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Titel
8. Mai 1945. Internationale und interdisziplinäre Perspektiven


Hrsg. v.
Klei, Alexandra; Stoll, Katrin; Wienert, Annika
Erschienen
Berlin 2016: Neofelis Verlag
Umfang
279 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kevin Galow, München

Am 8. Mai 1985 nannte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker den 8. Mai 1945 einen „Tag der Befreiung“. Diese Zäsur habe, so Weizsäcker in seiner Rede während der Gedenkveranstaltung des Deutschen Bundestages zum 40. Jahrestag des Kriegsendes in Europa, „uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“. Die Transformation des Tages der bedingungslosen Kapitulation in den „Tag der Befreiung“ stellt den Dreh- und Angelpunkt des Sammelbandes zum 8. Mai 1945 dar. Da der Band kaum von den konkreten Ereignissen handelt, die sich an diesem Datum abgespielt haben, mag sein Titel missverständlich erscheinen. Zwar erwähnen die Herausgeberinnen im Vorwort, dass der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht, die am 7. Mai 1945 in Reims erklärt und aus protokollarischen Gründen am 8. / 9. Mai in Berlin-Karlshorst wiederholt wurde, aus diesen Gründen paradoxerweise kein eindeutiges Datum zukommt. Doch thematisieren die einzelnen Beiträge des Sammelbandes (mit zwei Ausnahmen) nicht das Kriegsende selbst, sondern vielmehr die mit der Wiederkehr des 8. Mai nach 1945 verknüpften Diskurse, Narrative, Repräsentationen und Veranstaltungen des Gedenkens. Im Vordergrund stehen also die Fragen, „wer nicht mehr [vom nationalsozialistischen Terror] befreit werden konnte“ (S. 11) und ob denn in diesem Kontext überhaupt sinnvoll von einer Befreiung zu sprechen ist (vgl. die Einleitung, passim).

In Weizsäckers Rede von der „Befreiung“ sehen die Herausgeberinnen den Versuch, die deutsche Bevölkerung als das Opfer einer Gruppe von verantwortlichen Regimefunktionären darzustellen. Die Mittäterschaft der deutschen Bevölkerungsmehrheit an der NS-Politik sei dabei ausgeklammert worden: „Die Selbstviktimisierung der deutschen Gesellschaft, die unmittelbar nach dem Kriegsende einsetzte, ist seitdem kontinuierlich präsent […]. Auch die Rede von der Befreiung lässt sich in dieses Selbstbild integrieren – Täterin war eine unbestimmte, unpersönliche ‚Herrschaft‘, Befreite und somit Opfer des Nationalsozialismus sind ‚wir alle‘“ (S. 13). Indem Weizsäcker sich und seine Zuhörerschaft zu den Befreiten rechnete, habe er die Differenzen zwischen den Mitläufern, Nachkommen und Überlebenden des NS-Terrors verwischt. Er habe dabei kaum mehr als die Unfähigkeit der Deutschen dokumentiert, mit ihrer Geschichte ins Reine zu kommen.[1]

Als Gedenk- und in manchen europäischen Ländern auch als Feiertag institutionalisiert der 8. Mai eine unübersehbare Vielfalt öffentlicher Darstellungen und Aufarbeitungen der nationalsozialistischen Vergangenheit. So untersuchen die Beiträge des Sammelbandes Literatur, Fotografie, Architektur, Bildende Kunst, Ausstellungen, Feierlichkeiten und Denkmäler aus Russland[2], Deutschland, Kroatien, Großbritannien, Polen, Italien, Frankreich und Israel. Schon diese Vielzahl macht deutlich, dass sich das Gedächtnis des 8. Mai zwischen den Medien, der Politik und der Topografie seines Gedenkens radikal disseminiert. So bezeichnete auch der Titel des Workshops, der im Mai 2015 am Deutschen Historischen Institut Warschau abgehalten wurde und dessen Beiträge den Großteil des Sammelbandes ausmachen, den 8. Mai als einen „ortlosen Erinnerungsort“: Weder die Kapitulation der deutschen Wehrmacht noch die sogenannte „Stunde Null“, die nicht zuletzt auch den Sinn der Datierung selbst infrage stellt, lassen sich konkreten Orten, Symbolen, Kunstwerken oder Ritualen eindeutig zuordnen. Viel stärker als das datierbare Ereignis konstituiert also der „konstruktive Charakter jeglicher Form der Erinnerung“ (S. 19) den inhaltlichen Zusammenhang der in dem Band versammelten Aufsätze. Die Herausgeberinnen teilen diese nach ihren Schwerpunkten in „hegemoniale und marginale Diskurse“, mediale Repräsentationen sowie ritualisierte, individuelle bzw. politische Praktiken im Kontext des 8. Mai ein.

Um der Nachträglichkeit der erinnerungspolitischen Auseinandersetzungen mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa gerecht zu werden, schlagen Klei, Stoll und Wienert vor, den Begriff der Trope zum gemeinsamen Referenzpunkt der Beiträge zu machen (S. 19). Im Anschluss an Hayden Whites Studie „Metahistory“ konzeptualisieren sie das Datum des 8. Mai 1945 somit als eine Trope, die im Modus der Uneigentlichkeit neben dem Verweis auf die konkreten 24 Stunden jenes Tages auch politisch motivierte Symbolbedeutungen wie „Befreiung“ oder „Stunde Null“ annehmen kann. Das Datum wäre demnach nicht nur der Gegenstand, sondern zugleich immer schon ein konstruktives Element des historiografischen Narrativs.

Diese Grundannahme führen die einzelnen Beiträge unterschiedlich aus. Judith Kasper analysiert Primo Levis Bericht „La tregua“ („Die Atempause“, 1963/64) als eine Allegorie des „Victory Day“, in der sich die verletzte Körperlichkeit des Auschwitz-Überlebenden von einem allgemeinen Narrativ des militärischen Sieges über die Nationalsozialisten abgesetzt und das Datum dieses Sieges somit in eine gegenläufige Erzählung des Traumas überführt habe. Katrin Stoll hingegen beschreibt die Rede von der Befreiung als einen Euphemismus, der die Realität des Holocaust neutralisiert und es den Deutschen ermöglicht habe, sich von ihrer Mitverantwortung für den Genozid loszusagen. Und Annika Wienert konzeptualisiert die nach dem Kriegsende auch sprachlich allgegenwärtigen „Trümmer“ als eine Metapher für die gesellschaftliche Nachkriegsverfassung, mittels derer die Entnazifizierung in eine Integration der nationalsozialistischen Hinterlassenschaften habe übersetzt werden können.

Diese dezidiert rhetorischen Analysen prägen in einigen Beiträgen plakative Nuancen aus. So bezeichnet Viola Rühse, wenn auch durchaus selbstkritisch, das bekannte Foto von Lee Miller in Hitlers Badezimmer als das Symbol einer „politischen und geistigen Reinigung Europas von Nazideutschland“ (S. 180f.). Dennoch erweist sich die im Rahmen der Historiografie durchaus originelle methodische Konzeptualisierung des 8. Mai als Trope der erinnerungspolitischen Auseinandersetzungen mit der NS-Zeit und den Erfahrungen des Holocaust als ungeahnt aufschlussreich. Sie ermöglicht auch eine Analyse des Nicht-Erinnerten und der Leerstellen, die der 8. Mai im kulturellen Gedächtnis ausbildet. Alexandra Klei stellt in diesem Sinne fest, dass das Fehlen von Mahnmalen zur „Arisierung“, Zwangsarbeit und lokalen Judenverfolgung im brandenburgischen Landkreis Spree-Neiße die Erinnerungskultur insofern befriede, als es die Komplexität der Geschichte verschleiere und keine Auseinandersetzung mit dem Handeln der Täter/innen erzwinge (vgl. S. 159f.).

Ein deutlicherer Bezug der einzelnen Beiträge aufeinander wäre schon aufgrund des Titel-Versprechens „interdisziplinärer Perspektiven“ wünschenswert gewesen. Die rhetorisch informierte Analyse der Diskurse, die in je eigener Weise auf Begriffe der Befreiung rekurrieren, wird abgesehen von den oben erwähnten Beiträgen zumeist weniger deutlich ausgeführt, als es das Vorwort der Herausgeberinnen erwarten lässt. Zudem weisen manche der unter dem Titel „8. Mai 1945“ versammelten Texte überhaupt keinen expliziten Bezug zu diesem Datum auf.

Während die konzeptionelle Rahmung in den spezifischen Argumentationen der einzelnen Beiträge teilweise nur schwer wiederzufinden ist, besticht der Band als Ganzes umso nachdrücklicher durch die Diversität der analysierten Gegenstände, Diskurse, Rituale und Praxen des Umgangs mit dem Datum. Dass die Autorinnen und Autoren dabei – gerade angesichts der Heterogenität der Umgangsweisen mit dem 8. Mai – das Politikum ihrer Beiträge zu der Debatte um die Bedeutung dieses Datums an keine relativistische Form der wissenschaftlichen Gleichgültigkeit verspielen, ist ein nicht zu unterschätzendes Verdienst.

Anmerkungen:
[1] Diese Formulierung stammt von Gilbert Ziebura, der damit in seinem Artikel „Die Rechnung ist noch nicht bezahlt“ (vier Tage vor Weizsäckers Rede im „Vorwärts“ publiziert) auf das Datum des 8. Mai selbst abzielte. Für eine komplexere Interpretation siehe aber z.B. Cornelia Siebeck, „Einzug ins verheißene Land“. Richard von Weizsäckers Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1985, in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History 12 (2015), S. 161–169, http://www.zeithistorische-forschungen.de/1-2015/id=5177 (08.03.2017).
[2] Siehe dazu und zu weiteren Gebieten mit großer russischer Bevölkerung demnächst auch Mischa Gabowitsch / Cordula Gdaniec / Ekaterina Makhotina (Hrsg.), Kriegsgedenken als Event. Der 9. Mai 2015 im postsozialistischen Europa, Paderborn 2017 (angekündigt für Ende April).

Zitation
Kevin Galow: Rezension zu: Klei, Alexandra; Stoll, Katrin; Wienert, Annika (Hrsg.): 8. Mai 1945. Internationale und interdisziplinäre Perspektiven. Berlin 2016 , in: H-Soz-Kult, 17.03.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27041>.