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Titel
Der Kreuzzug gegen Mahdiya 1390. Konstruktionen eines Ereignisses im spätmittelalterlichen Mediterraneum


Autor(en)
Brachthäuser, Urs
Erschienen
Paderborn 2017: Wilhelm Fink Verlag
Umfang
822 S.
Preis
€ 99,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Philippe Goridis, Historisches Seminar, Universität Zürich

Die zu besprechende Heidelberger Dissertation von Urs Brachthäuser widmet sich auf stolzen rund 720 Seiten dem französisch-genuesischen Feldzug gegen die nordafrikanische Festung Mahdiya im Jahr 1390. Ziel der Studie ist die Untersuchung der Hintergründe und Voraussetzungen dieser auch als Kreuzzug bezeichneten Expedition und zwar „über die klassischen Parameter kreuzzugsgeschichtlicher Fragestellungen hinaus“ (S. 33). Damit ist gemeint, dass neben sozialen, ökonomischen und religiösen Aspekten zum Beispiel auch die kulturelle und strukturelle Dimension, Kreuzzugspraktiken und -ideologien sowie das Meer als Aktionsraum und Gegenstand des Diskurses über den Mahdiya-Kreuzzug in den Blick genommen werden. Das sind alles „Parameter“, die zwar vielleicht noch nicht als „klassisch“ bezeichnet werden können, aber so neu auch nicht mehr sind. Ebenfalls den „klassischen“ Rahmen der Kreuzzugsforschung sprengend ist Brachthäusers – durchaus sinnvolle – Zurückweisung der Bezeichnung dieses Feldzugs als Kreuzzug, da der Blick durch die Kreuzzugsbrille mit ihren Vorstellungen, Werten und definitorischen Debatten, so Brachthäuser, problembehaftet und einschränkend sei (S. 729). Irritierenderweise benennt der Autor die Expedition dann ausgerechnet im Titel seines Buches dennoch explizit als Kreuzzug.

Schon diese summarische Aufzählung vermag anzudeuten, auf was für eine ambitionierte Herausforderung sich der Autor eingelassen hat (und welchem Umstand der beträchtliche Umfang des Werks zu verdanken ist). Sein Buch bietet einen äußerst detaillierten Wissensfundus zur Mahdiya-Expedition. Brachthäuser widmet sich eingehend den Hauptakteuren dieses Ereignisses. Zuerst fokussiert er auf die Genuesen, die von der Forschung bislang kaum berücksichtigt worden sind, obwohl sie die eigentlichen Initiatoren der Expedition waren (Kap. 3). Darauf folgt der Blick auf die Franzosen (Kap. 4), die den Feldzug federführend umsetzten, und schließlich auf die Opfer, die Muslime des Maghreb (Kap. 5). Jede dieser Gruppen analysiert Brachthäuser hinsichtlich der unterschiedlichsten Aspekte und vermag so ein ausgesprochen vielschichtiges Bild dieser Expedition zu zeichnen. So äußert er sich zum Beispiel über fürstliche Patronage, Largesse und Gefolgschaft (Kap. 4.3.3), über Aufwand und Kosten der Expedition (Kap. 4.3.4) oder generell über adliges Reisen (Kap. 4.4).

Diese Vielfalt, die auf der einen Seite zweifellos als große Stärke angesehen werden kann, ist auf der anderen Seite aber auch eine Schwäche des Buches. Mitunter führt sie nämlich zu einer Verzettelung der Argumentation und der Ansätze sowie zu einer manchmal eher oberflächlich-beschreibenden Behandlung der Quellen. Inhaltliche Redundanzen und chronologische Sprünge erleichtern die Lektüre ebenfalls nicht, da sie den argumentativen roten Faden mitunter verschleiern (vgl. bspw. S. 38, 40–42, 110–126, bis 265, 305–311, 556; Kap. 2.2, 2.3, 3.4, 3.5, 4.4). Man muss sich auch die Frage stellen, ob gewisse Ausführungen, die ohnehin hauptsächlich auf der Forschungsliteratur beruhen, etwa über die Situation Genuas (S. 95–ca. 200) oder das Rittertum (S. 474–510), nicht stärker zusammengefasst und mit den entsprechenden Literaturverweisen hätten ausgestattet werden können, um besser auf das eigentliche Anliegen des Buches zu fokussieren, nämlich die im Untertitel versprochenen „Konstruktionen eines Ereignisses“. Dieser äußerst interessante Aspekt kommt in der Fülle der sonstigen Informationen meiner Ansicht nach zu kurz. Bezeichnend hierfür ist das – im Übrigen sehr hilfreiche – Zwischenfazit auf den Seiten 305 bis 311, von denen dem Konstruktionsthema weniger als eine Seite gewidmet ist (S. 310). Eine vertiefte Reflexion der Problematik sucht man vergeblich.

So vielfältig die inhaltliche Untersuchung ausfällt, so divers ist auch ihre methodische Grundlage. Brachthäuser bemüht sehr viele Ansätze – von der Vorstellungsgeschichte über Raumvorstellungen bis hin zur Geopoetik – und wirft sehr viele Namen bekannter Forschender ins Rennen, wie etwa Arno Borst, Georges Duby, Jacques Le Geoff, Hans-Werner Goetz, Reinhard Koselleck oder Gerd Melville. Nicht nur kommen bei dieser Theoriedichte Zweifel über die Umsetzbarkeit auf, auch leidet die Übersichtlichkeit des Buches, zumal das eigentliche Kernkonzept, auf das sich Brachthäuser beruft, nämlich das Ereignis, erst auf S. 52 thematisiert wird. Der Mehrwert dieses Konzepts wird denn aber nicht wirklich ersichtlich, zumal in der Forschung selber laut Brachthäuser kein Konsens bestehe, was darunter überhaupt zu verstehen sei (S. 37f.). Eine konzise Anwendung erscheint unter dieser Voraussetzung schwierig, und was dann konkret umgesetzt wird, ist letztlich ein kulturgeschichtlicher Ansatz, der sehr zweckmäßig ist, aber das Ereignis-Konzept eigentlich überflüssig macht.

Auf ein weiteres Problem verweist die weitere Beschreibung der beabsichtigten Untersuchung „zentraler Aspekte der Charakterisierung des Ereignisses“ (S. 38), nämlich seine perspektivengebundene Wahrnehmung, seine Beziehung zu sozialen oder politischen Strukturen oder seine Konstruktion in der sprachlichen Darstellung. Nicht umsonst bezieht sich Brachthäuser selber auf die Goetz’sche Vorstellungsgeschichte als eine methodische Grundlage seiner Studie. Doch zu dieser gesellen sich weitere Untersuchungsziele, etwa strukturgeschichtliche Fragen. Hier kommen also sehr verschiedene Aspekte zusammen, die in der Diskussion zunächst einmal deutlich voneinander geschieden werden sollten, was Brachthäuser nicht immer gelingt. So oszillieren die einzelnen Kapitel bisweilen stark zwischen diesen beiden Polen, was zu Brüchen in der Argumentation führt. Dazu gehört zum Beispiel Brachthäusers Frage nach der Plausibilität der in einer Quelle erwähnten Eroberung Cagliaris durch die Expeditionsflotte (S. 328); denn aus kulturgeschichtlicher Perspektive verfügt besagte Quelle selbstverständlich über ihre eigene textuelle Plausibilität, die aber nichts über die ohnehin kaum zu erfassende historische aussagen muss. Als anderes Beispiel für dieses Schwanken zwischen den Ansätzen auf engstem Raum kann Kapitel 4.4 angeführt werden, wenn nach längeren Ausführungen über strukturelle Fragen des ritterlichen Reisens im Unterkapitel 4.4.3 plötzlich die Darstellung des Krieges in narrativen Quellen thematisiert wird.

Abschließend lässt sich festhalten, dass Umfang und Anspruch des vorliegenden Buches zugleich eine große Chance, aber auch eine ebenso große Hypothek darstellen. Das Buch verfolgt den Anspruch einer umfassenden Aufarbeitung der christlichen Expedition gegen Mahdiya. Tatsächlich vermag Brachthäuser dieser selbst gewählten Vorgabe über weite Strecken gerecht zu werden. Das Buch ist äußerst detailliert ausgefallen und bietet eine reiche und gut recherchierte Fundgrube zu einem Ausschnitt der Geschichte Genuas und der Kreuzzüge. Für die Drucklegung hätte sich gleichwohl eine (inhaltliche und methodologische) Straffung und Konzentration auf das Wesentliche angeboten. Hier wäre weniger mehr gewesen. Aber für die inhaltliche, quellenbasierte Beschäftigung mit dem spezifischen Ereignis der Mahdiya-Expedition von 1390, aber auch mit der späten Geschichte der Kreuzzüge, wird man um dieses Buch nicht herumkommen.

Zitation
Philippe Goridis: Rezension zu: Brachthäuser, Urs: Der Kreuzzug gegen Mahdiya 1390. Konstruktionen eines Ereignisses im spätmittelalterlichen Mediterraneum. Paderborn 2017 , in: H-Soz-Kult, 09.08.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27335>.