denn die Inquisitionsverhöre und -urteile, die bei Wakefield und Evans sowie Moore und Peters noch nahezu völlig fehlten, nehmen bei Arnold und Biller mit über 200 Seiten nun den breitesten Raum ein (VIII „Inquisition trials“, S. 291–508).

Die Hinwendung zu dieser Gattung erfolgte erst mit den beiden internationalen Ketzer-Bestsellern „Montaillou“ von Emmanuel Le Roy Ladurie (1975)[4] und „Der Käse und die Würmer“ von Carlo Ginzburg (1976).[5] Arno Borst etwa kam in seinem Klassiker „Die Katharer“ (1953) fast ohne ihre Auswertung aus.[6] Biller und Arnold haben selbst maßgeblich an dieser Wende mitgewirkt. Biller ist ohne Zweifel der beste lebende Kenner von Inquisitionsdokumenten zu Katharern und Waldensern. In zahlreichen gleichermaßen methodisch skrupulösen wie thesenstarken Aufsätzen, die teils auch gesammelt vorliegen[7], hat er Maßstäbe gesetzt für die Interpretation dieser Quellengattung, für deren noch reichlich naive Lektüre Le Roy Ladurie zu Recht gescholten worden war.[8] Arnold, ein Schüler Billers, hat eine Monographie zu Ketzerverhören verfasst.[9]

Beide haben also intensiv darüber reflektiert, wie die Inquisitionsverhöre und -urteile als Texte zustande kamen und wie diese Entstehungsbedingungen den Inhalt prägten. Daher ist in ihrem Quellenband auch eine eigene und umfangreiche Sektion jenen theoretischen Texten gewidmet, die die Praxis der Inquisitoren prägten: ihre eigenen Handbücher bzw. die für sie geschriebenen Handreichungen der Kirchenjuristen (VII „Legal consultations and inquisitor’s manuals“, S. 211–290). Zusammen machen diese beiden letzten Abschnitte (VII und VIII) weit mehr als die Hälfte des Buches aus, während die „traditionellen“ Quellengattungen in den deutlich kürzeren ersten sechs Abschnitten präsentiert werden: I „Heretic’s texts“, also die von den Dissidenten selbst verfassten Texte, eine sehr rare Gattung (S. 11–28), II „Chronicles“ (S. 29–84), III „Treatises“ (S. 85–112), IV „Sermons“ (S. 113–146), V „Letters and papal bulls“ (S. 147–184) und VI „Councils and statutes“ (S. 185–210). Der Titel „Heresy and Inquisition“ ist also voll gerechtfertigt.

Arnold und Biller präsentieren ihre Quellenauszüge in sorgfältigen Übersetzungen mit jeweils knappen, aber präzisen Einführungen. Die Gesamteinführung (S. 1–9) ist ebenfalls kurz und informiert vor allem über die Grundsätze der Textauswahl angesichts der intensiven quellenkritischen und methodischen Diskussion und insbesondere im Lichte der seit dem Ende der 1990er-Jahre geführten heftigen Forschungskontroverse um die Realität des Katharismus. Arnold und Biller gehören dabei (wie auch der Verfasser dieser Rezension) zu den Gegnern der radikalen „Revisionisten“, die die Existenz einer organisierten dualistischen religiösen Dissidenz zu einem reinen Figment der zeitgenössischen katholischen Verfolgungsmaschinerie und der modernen Historiographie erklären und daher nicht nur die Bezeichnung „Katharer“ rundheraus ablehnen, sondern das gesamte „Paradigma“ der bisherigen Forschung. Eine Einführung in diese trotz aller Schärfe auch sehr anregende Diskussion und damit in den aktuellen Wissenstand über die großen Häresien zu geben war aber nicht das Ziel des Bandes. Inzwischen kann dazu auf einen ebenfalls 2016 erschienenen Tagungsband[10] zurückgegriffen werden, der die teils sehr hart aufeinanderprallenden Positionen versammelt.

Arnold und Biller gehen aber insofern auf die Kontroverse ein, als sie für einige besonders heiß umstrittene Texte Ausnahmen von ihrem Prinzip machen, vor allem bisher nicht in Übersetzung greifbare Texte zu präsentieren, so etwa für den berühmten Bericht über das Ketzerkonzil von St. Félix 1167. Diesen übertragen sie nach dem Text einer rezenten Neuedition ins Englische (S. 16–19). Damit leisten sie der weiteren Diskussion und ihrer Vermittlung auch in der Lehre einen großen Dienst. Nicht nur deshalb ist der gesamte Band rundum zu empfehlen.

Kaum ein mediävistisches Forschungsthema dürfte heute so gut durch Quellenanthologien erschlossen sein wie Katharer, Waldenser und die Inquisition des 13. und frühen 14. Jahrhunderts. Allerdings ersetzt keine noch so qualitätsvolle englischsprachige Übersetzungssammlung die Lektüre der Originale. Gerade angesichts der sehr weitreichenden Vorwürfe der Revisionisten hinsichtlich der Verwendung von Begriffen wie „Katharer“ oder „Vollkommene“ – dies sei nämlich einfach Heuchelei! – ist der Rekurs auf den lateinischen Wortlaut selbst von allergrößter Bedeutung geworden. Es dürfte wohl kaum jemanden geben, dem das besser bewusst wäre als Peter Biller. Umso erfreulicher ist, dass er seit Jahren auch die zweisprachige Edition der wichtigsten Inquisitionsquellen aus dem Languedoc vorantreibt.[11]

Anmerkungen:
[1] Walter L. Wakefield / Austin P. Evans, Heresies of the High Middle Ages: Selected Sources Translated and Annotated, New York 1969.
[2] Robert Ian Moore, The Birth of Popular Heresy, Toronto 1975.
[3] Edward Peters, Heresy and Authority in Medieval Europe, Philadelphia 1980.
[4] Emmanuel Le Roy Ladurie, Montaillou, village occitan de 1294 à 1324, Paris 1975.
[5] Carlo Ginzburg, Il formaggio e i vermi. Il cosmo di un mugnaio de '500, Turin 1976.
[6] Arno Borst, Die Katharer, Stuttgart 1953.
[7] Peter Biller, The Waldenses, 1170–1530. Between a Religious Order and a Church, Aldershot 2000.
[8] Vgl. z.B. Renato Rosaldo, From the Door of His Tent: The Fieldworker and the Inquisitor, in: James Clifford / George E. Marcus (Hrsg.), Writing Culture. The Poetics and Politics of Ethnography. A School of American Research Advanced Seminar, Berkeley 1986, S. 77–97; Leonard E. Boyle, Montaillou Revisited: Mentalité and Methodology, in: J. Ambrose Raftis (Hrsg.), Pathways to Medieval Peasants, Toronto 1981, S. 119–140; Matthias Benad, Domus und Religion in Montaillou. Katholische Kirche und Katharismus im Überlebenskampf der Familie des Pfarrers Petrus Clerici am Anfang des 14. Jahrhunderts, Tübingen 1990, S. 23–36.
[9] John H. Arnold, Inquisition and Power. Catharism and the Confessing Subject in Medieval Languedoc, Philadelphia 2001.
[10] Antonio Sennis (Hrsg.), Cathars in Question, Martlesham 2016.
[11] Vgl. Peter Biller / Caterina Bruschi / Shelagh Sneddon (Hrsg.), Inquisitors and Heretics in Thirteenth-Century Languedoc. Edition and Translation of Toulouse Inquisition Depositions 1273–1282, Leiden 2011. Weitere Bände sind als Ergebnis eines in York von Biller und seiner Kollegin Lucy Sackville betriebenen Editionsvorhabens zu erwarten.

Zitation
Jörg Feuchter: Rezension zu: Arnold, John H.; Biller, Peter (Hrsg.): Heresy and Inquisition in France, 1200–1300. Edited and translated by John H. Arnold and Peter Biller. Glasgow 2016 , in: H-Soz-Kult, 15.03.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25846>.