A. Speer u.a (Hrsg.): Wissenschaft mit Zukunft

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Titel
Wissenschaft mit Zukunft. Die ‚alte‘ Kölner Universität im Kontext der europäischen Universitätsgeschichte


Hrsg. v.
Speer, Andreas; Berger, Andreas
Erschienen
Köln, Weimar, Wien 2016: Böhlau Verlag
Umfang
469 S.
Preis
€ 60,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sandra Salomo, Stiftung Kloster Dalheim Email:

Der vorliegende Sammelband verfolgt das Ziel, das Thema Hochschule mit neuen Impulsen wieder zum Gegenstand aktueller Geschichtsforschung zu machen und in die maßgeblichen Entwicklungen der europäischen Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte einzuordnen. Er soll dabei die Diskussionen auf der 2013 durchgeführten Tagung „Zurück in die Zukunft? Die ‚alte‘ Kölner Universität im Kontext der europäischen Universitätsgeschichte“ anlässlich des 625. Jubiläums der Universität Köln weiterführen.[1] Neben dem Fallbeispiel Köln kommen, so die Herausgeber, die allgemeine Entwicklung der Institution „Universität“, die universitären Netzwerke sowie die verschiedenen Akteure des akademischen Milieus zur Sprache (S. 9f., 12f.). Demgegenüber bleibt die Stellung der im Titel angekündigten gegenwartsrelevanten Aspekte in der Zielformulierung für den Band etwas blass. So heißt es unspezifisch, dass „eine Verbindung zwischen der Diskussion der mittelalterlichen und neuzeitlichen Geschichte der europäischen Universitäten und den Realitäten und Herausforderungen der Gegenwart“ hergestellt werden soll (S. 14). Die 16 Beiträge in deutscher und englischer Sprache sind vier unterschiedlichen Thematiken zugeordnet.

Die Aufsätze der ersten Rubrik widmen sich der alten Kölner Universität – von den Jahrzehnten vor ihrer Gründung bis zum ausgehenden Mittelalter. Der Beitrag von Rudolf Schieffer beleuchtet die Entwicklung der Stadt Köln und die Geschichte des aus ganz Europa Studenten anziehenden Generalstudiums der dort ansässigen Bettelorden, die eine nicht unerhebliche Rolle für die Universitätsgründung spielten. Mit Köln erfolgte 1388 eine der ersten Gründungen nördlich der Alpen, initiiert durch die Stadt und mit Unterstützung der großen Bettelorden (S. 30). Der sich anschließende Beitrag befasst sich mit der gleichen Thematik, wobei William J. Courtenay seinen Schwerpunkt auf die Rolle der Bettelorden legt. Diese bildeten ihre Mitglieder in Bibelstudien und Scholastik zwar selbst aus, doch Abschlüsse mussten diese an der Pariser Universität erlangen, bei der die Kompetenz für die theologische Ausbildung dieser Zeit lag. Mit seinen Ausführungen kann Courtenay aufzeigen, dass die Bettelorden daher nicht nur ein Interesse an einer Kölner Universitätsgründung hatten, sondern auch eine wichtige Rolle bei der Formung der Universität einnahmen (S. 48f.). Der Geschichte des Stadtrats, auf dessen Initiative die Hochschule gegründet wurde, widmet sich Manfred Groten. Er fragt, wie es dem Stadtrat gelang, den Fortbestand der noch jungen Universität gegen etwaige fehlende Akzeptanz in der Bevölkerung aufgrund hoher Kosten, die eine Hochschule mit sich brachte, zu sichern. Eine Antwort darauf stellt die Einbindung von Mitgliedern der Stadtgemeinschaft in die Verwaltung städtisch-universitärer Angelegenheiten und die zunehmende, auch institutionell gesicherte Verbindung beider Sphären dar (S. 66). Mit den Kölner Theologen setzt sich Peter Walter auseinander. Er betrachtet zunächst die Generalstudien der großen Bettelorden, um die Grundlage der Universitätstheologie darzulegen. Anschließend widmet auch er sich dem Jahrhundert nach der Gründung mit Blick auf die Universitätstheologie und stellt drei Konflikte vor, in die die Kölner Theologen mehr oder weniger stark involviert waren.

Der zweite Abschnitt befasst sich mit der Geschichte der Universität als Organisation und ihren Lebenswelten. Ausgehend von der Annahme, dass einerseits der stabile institutionelle Rahmen der Hochschule eine Differenzierung und zunehmende Komplexität der vormodernen Wissenschaften ermöglichte und andererseits die trotz unterschiedlicher Denkweisen verbundenen Fakultäten zunehmend begannen, miteinander zu kommunizieren, thematisiert Frank Rexroth, wie es den Hochschulen gelang, zu einem Ort zu werden, wo Unterschiede in einer Einheit der Wissenschaften integriert wurden (S. 89f.). Auch der Beitrag von Rainer Christoph Schwinges untersucht die Gegensätze an deutschen Hochschulen – die sozialen und wertesystembedingten. Das geminderte Ansehen der Artistenfakultät gepaart mit der Tatsache, dass 80 Prozent aller Studenten ihr angehörten, führte immer wieder zu Konflikten und ermöglichte ein Aufblühen von Reglementierungen (S. 125f.). Hedwig Röckelein fragt nach den Studentinnen im Mittelalter, deren Existenz sich jedoch auf ein allegorisches und symbolisches Dasein beschränkt habe. Demgegenüber lagen, wie Röckelein anhand zahlreicher Beispiele zeigt, die Bildungsmöglichkeiten von Frauen an den Höfen und in Klöstern sowie ihrer Teilnahme an außeruniversitären Diskursen. Im folgenden Aufsatz zeichnet Marian Füssel ein vielschichtiges Bild der frühneuzeitlichen (männlichen) Studenten. Obgleich sie bestimmte Praktiken des studentischen Lebens wie Initialisierungsriten, Duelle, Männlichkeitsgebaren, Lärmen und Verschuldung teilten – die alle als (institutionalisierte) Normverstöße galten und von Füssel ausführlich beschreiben werden –, bildeten die Studenten dennoch keine homogene Einheit.

Die allgemeine frühneuzeitliche Wissenschaftsgeschichte, die aufs engste mit den Universitäten verbunden ist, steht im dritten Teil des Sammelbandes im Mittelpunkt. Entsprechend geht es um die Wissens- und Bildungsgeschichte in Bezug auf die freien Künste, die Medizin, die Jurisprudenz und die Theologie. Jacques Verger skizziert die Entwicklung der freien Künste, die die Grundlage für ein Theologiestudium darstellten hin zu einer inhaltlich, strukturell und sozial autonomen Artistenfakultät, die er mit der Wiederentdeckung antiker Autoritäten erklärt, die eine Restauration alter Zustände unmöglich machte (S. 208). Helmut G. Walther zeigt anhand der potentiellen Einkommensmöglichkeiten und der Nutzbarkeit für die spätere Berufsausübung, inwiefern das Studium der Rechte als eine Karrierewissenschaft gedeutet werden kann. Am Beispiel der Trinitätsthematik innerhalb dreier sehr unterschiedlicher Kommentare des Sentenzenwerks von Petrus Lombardus kritisiert Maarten J. F. M. Hoenen die übliche Annahme, wonach es zu einer Verdrängung der Scholastik durch den Humanismus gekommen sei. Vielmehr sei die Entwicklung zum Humanismus teilweise im Programm der Scholastik angelegt gewesen (S. 300). Die letzten beiden Beiträge befassen sich mit der Medizin. Das Interesse von Olaf Breidbach gilt der Entwicklung des aus der medizinischen Forschung seit dem 13. Jahrhundert hervorgegangenen experimentellen Belegens von Ursache-Wirkungszusammenhängen im Bereich der Naturwissenschaften (S. 333). Sonia Horn beschreibt am Beispiel der Maxischen Akademie zu Bonn und der medizinisch-chirurgischen Josephsakademie zu Wien die Ausrichtung der medizinischen Ausbildung, die Überprüfung der Berufsausübung sowie die Einrichtung eines Verwaltungssystems zugunsten eines zu errichtenden Wohlfahrtsstaates.

Der letzte Abschnitt geht auf die Gegenwart der Hochschullandschaften ein. Martin Kintzinger fragt nach der Bedeutung der Internationalität der Universitäten, des Studiums und der studentischen Mobilität in historischer und gegenwartsbezogener Perspektive und führt dabei immer wieder Aspekte an, deren weitergehende Bearbeitung lohnen würde. So plädiert Kintzinger dafür, den zugunsten von nationaler und territorialer Perspektive immer mehr vernachlässigten europäischen Entwicklungsraum der Universitätsgeschichte wieder stärker in die Forschung einzubeziehen (S. 385). Im Mittelpunkt des Aufsatzes von Ulrich Teichler steht die Genese der Bologna-Studienreform mit der Frage, ob es sich um eine ungeahnte oder doch seit längerem zu erwartende Entwicklung hin zu einem Wechsel des Systems handele (S. 398). Hierfür analysiert er u.a. das abgestufte System von Studiengängen und -abschlüssen sowie die internationale studentische Mobilität. Teichler konstatiert, dass sich zweifelsohne zahlreiche Veränderungen in der europäischen Hochschullandschaft durch die Reform vollzogen haben, doch einige deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind (S. 427–429). Abschließend bilanziert Thorsten Nybom die gegenwärtige Situation des europäischen Bildungssystems, welches nicht an die sich ändernden Verhältnisse in den vergangenen Jahrzehnten angepasst wurden sei (S. 432f.). Sein Fazit lautet daher: „[W]e have to devote all our intellectual efforts, and a substantial part of our economic and human resources, to rebuild our education systems in general, and our damaged higher education systems in particular“ (S. 442).

Insgesamt handelt es sich um einen interessanten Tagungsband mit fundierten Aufsätzen ausgewiesener Kenner der jeweiligen Thematik. Sie werfen methodisch sehr unterschiedliche Schlaglichter auf den Gegenstand ihrer Forschung. Einige Beiträge weisen jedoch keine oder nur marginale Bezüge zur Kölner Universität auf, was zwar deren jeweilige Qualität keineswegs tangiert, doch ihren Platz im vorliegenden Band infrage stellt. Denn die Reichweite eines Beitrags, der nur auf den jeweiligen Kontext fokussiert und kaum weitere Einordnung in den allgemeinen Diskurs liefert, bleibt begrenzt. Es wird abzuwarten sein, ob der Band sein sich selbst gesetztes Ziel erreicht und entweder zu neuen Fragestellungen innerhalb der europäischen Universitätsgeschichtsforschung anregt oder zu einer Überprüfung der allgemeinen Beobachtungen am Beispiel der Kölner Hochschule führt. Dies wird wohl die Aufgabe jüngerer Forscherinnen und Forscher sein, die in diesem Band leider kaum zu Wort gekommen sind.

Anmerkungen:
[1] Vgl. die Tagungsankündigung unter http://625jahre.uni-koeln.de/zurueck-in-die-zukunft.html (04.03.2017).

Zitation
Sandra Salomo: Rezension zu: Speer, Andreas; Berger, Andreas (Hrsg.): Wissenschaft mit Zukunft. Die ‚alte‘ Kölner Universität im Kontext der europäischen Universitätsgeschichte. Köln, Weimar, Wien 2016 , in: H-Soz-Kult, 30.05.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27159>.