Cover
Titel
Geschichte der Zukunft. Prognosen, Visionen, Irrungen in Deutschland von 1945 bis heute


Autor(en)
Radkau, Joachim
Erschienen
München 2017: Carl Hanser Verlag
Umfang
544 S.
Preis
€ 28,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martina Heßler, Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften, Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg

Joachim Radkau hat ein umfangreiches Buch zur Geschichte der Zukunft vorgelegt – in einer Zeit, die von vielen als Zeit der Transformation, als Zeit eines herausfordernden Wandels erlebt wird. Nicht zufällig ist die Zukunft erneut Gegenstand vielfältiger Prognosen, intensiver Diskussionen und wissenschaftlicher Darstellungen.[1] Das Buch kommt also zur rechten Zeit. Entsprechend schnell und oft wurde es bereits rezensiert.[2] Allerdings könnte es als Botschaft einer großen Ernüchterung gelesen werden, insofern Radkau, sehr kurz zusammengefasst, stets betont: Es kommt immer anders, als man denkt. Futurologie, Technikfolgenabschätzung, Prognosen, Visionen – alles hinfällig. Das Buch ist eine detailreiche und vielfältige Sammlung von Fehlprognosen, von „Irrungen“, wie es schon im Untertitel heißt.

Radkau geht es erstens darum, vergangene Erwartungen zu untersuchen, da er sie für zentral hält, um Menschen der Vergangenheit zu verstehen.[3] Zweitens verfasst er auf diese Weise eine etwas andere Geschichte der Bundesrepublik. Indem er aufzeigt, dass sich die Erwartungen der Menschen meist nicht bestätigten, schreibt er eine Überraschungs- und Überrumpelungsgeschichte (er selbst spricht vom „Überraschungsmoment des Geschehens“ und vom „Überrumpelungseffekt“, S. 20). Die Geschichte, die er präsentiert, ist keine, bei der im Nachhinein erklärt wird, wie und warum etwas geschah, sondern sie folgt dem „Zickzack“ des Unvorhergesehen; Radkau liefert eine Fülle von – aus Sicht der Zeitgenossen – unerwarteten Geschichten. Er bezieht sich auf Jürgen Kuczynskis Buch „Vom Zickzack der Geschichte“ (1996). Kuczynski ging offenbar davon aus, dass der „Fortschritt“ im Zickzack verlaufe, wie Radkau selbst erläutert (S. 26), allerdings ohne dieses dann doch lineare Fortschrittsdenken zu kommentieren. Drittens möchte er sich nicht mit literarischen oder filmischen Vorstellungen der Zukunft beschäftigen. Vielmehr formuliert er das Ziel, „die Zukunftsgeschichte tiefer in der realen Geschichte zu verwurzeln, ob als Spiegel von Zeitstimmungen, als Triebkraft des Handelns oder als Quelle von Überraschungen“ (S. 15). Viertens polemisiert Radkau gegen „retrospektive Besserwisserei“ (S. 11). Die Erwartungen seien nicht im Nachhinein als falsch zu klassifizieren, sondern das historische Verstehen sei zu üben. Gleichwohl fällt auf, dass er es bei seinen vielen, heute eben auch skurril anmutenden Beispielen doch nicht unterlässt, sich ab und an lustig zu machen bzw. sich zu empören.[4]

Thematisch und geographisch behandelt Radkau die „Geschichte der Zukunft“ in Deutschland von der frühen Nachkriegszeit bis zur Gegenwart, wobei die Geschichte der Bundesrepublik weitaus mehr Raum erhält als diejenige der DDR. Insgesamt enthält das Buch in 12 Kapiteln eine breite Palette von Themen, die im Kontext der deutsch-deutschen Geschichte erwartbar sind. Dies reicht von der zukunftspessimistischen Stimmung der unmittelbaren Nachkriegszeit über die frühen Diskurse zur „Automation“, der Debatte und den Haltungen zum Atom (militärisch wie zivil) bis zum Thema Reisen, Bildung, zu Futurologie und Zukunftsstudien, den „68ern“, der Zukunft der Industriearbeit und einigem mehr. Das Waldsterben kommt vor, die Atomangst (überhaupt findet die vermeintliche „German Angst“ in einigen Kapiteln Erwähnung), weiter die Picht᾽sche „Bildungskatastrophe“ oder die „Industrie 4.0“. Anderes fehlt oder wird nur kursorisch behandelt, so in auffälliger Weise Fragen der Mobilität oder des Städtebaus.

Die Lektüre ist nicht immer einfach, sofern man nach einem roten Faden sucht. Viele Themen werden in verschiedenen Kapiteln aufgenommen. Einiges wird nur angetippt, Ungenauigkeiten bleiben bei der Fülle des behandelten Stoffs nicht aus. Joseph Weizenbaum als „Pionier der Automatik“ zu bezeichnen (S. 384) klingt merkwürdig; dass der Computer „für eine Gegenmacht gegen Bürokratie“ (S. 276) gehalten wurde, ist, anders als Radkau mit Ausrufezeichen unterstreicht, nicht überraschend; die Ausführungen zur „Industrie 4.0“ mäandern etwas ratlos. Gleichwohl liefert der Verfasser ein beeindruckendes Panorama der deutschen Geschichte anhand nicht eingetroffener Erwartungen. Die empirische Fülle zusammenzufassen ist schlicht unmöglich. Stattdessen seien einige systematische Bemerkungen erlaubt.

Radkaus Buch ist ein langer Essay. Das hat Vor- und Nachteile: das Inspirierende, teils Unterhaltsame, Überraschende einerseits, die mangelnde Ordnung andererseits. Der Autor hält sich nicht mit theoretisch-konzeptionellen Reflexionen auf. Er ist frei davon, sich systematisch mit dem Begriff der Erwartungen oder dem der Zukunft auseinanderzusetzen oder sich explizit innerhalb der bereits vorliegenden wichtigen Studien zur Geschichte der Zukunft zu positionieren. Dies hat einige Konsequenzen. Radkau klammert Utopien als für „den Historiker […] am wenigsten relevant“ aus (S. 26) und spricht dann von Prognosen, Vorhersagen, self-fulfilling prophecies, von Zweckoptimismus, von futuristischen Wünschen und Angstträumen, ohne die Unterschiede zu reflektieren. Eine Systematik, wie sie Rüdiger Graf und Benjamin Herzog hinsichtlich einer auch bei Radkau zu findenden Pluralisierung der Zukunft vorgelegt haben[5], ist jedoch zweifellos hilfreich, wenn nicht gar unabdingbar für eine „Geschichte der Zukunft“. Bei Radkau wird jede politische Äußerung, jeder Diskurs Teil der Zukunftserwartungen. Die Spezifik einer „Geschichte der Zukunft“ geht über weite Strecken des Buches verloren.

So ist die fehlende Differenzierung zeitlicher Horizonte für die Einschätzung, ob es sich um „Irrungen“ handelte, problematisch. Auch wenn die Forschung zu „Künstlicher Intelligenz“, um nur ein Beispiel zu nennen, in den 1980er-Jahren ein „Modethema“ war (S. 382), das viele Erwartungen und selbstgemachte Versprechungen nicht erfüllte, so wird vieles davon inzwischen möglich. Das mag nun die heutigen Zeitgenossen wiederum überraschen und Radkaus Zickzack-Paradigma scheinbar bestätigen. Allerdings ist die These, dass Erwartungen nicht eintrafen, dann immer nur auf ein unmittelbares Eintreffen bezogen. Dies unterschätzt jedoch die mittel- und langfristige Bedeutung von Zukunftsideen und -prognosen. Oft entfalten sie ihre Wirkung erst Jahrzehnte später. Nicht zufällig werden sie mehrfach aufgenommen und in neuem (oder auch in gleichem) Gewand vorgetragen, wie beispielsweise im Hinblick auf die Geschichte der Arbeit zu beobachten ist.[6] Mit manchmal gehöriger Zeitverzögerung realisiert sich das Befürchtete oder Erhoffte dann eben doch.

Ob eine Erwartung, eine Prognose oder Vorhersage, gar eine Vision eintritt, ist nicht nur im Hinblick auf den Zeithorizont genauer zu bestimmen. Es finden sich in der Geschichte (nicht nur der Bundesrepublik) viele Beispiele für kluge Vorahnungen, Warnungen oder Prognosen. Dies gilt allemal für Automationsvisionen der 1950er-Jahre. Auch wenn die Arbeitswelt bislang nicht vollautomatisiert ist und es vielleicht nie sein wird, so ist der Automatisierungsgrad in bestimmten Branchen sowie bei bestimmten Tätigkeit enorm hoch, die Arbeitswelt im Vergleich zu den 1950er-Jahren – nicht zuletzt aufgrund der Automatisierung – radikal transformiert, wenn auch nicht exakt so wie zuvor vielfach ausgemalt.

Dies führt zu einer weiteren systematischen Anmerkung. Implizit macht Radkau zwar klar, dass Erwartungen unterschiedliche Motivationen, Intentionen und Funktionen haben. So spricht er vom Zweckoptimismus, vom Schüren von Angst, von Wunschzukünften etc. Insgesamt ist er jedoch damit beschäftigt darzustellen, dass Erwartungen nicht eintrafen, dass Zukunftspläne nicht umgesetzt wurden. Dies stellt letztlich einen linear gedachten Vergleich von Erwartung mit „Realität“ dar. Zu wenig wird herausgearbeitet, dass die geäußerten Erwartungen, Debatten, Prognosen etc. Teile eines unabdingbaren gesellschaftlichen Aushandlungsprozess darüber sind, wie die Zukunft aussehen soll. Nicht zuletzt deshalb sind die Zukunftsbilder ja so vielfältig. Der Fokus auf der Frage, ob es denn nun wirklich eintraf, verfehlt viele wichtige Funktionen des Zukunftsdenkens. Zu wenig wird strategisches, naives oder politisches Zukunftshandeln analytisch betrachtet, zu wenig in Erwägung gezogen, dass gar nicht das Geäußerte, Prognostizierte das Ziel sein mag. Auch die von Radkau gelegentlich mit Verwunderung oder gar mit Vorwurf bedachte Vermischung von Fakten und Fiktionalem verweist auf diese Funktionen und ist typisch für Zukunftsbilder, die dann eben nicht wörtlich, sondern politisch zu lesen sind.

Ein letzter Punkt sei eingewandt: Radkau verbleibt in einer isolierten Beschreibung der einzelnen Felder. Auch wenn das Buch eine Mischung aus Chronologie und Systematik aufweist, hätte man sich als Leser/in gefreut, etwas über zeitliche Konjunkturen zu erfahren. Dominierte die Skepsis in einem Bereich, während man gleichzeitig in einem anderen Bereich hoffnungsfroh war? Auch wenn sich Radkau zu Recht gegen eine Dekadeneinteilung von Zukunftsstimmungen wehrt, bleibt auch für die Geschichte der Bundesrepublik die Frage lohnend, inwieweit zeitlich dominierende Grundstimmungen oder Themenfelder die Haltung zur Zukunft prägten.

Radkaus Schreibstil lässt einige seiner systematischen Erkenntnisse untergehen. Die Leser/innen müssen diese aus den Details selbst herausschälen. Allzu deutlich betont der Autor sein zentrales Ergebnis: dass die vergangene Zukunft eine stets unerwartete Unordnung darstellt. Dies ist allerdings ein durchaus schönes, unkonventionelles Resultat für eine Wissenschaft, die die Vergangenheit üblicherweise retrospektiv ordnet und systematisiert, wie es auch diese Rezension mit dem vorliegenden Zickzack-Werk versucht hat.

Anmerkungen:
[1] Aus sozialwissenschaftlicher Sicht neuerdings z.B. Jens Beckert, Imagined Futures. Fictional Expectations and Capitalist Dynamics, Cambridge 2016; aus zeithistorischer Sicht u.a. Elke Seefried, Zukünfte. Aufstieg und Krise der Zukunftsforschung 1945–1980, Berlin 2015; Lucian Hölscher (Hrsg.), Die Zukunft des 20. Jahrhunderts. Dimensionen einer historischen Zukunftsforschung, Frankfurt am Main 2017.
[2] Der im Januar 2017 erschienene Band erhielt sogleich eine Fülle von Besprechungen und Berichten in den Medien, so in der Süddeutschen Zeitung, der ZEIT, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, im Deutschlandfunk – um nur einige zu nennen.
[3] Erwartungen waren und sind natürlich auch andernorts Thema in der Geschichtswissenschaft. Vgl. neben den klassischen Arbeiten Reinhart Kosellecks beispielsweise das DFG-Schwerpunktprogramm „Erfahrung und Erwartung. Historische Grundlagen ökonomischen Handelns“: https://www.experience-expectation.de (31.05.2017).
[4] So beispielsweise auf S. 139, wo er die „linke“ Atomeuphorie beschreibt: „Als ob das Hauptproblem der Kerntechnik darin bestünde, dass man nicht versehentlich das Kabel zuschüttet!“ Oder: „All diese Märchen, die damals von den versammelten Sozialdemokraten anscheinend kritiklos hingenommen wurden, […].“
[5] Rüdiger Graf / Benjamin Herzog, Von der Geschichte der Zukunftsvorstellungen zur Geschichte ihrer Generierung. Probleme und Herausforderungen des Zukunftsbezugs im 20. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft 42 (2016), S. 497–515.
[6] Vgl. Martina Heßler, Zur Persistenz der Argumente im Automatisierungsprozess, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 66 (2016), Heft 18–19, S. 17–24, http://www.bpb.de/apuz/225690/zur-persistenz-der-argumente-im-automatisierungsdiskurs (31.05.2017).

Zitation
Martina Heßler: Rezension zu: Radkau, Joachim: Geschichte der Zukunft. Prognosen, Visionen, Irrungen in Deutschland von 1945 bis heute. München 2017 , in: H-Soz-Kult, 20.06.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27105>.