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Titel
Alexander's Marshals. A Study of the Makedonian Aristocracy and the Politics of Military Leadership


Autor(en)
Heckel, Waldemar
Erschienen
London 2016: Routledge
Umfang
XXVI, 372 S.
Preis
€ 134,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Brüggemann, Seminar für Klassische Altertumswissenschaften, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Diese wesentlich revidierte und aktualisierte Ausgabe von Waldemar Heckels „The Marshals of Alexander’s Empire“[1] untersucht erneut Alexanders wichtigste Heerführer, jene, die größere Truppenkontingente befehligt haben sowie regelmäßig an militärischen und politischen Planungen des makedonischen Königs beteiligt wurden. Obschon der Band als zweite Auflage bezeichnet wird, trifft dies eigentlich nicht ganz zu, weil Inhalt und Anliegen der beiden Bücher nicht identisch, allenfalls ähnlich sind. Gegenüber der Erstauflage, die einen größeren Personenkreis, dafür aber eher lemmataartige Einträge bot, wurde in der vorliegenden Studie die Personenzahl zugunsten längerer Einzelkapitel reduziert. Heckel kann so nicht nur der schwierigen Quellenlage, sondern auch den einzelnen Persönlichkeiten und deren sozialer sowie militärischer Einbettung mehr Raum geben, einschließlich der oft engen verwandtschaftlichen Verflechtungen innerhalb des makedonischen Hochadels und verbundener argeadischer Herrschaftstechniken. Leitend ist die Absicht, zu einem verbesserten Verständnis des Networkings im makedonischen Hochadel zu gelangen. Der Leser wird in die innersten Machtzirkel Altmakedoniens eingeführt, wo er sodann auf ein ihm durchaus vertrautes Phänomen von Adelsgesellschaften stößt, nämlich auf deren gleichermaßen engmaschig wie pragmatisch geknüpftes Geflecht verwandtschaftlicher Beziehungen und Abhängigkeiten zum wechselseitigen Macht- und Statuserhalt.[2]

Der vorliegende Band gilt der vertieften Betrachtung von nur 15 Generälen („Marshals“) des Asienfeldzuges Alexanders, denen jeweils Einzelkapitel unterschiedlicher Länge gewidmet sind, allerdings zusammen mit sämtlichen überlieferten Familienmitgliedern sowie verwandtschaftlicher Verflechtungen untereinander. Hierbei gelingen Heckel auf Grund seiner tiefen Vertrautheit mit Material und Gegenstand sehr elaborierte, scharfsinnige „prosobiographies“ (S. xi).[3] Die seiner Personenauswahl zugrundeliegenden Kriterien sind leider nicht Gegenstand von Heckels Ausführungen und daher allenfalls implizit zu erschließen. Mitunter sind sie sogar nur schwer nachvollziehbar, insofern manche Personen aufgenommen sind, deren historischer Nachhall diffus bleibt, während andere von größerer historischer Statur fehlen – die Gründe für solche Entscheidungen erläutert der Autor leider nicht.

Zumindest indirekt deutet Heckel in der „Introduction“ (S. 1–3) ein grobes Raster an: Infragekommende Generäle sind für ihn einerseits altgediente Militärs, die bereits Philipp II. gedient haben und die er als „Old Guard“ bezeichnet, wie „The House of Attalos (S. 7–18)“, „The House of Aëropos (S. 19–32)“, „Antipatros son of Iolaos (S. 33–43)“, „Parmenion (S. 44–59)“, „Black Kleitos and his relatives: The House of Dropidas (S. 60–66)“, „Leonnatos son of Anteas (S. 107–121)“, „Perdikkas son of Orontes (S. 153–188)“, „Andromenes’ sons (S. 189–199)“, „Polyperchon (S. 200–216)“ oder „The family of Harpalos (S. 217–229)“. Andererseits stellt er aber auch die „New Men“ vor, die seit Kindheitstagen das Umfeld Alexanders bildeten und die „Old Guard“ allmählich ablösten, so etwa „Philotas (S. 44–59)“, „Koinos son of Polemokrates (S. 67–74)“, „Hephaistion son of Amyntor (S. 75–100)“, „Meleagros son of Neoptolemos (S. 101–106)“, „Krateros son of Alexandros (S. 122–152)“ und „Ptolemy son of Lagos (S. 230–239)“. Dies erklärt das Fehlen von Eumenes, Lysimachos und Seleukos einigermaßen, lässt die Leser aber im Falle des Antigonos nach wie vor ratlos. Denn obwohl nicht immer klar erkennbar ist, ob eher das militärische oder das private Verhältnis zu Alexander ausschlaggebender für Heckel ist, scheint Antigonos doch eigentlich die unausgesprochenen Kriterien für die Zugehörigkeit zur „Old Guard“ zu erfüllen. Generell schließt Heckel Aufsteiger aus, die erst nach Alexanders Tod Karriere gemacht haben oder die nicht dem altmakedonischen Hochadel entstammten, also für ihn Emporkömmlinge sein dürften, indem er sie einfach nicht erwähnt und weglässt. Seine Auswahl für so zwingend und selbstevident zu halten, dass sich weitere Erklärungen erübrigen, ist allerdings kaum ausreichend (ohnehin würde dies nur bei Eumenes funktionieren).

Der Kontext, aus dem Heckel seine Protagonisten schöpft, ist Alexanders Asienfeldzug, den er zurecht als „epoch-ending campaign“ (S. 1) bezeichnet, wobei er das Achaimenidenreich ebenso im Sinn haben dürfte wie Altmakedonien (mit dem Korinthischen Bund) und selbst das Klassische Griechenland. Das Argedadenhaus und dessen Anspruch auf die Königswürde auch über die Eroberungen Alexanders scheint er damit jedoch nicht infragezustellen – und dies, obwohl der in allen Bereichen vergrößerte und veränderte Herrschaftsraum etwas völlig Neues und Anderes darstellte als das den argeadischen Machtanspruch ursprünglich begründende makedonische Kernland. Die Voraussetzungen wie die geopolitischen Rahmenbedingungen waren andere, Herrschaftsansprüche und Herrschaftsgrundlagen mussten damit naturgemäß zunächst neu unter allen Akteuren ausgehandelt werden. Dass selbst bei längerer Lebensdauer Alexanders weitere Machtaspiranten ins Spiel gekommen wären, erscheint unabweisbar. Die Agenden der Diadochen, auch der den Argeaden ehedem loyalsten von ihnen, orientierten sich vor diesem Hintergrund an den neuen globalen Rahmenbedingungen und den verbundenen Handlungserfordernissen und Machtoptionen.

Eines der Verdienste und zugleich Fokus dieses Buches ist die Entschleierung der verwandtschaftlichen Verflechtungen der verschiedenen Generäle untereinander. Dies erweist nicht zuletzt der Untertitel „A Study of the Macedonian Aristocracy and the Politics of Military Leadership“, der mehr über die Gründe von Heckels Personenauswahl im ersten Teil verrät als der Autor selbst. Die offenbar systematische Verwandtschaftung hochadliger Militärs wurde von Philipp nicht nur geduldet, sondern zur Einhegung und Gefolgschaftssicherung Alexanders anscheinend sogar gefördert. Der politisch wie personell transitorische Charakter der Zeit von Philipp und Alexander wird bei Heckel dadurch zwar durchaus zurecht betont, aber seiner eigenen Vorgabe, den Fokus auf die „major players“ zu richten, also „on the men who are […] the real authors of Alexanders success“ (S. ix), kann er kaum gerecht werden, wenn als Auswahlkriterien in historischer Abwägung dann doch Herkunft, Sozialisation und Status gegenüber tatsächlicher Bedeutung für Alexanders asiatische Erfolge als bedeutsamer erachtet werden. Strategisches Geschick und politische Weitsicht müssen neben Kühnheit auf dem Schlachtfeld und der Zufälligkeit der Geburt hinzukommen, um in einer exzeptionellen historischen Ausnahmesituation das Heft des Handels zu ergreifen und unter unzähligen Diadochen die Oberhand zu behalten. Dass Heckel in dieser Hinsicht der Auffassung ist, dass „the so-called Hellenistic kingdoms were destined for other, arguably lesser men“ (S. 2), ist zwar legitim, sollte aber keine so prominente Rolle bei der Zusammenstellung der Protagonisten einnehmen. Dass manche nach dem Tode Alexanders, auf sich gestellt und nicht nach Anweisungen oder nur unter dem Mantel des Königs handelnd, im direkten Vergleich erfolgreicher waren als Angehörige des „king’s consilium“ (S. 2) dürfte mit ihrer größeren Befähigung zusammenhängen, auch wenn sie den Hautgout von homines novi hatten. Ihre objektive historische Bedeutung allein sollte somit Anlass genug für ihre wissenschaftliche Würdigung sein.

Meinungsfreudig stellt Heckel fest, dass in Triparadeisos im Jahr 320 „the Makedonian empire redefined itself and submitted to the will of two grizzled veterans, Antipatros son of Iolaos and Antigonos Monophthalmos. The champions of its integrity were outlawed by the assembled veterans of the eastern campaigns, while the new guardians of the kings pursued a relentless course of separatism or, at least, usurpation“ (S. 2f.). Der Rezensent ist demgegenüber der Auffassung, dass der unstrittige Befund, dass alle Akteure dieser Zeit innerhalb einer traditionell wettbewerbsorientierten Adelsgesellschaft sozialisiert worden sind, die weitere Entwicklung eher als Automatismus erscheinen lässt, als dass sie auf Desintegrations- oder sogar Usurpationsabsichten der „lesser men“ (S. 2) zurückzuführen wäre. Die Kontrastierung der Leitungen der Diadochen mit hypothetischen eines später verstorbenen Alexanders ist ein unnützes Unterfangen, da die Reichseinheit ebenso wie der Herrschaftsanspruch der Argeaden vermutlich mit Alexanders Tod obsolet geworden waren. Der nicht von der Hand zu weisende Umstand, dass die Diadochen, nachdem sie eine angemessene Schamfrist hatten verstreichen lassen, sich selbst zu Königen ermächtigten, sollte als erstes Indiz dafür betrachtet werden, dass in der zeitgenössischen Wahrnehmung bald niemand Entscheidendes mehr von der Fortdauer argeadischer Herrschaft ausgegangen sein dürfte (außer eventuell Eumenes).

Der zweite Teil des Buches („Instruments of Power“, S. 241–280) gilt der praktischen Machtausübung Alexanders, mittels derer er allmählich seine Kontrolle über die Armee auf Kosten mindestens einiger adliger Erbhöfe vergrößerte. Zu verdanken hatte er dies der Weitsicht seines Vaters, der für den Sohn Kindheitsgefolgschaften komponierte, die die auf diese Weise früh zusammengeführten Adelssprösslinge als Erwachsene zu einer nahezu untrennbar aufeinander eingeschworenen Gemeinschaft machten. Für Heckel scheint es keine nennenswerte Rolle zu spielen, welche tatsächliche Bedeutung sie für den Verlauf des Feldzuges hatten bzw. wegen ihres teilweise frühen Todes überhaupt haben konnten, wie beispielsweise Philotas, Kleitos der Schwarze, Koinos, Hephaistion, Harpalos, Sirrhas, Amyntas IV. Perdikka oder Eriygios, Sohn des Larichos. Ihre Biographien enden mit dem Tod Alexanders, wenn sie zu diesem Zeitpunkt noch am Leben waren, ihre Rolle als Diadochen ist nicht Gegenstand der Darstellung. Folgerichtig sind deswegen auch neun Anhänge (S. 283–319), die sich einiger der weniger bekannten Akteure wie Neoptolemos, Antigenes oder der beiden Söhne des Larichos annehmen. Schließlich bietet Heckel zwölf nützliche Stemmata (S. 319–331), wobei diese mit einigen chronologischen Angaben noch nützlicher gewesen wären. Der Band wird abgeschlossen von einer ebenso ausführlichen wie aktuellen Bibliographie (S. 332–362), die die große Expertise Heckels und seine im unmittelbaren Sinne des Wortes globale Kenntnis seines Gegenstandes erweist. Der Rumpfindex schließlich (S. 363–372), ausdrücklich auch als „Partial Index“ bezeichnet, listet hauptsächlich Personen- und Ortsnamen auf und entspricht insofern durchaus der prosopographischen Ausrichtung des Bandes.

Die hier besprochene Neubearbeitung knüpft zwar strukturell an die vorherige an, kondensiert aber den Kreis der Portraitierten weiter auf diejenigen Männer, die neben ihren militärischen Kommandos parallel auch über argeadischen Stallgeruch verfügten. Dabei ist es mit Heckels gewachsener Vertrautheit mit Material und Gegenstand zu erklären, dass er dem Konzept seines Erstlings eine Weiterentwicklung zugesteht und daraus resultierend auch eine neue Schwerpunktsetzung vornimmt, wie sie der zweite Teil des Bandes dokumentiert. Daneben ist es erkennbar Heckels Anliegen, sich auf jene Männer zu konzentrieren, die nicht nur Alexanders Erfolge ermöglichten, sondern auch biographisch den transitorischen Charakter der Herrschaftsspanne von Philipp und Alexander verkörpern und mittels ihrer Biographien zu einer Einheit verschmelzen lassen.

Der wissenschaftliche Apparat besticht durch Heckels ungeheure Expertise, seine langjährige Erfahrung wie auch durch seine tiefe Durchdringung des Gegenstandes einschließlich der erratischen wie trümmerhaften Quellenlage und einer uferlosen Forschungsliteratur. Obwohl man nicht jedes Urteil Heckels gerade hinsichtlich seiner teilweise nicht zwingenden Auswahl der von ihm verhandelten Akteure ebenso wie über die von ihm allzu pauschal als „lesser men“ charakterisierten Taktgeber der neuen Zeit, von denen manchen tatsächlich Leistungen historischer Dimension attestiert werden sollten, teilen muss, argumentiert er doch stets in sich schlüssig sowie methodisch und hinsichtlich seiner Quellenbehandlung mit großem Kenntnisreichtum.

Wenngleich auch der prosopographische Wert und die Erkenntnisfortschritte der Studie allein wegen ihrer beeindruckenden Quellenbasis der Personeneinträge kaum unterschätzt werden können, sind doch Kautelen zu formulieren. Denn die Gewichtung des Titels spiegelt nicht Konzept und Fokus des Buches, das wäre nur bei einer Umkehrung beider Titelbestandteile der Fall. Die gewählte Anordnung scheint jedoch mit dem Umstand zu erklären, dass der vorliegende Band als 2. Auflage der „Marshals of Alexander’s Empire“ etikettiert wird. Durch dieses Vorgehen werden beim Leser Erwartungen geweckt, die eigentlich gar nicht erfüllt werden sollen. Die vier Teile des Bandes – Prosobiographien, analytischer Teil („Instruments of Power“), Appendices (deren innere Zusammensetzung keinen roten Faden erkennen lässt und über deren Zustandekommen der Leser daher gern mehr erfahren würde) sowie Stemmata – stehen bedauerlicherweise etwas unverbunden nebeneinander und werden von Heckel auch nicht zusammengebunden, zumal der Band ein offenes Ende hat und eine rahmende synthetische Betrachtung fehlt. Das ist insofern schade, weil eine vertiefende analytische Verbindung der glänzenden Kurzbiographien mit Heckels vorzüglicher Beobachtungsgabe zu den innermakedonischen Machtszenarien nach Philipps Ermordung bislang nur selten Gegenstand wissenschaftlicher Erörterungen geworden sind und daher breiteren Raum verdient hätten.

Ausgehend von Berves Magnum opus,[4] das gezeigt hat, wie man selbst eine durch die spätere Überlieferung kontaminierte und trümmerhafte Quellenlage auf prosopographischem Wege fruchtbar machen kann, setzt Heckel einen neuen Meilenstein. Er kondensiert den makedonischen Hochadel auf seine zentralen Figuren aus dem engsten Umfeld der beiden letzten Argeaden und unterzieht sie und ihre personellen Verhältnisse einer Tiefenanalyse: Ihm gelingt es, mit seinen „prosobiographies“ gleichermaßen quellengesättigt wie analytisch präzise ein plastisches Bild der einzelnen Persönlichkeiten ebenso zu entwerfen wie ein lebhaftes Panorama ihres Milieus, des altmakedonischen Hochadels auf dem Höhepunkt seines Einflusses, der zugleich sein Ende wurde.

Anmerkungen:
[1] Die Erstauflage erschien bereits 1992 und ist die überarbeitete und erweiterte Fassung von Heckels Dissertation „Marshals of the Alexanderreich“ an der University of British Columbia aus dem Jahr 1978. Daneben liegt dem Konzept der hier zu besprechenden zweiten Auflage auch Heckels zwischenzeitlich erschienenes „Who is Who in the Age of Alexander“ (Malden 2006) zugrunde (S. ix).
[2] Das war also keine Neuerscheinung der Frühen Neuzeit, vgl. Leonhard Horowski, Das Europa der Könige. Macht und Spiel an den Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts, Reinbek 2017.
[3] Nach Heckels eigener Definition sind sie zwischen Prosopographie und Synthese anzusiedeln (S. xi).
[4] Helmut Berve, Das Alexanderreich auf prosopographischer Grundlage, 2 Bde., München 1926 ist Heckels erklärtes Vorbild (S. x).

Zitation
Thomas Brüggemann: Rezension zu: Heckel, Waldemar: Alexander's Marshals. A Study of the Makedonian Aristocracy and the Politics of Military Leadership. London 2016 , in: H-Soz-Kult, 13.11.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27416>.
Redaktion
Veröffentlicht am
13.11.2017
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