F. Fechner: Entscheidungsprozesse vor Ort

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Titel
Entscheidungsprozesse vor Ort. Die Provinzkongregationen der Jesuiten in Paraguay (1608–1762)


Autor(en)
Fechner, Fabian
Erschienen
Regensburg 2015: Schnell & Steiner
Umfang
356 S.
Preis
€ 49,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Barbara Potthast, Historisches Institut, Universität Köln

Studien zur Gesellschaft Jesu sind Legion, doch spiegeln viele von ihnen noch immer die Vor- und Pauschalurteile einer seit Jahrhunderten mehr oder weniger latenten Polemik um den Orden wider. Auch jenseits längst überholter Verschwörungstheorien halten sich Klischees wie dasjenige eines homogenen, durch streng hierarchische und zentralistische Strukturen gekennzeichneten Ordens, in dem die Mitglieder zu einem „Kadavergehorsam“ gegenüber ihren Oberen verpflichtet seien. Zwar hat die moderne Frühneuzeitforschung diese These inzwischen stark relativiert[1], dennoch sind diesbezügliche Vorstellungen nach wie vor weit verbreitet. Dies liegt auch an der Tatsache, dass der Fokus der meisten Arbeiten entweder auf dem Orden und seiner Steuerung durch die Zentrale in Rom liegt, oder lokal und thematisch sehr begrenzt ist. Die vorliegende Arbeit will dieses Manko dadurch beheben, dass sie zwar einerseits einen konkreten geographischen Fokus einnimmt, gleichzeitig aber an neuere globalhistorische Untersuchungen zu Herrschaft und Verwaltungspraxis anknüpft. Der Jesuitenorden als globales „Unternehmen“ par excellence bietet dafür einen hervorragenden Untersuchungsgegenstand. Darüber hinaus lassen sich mit einem Missionsorden nichtstaatliche Akteure in die Analyse einbeziehen. Missionare sind gerade in kolonialen Kontexten und in Grenzregionen mit schwach ausgeprägter Staatlichkeit wichtige Akteure, zumal im spanischen Imperium, das sich durch eine enge Verzahnung von Staat und Kirche auszeichnete. Allerdings ist nicht dies das Thema der vorliegenden Arbeit, sondern sie verfolgt eine dezidiert verwaltungsgeschichtliche Fragestellung, in dem sie die Verwaltungspraxis des Jesuitenordens anhand der Provinzkongregationen einer Region untersucht. Diese wird als ein entscheidendes Bindeglied zwischen der Provinz und der Zentrale aufgefasst, in der sich Konflikte, Aushandlungsprozesse und Zusammenarbeit spiegeln.

Paraguay eignet sich als Fallbeispiel für eine solche Untersuchung hervorragend, da die Überlieferungslage relativ gut ist und Vergleiche mit anderen Provinzen ermöglicht sowie nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass die Provinz seit Mitte des 18. Jahrhunderts im Zentrum der Polemik um den Jesuitenorden steht.

Die Arbeit beginnt mit einer knappen, aber gut informierten Darstellung des Forschungsstandes zum “Jesuitenstaat“ in Paraguay, gefolgt von einer Darstellung des institutionellen Rahmens, der die Missionsarbeit des Ordens in Südamerika regulierte. Es folgt die eigentliche Forschung zu der Institution der Provinzkongregationen. Diese, theoretisch alle drei Jahre stattfindenden mehrtägigen Treffen der Oberen aller Niederlassungen einer Provinz sowie weiterer wichtiger Mitglieder, dienten der Kommunikation und Entscheidungsfindung innerhalb der Region. Wichtigste und einzige offizielle Aufgabe war die Wahl zweier Ordensleute, die als sogenannte Provinzprokuratoren nach Rom reisten. Dort bildeten sie zusammen mit der Ordensleitung eine Prokuratorenkongregation, die dem Austausch von Informationen und der Vorbereitung einer Generalkongregation diente. Anhand der Akten der Provinzversammlungen, an deren Ende ein „Memorial“ stand, das die wichtigsten Fragen und Probleme zusammenfasste, sowie weiterer Schriftstücke, die auch Minderheitsmeinungen dokumentierten, kommt Fechner zu dem Schluss, dass die Prokuratoren als Interessenvertreter der Provinz in Rom angesehen wurden. Dies zeigt sich u.a. daran, dass mehrfach die Frage diskutiert wurde, ob nicht einer der beiden Prokuratoren ein Missionar sein solle, so dass die unterschiedlichen Interessen der Jesuiten in den Kollegien und den Missionsdörfern angemessen repräsentiert wären. Zudem galten die Provinzprokuratoren als Träger von interkulturellem Austausch und Wissen zwischen Alter und Neuer Welt.

Vielleicht wichtiger als die offizielle Aufgabe der Provinzkongregation, die Wahl der Prokuratoren, war die Diskussion konkreter Vorgaben aus Rom, deren Umsetzung oftmals ausgesetzt wurde. Dies betraf z.B. zentrale Probleme der Missionierung wie die (Wieder-)Verheiratung getaufter Indigener. Ein anderes, auch in den amerikanischen Provinzen heikles Thema, war die Frage der Versklavung der Indigenen und die Abwehr der Sklavenjagden aus dem portugiesisch beherrschten Brasilien, zumal die dortigen Jesuiten diese Praxis teilweise deckten. Aber auch die Fragen der Verstetigung der Missionen, die Rolle der indigenen Sprachen oder die Aufnahme von Kreolen in den Orden, der stets unter einem Mangel an Personal litt, wurden auf den Versammlungen diskutiert.

Fabian Fechner untersucht diese Themen anhand der detailliert vorgestellten Denkschriften und Briefe verschiedener Art (Memoriales, Postulata, Responsa, Animadversa …), die in einem komplizierten mehrstufigen Antragsverfahren in die Beratungen Eingang fanden. Neben der Tatsache, dass sie für die Historiker eine wichtige, bislang kaum untersuchte Quellenbasis darstellen, können sie als ein Mittel angesehen werden, mit dessen Hilfe die vielfältigen Informationen und Diskussionen strukturiert und zusammengefasst und die wichtigsten Themen herausgefiltert wurden. Dies geschah in einem ausgedehnten Aushandlungsprozess, der zeigt, dass die Provinzkongregationen durchaus „agency“ hatten und ein Gegengewicht zu der starken Stellung des Provinzials und der römischen Hierarchie bildeten. Nur so ist die Entstehung einer spezifischen Missionskultur erklärbar, in der römische Normen an die Situation vor Ort angepasst und Versuche unternommen wurden, die Vorgaben aus Rom zu beeinflussen.

Ein wichtiger Aspekt der Geschichte des Ordens in Paraguay ist der „Guaraníkrieg“ (1753–56) der zu einer „Zerreißprobe“ für die Provinz wurde. Dieser Aufstand der indigenen Bewohner der Missionen gegen ihre Umsiedlung aufgrund eines Grenzvertrages zwischen Spanien und Portugal und die unklare Rolle der patres dabei, war ein zentrales Element in den Auseinandersetzungen um den Jesuitenorden in Europa. Fechner kann zeigen, dass neben den bislang untersuchten Ursachen unterschiedliche Auffassungen innerhalb des Ordens über die möglichen Reaktionen maßgeblich zur Entstehung und Verschärfung des Konfliktes beigetragen haben.

Die manchmal recht kleinteilige Darstellung der Prozesse und Themen, die hier nicht im Einzelnen wiedergegeben werden kann, wird am Schluss noch einmal gut zusammengefasst. Hier geht der Autor ferner auf andere Aspekte der Provinzkongregation ein, wie z.B. die Frage der mündlichen Informations- und Diskussionskultur, die Bedeutung der Versammlung als performativer Akt sowie den Metadiskurs über das „gute Regiment“.

Die Vielfalt der Themen und der Fokus auf die Aushandlungsprozesse vor Ort konnte nur nachgezeichnet werden, da Fechner mit diesem Buch eine bislang kaum beachtete Quellengruppe, nämlich die Akten der Provinzkongregationen, ausgewertet hat. Damit konnte er, neueren Ansätzen der Global- und Verwaltungsgeschichte folgend, die Interdependenz und Vielschichtigkeit der Entscheidungsprozesse in einem vermeintlich hierarchisch und zentralistisch organisierten globalen Akteur der Frühen Neuzeit, dem Jesuitenorden, nachzeichnen. Auch wenn die zentrale Fragestellung der vorliegenden Darstellung der Verwaltungspraxis eines Missionsordens gilt, so finden doch auch Historiker, die sich eher für die die Geschichte der Missionen und der Region oder für Fragen des Wissenstransfers und der kulturellen Übersetzungsprozesse interessieren, neue Erkenntnisse und Anregungen. Um den Anschluss an solche Forschungen zu erleichtern hätten diese allerdings etwas stärker herausgearbeitet werden können.

Anmerkung:
[1] Vgl. hierzu vor allem Markus Friedrich, Der lange Arm Roms? Globale Verwaltung und Kommunikation im Jesuitenorden 1540–1773, Frankfurt am Main 2011, und ders., Die Jesuiten. Aufstieg, Niedergang, Neubeginn, München 2016.

Zitation
Barbara Potthast: Rezension zu: Fechner, Fabian: Entscheidungsprozesse vor Ort. Die Provinzkongregationen der Jesuiten in Paraguay (1608–1762). Regensburg 2015 , in: H-Soz-Kult, 11.08.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26834>.