A. Imhausen u.a. (Hrsg.): Translating Writings of Early Scholars

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Titel
Translating Writings of Early Scholars in the Ancient Near East, Egypt, Greece and Rome. Methodological Aspects with Examples


Hrsg. v.
Imhausen, Annette; Pommerening, Tanja
Erschienen
Berlin 2016: de Gruyter
Umfang
X, 611 S
Preis
€ 119.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Bojowald, Institut für Archäologie und Kulturanthropologie, Ägyptologisches Seminar, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

In der hier zu besprechenden Publikation werden Modelle für die richtige Übersetzung und Interpretation antiker Wissenschaftstexte entwickelt. In seiner jetzigen Form ist der Sammelband aus drei Workshops 2013 und 2014 an den Universitäten Mainz und Frankfurt entstanden. Der Gesamtaufbau der Beiträge setzt sich aus einem ersten Teil mit theoretischen Erörterungen und einem zweiten Teil mit Textproben und deren kommentierter Übersetzung zusammen. Im Fall von Übersetzungsengpässen wird von mehreren Autoren das Plädoyer für die Beibehaltung der Originalbegriffe in der Ausgangssprache erhoben.

In der Einführung klären die beiden Herausgeberinnen über Gründe, Ziele und Wege des Bandes auf. Die Auswahl der behandelten Wissensgebiete greift auf die Bereiche Astronomie und Astrologie / Himmelskunde, Medizin und Magie / Heilkunde sowie Mathematik / Rechenkunde zurück (S. 5f.). Im Fall der Kommentare wird eine Verbindung aus emischer und etischer Sicht empfohlen (S. 6).

In Sektion I wird der antike Nahe Osten abgedeckt: Nils P. Heeßel geht auf medizinische Texte aus dem alten Mesopotamien ein. Die altorientalische Medizin blickt auf eine Tradition von mehr als 2.500 Jahren zurück. Die wesentlichen medizinischen Konzepte wie ätiologische Vorstellungen zur Krankheitsentstehung sowie die Behandlung derselben durch tierische, mineralische und pflanzliche Stoffe zeichnen sich durch eine beachtliche Konstanz aus (S. 17). Die medizinischen Texte werden als literarische Gattung zur Diagnostik und Therapeutik von körperlichen oder geistigen Erkrankungen definiert (S. 24).

Jim Ritter wendet seine Aufmerksamkeit der Übersetzung von babylonischen Texten mit mathematischen Problemen zu. Die ersten mathematischen Texte im strengen Sinn treten in der Frühdynastisch III – Zeit in der Mitte des 3. Jahrtausends v.Chr. auf. Die Textmehrheit lässt sich in die altbabylonische Epoche (2000–1600 v.Chr.) datieren (S. 76). Die Struktur des einschlägigen Materials wird in erstens Titel, zweitens Vorstellung des Problems, drittens zu beantwortende Fragen und viertens Lösungsmethode zerlegt. Die einzelnen Teile weisen sowohl formale als auch grammatikalische Unterschiede auf (S. 77). In der Lösung der Probleme wurde das sexagesimale „place-notational“ Zahlensystem verwendet (S. 78). Die metrologischen Einheiten werden durch sumerische Logogramme transliteriert, aber akkadisch transkribiert (S. 82).

Mathieu Ossendrijver richtet sein Interesse auf die Übersetzung von babylonischen astronomischen Tagebüchern und Prozedurtexten. Im Zeitraum von 750 bis 250 v.Chr. wurden mehrere neue Textgenres zur Beobachtung von Himmelsphänomen verfasst (S. 126). Der größte Teil der Texte im 1. Jahrtausends v.Chr. stammt aus Babylon, während Uruk und Nippur kleinere Mengen geliefert haben (S. 126). In der Zeit um das Jahr 600 v.Chr. wurde die Ziel-Jahr-Methode zur Vorhersage bestimmter Himmelserscheinungen und Planetenkonstellationen entdeckt (S. 127). Die Datumsangabe im babylonischen Kalender des 1. Jahrtausends v.Chr. baut sich aus Jahreszahl, Monatsname und Tageszahl auf. Die Jahreszahlen lehnen sich vor der Seleukidenzeit an die Regierungsjahre der Könige an (S. 131).

Die Sektion II ist dem antiken Ägypten gewidmet: Tanja Pommerenig unterbreitet Vorschläge zur Kommentierung und Übersetzung von heilkundlichen Texten aus dem alten Ägypten. Der Sprachstil kommt an manchen Stellen indes leicht oberlehrerhaft daher. Die von ihr postulierte Herkunft einer größeren Anzahl von Begriffen für die menschliche Anatomie aus dem Schlachterwesen (S. 188) ist wohl kritisch zu hinterfragen. Die unterstellte Bekanntheit der „tp3.w“-Nebenhöhlen aus der Rinderzucht (S. 249) muss wohl als eine durch nichts bewiesene Annahme gesehen werden.[1]

Annette Imhausen legt die Situation bei der Bearbeitung von hieratischen mathematischen Aufgabentexten dar. Der Inhalt der Texte wird formal in Tabellentexte und Aufgabentexte getrennt (S. 281). Die ägyptischen mathematischen Texte unterteilt Imhausen in Gruppe 1 mit hieratischen Texten aus dem Mittleren Reich (2055–1650 v.Chr.), der Zweiten Zwischenzeit (1650–1550 v.Chr.) und dem Neuen Reich (1550–1069 v.Chr.) sowie Gruppe 2 mit demotischen Texten aus ptolemäischer (332–30 v. Chr.) und römischer (30 v.–395 n.Chr.) Zeit (S. 283). Die Benutzung eines mathematischen Fachvokabulars und dessen Ableitung aus der Alltagssprache wird dokumentiert (S. 291–299). Außerdem erörtert Imhausen knapp die ägyptischen Bruchdarstellungen (S. 300–302). Die moderne Interpretation der Aufgabe 26 aus P.Rhind. nach Art einer algebraischen Gleichung mit einer Unbekannten wird ablehnend beurteilt, da im ägyptischen Text die symbolische Schreibweise fehlt und die Lösung im Anschluss an die Aufgabenstellung eine Prozedur und keine Umformung einer Gleichung darstellt (S. 313).[2] Friedhelm Hoffmann setzt sich mit Übersetzung und Kommentierung von ägyptischen astronomischen Texten auseinander. Dabei wird die Wichtigkeit der möglichst wortgetreuen Wiedergabe von fachspezifischen Texten betont (S. 339). Hoffmann hebt zudem die wünschenswerte Kombination aus Übersetzen und Deuten der Texte hervor (S. 341).[3]

Sarah Symons befasst sich näher mit den Herausforderungen, die es bei der Interpretation von ägyptischen astronomischen Texten zu meistern gilt. Die ältesten astronomischen Texte sind auf Sarkophagen des frühen Mittleren Reiches belegt. Der Begriff star clock wird zugunsten von diagonal star tables aufgegeben (S. 379). Das erste Beispiel für eine astronomical representation ist im Grab des Senenmut aus der 18. Dynastie zu finden (S. 380). Der Begriff „Dekan“ wird nach moderner Terminologie für die Namen von Sternen in diagonal star tables oder Sternenlisten in astronomischen Diagrammen verwendet. Die tables fächern sich in Typ T mit Sternen in der Konstellation „ṯm3.t“ am Anfang und Typ K mit Sternen in der Konstellation „knm.t“ am Anfang auf (S. 382). Die Übersetzung der tables wird aber durch das fehlende Wissen über die Bedeutung der meisten Dekan-Namen erschwert (S. 383). Die Assoziation der 12 Sternreihen in den diagonal star tables mit den Nachtstunden betrachtet Symons aus mehreren Gründen – etwa wegen des Zeitabstandes der Zeugen – skeptisch (S. 394f.).

Die Sektion III ist dem antiken Griechenland und Rom vorbehalten: Jochen Althoff stellt Betrachtungen zur Übersetzung von griechischen medizinischen Texten am Beispiel eines Abschnitts aus der Schrift De morbo sacro (6–7,5) im Corpus Hippocraticum an. Das Corpus bildet die älteste Sammlung medizinischer Schriften aus dem antiken Griechenland, die aus unterschiedlichen Zeiten und von unterschiedlichen Autoren stammen (S. 405). Das gemeinsame Kennzeichen aller Schriften besteht in der Benutzung des ionischen Dialektes, der bis zu Thukydides die Sprachform der Sachprosa repräsentiert (S. 405). Die Autoren nehmen häufig Anleihen bei der vorsokratischen Philosophie (S. 407). Die Schrift De morbo sacro kann in das letzte Drittel des 5. Jahrhunderts v.Chr. datiert werden (S. 410). Das Hauptgewicht wurde auf die Erklärung der Krankheit, in diesem Fall Epilepsie, durch natürliche Ursachen gelegt (S. 412). Die Übersetzung von griechischen Ausdrücken, die zu heutigen medizinischen Termini geworden sind, durch moderne Fremdwörter wird von Althoff kritisch bewertet, da es sich ursprünglich nicht um Fachwörter, sondern Begriffe der Alltagssprache handelte (S. 433).

Serafina Cuomo nähert sich lateinischen mathematischen Texten anhand des Beispiels der Beschreibung der analemma in Vitruvs De architectura an. Die Schrift stelle die einzige erhaltene Abhandlung zur Errichtung von Bauwerken und verwandten Gebieten aus der Antike dar (S. 439).[4] Die Entstehungszeit wird zwischen dem späten 1. Jahrhunderts v.Chr. und frühen 1. Jahrhundert n.Chr. vermutet (S. 439). Die Existenz einer architektonischen Fachsprache in der Antike wird nur recht vage beantwortet (S. 443). Der Text ist in einer hybriden Mischung aus lateinischen und latinisierten griechischen Wörtern gehalten. Die latinisierte Form der griechischen Wörter zieht Cuomo gegenüber deren Rückwandlung in griechische Buchstaben vor (S. 456). Die landläufige Herleitung des Fachwissens in De architectura aus einer früheren literarischen Quelle wird ambivalent beurteilt (S. 460f.).

Alexander Jones gibt Erläuterungen zur Übersetzung von griechischen astronomischen Texten am Beispiel des Theon von Smyrna zu den „Offenkundigen Bewegungen der Planeten“. Der Autor des Traktates wird zur mittelplatonischen Schule gerechnet. Jones ordnet die Karriere des Theon zwischen Mitte des 1. Jahrhunderts und Mitte des 5. Jahrhunderts n.Chr. ein, wobei die hadrianische Zeit für ihn die größte Wahrscheinlichkeit besitzt (S. 467f.). Stephan Heilen wählt das Übersetzen von griechisch-römischen astrologischen Texten als Schwerpunkt, wobei das Horoskop für Hadrian von Antigonus von Nicaea als Beispiel dient. Die Antike hat etwa 350 datierbare griechische Horoskope aus dem Bereich der Genethlialogie hinterlassen (S. 513). Die Lebenszeit des Antigonus wird in das 2. Jahrhundert n.Chr. gesetzt (S. 514). Heilen diskutiert die teilweise problematische Wiedergabe von anatole und phasis und optiert für die Lösung „(astrological defined) rising“ im ersten Fall und „appearance“ im zweiten Fall (S. 518–520).

Die für ein Allgemeinpublikum angelegten Beiträge erweisen sich als ebenso leicht lesbar wie informativ. Der Nichtfachmann wird gut an die Thematiken herangeführt und mit den Problemen vertraut gemacht. Die Nachvollziehbarkeit der Gedankengänge ist in der großen Mehrheit der Fälle gewährleistet. Der Rezensent hat die Lektüre als gewinnbringend erlebt.

Anmerkungen:
[1] Zu „tmś“ „rot“ (S. 239) vgl. Ricardo Augusto Caminos, Literary Fragments in the Hieratic Script, Oxford 1956, S. 29; zur „tmś.t“-Pflanze (S. 239f.) vgl. John R. Harris, Lexicographical Studies in Ancient Egyptian Minerals, Berlin 1961, S. 226; zum „inhmn“-Granatapfel (S. 261) vgl. Oskar Kaelin, Produkte und Lehnwörter: Der Granatapfel als Fallbeispiel, in: Thomas Schneider (Hrsg.), Das Ägyptische und die Sprachen Vorderasiens, Nordafrikas und der Ägäis, Münster 2004, S. 91–128.
[2] Zu S. 328: zur Schreibung „tt“ für „twt“ vgl. Hermann Kees, Der Hohepriester von Memphis Schedsunefertem, in: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 87 (1962), S. 140–149, hier S. 141; Richard B. Parkinson, The Tale of the Eloquent Peasant: A Reader’s Commentary, Hamburg 2012, S. 234.
[3] Zum Wort „mrḫ.t“ „Visiergerät o. ä.“ (S. 354) vgl. Christian Leitz, Die Gaumonographien in Edfu und ihre Papyrusvarianten. Ein überregionaler Kanon kultischen Wissens im spätzeitlichen Ägypten. Soubassementstudien III, Teil 1: Text, Wiesbaden 2014, S. 491.
[4] Die Aussage ist nicht ganz korrekt, da aus dem 3. Jahrhundert n.Chr. die Schrift De architectura privata eines sonst unbekannten Marcus Cetius Faventinus überliefert ist, die aber größtenteils auf Vitruv basiert.

Zitation
Stefan Bojowald: Rezension zu: Imhausen, Annette; Pommerening, Tanja (Hrsg.): Translating Writings of Early Scholars in the Ancient Near East, Egypt, Greece and Rome. Methodological Aspects with Examples. Berlin 2016 , in: H-Soz-Kult, 13.03.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27400>.
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13.03.2017
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