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Titel
Pogrome im Zarenreich. Dynamiken kollektiver Gewalt


Autor(en)
Wiese, Stefan
Erschienen
Umfang
329 S.
Preis
€ 28,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anke Hilbrenner, Institut für Geschichtswissenschaften, Universität Bonn

Die antijüdischen Pogrome im Zarenreich, die sich an der westlichen Peripherie des Russischen Reiches seit dem späten 19. Jahrhundert in drei Phasen (1881–1882, 1903–1906 und 1915–1921) ereigneten, sind ein zentrales Thema der jüdischen Geschichte. Vor allem in der osteuropäischen jüdischen Geschichte hat die Wahrnehmung der Pogrome als Wendepunkt und die Krise als Entstehungszusammenhang der vielfältigen jüdischen nationalen Bewegungen im Russischen Reich geradezu paradigmatischen Charakter.[1] Aufgrund ihrer Bedeutung haben die gewaltsamen antijüdischen Ausschreitungen zahlreiche Debatten und einige Umwertungen erlebt. Lange Jahre hat Simon Dubnow das Verständnis geprägt, die Pogrome seien von der zarischen Obrigkeit inszeniert gewesen: „Das Regime hat immer wieder versucht, die unerschöpflichen Ressourcen von Pogromenergie, die die Massen der russischen Bevölkerung in sich trugen, für seine eigenen Zwecke auszunutzen.“[2] Die Vorstellung des Zeitgenossen Dubnow, 1881 sei der Beginn einer Epoche gewesen, in der die zarische Regierung ihre jüdischen Untertanen in periodisch wiederkehrenden Abständen dem wütenden Mob auslieferte, prägte Generationen von Historikern.

Seit den 1970er-Jahren allerdings bemühte sich die so genannte revisionistische Schule um eine neue Deutung der Pogrome im Zarenreich. Als erster kam Hans Rogger zu dem Schluss, dass die Obrigkeit kein Interesse an gewaltsamen Ausschreitungen der Unterschichten gehabt haben konnte.[3] Solche Unruhen seien nicht zu kontrollieren gewesen und stellten für die lokalen und überregionalen Behörden eine Gefahr da. Deshalb widersprachen Rogger und seine Nachfolger Dubnows These von der obrigkeitlichen Inszenierung.[4] Bereits die Revisionisten in den 1970er-Jahren plädierten für eine Einbettung der Pogrome in einen breiteren historischen Kontext gewaltsamer Ausschreitungen der russländischen Unterschichten.[5]

Stefan Wieses gelungenes Buch über die Pogrome im Zarenreich ist die Antwort auf genau diese Forderung. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, darauf hinzuweisen, dass Wiese nicht in erster Linie ein Kenner der jüdischen Geschichte ist, sondern ein ausgewiesener Osteuropahistoriker. Dass Osteuropahistoriker sich mit jüdischen Themen der osteuropäischen Geschichte befassen ist ein wichtiger Schritt hinaus aus den zum Teil selbst auferlegten Nischen der beiden „kleinen Fächer“, der osteuropäischen Geschichte auf der einen und der jüdischen Geschichte auf der anderen Seite. Die Juden als eine von zahlreichen Minderheiten in der Geschichte des russischen Vielvölkerreiches und als transnationale Gruppe par excellence haben paradigmatischen Charakter für die osteuropäische Geschichte und darüber hinaus, für die allgemeine Geschichte. Es ist deshalb sicher kein Zufall, dass sich in den letzten Jahren einige Osteuropahistoriker/innen mit jüdischen Themen beschäftigen. Stefan Wieses Untersuchung zeigt, wie wichtig und notwendig dieser Perspektivwechsel für alle Seiten ist. Wiese untersucht die Pogrome eben als Phänomen kollektiver Gewalt im Zarenreich und nicht aus der Perspektive der jüdischen Opfer. Deshalb nimmt er auch Pogrome in den Blick, die sich gegen andere Gruppen richteten, etwa die Choleraunruhen von 1892, bei denen Gewalt etwa gegen Ärzte und anderes medizinisches Personal angewendet wurde.

Wiese stammt aus der Schule der Gewaltforschung, die sich am konkreten Gewaltbegriff orientiert und eine dichte Beschreibung der konkreten Gewaltsituationen fordert. Deshalb untersucht er die Funktionsweise von Pogromgewalt sehr detailliert anhand ausgewählter Fallstudien.

Im ersten Kapitel beschreibt Wiese das Pogrom von Elisavetgrad, mit dem die Pogromwelle von 1881–1882 ihren Anfang nahm und etabliert damit eine Blaupause für das „Funktionieren“ des Pogrommechanismus, die allen anderen Kapiteln zu Grunde liegt.

Im zweiten Kapitel untersucht er die Choleraunruhen und zeigt, warum Pogrome in „Wellen“ stattgefunden haben bzw. auf welche Weise sie zur Nachahmung anregten.

Das dritte Kapitel wendet sich mit dem Pogrom von Žitomir der Phase von 1903–1906 zu. Žitomir, so Wiese, war ein angekündigtes Pogrom und konnte dennoch nicht verhindert werden. Zudem nimmt er kritisch die Rolle sogenannten „Schwarzhunderter“ in den Blick, die meist für die Pogromgewalt verantwortlich gemacht werden, deren Existenz Wiese jedoch für kaum nachweisbar hält.

Im vierten Kapitel wendet Wiese sich den Einberufungspogromen während des Ersten Weltkrieges zu. Am Beispiel des Pogroms von Astrachan aus dem Jahr 1915 kann er zeigen, dass die Pogromtäter ihre Opfergruppen auswechseln konnten, so dass an einem Tag Perser und am nächsten Deutsche zum Ziel der kollektiven Gewalt wurden.

Im fünften Kapitel verlässt Wiese den Begriff „Pogrom“ und beschreibt die antijüdische Gewalt, die bereits während des Ersten Weltkrieges ihren Anfang nahm und die sich im Laufe des Bürgerkriegs zu einer Serie von Massakern ausweitete. Diese massenhaften und grausamen Tötungen waren, wie Wiese am Beispiel von Fastov im Jahr 1919 zeigen kann, kein Pogrom mehr, und funktionierten nach anderen Regeln.

Es ist Wiese Perspektive, die diesen wichtigen Beitrag zur osteuropäischen jüdischen Geschichte ermöglicht hat. Seine akteurszentrierte Sichtweise beleuchtet sowohl die Pogromtäter als auch ihre Opfer und ihre jeweiligen Handlungsspielräume. Zudem wird die Rolle einer dritten Gruppe deutlich, die Gruppe der Zuschauer, die das Pogrom durch ihre Passivität erst möglich macht und um deren implizite Zustimmung die Pogromtäter ringen. Die Übergänge zwischen diesen Gruppen waren offenbar fließend und dieser Fluss konnte den Ablauf des Pogroms beeinflussen. Möglicherweise ließen sich diese unterschiedlichen Akteursgruppen als emotionale Gemeinschaften bezeichnen, die durch ein situatives und ephemeres emotionales Regime verbunden waren, das aber je nach Situation auch andere Gruppengrenzen vorstellbar macht. So wird auch der Blick auf alternative Verläufe kollektiver Gewalt geöffnet.

Als Faktoren, die den Verlauf solcher kollektiver Gewaltereignisse beeinflussen, macht Wiese mithilfe seiner Beschreibung sowohl die äußeren Bedingungen, wie etwa das Wetter, aus, als auch die agency der einzelnen Akteure, ihr Wunsch nach Gemeinschaft und rauschhafter Gewalt ebenso wie Angst (etwa vor der Cholera) oder wie materielle Bedürfnisse von plündernden Frauen und Kindern.

Wiese benennt diese Motive für den Verlauf der Pogrome jenseits der großen Narrative, wie Judenhass und Konterrevolution. Dass diese Narrative dennoch eine Rolle dabei spielten, etwa Juden als eine Gruppe zu markieren, die sich angreifen ließ, ohne dass großer Widerstand der dritten passiven Gruppe befürchtet werden musste, macht er aber trotzdem deutlich. Letztlich wird die Rolle etwa von antisemitischer Hetze in den Zeitungen des Russischen Reiches im Gegensatz zum Eigensinn der Pogromtäter sehr niedrig eingeschätzt.

Als einzige Schwachstelle ist das unverhältnismäßig lange und langatmige Kapitel zur Rolle der jüdischen Selbstwehr beim Pogrom von Žitomir ausmachen: Wiese dekonstruiert die Heldenrolle der „politisierten Selbstwehr“ (S. 176), die wirkungslos gewesen sei bzw. die anti-jüdische Gewalt eher noch radikalisiert und verstärkt habe. Er macht zudem auf die innerjüdischen Konflikte aufmerksam, die diese Selbstwehren ausgelöst haben. In all dem mag man ihm folgen.

Dennoch führt er schließlich aus, dass es durchaus Selbstwehren gab, die erfolgreich waren. Diese aber seien, so Wiese, eher nachbarschaftlich und spontan organisiert gewesen. Diese Differenzierung in „politische“ und „spontane“ Selbstwehren verkennt den ephemeren und situativen Charakter auch der „politisch“ organisierten Selbstwehr, die meist selbst wenig mehr als spontan und nachbarschaftlich organisiert war. Häufig waren es tatsächlich bundische Gruppen, die sich an die Spitze der Bewegung stellten und die den Ruf hatten „etwas zu tun“ – deshalb scharrten diese Bewegungen im Ernstfall auch Menschen um sich, die politisch nicht den Bundisten zuzuordnen waren. Deshalb bleibt das Kapitel zur Selbstwehr in einem sonst stringent und äußerst lesbar geschriebenen Buch ein Fremdkörper. Es wirkt beim Lesen redundant und widersprüchlich. Das ist möglicherweise folgerichtig, denn mit diesem Kapitel verlässt Wiese seine Methode, eben nicht von den großen Narrativen, sondern von den Akteuren her zu denken, in dem er eine „politikgeschichtliche“ Erklärung sucht, statt zu konstatieren, dass es Selbsthilfegruppen gab, die erfolgreich waren, und solche, die es leider nicht vermochten, Pogromopfer vor der Gewalt der Pogromtäter zu schützen.

Dessen ungeachtet liegt mit Wieses Studie aber eine überaus lesenswerte, aufschlussreiche und vor allem notwendige Neubewertung der Pogrome im Zarenreich vor.

Anmerkungen:
[1] Vgl. klassisch: Jonathan Frankel, Prophecy and Politics. Nationalism, Socialism, and the Russian Jews 1862–1917, Oxford 1984.
[2] Vgl. Simon Dubnov, Pogromnye ėpochi. Vvedenie, in: G. Ja. Krasnyj-Admoni (Hrsg.), Materialy dlja istorii antievrejskich pogromov v Rossii, Bd. I, Petrograd 1919, S. I–IV.
[3] Hans Rogger, The Jewish Policy of Late Tsarism, in: The Wiener Library Bulletin 25 (1971), S. 45–51.
[4] Von Rogger zieht sich diese Traditionslinie bis zu John D. Klier, dessen wichtiges Buch über die Pogrome von 1881 postum im Jahre 2011 erschien: John D. Klier, Russians, Jews, and the Pogroms of 1881–1882, Cambridge 2011.
[5] Vgl. dazu auch: Anke Hilbrenner, Diasporanationalismus. Zur Geschichtskonstruktion Simon Dubnows, Göttingen 2007.

Zitation
Anke Hilbrenner: Rezension zu: Wiese, Stefan: Pogrome im Zarenreich. Dynamiken kollektiver Gewalt. Hamburg 2016 , in: H-Soz-Kult, 16.06.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26324>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.06.2017
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