Cover
Titel
Soziale Arbeit – die Geschichte.


Autor(en)
Hammerschmidt, Peter; Weber, Sascha; Seidenstücker, Bernd
Erschienen
Opladen 2017: UTB
Umfang
180 S.
Preis
€ 16,99
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Dayana Lau, Institut für Pädagogik, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Das vorgelegte Buch „Soziale Arbeit – die Geschichte“ von Peter Hammerschmidt, Sascha Weber und Bernd Seidenstücker ist Teil einer zehnbändigen Reihe mit dem Titel „Soziale Arbeit – Grundlagen“, welche sich in erster Linie an Studierende der Sozialen Arbeit richtet und Grundlagenwissen in einführender und kompakter Weise vermitteln will. So verstehen auch die drei Autoren des hier zu besprechenden Bandes ihre „Geschichte“ (S. 7) als Begleitlektüre für einführende Lehrveranstaltungen. Da bereits Werke ähnlichen Zuschnitts existieren[1], stellt sich die Frage, was mit dem vorgelegten Band Eigenes eingebracht werden kann. Orientiert haben sich die Autoren an den „Lehr- und Lernerfordernisse[n] der [neuen] Studiengänge der Sozialen Arbeit“ (S. 7), deren Inhalte sie durch Verdichtung der Informationen kurz, aber nicht vereinfachend präsentieren wollen (S. 8). Ob dies gelingt, wird im Folgenden zu diskutieren sein.

Hammerschmidt, Weber und Seidenstücker haben ihr Vorhaben in zweifacher Hinsicht traditionell in Angriff genommen: Zum einen konzentriert sich ihre Historiographie wie bereits bei einigen Autor/innen vor ihnen auf die Rechts- und Institutionengeschichte der Sozialen Arbeit[2], zum anderen orientieren sie sich für die Strukturierung des Textes an den politischen Systemwechseln, die auch für die Soziale Arbeit jeweils spürbare Brüche bedeutet haben. Der behandelte Zeitraum reicht demnach vom Beginn der modernen Armenpflege in der Neuzeit, für die die Herausbildung des Elberfelder Systems mit seiner Vorgeschichte steht, und endet mit der Jahrtausendwende und den Neuerungen, die die Zusammenführung der beiden deutschen Staaten gebracht hat. Die Stationen sind dabei die sich herausbildende bürgerliche Gesellschaft im 18. Jahrhundert (Kapitel 2), das Deutsche Reich, welches das Kaiserreich, die Weimarer Republik und das nationalsozialistische Regime umfasst (Kapitel 3), die Nachkriegszeit in den Besatzungszonen und später den beiden deutschen Staaten (Kapitel 4) und die Phase von der Wiedervereinigung bis zur Jahrtausendwende (Kapitel 5). Im Mittelpunkt steht dabei die Entwicklung der öffentlichen Wohlfahrtspflege und ihrer Organisationen, die Hammerschmidt, Weber und Seidenstücker von privaten Initiativen, die im Rahmen sozialer Bewegungen entstehen, jeweils flankiert und ergänzt sehen.

Zu den einzelnen Kapiteln: In der Einleitung (Hammerschmidt / Weber) formulieren die Autoren neben einem thematischen Aufriss ihr Verständnis der Geschichte Sozialer Arbeit als Geschichte von Entscheidungen bedeutsamer Akteur/innen des Fachs. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte würde vor allem zwei Dinge leisten, nämlich einerseits ein Verständnis der gegenwärtigen Gestalt sozialer Arbeit ermöglichen, und andererseits die Wiederholung ‚alter Fehler‘ vermeiden helfen (S. 7). Dabei wird Soziale Arbeit bestimmt als ein Mechanismus, der die Risiken, die die Entwicklung der kapitalistischen Marktgesellschaft begleiten, abmildern soll, indem sie gleichzeitig kommodifizierende und dekommodifizierende Effekte habe (S. 9). Die Herausbildung der Sozialen Arbeit wird in unterschiedlichen und einander widerstreitenden Traditionslinien verortet und als Normalisierungsinstrument problematisiert (S. 8ff.).

Die „Anfänge und Wurzeln der modernen Sozialen Arbeit in der sich herausbildenden bürgerlichen Gesellschaft“ sind der Gegenstand von Kapitel 2 (Hammerschmidt), in dem kompakt und informativ die preußische kommunale Armenpflege und -gesetzgebung, die im Elberfelder System mündet, in den Blick genommen werden. Die sozialen Bewegungen, die sich auf die soziale Frage beziehen und eigene Wohltätigkeitsinitiativen entfalten, bilden den zweiten Schwerpunkt des Kapitels. Beachtung finden dabei ausschließlich die bürgerlichen und die christlichen Sozialreformbewegungen.

In Kapitel 3, für das Hammerschmidt ebenfalls allein verantwortlich zeichnet, widmet sich der Verfasser den Entwicklungen der Sozialen Arbeit in Kaiserreich, Weimarer Republik und Nationalsozialismus. Für die Zeit des Kaiserreichs wird der aus gesetzlichen, organisationalen und privat-sozialreformerischen Initiativen heraus vorangetriebene Ausbau der Wohlfahrtspflege im Bereich der Armen-, Kinder- und Jugendpflege dargestellt. Für die Weimarer Republik werden insbesondere die neuen und zum Teil bis heute spürbaren Rechtsgrundlagen der Sozialen Arbeit, wie das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz, und auf der organisationalen Ebene die Entwicklung der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege und die Grundlegung einer wissenschaftlichen Ausbildung besprochen. In der vergleichsweise kurzen Darstellung des Nationalsozialismus werden die grundlegenden Umstrukturierungen der Wohlfahrtspflege, die nunmehr fast ausschließlich Gesundheitsfürsorge war, beschrieben und als Indienstnahme der Sozialen Arbeit für staatlich-ideologische Zwecke interpretiert.

Mit dem nachstehenden Kapitel zur „Sozialen Arbeit in der Nachkriegszeit bis zum Ende der deutschen Zweistaatlichkeit (1945–1989)“ (Hammerschmidt / Seidenstücker / Weber) erfolgt in einem ersten Schritt die Darstellung der Sozialen Arbeit für die deutsche Nachkriegszeit in ihrer Bedeutung als ‚Nothilfe‘. In den zwei anschließenden Schritten werden die beiden deutschen Staaten einzeln betrachtet, wobei unterschiedliche Funktionsbestimmungen, die jeweils verschiedenen rechtlichen und organisationalen Ausgestaltungen sowie die unterschiedlichen Berufs- und Ausbildungsentwicklungen vor dem Hintergrund der beiden politischen Systeme betont werden. Im letzten inhaltlichen Kapitel über „Soziale Arbeit in der Zeit von der Wiedervereinigung bis zur Jahrhundertwende“ (Hammerschmidt) wird die neuere Entwicklung der Sozialen Arbeit vor dem Hintergrund stetig wachsender finanzieller Restriktionen bei zugleich wachsenden Anforderungen und Zuständigkeitsbereichen – leider nur sehr knapp – beschrieben.

Im Fazit (Hammerschmidt / Weber) wird die eingangs formulierte kritische Perspektive auf die beobachteten historischen Prozesse wieder aufgegriffen. Die Autoren heben insbesondere die normativen Gehalte Sozialer Arbeit hervor, die sich vor allem an den historisch je spezifischen Problemkonstruktionen zeigen ließen. Soziale Arbeit sei – entgegen gängiger Interpretationen – nicht nachträglich für staatliche Zwecke instrumentalisiert worden, vielmehr sei sie fundamental an der Herausbildung von Sozialstaatlichkeit und Sozialpolitik beteiligt gewesen und habe daher die hegemoniale Orientierung am ‚Primat der Lohnarbeit‘ mit durchgesetzt (S. 152). Diese einleitend und abschließend sehr knapp skizzierte theoretische Perspektive auf das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Sozialstaatlichkeit erscheint überzeugend und weiterführend im Hinblick auf eine Historiographie Sozialer Arbeit. Allerdings wird dieser Blickwinkel im Hauptteil des Buches nicht immer konsequent durchgehalten. So wird zum Beispiel die Ausdifferenzierung sozialpolitischer und wohlfahrtspflegerischer Initiativen häufig als ‚angemessene‘ bzw. wirkungsvolle Antwort auf bestimmte soziale Problemlagen interpretiert (vergleiche zum Beispiel die Diskussion um die Entwicklung der Arbeiterversicherung, S. 33ff.).

Das vorgestellte Werk hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits wird es dem Anspruch, bündig und dennoch umfassend in die Geschichte Sozialer Arbeit einzuführen, in weiten Teilen gerecht. Im Hinblick auf die betrachteten Entwicklungslinien – (sozial)politische Hintergründe, rechtliche und organisationale Ausgestaltung, private Wohlfahrtspflege und Ausbildung – ermöglicht es gut strukturiert und mit einigen Hinweisen zu vertiefender Lektüre einen ersten Einblick in den aktuellen Forschungsstand. Theoretische, methodische und disziplinäre Entwicklungen hätten daneben jedoch deutlich stärker in den Blick genommen werden müssen. Darüber hinaus werden internationale Einflüsse, die die deutsche Soziale Arbeit entscheidend geprägt haben, nicht beleuchtet. Auch konfligierende Auseinandersetzungen um den Standort und die Aufgaben Sozialer Arbeit, wie sie auch im Rahmen Sozialer Bewegungen (wie zum Beispiel der Frauenbewegung) geführt wurden, werden mit der einschränkenden Perspektive auf ihre die öffentliche Wohlfahrtspflege ‚ergänzenden‘ Beiträge nivelliert. Damit vermittelt der Band insgesamt ein eher eindimensionales Bild der Geschichte Sozialer Arbeit.

Anmerkungen:
[1] Exemplarisch sind vier Werke zu nennen, die als sogenannte ‚Klassiker‘ beschrieben werden können: Sabine Hering / Richard Münchmeier, Geschichte der Sozialen Arbeit: Eine Einführung, Weinheim 2014; Carola Kuhlmann, Geschichte Sozialer Arbeit: Eine Einführung für soziale Berufe. Band 1: Studienbuch, Schwalbach am Taunus 2008; C. Wolfgang Müller, Wie Helfen zum Beruf wurde. Eine Methodengeschichte der Sozialen Arbeit, Weinheim 2013; Wolf Rainer Wendt, Geschichte der Sozialen Arbeit, Wiesbaden 2017.
[2] Vgl. z.B. Christoph Sachße / Florian Tennstedt, Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland, Stuttgart 1980–2012; Ralph Christian Amthor, Einführung in die Berufsgeschichte der Sozialen Arbeit, Weinheim 2016.

Zitation
Dayana Lau: Rezension zu: Hammerschmidt, Peter; Weber, Sascha; Seidenstücker, Bernd: Soziale Arbeit – die Geschichte. Opladen 2017 , in: H-Soz-Kult, 20.03.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27049>.
Redaktion
Veröffentlicht am
20.03.2017
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Michael Geiss und Joachim Scholz). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/
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