H. Knoblauch: Die kommunikative Konstruktion der Wirklichkeit

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Titel
Die kommunikative Konstruktion der Wirklichkeit.


Autor(en)
Knoblauch, Hubert
Erschienen
Wiesbaden 2017: Springer VS
Umfang
XII, 438 S.
Preis
€ 49,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marie-Kristin Döbler, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Bereits Mitte der 1990er-Jahre formulierte Hubert Knoblauch[1] die These, dass Kommunikation bei der Konstruktion von Wirklichkeit eine entscheidende Rolle zukomme. Er reformulierte (oder präzisierte?) damit die seit den 1960er-Jahren prominente These Bergers und Luckmanns von der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit[2] und legte einen neuen Akzent: Statt Wissen, wie es von Berger und Luckmann fokussiert wurde, wird Kommunikation an die zentrale Stelle gesetzt, ohne dabei mit Bergers und Luckmanns Ansatz zu brechen und sich gänzlich vom Einfluss des Wissens zu befreien. Ganz im Gegenteil bleiben die sozialkonstruktivistischen Wurzeln weiterhin ersichtlich und dominant[3], weil auch Knoblauch bspw. an die Sozialphänomenologie von Schütz anknüpfte. In „Die kommunikative Konstruktion von Wirklichkeit“ werden diese Überlegungen, nachdem sie in Aufsätzen und Artikeln immer wieder angeklungen sind[4], zum ersten Mal umfangreich und systematisch als „integrative Sozialtheorie“ (S. 15) entfaltet.

Knoblauch beginnt seine Einführung mit einer Selbstverortung in der Konstruktivistischen Tradition, die sich seines Erachtens von Berger und Luckmann ausgehend, über oder beeinflusst durch das Werk „Logische Propädeutik“[5] zum „Erlanger Konstruktivismus“ und letztlich zum „methodologischen Konstruktivismus“ (vgl. S. 1) entwickelt habe. Deiktischen Handlungen – der Fingerzeig gilt hierbei als paradigmatisches Beispiel – erhalten in diesen Überlegungen eine prominente Rolle und verdeutlichen, dass Kommunikation mehr als Sprechen ist (vgl. S. 48ff.). Sprache wiederum wird als spezifische Logik dargestellt, die Knoblauch als Ausdruck eines bestimmten Denksystems und Weltverständnisses versteht; auch die Wissenschaftssprache gilt als stets perspektivisch, „seinsver-“ oder „standortgebunden“.[6] Vor diesem Hintergrund erklärt Knoblauch es zum Ziel, „über die unterschiedlichen Gesellschaften, Kulturen und Sprache hinweg nicht […] einen alles überdeckenden großen gemeinsamen Nenner“ im Sinne einer „Universalsprache“ festzustellen, sondern „den kleinsten gemeinsamen Nenner, wie er in der so einfachen Geste des Zeigens gesehen werden kann“ (S. 3). Auf diese Weise, oder besser gesagt, dabei werde zwar eine wissenschaftliche Perspektive eingenommen, aber andere kulturelle Perspektiven würden nicht ausgeschlossen; weil der ‚Knoblauchsche‘ kommunikative Konstruktivismus Reflexivität nicht nur großschreibe, sondern auch praktiziere, werde auch alternativen Positionen Aufmerksamkeit geschenkt. Dezidiert schreibt sich Knoblauch auf die Fahnen, „Unterschiedlichkeit nicht nur sprachlich, sondern systematisch Rechnung [zu] tragen [… und] die Annahme bestimmter universaler Strukturen der Lebenswelt in Frage [zu] stellen“ (S. 4). Die „westliche Prägung der Wissenschaft“ werde daher nicht als „unabänderliches Schicksal“ (S. 4) behandelt oder dargestellt, sondern als Produkt oder Ergebnis kommunikativen Handelns. Die konstruktivistische Theorie, so wie er sie versteht und propagiert, weise somit nicht nur auf die Konstruktion und Kontingenz der Wirklichkeit hin, sondern wende diese Reflexivitätsperspektive auch auf sich selbst, das heißt die konstruktivistische Theorie an. So entstehe gleichsam Raum für den Einbezug anderer Perspektiven als auch für Veränderungen (vgl. S. 4f.).

An diesem Ziel schießt Knoblauch jedoch vorbei; zwar tauchen im Literaturverzeichnis nicht-westliche Namen auf, aber weiterhin stehen die Theorien ‚alter weißer Männer‘ und die Klassiker ‚westlicher Soziologie‘ im Mittelpunkt: Es geht „von Husserl über Scheler bis zu Waldenfels“ (S. 21). Ausführungen kreisen um Durkheim, Schütz, Weber, Mead, Sartre und andere im Westen altbekannte und dominante Namen, die mit Handeln, Intersubjektivität, Lebenswelt und Phänomenologie in Verbindung stehen (vgl. S. 19–74). Es liegt auf der Hand, dass Knoblauch um eine Beschäftigung mit Berger und Luckmann als Vordenkern des Konstruktivismus nicht umhinkommt, und auch nicht um die anderen Theorien, die bei der gewählten Thematik erwähnt werden sollten oder gar müssen; für einen Beitrag zur deutschsprachigen Theorielandschaft scheint es außerdem gerechtfertigt, diese Klassiker aufzugreifen. Doch sollte man dann überlegen, ob es sinnvoll oder vertretbar ist, sich selbst als Advokat alternativer Positionen zu küren und den Grad der Reflexivität so hochanzusetzen. Außerdem wäre es zu erwarten gewesen, dass nicht nur punktuell Beispiele auf „Frau Maier oder Herrn Özil“ (S. 38) zurückgreifen, sondern der Autor bei der Wahl der berücksichtigten Literatur auch über den Kontinent-Rand (vielleicht nach Asien oder Afrika?) und nicht nur über den großen Teich nach Amerika schaut, um etwa Goffman, Giddens oder Garfinkel zu zitieren.

Für den Aufbau des Buchs spielt eine Differenzierung zwischen Sozial- und Gesellschaftstheorie sowie Gegenwartsdiagnosen eine wichtige Rolle, die Knoblauch in der Einführung (S. 9–18) vorbereitet und die nach der Hinführung die Struktur vorgeben. So folgen auf die Klärung zentraler Begriffe (Soziales Handeln, Intersubjektivität und kommunikative Lebenswelt, S. 21–44), Erläuterungen zum Übergang „von der Sprache zur empirischen Kommunikationsforschung“ (S. 45–54) und Kritik an der konstruktivistischen Perspektive, bevor eine auf kommunikativem Handeln ansetzende Sozialtheorie entfaltet wird (S. 75–188). Angeschlossen werden Ausführungen zu Gesellschaftstheorien, die einmal die Schwerpunkte auf „Zeit und Sequenz“ (S. 193–292), einmal auf „Raum und Medien“ (S. 294–328) legen. Im Unterschied zur Sozialtheorie, die „das Soziale begrifflich auf eine allgemeine, abstrakte und empirisch unspezifische Weise bezeichnet“ (S. 15f.) und bestimmt, geht es hierbei dann um die Beobachtung und Beschreibung von „Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen verschiedenen Gesellschaften“, das heißt „empirische[r] Großformationen“, die nicht unbedingt mit Nationen zusammenfallen müssen (S. 16). Auch an dieser Stelle vergibt Knoblauch leider die Chance, nicht-europäische oder -amerikanische Gesellschaften zu vergleichen und zu berücksichtigen, indem auch hier die Theorien und Theoretiker westlich-weiß bleiben – selbst in einem Abschnitt, der explizit dem Fremden gewidmet ist und sich mit Prozessen des Othering beschäftigt (S. 289–292). Auch in den abschließenden Kapiteln „Diagnose: Kommunikationsgesellschaft“ (S. 329-380) sowie „Schluss: Die Refiguration der Moderne“ (S. 381–398) kommt die Einnahme der in der Einleitung angepriesenen anderen Perspektiven und die kommunikative Selbstreflexivität des Konstruktivismus zu kurz. Die „westliche Prägung der Wissenschaft“ erscheint daher erneut als „unabänderliches Schicksal“ (S. 4), der man auf Grund der (vom Wissenschaftssystem geforderten? durch die eigene Seins- und Standortgebundenheit präformierten?) Referentialität und Pfadabhängigkeit nicht entrinnen kann, auch wenn man weiß, dass Wissenschaft, Theorien und Wirklichkeit Produkt oder Ergebnis kommunikativen Handelns sind.

Es bleibt festzuhalten, dass Knoblauch mit „Die kommunikative Konstruktion der Wirklichkeit“ eine Theorielücke und konzeptuelle Leerstelle füllt, weil sehr gewissenhaft, akribisch, systematisch und nachvollziehbar die These von der Konstruktion der Gesellschaft in kommunikativem Handeln ausbuchstabiert wird. Dabei befreit er sich – und den Leser – dankenswerter Weise von vielerlei kognitiven Beschränkungen, die u.a. aus altgedienten Definitionen herrühren. Indem bspw. Handeln (am bekanntesten vermutlich in der Weberschen Prägung) nicht mehr an einen kognitiv verfassten subjektiven Sinn gekoppelt wird, kann Handeln auch in (Verbindung mit) Objektivationen, Körperlichkeit, Performativität und Materialität erkannt werden und kommunikatives Handeln muss nicht auf explizit sprachliches und zeichenhaftes Reden reduziert werden. So wird nicht nur erneut eine Interdependenz zwischen Kommunikation und Wirklichkeit postuliert, bei der der Wandel des einen, einen Wandel des anderen bedingt, sondern dies wird über mehr als 400 Seiten hergeleitet und nachvollziehbar verdeutlicht. Weil so gleichzeitig viele Begriffe und Konzepte definiert und erklärt werden, eignet sich das Buch gleichfalls als Referenz-, Nachschlage- und Übersichtswerk, setzt aber eine gewisse Vorbildung oder Vorkenntnis (soziologischer Art) voraus.

Anmerkungen:
[1] Hubert Knoblauch, Kommunikationskultur. Die kommunikative Konstruktion kultureller Kontexte, Berlin 1995.
[2] Peter L. Berger / Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Frankfurt am Main 1969 [1966 i.Org.].
[3] Knoblauch differenziert zwischen Sozialkonstruktivismus „im Gefolge Berger und Luckmanns und dem davon zu unterscheidenden ‚Konstruktivismus‘“ (S. 55f.) und beklagt, dass mit der inflationären Verwendung dieses Labels nicht nur der Begriff „letzten Endes beliebig“, sondern auch die Theorie „ungenau, unspezifisch“ werde (S. 63).
[4] Reiner Keller / Hubert Knoblauch / Jo Reichertz (Hrsg.), Kommunikativer Konstruktivismus. Theoretische und empirische Arbeiten zu einem neuen wissenssoziologischen Ansatz, Wiesbaden 2013.
[5] Wilhelm Kamlah / Paul Lorenzen, Logische Propädeutik oder Vorschule des vernünftigen Redens, Mannheim 1967.
[6] Karl Mannheim, Strukturen des Denkens, Frankfurt am Main 1980.

Zitation
Marie-Kristin Döbler: Rezension zu: Knoblauch, Hubert: Die kommunikative Konstruktion der Wirklichkeit. Wiesbaden 2017 , in: H-Soz-Kult, 11.08.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27346>.
Redaktion
Veröffentlicht am
11.08.2017
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