G. Brands u.a. (Hrsg.): Lebensbilder

Cover
Titel
Lebensbilder. Klassische Archäologen und der Nationalsozialismus, Bd. 2.


Hrsg. v.
Brands, Gunnar; Maischberger, Martin
Erschienen
Umfang
IX, 436 S.
Preis
€ 69,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Matthias Willing, Marburg

In jüngster Vergangenheit traten immer deutlicher die politischen und propagandistischen Implikationen der Klassischen Archäologie auf internationaler Ebene hervor, Wechselwirkungen, die man bezogen auf das Zeitalter des Kolonialismus als „Das Große Spiel“ bezeichnet hat.[1] Das neu gewonnene Interesse an einer ideologischen Einbettung griff 2006 das ForschungsCluster 5 des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) auf, das der Geschichte der Disziplin nachgeht. In diesem Kontext erschien 2012 der erste Band der „Lebensbilder“. Er enthielt neben einer historischen Verortung des Faches im Nationalsozialismus 15 Porträts von Gelehrten und löste eine kontroverse Diskussion aus.[2]

Bei dem hier zu besprechenden Werk handelt es sich um den zweiten Band dieses Projekts, der insgesamt 20 einschlägige Viten mit zeitgenössischen Fotografien sowie das Gesamtpersonen- und -sachregister zur Verfügung stellt. Orientiert an dem jeweiligen Geburtsdatum werden folgende Persönlichkeiten erforscht: Theodor Wiegand (1864–1936) von Johannes Althoff, Frederick Jagust und Stefan Altekamp, Otto Rubensohn (1867–1964) von Katja Lembke und Aubrey Pomerance, Georg Heinrich Karo (1872–1963) von Astrid Lindenlauf, Ludwig Curtius (1874–1954) von Sylvia Diebner und Christian Jansen, Roberto Paribeni (1876–1956) von Massimiliano Munzi, Fritz Krischen (1881–1949) von Peter I. Schneider, Martin Schede (1883–1947) von Martin Maischberger, Carl Weickert (1885–1975) von Michael Krumme und Marie Vigener, William Bell Dinsmoor (1886–1973) von Stephen L. Dyson, Biagio Pace (1889–1955) von Pietro Giammellaro, Umberto Zanotti-Bianco (1889–1963) von Nathalie de Haan, Guido von Kaschnitz-Weinberg (1890–1958) von Wulf Raeck, Fritz Schachermeyr (1895–1987) von Martina Pesditschek, Erich Boehringer (1897–1971) von Marie Vigener, Christos Karousos (1900–1967) und Semni Karousou (1897–1994) von Phaedra Koutsoukou, Doro Levi (1898–1991) von Anna Lucia D’Agata und James N. Carder, Robert Heidenreich (1899–1990) von Lorenz Winkler-Horaček, Henri Stern (1902–1988) von Jean-Pierre Darmon sowie Gerda Bruns (1905–1970) von Irma Wehgartner.

Das Tableau der Klassischen Archäologen umfasst Vertreter unterschiedlicher Fachrichtungen, Forschungsschwerpunkte und beruflicher Neigungen. Die Palette reicht von Wissenschaftsmanagern über Ausgräber, Museumsleute, Antiquitätenhändler, Bauforscher, Kunsthistoriker, Denkmalschützer und Strukturforscher bis zum Kulturattaché. Einem Dutzend deutscher und österreichischer Altertumswissenschaftler stehen vier Italiener, zwei Griechen, ein US-Amerikaner und ein Franzose gegenüber. Je zwei der Beiträge sind in englischer und italienischer Sprache verfasst, einer auf Französisch. Während im ersten Band der „Lebensbilder“ keine Frauen behandelt wurden, weist die vorliegende Kollektion mit Semni Karousou und Gerda Bruns zwei weibliche Porträts auf. Versuche, für Margarete Bieber (1879–1978) und Hermine Speier (1898–1989) Autorinnen oder Autoren zu gewinnen, scheiterten, da entsprechende Aufsätze an anderer Stelle publiziert wurden (S. VII).[3] Dennoch tritt der Einfluss von Ehefrauen auf die Geschicke ihrer Lebenspartner immer wieder zutage, wie exemplarisch die Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz oder Marie Heidenreich erkennen lassen.

Da die Erforschung der antiken Stätten in dem Archäologischen Institut des Deutschen Reiches (AIDR) seinen institutionellen Mittelpunkt besaß,[4] kann es nicht verwundern, dass den Präsidenten und führenden Köpfen dieser Einrichtung besondere Aufmerksamkeit zuteil wird. Die Quellenlage, mit der die Informationsdichte steht und fällt, spiegelt diesen Umstand wider. So wurde bereits gegen Ende des Zweiten Weltkriegs eine umfangreiche Biografie Theodor Wiegands von dem Tübinger Archäologen Carl Watzinger verfasst, die wesentliche Lebensstationen seines Protagonisten nachzeichnete, aber aus heutiger Sicht analytischen Ansprüchen nicht genügt.[5] Bei einzelnen Skizzen konnte auf langjährige Untersuchungen zurückgegriffen werden, wie bei der von Martina Pesditschek zu Fritz Schachermayr.[6] Andere Kollegen mussten hingegen Pionierarbeit leisten, wie Jean-Pierre Darmon oder Lorenz Winkler-Horaček, zu deren Porträts von Henri Stern und Robert Heidenreich kaum Ansatzpunkte existierten. Alle Beiträge stützen sich auf intensive Archivstudien. Sie bilden die Gewähr dafür, dass eine lange Zeit vorherrschende Tendenz zur Verklärung der Wissenschaftler überwunden und ein hohes Niveau der kritischen Auseinandersetzung gewonnen werden konnten. Eine besondere Rolle spielten dabei die Akten und Briefwechsel des DAI, die auf breiter Front ausgewertet wurden. Dass der Zugang ad fontes auf internationaler Ebene keine Selbstverständlichkeit darstellt, lässt die Vorbemerkung von Phaedra Koutsoukou erkennen, die in Griechenland mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte (S. 327).

Zum Kernstück des Werkes gehört die Frage nach den politischen Einstellungen der Akteure, insbesondere in der Zeit des Nationalsozialismus. Als gemeinsame Konstante lässt sich festhalten, dass nahezu alle einen groß- oder bildungsbürgerlichen Hintergrund besaßen und infolge des Kaiserreichs überwiegend nationalkonservativ sozialisiert waren. Viele hatten als Kriegsfreiwillige am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Ihr Handwerkszeug an den Universitäten lernten sie, als es dort von wenigen Außenseitern abgesehen keine Sozialdemokraten oder Sozialisten gab. Dennoch entfalteten die Gelehrten ein breites Spektrum an Verhaltensweisen, das von Identifizierung und Kollaboration mit dem NS-Regime in allen Schattierungen über eine vermeintlich „neutrale“ Haltung bis zu konsequenter Resistenz reichte. Während sich eine Vielzahl aus opportunistischen oder ideologischen Gründen an die Diktatur anpasste, kann man vielleicht mit der gebotenen Vorsicht Gerda Bruns, Fritz Krischen oder Guido von Kaschnitz-Weinberg eine reservierte Einstellung attestieren. Akte des Widerstandes sind von den Karousoi (S. 332) und William Dinsmoor nachweisbar, die ihre Mitgliedschaft im AIDR aus Protest gegen die NS-Politik und die „immoral barbarians“ niederlegten (S. 230). Ferner sind das antifaschistische und soziale Engagement von Umberto Zanotti-Bianco hervorzuheben. Nicht zuletzt hat man an die Opfer des Antisemitismus zu erinnern: Unter anderem mussten Otto Rubensohn, Doro Levi und Georg Karo wegen ihrer jüdischen Wurzeln in die Schweizer bzw. US-Emigration flüchten.

Zu den „Lebensbildern“ mit dem größten Tiefgang ist der Beitrag von Martin Maischberger über den AIDR-Präsidenten Martin Schede zu rechnen, was vorrangig in der Erschließung einer großen Fülle von Primärquellen inklusive des Familienarchivs begründet liegt. Anhand dieses intensiven Nachrichtenflusses gelingt es, Schedes Angaben in seinem Entnazifizierungsverfahren überzeugend zu kommentieren. Diese differenzierte Herangehensweise ermöglicht es, für das Problem von scheinbar widersprüchlichem Verhalten, das bei nicht wenigen Persönlichkeiten feststellbar ist, zu sensibilisieren und auf die Gefahr oberflächlicher Wertungen hinzuweisen. In dem Aufsatz zu DAI-Chef Boehringer wird Ludwig Curtius eher am Rande als „NS-Gegner“ bezeichnet (S. 319), da er 1937 von den „braunen“ Machthabern zwangspensioniert wurde. Sein biografischer Artikel verdeutlicht jedoch, dass der Deutschnationale den Pazifisten Julius Gumbel verfolgte, antisemitische Klischees pflegte und als deutscher Faschist, also Anhänger Mussolinis, in Erscheinung trat. Die Haltung von Curtius war demnach ambivalent und wies erhebliche Schnittmengen mit der NS-Ideologie auf.

Die 35 Porträts der beiden Sammelbände bereichern die Auseinandersetzung mit rund 100 Jahren Geschichte der Klassischen Archäologie aufgrund ihrer Materialfülle, Anschaulichkeit und Reflexionstiefe ungemein. Die Einbeziehung von ausländischen Archäologen aus sieben Ländern besitzt den Vorteil, dass der Vorwurf nationaler Verengung vermieden wird. Gleichzeitig gilt es zu bedenken, dass diese heterogene Gruppe unterschiedliche politische Rahmenbedingungen besaß, so dass kollektiv-biografische Zugänge nicht gerade erleichtert werden. Angesichts der zahlreichen noch ausstehenden Viten von bedeutenden Fachvertretern lässt sich besonders schwer verschmerzen, dass es aus finanziellen und infrastrukturellen Gründen keine weiteren Bände mit „Lebensbildern“ geben wird (S. IX). Um diesem Manko Abhilfe zu schaffen, wäre das DAI gefordert.

Anmerkungen:
[1] Charlotte Trümpler (Hrsg.), Das Große Spiel. Archäologie und Politik zur Zeit des Kolonialismus (1860–1940), Essen 2010.
[2] Gunnar Brands / Martin Maischberger (Hrsg.), Lebensbilder. Klassische Archäologen und der Nationalsozialismus, Bd. 1, Rahden in Nordrhein-Westfalen 2012; vgl. Klaus Junker, Klassische Archäologie, Nationalsozialismus und Gegenwart, in: Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts 139 (2015), S. 377–410; Martin Eickhoff, Replik auf Klaus Junker oder: Warum die Geschichte der Klassischen Archäologie im ‚Dritten Reich‘ nicht gleichzeitig Fachgeschichte sein kann, in: Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts 139 (2015), S. 411–419; Rezensionen von Beat Näf in: Klio 95 (2013), S. 276–278; Erik M. Moormann in: Bulletin Antieke Beschaving 88 (2013), S. 276–278; Matthias Willing, in: H-Soz-Kult, 24.10.2012, URL: www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19272 (08.05.2017).
[3] Zu Margarete Bieber vgl. auch Peter Obermayer, Deutsche Altertumswissenschaftler im amerikanischen Exil. Eine Rekonstruktion, Berlin 2014, S. 35–107.
[4] Vgl. Klaus Junker, Das Deutsche Archäologische Institut des Deutschen Reiches zwischen Forschung und Politik. Die Jahre 1929 bis 1945, Mainz 1997; Marie Vigener, „Ein wichtiger kulturpolitischer Faktor“. Das Deutsche Archäologische Institut zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit, 1918–1954, Rahden in Nordrhein-Westfalen 2012; Christian Jansen, Das Deutsche Archäologische Institut im Zeitalter des Nationalismus. Schlaglichter auf die Beziehungen zwischen Archäologie und Politik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts 130 (2015), S. 355–374.
[5] Carl Watzinger, Theodor Wiegand. Ein deutscher Archäologe 1864–1936, München 1944.
[6] Martina Pesditschek, Barbar, Kreter, Arier. Leben und Werk des Althistorikers Fritz Schachermayr, 2 Bde., Saarbrücken 2009; vgl. Matthias Willing, Konsequente „geistige Durchnordung“. Fritz Schachermayr, der Nationalsozialismus und die Alte Geschichte, in: Das Altertum 58 (2013), S. 201–235.

Zitation
Matthias Willing: Rezension zu: Brands, Gunnar; Maischberger, Martin (Hrsg.): Lebensbilder. Klassische Archäologen und der Nationalsozialismus, Bd. 2. Rahden 2016 , in: H-Soz-Kult, 19.06.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26682>.
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19.06.2017
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