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Titel
Eduard Norden. Altertumswissenschaftler von Weltruf und „halbsemitischer Friese“


Autor(en)
Schlunke, Olaf
Erschienen
Umfang
75 S.
Preis
€ 8,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kay Ehling, Staatliche Münzsammlung München

Bis in die 1980er-Jahre war über Eduard Norden wenig bekannt. Inzwischen sind einige Beiträge zu Leben und Werk dieses bedeutenden Altphilologen und Religionshistorikers erschienen, die Olaf Schlunke in seiner kurzen Biographie (S. 67, Anm. 1 u. S. 70f., Anm. 22 u. 25) auflistet, der selbst den Nachlass des Gelehrten für das Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften erschlossen hat (S. 8).

Eduard Norden wurde am 21. September 1868 im ostfriesischen Emden geboren (S. 17). Sein Vater Carl war aktives Mitglied der Israelitischen Gemeinde und – wie dessen Vater Joseph – von Beruf Arzt, die Mutter Rosa war die Tochter eines Landrabbiners (S. 15f.). Noch vor dem Abitur trat Norden zum Protestantismus über (S. 18f.). Auf Empfehlung seines Latein- und Griechischlehrers Philipp Kohlmann ging Norden nach Bonn und studierte ab dem Sommersemester 1886 bei den Dioskuren Hermann Usener und Franz Bücheler. In Berlin hörte er Hermann Diels und Theodor Mommsen, diesen in seiner letzten Vorlesung über lateinische Epigraphik (S. 21). Nach der Promotion wurde Norden Assistent bei Georg Kaibel in Straßburg, wo er sich habilitierte (S. 22). Daran schloss sich eine rasche Karriere an, bei der, wie Schlunke schreibt, der jüdische Hintergrund, soweit erkennbar, nicht hinderlich gewesen zu sein scheint (S. 22). 1893 wurde er zum außerordentlichen, 1895 zum ordentlichen Professor an der Universität Greifswald berufen. Dort heiratete Norden Marie Schultze, eine Tochter des Greifswalder Bürgermeisters; aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor (S. 24). 1899 wechselte Norden an die Universität Breslau, wo er mit Conrad Cichorius und Felix Jacoby enge Freundschaft schloss. Mit Letzterem unternahm er 1906 eine Griechenlandreise. Dort erreichte ihn die Nachricht, dass er für die Nachfolge von Adolf Kirchhoff an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin vorgesehen war (S. 27f.), und in Berlin sollte Nordens Universitätslaufbahn mit der Wahl zum Rektor für das Amtsjahr 1927/28 ihre Krönung erreichen (S. 37–43). Im Jahr 1913 publizierte er „Agnostos Theos. Untersuchungen zur Formengeschichte religiöser Rede“ (dafür erhielt er 1919 die theologische Ehrendoktorwürde der Universität Bonn), 1920 „Die germanische Urgeschichte in Tacitus Germania“ und 1924 „Die Geburt des Kindes. Geschichte einer religiösen Idee“, in der Norden, wie Schlunke zusammenfasst, „die Idee von der Geburt des göttlichen Kindes als Glied einer Kette altägyptischer, jüdischer, griechischer und christlicher Überlieferungen“ deutet und die „Suche nach einer konkreten Person“, wobei an Octavian, einen möglichen Sohn Octavians oder ein Kind aus der Verbindung zwischen Marc Anton und Octavia gedacht worden ist, ablehnt (S. 36).

Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg, den Norden, wie Schlunke ausführt, schwärmerisch verehrte (S. 42), Adolf Hitler zum Reichskanzler. War Norden zunächst noch durch den Umstand privilegiert, dass er vor dem 1. Januar 1915 verbeamtet worden war, so verlor er schon Anfang 1934 seinen Sitz in der Zentraldirektion des Deutschen Archäologischen Instituts (S. 48). Um einer möglichen ‚Beschädigung‘ des Thesaurus linguae Latinae in München durch seine Person zuvorzukommen, trat er von dessen Präsidentschaft zurück. Gleichzeitig schrieb Norden an seinen Schüler Erich Koestermann am 22. April 1935: „Den Steuermann Hitler liebe ich, trotz allem, wie Sie“ (S. 50). „Den Glauben, unter dem ‚Steuermann Hitler‘“, so Schlunke, „müsse sich doch alles zum Guten wenden, wollte er sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht nehmen lassen“ (S. 51). Während Norden in Deutschland seiner Ehren verlustig ging – am 31. Dezember 1935 entzog ihm das Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung die Venia Legendi (S. 71, Anm. 30) –, erhielt er im September 1936 gemeinsam mit 62 weiteren Gelehrten, darunter Friedrich Meinecke und Werner Jaeger, die Ehrendoktorwürde der Harvard University und nahm diese persönlich entgegen.

Nach der ‚Reichspogromnacht‘ stellte das Ehepaar Norden einen Ausreiseantrag in die Schweiz; um die „Judenvermögensabgabe“ und die „Reichsfluchtsteuer“ bezahlen zu können, mussten Bibliothek und Haus in Berlin-Lichterfelde veräußert werden, letzteres ging im Februar 1939 unter Wert an einen NS-Ministerialbeamten (S. 56). Bei der Übersiedlung in die Schweiz half der ehemalige Schüler Horst Ducki (1908–1944). Im Schweizer Exil verfolgte Norden nicht ohne Bewunderung die militärischen Erfolge Hitler-Deutschlands (S. 64). Er starb am 13. Juli 1941 in Zürich.

Eduard Norden, das führt Schlunkes biographische Skizze, die sich als Vorarbeit zu einer noch zu schreibenden umfangreicheren Biographie versteht (S. 73), dem Leser vor Augen, fühlte und dachte deutsch-national. Wie viele seiner Universitätskollegen wählte er in den 1920er-Jahren nicht Parteien der Mitte, sondern der Rechten, die der Weimarer Republik genauso feindlich wie die Kommunisten gegenüberstanden und die Hitler letztlich mit an die Macht brachten. Dessen Rassenwahn nahm der Philologe, wie viele andere Deutsche auch, nicht weiter ernst (S. 45). Von politischer Kurzsichtigkeit und Überangepasstheit in Sachen Deutschsein wird man Norden somit nicht freisprechen können.

Zitation
Kay Ehling: Rezension zu: Schlunke, Olaf: Eduard Norden. Altertumswissenschaftler von Weltruf und „halbsemitischer Friese“. Berlin 2016 , in: H-Soz-Kult, 06.02.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27120>.
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Veröffentlicht am
06.02.2017
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