S. Salatowsky u.a. (Hrsg.): Duldung religiöser Vielfalt

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Titel
Duldung religiöser Vielfalt – Sorge um die wahre Religion. Toleranzdebatten in der Frühen Neuzeit


Hrsg. v.
Salatowsky, Sascha; Schröder, Winfried
Erschienen
Stuttgart 2016: Franz Steiner Verlag
Umfang
313 S.
Preis
€ 56,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Pietsch, EXC Religion und Politik, Universität Münster

Die Frage nach dem frühneuzeitlichen Wechselspiel zwischen Toleranzforderungen einerseits und der Sorge um die wahre Religion andererseits ist nicht nur für Philosophen interessant, sie schließt auch an eine Reihe von jüngeren geschichtswissenschaftlichen Arbeiten an. So attestiert Alexandra Walsham dem frühneuzeitlichen England eine religiös bedingte Doppelgesichtigkeit aus Nächstenliebe und Härte gegenüber Andersgläubigen; diese als Charitable hatred bezeichnete Haltung sieht Walsham als Hintergrundfolie für die Ausweitung der englischen Duldungspolitik. Ansonsten hat die Forschung jüngst auch ganz pragmatische Formen einer ‚Umgangsökumene‘ identifizieren können, wie sie Willem Frijhoff erstmals für die Niederlande beschrieben hat und wie sie dann etwa Benjamin Kaplan auch für andere Regionen näher untersuchte.[1]

An Impulsen, das klassische Thema der Toleranz neu zu bestimmen, mangelt es also nicht. Ziel des vorliegenden Bandes, herausgegeben von den Philosophiehistorikern Sascha Salatowsky und Winfried Schröder, ist es, die Entwicklung, oder vielleicht besser die Emergenz von Toleranz in der Frühen Neuzeit multidisziplinär anzugehen. Wie der Sammelband anschaulich zeigt, hat dieses erneute Gesprächsangebot die jeweilige Fachcommunity von Philosophen, Theologen, Philologen und Historikern erfreulich breit angesprochen.

Der Band legt seinen Schwerpunkt auf den Zeitraum von 1580–1670, eine Zeitspanne also, in der schon die klassische Ideengeschichte wichtige Heroen der aufkommenden Toleranz von Coornhert zu Spinoza und Locke verortete. Übersetzt in die Fachdisziplin der Geschichtswissenschaft befindet man sich somit hauptsächlich im Konfessionellen Zeitalter. Tatsächlich reiht sich der Band in die vielfältigen Versuche ein, das Nebeneinander von konfessioneller Grenzziehung einerseits und vielfältiger konfessioneller Koexistenz andererseits genauer zu konturieren – wobei die Herausgeber weniger nach beobachtbaren Praktiken als vielmehr nach den normativen Toleranzdiskursen, eben nach der Toleranzdebatte fragen.

Die Anlage des Bandes scheint zunächst in recht konventionellen Bahnen zu verlaufen, wenn die frühneuzeitliche Toleranzdebatte zwischen den Polen eines latent unnachgiebigen Monotheismus (Jan Assmann) und den richtungsweisenden Antitrinitariern (Sascha Salatowsky, Justin Champion), zwischen abgrenzenden Theologen und aufklärerischen Denkern wie etwa Lessing (Friedrich Vollhardt) aufgespannt wird. Wieder einmal scheint sich hier die bekannte Erzählung zu bestätigen, Toleranz sei vor allem ein Produkt toleranzaffiner religiöser Dissidenten und Grenzgänger, die das kirchliche Bollwerk der Intoleranz allmählich hätten einstürzen lassen. Doch distanzieren sich bereits die Herausgeber in ihrer Einführung von einer derart simplifizierenden Deutung (S. 14).

Bei weiterer Lektüre des Bandes bekommt dieses einfache Täter-Opfer-Schema immer stärkere Risse. So zeigt etwa Walter Sparn am Beispiel der lutherischen Orthodoxie – gemeinhin als Inbegriff der Intoleranz verschrien – die Vielschichtigkeit der theologischen Debatte über den Umgang der Obrigkeit mit Andersgläubigen. Auch Łukasz Bieniasz betont, man müsse die ältere Forschung überwinden, die Polen vereinfacht entweder als erzkatholisches und somit intolerantes Land oder aber als toleranten Freihafen für Andersgläubige stilisiert habe; das sei „eines der größten Missverständnisse in der polnischen Geschichtsschreibung“ (S. 61).

Eine Fülle weiterer Fallbeispiele lotet gruppenspezifische sowie regionale Unterschiede in der frühneuzeitlichen Toleranzdebatte aus. Sowohl der Mitherausgeber Sascha Salatowsky als auch Justin Champion behandeln die Gruppierung der Sozinianer. Diese Antitrinitarier beeinflussten nicht nur maßgeblich die Toleranzdebatte. Sie galten auch häufig als Prüfstein und Grenzmarkierung obrigkeitlicher Toleranz, da bei der Duldung der Sozinianer die frühneuzeitliche Toleranz selbst in den nördlichen Niederlanden schnell aufhörte, die eigentlich für ihre eher offene Haltung bekannt sind. Wie der Beitrag von Kęstutis Daugirdas über die Remonstranten, eine Abspaltung der niederländischen Reformierten, am Beispiel Amsterdams nachweisen kann, mussten sich diese als Vordenker von Toleranz noch 1655 den polemischen Vorwurf des Sozinianismus gefallen lassen (S. 91). Andere klassische ‚Randgruppen‘ wie die Kollegianten oder die Täufer, über die sich ähnliches sagen ließe, fehlen in diesem Band. Wiep van Bunge schärft dafür das Bild über die niederländische Toleranz am Beipiel des Umgangs mit dem Islam und erweitert somit die Perspektive auf den nichtchristlichen Bereich.

Ulrich Niggemann hinterfragt die traditionell postulierte Wechselwirkung von Ideengeschichte und Religionspolitik am Beispiel der Glorious Revolution und zeigt auf, dass die in England aufkommende Toleranz weniger ein Produkt der Toleranzdebatte als vielmehr eine nicht intendierte Folge von ganz konkreten Machtinteressen war. Mona Garloff thematisiert anhand irenischer Entwürfe, die in dem Umfeld der Konversion des französischen Königs Heinrich IV. entstanden, die Instrumentalisierung der Toleranzidee. Friedliche konfessionelle Koexistenz wurde hier allenfalls als Übergangsphase modelliert, die den Weg zur Wiedervereinigung aller Gläubigen – also quasi zur Intoleranz – ebnen sollte. Alexander Schunka zeigt zudem auf, dass Toleranzforderungen von Migranten häufig rein instrumenteller Natur waren und keinesfalls im Widerspruch zu einem identitätsstiftenden und durchaus elitären Sonderbewusstsein stehen mussten (S. 300). Nicht nur die klassischen Opfer-Täter-Rollen geraten hier ins Schwimmen, selbst blütenreine Toleranzdiskurse entpuppen sich als vielschichtige, meist situative und strategische Argumente.

Für Historiker spannend sind zudem die Beiträge, in denen die Wechselwirkungen zu wirtschaftlichen Interessen in den Blick geraten: Wolfgang Forster kontrastiert die Toleranzgarantie für Kaufleute und Seeleute im spanisch-englischen Friedensvertrag (1604) mit ihrer praktischen Umsetzung. Jens-Glebe Møller präsentiert ganz ähnliche Ergebnisse am Beispiel von Dänemark. Auch Harald Stockert kommt zu dem Schluss, dass die für die neue Residenzstadt Mannheim verordnete Toleranz ihre Akzeptanzgrenzen hatte.

Der Band versammelt disziplinenübergreifend jüngere Ansätze zum klassischen Thema der Toleranz und seine Beiträge räumen kräftig mit älteren ideengeschichtlichen Annahmen über die Entstehung und Durchsetzung von Toleranz auf. Er gibt somit Einblicke in die aktuelle Forschungsbreite und bietet weitere Impulse, das brennend aktuelle Thema religiöser Toleranz für die Vormoderne ohne vorschnelle Vereinnahmungen weiter zu verfolgen.

Anmerkung:
[1] Alexandra Walsham, Charitable hatred. Tolerance and intolerance in England 1500–1700, Manchester 2008; zur ‚Umgangsökumene‘ Willem Frijhoff/ Marijke Spiess, 1650: bevochten eendracht, Den Haag 2002; Benjamin K. Kaplan, Divided by Faith. Religious Conflict and the Practice of Toleration in Early Modern Europe, Cambridge, MA 2007.

Zitation
Andreas Pietsch: Rezension zu: Salatowsky, Sascha; Schröder, Winfried (Hrsg.): Duldung religiöser Vielfalt – Sorge um die wahre Religion. Toleranzdebatten in der Frühen Neuzeit. Stuttgart 2016 , in: H-Soz-Kult, 13.06.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26886>.
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13.06.2017
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