J. C. Wood (Hrsg.): Christianity and National Identity

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Titel
Christianity and National Identity in Twentieth-Century Europe. Conflict, Community, and the Social Order


Hrsg. v.
Wood, John Carter
Erschienen
Göttingen 2016: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
211 S., 3 Abb.
Preis
€ 65,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Itzen, Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“: Als Ernst-Wolfgang Böckenförde in den 1960er-Jahren sein berühmtes Paradoxon formulierte, ging es ihm nach eigener späterer Auskunft darum, die katholische Kirche aus ihrer Distanz zum Staat herauszuholen und Katholiken zum bejahenden Engagement für den demokratischen Staat der Bundesrepublik aufzurufen. Das Böckenförde-Diktum war daher nicht nur die Beschreibung des vermeintlichen historischen Vorgangs, dass Staatswerdung eine Säkularisierung voraussetze, sondern implizierte zugleich ein normatives Programm, demzufolge für jeden freiheitlichen Staat aktive Teilhabe von Bürgern mit bestimmten Grundannahmen notwendig sei, die nicht zuletzt von Religion bestimmt sein könnten. Religion und religiöse Haltungen könnten demnach als Ressource für politische Prozesse genutzt werden.[1] Der von John Carter Wood herausgegebene Band befindet sich mit vielen Überlegungen im Fahrwasser von Ernst-Wolfgang Böckenförde, verzichtet aber auf seinen normativen und moralischen Impetus – was allerdings nicht bedeutet, dass die Befunde nicht nachdenklich machen würden.

Der Band verschiebt gewissermaßen Böckenfördes Frage und interessiert sich vor allem für den Einfluss von Religion auf europäische Nationen und Gesellschaften im 20. Jahrhundert. Nicht nur diese offene Anlage macht das Buch lesenswert. Denn die Autoren gehen dankenswerterweise über die hierzulande etablierten Untersuchungsräume hinaus, und zwar sowohl in chronologischer als auch in geographischer Hinsicht. Großbritannien (John Wolffe, John Carter Wood) und Deutschland (Matthew D. Hockenos) spielen zwar als beinahe schon klassische Länder einer Religionsgeschichte des 20. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle, aber ebenso finden sich Aufsätze zur polnischen (Gregor Feindt), moldawischen (Mihai-D. Grigore), katalanischen (Jorge Luengo) oder irischen Geschichte (Gladys Ganiel). Damit deckt der Band protestantische, katholische und orthodoxe Wahrnehmungen und Umgangsweisen mit nationaler „Identität“ ab. Zudem weist er über den nationalen Rahmen im engeren Sinn hinaus, indem er sich in der letzten Sektion mit zum Teil rechtlich geprägten, aber insgesamt wohl eher gescheiterten Europäisierungsprozessen von Religion (Lazaros Miliopoulos) und unterschiedlichen europäischen Dispositionen der christlichen Konfessionen (Patrick Pasture) befasst.

Eine eindeutige Antwort auf die Frage nach dem Zusammenhang von Nation und Religion kann der Leser des Bandes – verständlicherweise – nicht erwarten. Eher zeigt sich, dass Religion ebenso wie ihr gradueller Bedeutungsverlust im 20. Jahrhundert als Ressource in den Debatten um die nationale „Identität“ zu immer wieder neuen Kombinationen und zum Teil überraschenden Mischungsverhältnissen führte, in jedem Fall aber einen zentralen Bezugspunkt im Diskurs darstellte, ja sehr oft auch im 20. Jahrhundert eine entscheidende Komponente zur Legitimation von Nationenkonzepten war. Es fällt sogar schwer, generalisierbare Befunde für die einzelnen Konfessionen auszumachen. Zu verschieden sind augenscheinlich die jeweiligen nationalen Ausprägungen des Protestantismus, und zu verschieden sind im Falle des Katholizismus die Umstände, in denen sich religiöse Diskurse bewegen, um belastbare Verallgemeinerungen zu erlauben. Immerhin aber hat beispielsweise sowohl in Irland als auch in Katalonien der Katholizismus eine emanzipatorische Kraft im Bestreben um Unabhängigkeit gehabt. Möglicherweise erklärt sich das durch den Bezug zu einer Weltkirche, in deren Rahmen die Aufnahme eigener regionaler und nationaler Symbole eher möglich war als im Rahmen eines Protestantismus, dessen politischer Bezugspunkt in erster Linie der Nationalstaat ist.

Auf die Komplexität und Widersprüchlichkeit weist John Carter Wood schon in seiner Einleitung hin. Das Ausmaß religiöser Heterogenität, das Ausmaß von Frömmigkeit, die politische Ereignisgeschichte führten, so Wood, als Variablen zu sehr unterschiedlichen Ausprägungen des Verhältnisses. Als gemeinsamer Erfahrungshorizont blieben die (von Wood als bedeutsam und nicht als Fiktion angesehene) Säkularisierung, totalitäre politische Strömungen sowie die Europäisierungsprozesse nach 1945.

Trotz solcher Herausforderungen war Religion zumindest zeitweise immer noch eine bedeutende politische Ressource: So konnte der Katholizismus das Aufkommen des katalanischen Nationalismus am Beginn des 20. Jahrhunderts unterstützen, indem er dieser politischen Bewegung ein identitätsstiftendes Merkmal zur Verfügung stellte, während der Katholizismus gleichzeitig auch für den Gesamtstaat Spanien ein wichtiger, wenn nicht sogar zentraler Bezugspunkt war. In Moldawien waren noch am Ende des 20. Jahrhunderts die Auseinandersetzungen um die Zugehörigkeit des kleinen Staates zum europäischen Westen oder zur russischen Einflusssphäre aufs Engste verbunden mit der Rolle des orthodoxen Christentums – und zwar als Legitimationsquelle von sehr diesseitigen Herrschaftsansprüchen, eingefordert unter anderem von der orthodoxen Hierarchie im benachbarten Russland.

John Wolffe zeigt in einer anregenden Fallstudie über britische Friedhöfe, auf denen gefallene Soldaten des Ersten Weltkriegs beerdigt worden waren, wie kompliziert, aber zugleich fundamental zumindest in Großbritannien die Verbindung zwischen (christlichem) Glauben und nationalem Gedenken war. Denn ein nur notdürftig gelöstes Problem stellte die Gestaltung der Grabmale nicht-christlicher Soldaten aus dem Empire dar, für die zwar einzelne Abweichungen gewährt wurden, die sich aber gleichwohl an christlich geprägte Gestaltungsformen anlehnten. Pragmatismus spielte bei solchen Entscheidungen natürlich eine wichtige Rolle, an der Wirkung derartiger Gestaltungsmuster änderte dies allerdings wenig. Als Ressource für Abgrenzung und Nationalismus diente und dient Religion auch in Irland, wie der Beitrag Gladys Ganiels zeigt. Zum einen interpretierten die katholische und die protestantische Seite im Bürgerkrieg ihre jeweils eigene Rolle als Konfliktpartei im Lichte einer religiösen Selbstbeschreibung. Zum anderen nahm die Schärfe des Konflikts ab, sobald Individualisierung, Entinstitutionalisierung und Liberalisierung religiöse Haltungen und Praktiken veränderten. Diese Feststellung mag optimistisch stimmen, angesichts der Länge des Nordirland-Konflikts aber auch erstaunen. Allerdings relativiert sich der Befund bei einem vergleichenden Blick auf die beiden Landesteile, denn diese Entwicklung scheint deutlich ausgeprägter im Süden verlaufen zu sein, wo religiöse und nationale Identitäten nicht mehr eine Einheit bilden: Protestanten im Süden empfinden sich im Wesentlichen als Iren, und das Gefühl von Gemeinsamkeit zu den Protestanten im Norden hat demgegenüber abgenommen. Im Norden dagegen fallen insbesondere bei den Protestanten religiöse und nationale Identitäten nach wie vor zusammen, sodass der Konflikt in diesem Teil Irlands nach wie vor akut ist.

Hat also Religion auch im 20. Jahrhundert in europäischen Gesellschaften nationalen Konflikten eine zusätzliche Dynamik und Schärfe verliehen, indem sie Abgrenzungsbedürfnissen eine weitere Legitimation verschafft hat, die schwer zu hinterfragen und zu überwinden war? Stellte Nationalismus insofern eben keine „Ersatz“-Religion dar, sondern funktionierte er gerade dann gut, wenn er sich mit etablierten religiösen Erlösungsvorstellungen verband? Dass dem nicht so sein musste, zeigt beispielsweise der Aufsatz zu Martin Niemöller und der „Bekennenden Kirche“ der Jahre 1933–1937 (Matthew D. Hockenos), demzufolge das Festhalten an christlichen Überzeugungen bei Niemöller auch zu einer langsamen Entschärfung seiner nationalistischen Haltungen und zu einer wachsenden Distanz gegenüber dem NS-Regime führen konnte. Möglicherweise waren aber bei Niemöller viel stärker christliche Haltungen eine Triebkraft zur Abkehr vom Nationalismus, als umgekehrt das Christentum eine Ursache für nationale Selbstverortung und Konflikte in Katalonien und Irland war. Vielleicht setzt eine solche Distanz jedoch voraus, dass aggressiver Extrem-Nationalismus wie im „Dritten Reich“ sich letztlich aus anderen ideologischen Legitimationsquellen speist als aus denen einer traditionellen Religion. Eine Frieden stiftende und Nationalismus abschwächende Kraft lässt sich nach der Lektüre des Bandes dem Christentum für das 20. Jahrhundert jedenfalls nicht unbedingt bescheinigen. Inwieweit sich das Christentum dabei etwa vom Judentum oder Islam unterscheidet, müssten weitere Vergleichsstudien untersuchen. Das Nachdenken über den spezifischen Charakter des Christentums im Unterschied zu anderen Buchreligionen könnte für die Bewertung der Rolle des Christentums bei der Entwicklung der Massengesellschaften des 20. Jahrhunderts von zentraler Bedeutung sein.

Anmerkung:
[1] Ernst-Wolfgang Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation [1967], in: ders., Staat, Gesellschaft, Freiheit. Studien zur Staatstheorie und zum Verfassungsrecht, Frankfurt am Main 1976, S. 42–64. Eine Selbstinterpretation des Diktums findet sich beispielsweise in: Dieter Gosewinkel, „Beim Staat geht es nicht allein um Macht, sondern um die staatliche Ordnung als Freiheitsordnung“. Biographisches Interview mit Ernst-Wolfgang Böckenförde, in: Ernst-Wolfgang Böckenförde / Dieter Gosewinkel, Wissenschaft, Politik, Verfassungsgericht. Aufsätze von Ernst-Wolfgang Böckenförde. Biographisches Interview von Dieter Gosewinkel, Berlin 2011, S. 307–486, hier S. 430–433.

Zitation
Peter Itzen: Rezension zu: Wood, John Carter (Hrsg.): Christianity and National Identity in Twentieth-Century Europe. Conflict, Community, and the Social Order. Göttingen 2016 , in: H-Soz-Kult, 21.02.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26844>.