D. Albrecht: Hegemoniale Männlichkeit bei Titus Livius

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Titel
Hegemoniale Männlichkeit bei Titus Livius.


Autor(en)
Albrecht, Daniel
Erschienen
Heidelberg 2016: Verlag Antike
Umfang
378 S.
Preis
€ 79,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Steffi Grundmann, Alte Geschichte, Bergische Universität Wuppertal

Im Verlauf der letzten Jahrzehnte hat sich die Geschlechterforschung zwar innerhalb der deutschsprachigen Altertumswissenschaften etabliert, es bestehen aber noch viele Lücken. Einer von ihnen widmet sich die umfassende althistorische Dissertation von Daniel Albrecht, in der er die Männerbilder untersucht, die Titus Livius in seinem Geschichtswerk zeichnet. Der Ansatz dieser Untersuchung folgt zum einen der grundlegenden Studie von Thomas Späth „Männlichkeit und Weiblichkeit bei Tacitus“ (1994)[1] und zieht zum anderen verschiedene Konzepte aus der (soziologischen) Männlichkeitsforschung heran: So wird das auf Raewyn W. Connell zurückgehende Konzept der hegemonialen Männlichkeit bereits im Titel des Buches prominent aufgegriffen.[2] In Anknüpfung an Pierre Bourdieu werden außerdem ‚ernste Spiele‘ – also Wettbewerbe unter Männern – ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.[3] Denn eine differenzierte Analyse der Aushandlungsprozesse innerhalb der Nobilität der Römischen Republik kommt nicht umhin, die Konkurrenz der Senatoren untereinander zu betrachten. Inwieweit diese Anleihen bei der Theorie und Praxis nicht-altertumswissenschaftlicher Geschlechterforschung angesichts des vorliegenden Quellenmaterials zielführend sind und einen Mehrwert erzielen, wird abschließend zu bewerten sein. Zunächst steht jedoch die Würdigung der Studienergebnisse aus althistorischer Perspektive im Vordergrund.

Das erste Kapitel stellt Livius und sein Werk kurz vor und legt einige theoretische Grundlagen: Geschlecht wird als Konstruktion und relationale Kategorie gefasst; die genannten Konzepte zur Analyse von Männlichkeiten werden vorgestellt. Im zweiten Kapitel wird gleichsam einführend die hegemoniale Position der Nobilität in der Römischen Republik herausgearbeitet und unterstrichen, wie wichtig die Wettkämpfe, die diese Männer untereinander ausgetragen haben, für das Erlangen einer solchen gesellschaftlichen Stellung gewesen sind.

Das dritte und längste Kapitel ist den vier „Bausteinen“ gewidmet, aus denen sich die verschiedenen Ausprägungen der senatorischen Männlichkeit formten: rhetorische und militärische Fähigkeiten sowie Vaterbilder und die körperliche Erscheinung. Insbesondere die ersten beiden Kategorien überraschen in diesem Zusammenhang wenig. Albrechts Verdienst ist es, dass er diese Elemente anhand eingängiger Beispiele in ihrer ganzen Bedeutungsvielfalt anhand des vorliegenden Materials herausarbeitet, indem er detailliert aufzeigt, wie einander ähnelnde oder sich deutlich unterscheidende rhetorische und militärische Fähigkeiten kontextspezifisch eine hegemoniale Positionierung erzeugen oder auch nicht. Die Auseinandersetzung mit der Position des Vaters beruht auf Späths Ergebnis, dass Männlichkeit in Rom in erster Linie durch Väterlichkeit geprägt sei. Dieser These widerspricht Albrecht wohlbegründet und zeigt auf, dass der Status der männlichen Angehörigen der Oberschicht in erster Linie in den etablierten und in der Forschung wohlbekannten Feldern Rhetorik und Kriegskunst ausgehandelt worden ist. Der letzte Abschnitt dieses Kapitels widmet sich dem Körper: Obwohl Livius ihn nicht besonders hervorhebt, werden beispielsweise die Auswirkungen des Alterns und des Verlusts der körperlichen Unversehrtheit auf den Status der Senatoren thematisiert. Dabei ist der Umgang mit dem Körper nicht als Selbstzweck zu verstehen, sondern wird stets eingesetzt, um übergeordneten Zielen zu dienen und „die res publica nicht nur zu vertreten, sondern zu verkörpern“ (S. 255). Außerdem unterstreichen diese Beispiele die Ausrichtung der verschiedenen hegemonialen Männlichkeiten, die Livius präsentiert, auf Konsens und Integration innerhalb der Nobilität.

Im vierten Kapitel wird untersucht, wie Livius verschiedene fremde Herrscher darstellt. Albrecht deutet diese Männerbilder als Spiegelung der den Senatoren zugeschriebenen hegemonialen Männlichkeit. Sie fungierten nicht nur als Gegenbilder, sondern bestätigten auch die Ergebnisse der vorangegangenen Untersuchungsschritte. Das fünfte und letzte Kapitel veranschaulicht die Resultate der Untersuchung exemplarisch anhand des Fallbeispiels des Scipio Africanus. Abschließend werden die Ergebnisse zu sieben Thesen zugespitzt und einige sich anschließende, noch offene Forschungsfragen gestellt, die unterstreichen, dass das Thema Männlichkeiten in Rom noch keinesfalls erschöpfend behandelt worden ist.

Indem Albrecht die grundlegende Konkurrenz der Senatoren und die vier „Bausteine“ ihrer Männlichkeiten – Rhetorik, Kriegstüchtigkeit, Vaterrolle, Körper – fokussiert, treten andere Aspekte in den Hintergrund, die in der Forschung als bedeutsame Elemente für die Herausbildung und Stabilisierung der Nobilität in der Römischen Republik herausgearbeitet worden sind, wie beispielsweise ökonomische Verhältnisse und finanzielle Transaktionen oder verschiedene Formen von Nahverhältnissen. So unterbleibt eine Einordnung und Bewertung, ob und wie diese Aspekte bei Livius Bedeutung für die Konstruktion von Männlichkeit erlangen. Das Fehlen einer derartigen Rückbindung der Ergebnisse an die Forschungsdiskussion zur Nobilität ist insofern bedauerlich, schmälert jedoch nicht Albrechts Verdienst, eine Vielzahl von einzelnen Fallbeispielen detailliert analysiert und so herausgearbeitet zu haben, wie Unter- und Überlegenheit innerhalb der Nobilität hergestellt worden sind. Es bleibt aber zu betonen, dass in der Studie keinesfalls römische Männerbilder bzw. Männlichkeitsvorstellungen an sich untersucht worden sind, sondern die spezifische Sicht eines Historikers fokussiert wird. Auch wenn Livius verschiedene Ausprägungen von Männlichkeit präsentiert, handelt sein Geschichtswerk fast ausnahmslos vom Verhalten elitärer Männer, die deshalb die vorliegende Studie dominieren.

An diesem Punkt setzt nun auch eine grundlegende Kritik aus geschlechterhistorischer Perspektive an, da die in der Einleitung dargelegten theoretischen Konzepte nicht stringent angewendet werden. Die eminent wichtige Rolle der Konkurrenz im Zuge der Wahlkämpfe um Ämter wird zwar durch die Theoretisierung als ‚ernste Spiele‘ hervorgehoben, aber auf die anregende Schlussfolgerung, sie seien auf die Zusammenführung der Elite ausgerichtet und nicht auf den Kampf gegeneinander, folgt leider keine Diskussion der Bedeutung dieser Erkenntnis für die Konstruktion hegemonialer Männlichkeit bei Livius. Weil er Geschlecht außerdem als mehrfach relationale Kategorie versteht, fragt Albrecht sowohl nach der Position von Frauen, als auch nach der Verflechtung mit anderen Differenzkategorien wie dem sozialen und rechtlichen Status, dem ökonomischen und kulturellen Kapital, der geographischen Herkunft oder dem Alter. Indem er diese Themen jedoch isoliert in eigenen (Unter-)Kapiteln (vergleiche Kapitel 2.3 zu Weiblichkeit, 3.2.3 zu Soldaten, 3.4 zum Alter, 4 zu fremden Herrschern) betrachtet, werden sie nicht durchgehend ins Verhältnis zur sogenannten hegemonialen Männlichkeit der Senatoren gesetzt. Da vor allem die ökonomische und rechtliche Vorrangstellung der Nobilität als gegeben vorausgesetzt wird, fehlt eine differenzierte Perspektive auf abweichende Männlichkeiten innerhalb der römischen Gesellschaft. Auch wenn dieser Mangel auf die vorliegende Quellenbasis zurückzuführen ist, stellt sich die Frage, warum ausgerechnet dieser Rahmen für die Untersuchung des Livius ausgewählt worden ist. Letztlich geht es um senatorische Männlichkeit, die hegemonial genannt wird, während die anderen Männlichkeiten im republikanischen Rom verdeckt bleiben.

Denn Albrecht wandelt Connells Konzept in Anlehnung an Michael Meuser ab, der die hegemoniale Männlichkeit eng mit der sozialen Praxis gesellschaftlicher Eliten verbindet.[4] Entsprechend bezieht er auch untergeordnete und marginalisierte Männlichkeiten nicht auf die gesamte römische Gesellschaft, sondern nur auf Männer innerhalb der Elite, die jedoch den höchsten Ansprüchen an hegemoniale Männlichkeit nicht genügten. Insofern verschiebt sich das Erkenntnisinteresse weg von der für Connell grundlegenden Frage, wie hegemoniale Männlichkeit die prinzipielle Unterordnung von Frauen in einer Gesellschaft legitimiert, hin zur Frage der Bedeutung verschiedener Männlichkeitsvorstellungen bzw. Männerbilder für die Zugehörigkeit zu einer auf Konkurrenz basierenden männlichen Elite. Leider beschränkt Albrecht sich jedoch darauf, unterschiedliche Männerbilder herauszuarbeiten, ohne sie tatsächlich zu analysieren und zu kategorisieren. Wahrscheinlich absichtlich unterbleibt eine Typenbildung oder begriffliche Zuspitzung, die es aber erst ermöglicht hätte, die verschiedenen Ausprägungen von Männlichkeit auf den Punkt zu bringen und ihr Verhältnis in den Fokus zu rücken. Ein solches Vorgehen wäre wiederum geeignet gewesen, Geschlecht als analytische Kategorie einzusetzen: Auch wenn Livius Frauen und untergeordnete Männlichkeiten vernachlässigt, würde ein solcher Ansatz das Potential eröffnen, nicht nur die verschiedenen Ausprägungen hegemonialer Männlichkeiten darzulegen, sondern auch ihr Verhältnis zu untergeordneten Männlichkeiten zu betrachten und deren Komplizenschaft mit der hegemonialen Männlichkeit im Dienste der Etablierung und Stabilisierung sozialer Hierarchien herauszuarbeiten.

Fraglos hat Albrecht aus althistorischer Perspektive eine wichtige Untersuchung vorgelegt, die die Formierung der Nobilität sowie die Darstellung männlicher Elite-Figuren und ihrer Beziehungen untereinander bei Livius facetten- und kenntnisreich darlegt. Deshalb ist ihm eine breite Leserschaft zu wünschen, die die Ergebnisse im Detail zu würdigen weiß. Für die Geschlechterforschung offenbart sein Buch eine grundlegende methodische Schwierigkeit: Wie können solche und ähnliche Fragestellungen angesichts des Androzentrismus des tradierten Quellenmaterials sinnvoll und mit Erkenntnisgewinn bearbeitet werden, ohne bloß traditionelle Lesarten und Überzeugungen zu reproduzieren? Albrecht hat sich dieser Herausforderung gestellt und ein beachtliches Werk vorgelegt, auf dem aufbauend folgende Arbeiten ihre methodischen Werkzeuge, Kategorienbildung und Fragestellungen schärfen können, um die Bedeutungen von Männlichkeiten in antiken Gesellschaften noch tiefgehender zu untersuchen.

Anmerkungen:
[1] Thomas Späth, Männlichkeit und Weiblichkeit bei Tacitus, Frankfurt am Main 1994.
[2] Siehe Raewyn W. Connell, Masculinities, 2. Aufl. Cambridge 2005 (1. Aufl. 1995).
[3] Pierre Bourdieu, Die männliche Herrschaft, Frankfurt am Main 2005.
[4] Vergleiche Michael Meuser, Hegemoniale Männlichkeit. Überlegungen zur Leitkategorie der Men's Studies, in: Brigitte Aulenbacher u.a. (Hrsg.), FrauenMännerGeschlechterforschung. State of the Art, Münster 2006, 160–174.

Zitation
Steffi Grundmann: Rezension zu: Albrecht, Daniel: Hegemoniale Männlichkeit bei Titus Livius. Heidelberg 2016 , in: H-Soz-Kult, 17.07.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26650>.
Redaktion
Veröffentlicht am
17.07.2017
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