J. Müller: Die Wiederbegründung der Industrie- und Handelskammern

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Title
Die Wiederbegründung der Industrie- und Handelskammern in Ostdeutschland im Prozess der Wiedervereinigung.


Author(s)
Müller, Jann
Published on
Stuttgart 2017: Franz Steiner Verlag
Extent
284 S.
Price
€ 52,00
Reviewed for H-Soz-Kult by
Marcus Böick, Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum

Wie kann man mittelständisches Unternehmertum an einem Ort wiederbeleben, an dem es über Jahrzehnte hinweg ideologisch geringgeschätzt, strukturell benachteiligt oder gar offen bekämpft wurde? Im Kern geht es in Jann Müllers im Jahr 2016 abgeschlossener und nun veröffentlichter Bonner Dissertation um genau diese Problemkonstellation. Seine Arbeit befasst sich mit der „Wiederbegründung“ der Industrie- und Handelskammern (IHKn) im Prozess der „Friedlichen Revolution“ 1989/90 sowie mit ihren Entwicklungspfaden und institutionellen Strukturen in der krisengeschüttelten „Transformationszeit“ im Ostdeutschland der 1990er-Jahre. Müller betritt damit aus zeithistorischer Sicht weitgehend unkartiertes Neuland, in dem absichernde „Leitplanken“ in Form etablierter historiographischer Meisterzählungen bislang fehlen. Erst in jüngster Zeit deutet sich eine Trendwende an, da sich eine sich zunehmend unter (Selbst-)Rechtfertigungszwang gesetzt sehende DDR-Historiographie neue Impulse durch ein Ausgreifen in die Zeit nach 1989/90 erhofft.[1] Doch wie auf kunstvoll gestalteten frühneuzeitlichen Karten die unbekannten Areale der „terrae incognitae“ von mythischen Drachen oder gigantischen Seeungeheuern bevölkert wurden, finden die Zeithistoriker/innen auch hier unübersichtliches Gelände vor – etwa die bis heute nicht endgültig befriedeten Identitätskonflikte zwischen „Ost“ und „West“, die unberäumten Trümmer geschichtspolitischer Kontroversen zwischen „Rechts“ und „Links“ sowie eine nach 2000 weitgehend verwaiste Ruinenlandschaft einer einstmals florierenden Transformationsforschung.[2]

Es sind vor allem die nachwirkenden Befunde dieser zeitgenössischen Transformationsforscher, an denen sich auch Jann Müller abarbeitet. Besonders das Handeln ostdeutscher Akteure im Umbruchsgeschehen identifiziert er als eine „Lücke“ in der bisherigen Forschung. Gegen deren etabliertes Leitnarrativ eines defizitären „Institutionentransfers“ von West nach Ost schreibt Müller an. Es ist folglich die unter vielen (westdeutschen) Sozialwissenschaftlern der 1990er-Jahre populäre „Abstoßungshypothese“ (S. 110), die er vehement kritisiert: Demnach habe eine zu rasche und zu rigide Übertragung bundesdeutscher Institutionen, Normen und Gesetze sowie auch des Personals auf die ostdeutsche (Teil-)Gesellschaft nach 1990, bedingt durch langjährige Sozialisationsprozesse im SED-Staat, zu massiven kulturell-identitären „Abwehrreaktionen“ im Osten geführt. Diese Perspektive degradiere aber, so Müller, gerade ostdeutsche Akteure im postsozialistischen Umbruch zu bloßen „Objekten“ oder gar „Opfern“ westdeutscher Transferaktivitäten. Gegen eine solche, oft „kulturpessimistisch“ ausgerichtete Vogelperspektive will der Autor nun Engagement, Motivationen und Handlungsweisen ostdeutscher (Neu-)Unternehmer nach 1990 verstärkt in den Fokus rücken.

Handwerklich bietet Müller eine eher traditionelle, wirtschaftshistorisch ausgerichtete Institutionengeschichtsschreibung auf einer soliden empirischen Grundlage. Er versammelt interne Dokumente aus Beständen der westdeutschen Industrie- und Handelskammern, Akten der Modrow-Regierung aus dem Bundesarchiv sowie eine Reihe selbstgeführter erinnerungsgeschichtlicher Interviews, die durch Artefakte der zeitgenössischen Medienberichterstattung ergänzt werden. Diese Quellenauswahl erscheint durchaus plausibel, erweist sich das anvisierte Feld doch als ausgesprochen diffus und dynamisch. Als maßgebliche Akteure treten so neben den Regierungen der DDR, der Bundesrepublik sowie der fünf ‚neuen‘ Bundesländer die westdeutschen Industrie- und Handelskammern, deren Dachverband DIHT (Deutscher Industrie- und Handelstag) sowie die für alle nach 1990 im „Osten“ aufkommenden Wirtschaftsfragen notorische Treuhandanstalt auf. Zudem machte sich ein schwer überschaubares Gewirr an ostdeutschen Akteuren bestehend aus alteingesessenen Kleinunternehmern, energischen Existenzgründern, zuvor vom SED-Regime enteigneten „Reprivatisierern“, apparateerfahrenen Planwirtschaftskadern oder langjährigen Kombinatsdirektoren auf den steinigen und ungewissen Weg vom Plan zum Markt.

Gestalterisch versucht Müller dieses vorgefundene Durcheinander der postsozialistischen Revolutions- und Umbruchsituationen nach 1990 durch eine Kombination von chronologischen und systematischen Zugriffen zu ordnen. Das Buch beginnt mit einem knappen Aufgalopp zum mittelständischen Kammerwesen in der SBZ bzw. DDR. Im Wesentlichen habe dieses den ideologisch gewünschten, politischen erzwungenen sowie ökonomisch herbeigeplanten Bedeutungsverlust des „Mittelstandes“ im SED-Staat auf institutioneller Ebene nachvollzogen. Insbesondere die 1972 unter Honecker betriebene letzte Verstaatlichungswelle habe die Überreste wirtschaftlicher Selbstverwaltung getilgt und die ab 1983 umgetauften „Handels- und Gewerbekammern“ (HKGn) zu ideologisierten „Transmissionsriemen“ der SED-Politik werden lassen. Besonders akribisch zeichnet Müller sodann die sukzessive „Wiederherstellung“ der IHKn seit dem Herbst 1989 nach. Hier gelingt es ihm mustergültig, das verschlungene Ineinander von individuellen ostdeutschen Initiativen „von unten“, zögerlichen Reformversuchen der Modrow-Regierung „von oben“ sowie noch zurückhaltenden Hilfsangeboten aus den bundesdeutschen Kammern „von außen“ herauszuarbeiten.

Viele unternehmerisch gesinnte Ostdeutsche strebten gerade in dieser Phase einen radikalen Bruch mit den überkommenen zentral gesteuerten, planwirtschaftlichen Kommandostrukturen an – und eine aus ihrer Sicht bestens funktionierende Vorlage fanden sie unmittelbar hinter dem nun plötzlich geöffneten Grenzstreifen vor. Ab dem Frühjahr 1990 entfaltete die von Bonn bzw. nach der Volkskammerwahl auch von Ost-Berlin forcierte Einigungslösung ihre Sogwirkung auch auf den (Wieder-)Aufbau des Kammerwesens. Dieses glich sich, jedoch mit ausgeprägten ostdeutschen Besonderheiten, immer stärker dem bundesdeutschen Modell an. So blieb der Umgang mit „belasteten“ Funktionären oder Betriebsleitern bzw. die Übernahme von früherem Planwirtschaftspersonal auch intern stark umstritten; zudem erwies sich die fachliche Qualifikation des Ost-Personals als Streitpunkt. Auch der regionale Zuschnitt der IHKn entpuppte sich als mögliche Stolperfalle: Sollten sich diese am Zuschnitt der zentralistisch ausgerichteten DDR-Bezirke oder aber an älteren Traditionslinien orientieren, die teilweise bis ins 19. Jahrhundert zurückreichten? Die westdeutschen IHKn und der DIHT als ihr Dachverband gaben unterdessen ihre anfängliche Zurückhaltung auf und veranstalteten nun „Marktplätze“ als Austauschforen, richteten „Patenschaften“ zwischen den IHKn in Ost und West ein oder mobilisierten „Aufbauhelfer“ für den persönlichen Einsatz im Osten. In der Tat lässt sich dieses hochgradig verdichtete Revolutions- bzw. Transformationsgeschehen zwischen Herbst 1989 und Sommer 1990 kaum auf eindimensionale (Kampf-)Begriffe wie „Missionierung“ oder „Kolonialisierung“ der DDR durch die Bundesrepublik reduzieren.

Die folgenden Kapitel widmen sich nun systematisch den frühen 1990er-Jahren. Dabei dekliniert Müller wesentliche „Funktionen“ und „Strukturen“ des neuformierten Kammerwesens in den Neuen Ländern durch. Diese schwankten typischerweise zwischen der Wahrnehmung staatlicher Hoheitsaufgaben (etwa bei der im Herbst 1990 akut gefährdeten Berufsausbildung) sowie privatwirtschaftlicher Interessenvertretung (so bei der Standortpolitik). Allerdings agierten die selbst noch im Aufbau befindlichen IHKn im Kontext eines scharfen übergangswirtschaftlichen Krisenszenarios mit etlichen Betriebsschließungen und fortwährenden Massenentlassungen. Zentrale Ansprechpartner in dieser Frühzeit waren die Treuhandanstalt und ihre regionalen Niederlassungen. Da diese jedoch vornehmlich als Privatisierungsagenturen agiert hätten, habe ihr Fokus zunächst auf der Lösung großindustrieller Problemfälle gelegen; nur zögerlich habe die Treuhand sich auch für mittlere und kleinere Reprivatisierungsanliegen erwärmen können. Der Aufbau eines ostdeutschen „Mittelstandes“ erwies sich hingegen trotz zahlreicher staatlicher Fördermaßnahmen als kompliziert; die IHKn taten sich hierbei durch die Einrichtung eines breiten Service- und Beratungsangebots für ostdeutsche Existenzgründer hervor. Eindrucksvoll arbeitet Müller die lokalen Konfliktkonstellationen heraus, in denen bevorzugt Landes- und Kommunalpolitiker mit IHK-Vertretern aneinandergerieten, vor allem dann, wenn es um die Ausweisung überdimensionierter Gewerbeflächen auf der „Grünen Wiese“ außerhalb der brachliegenden Innenstädte oder den Neu- und Ausbau wichtiger Verkehrsachsen ging.

Ist die „Wiederbegründung“ der IHKn im Osten letztlich als „Synthese“ von ostdeutschen „Partizipationsansprüchen“ und westdeutscher „Hilfe zur Selbsthilfe“ (S. 251f.) zu umschreiben? So kritisch sich Müller an den Interpretationen der zeitgenössischen Transformationsforscher abarbeitet, so wohlwollend geht er demgegenüber mit den für seine Studie zentralen Wahrnehmungen und (Selbst-)Deutungen der zumeist westdeutschen IHK-Experten um. Dabei leidet sein Kernanliegen, gerade die ostdeutschen Akteure prominent zu fokussieren, an einer perspektivischen Unwucht, die sich aus dem verfügbaren Material ergibt: So kann er das Agieren der Ostdeutschen häufig nur aus den (Fremd-)Blicken westdeutscher Experten rekonstruieren, deren eigenes Selbstverständnis als wohlmeinende „Aufbauhelfer“ so zwangsläufig weitgehend unhinterfragt bleiben muss. Die einstmals beobachteten „Objekte“ in der historischen Analyse wieder zu handelnden „Subjekten“ werden zu lassen, erscheint damit als grundlegendes Perspektivproblem, das gerade für dieses zeitnahe, noch immer von erheblichen Ost-West-Dichotomien durchsetzte Forschungsfeld nachgerade typisch erscheint – und Müller letztlich nur bedingt anzulasten ist. Vielleicht hätte es in diesem Falle geholfen, zentrale Konzepte der untersuchten Akteure wie „(soziale) Marktwirtschaft“, „Mittelstand“ oder „Unternehmertum“ deutlich begriffs- bzw. ideologiekritischer zu behandeln. Verzichtet man indes darauf, erscheint „der“ Westen über weite Strecken wiederum erneut als das perspektivische, unhintergehbare „Normalmaß“, wobei nun allerdings die adaptiven Anstrengungen der ostdeutschen (Neu-)Mittelständler positiver gewürdigt werden.

Jann Müllers Arbeit erweist sich davon unbenommen als ungemein lehrreicher und obendrein in erfrischend klarem Duktus verfasster Pionier- und Diskussionsbeitrag einer vermehrt einsetzenden Geschichtsschreibung der „Vereinigungsgesellschaft“.[3] Dennoch werden die gegenwärtig an den Startblöcken stehenden Forscher/innen zunächst wohl intensiver darüber diskutieren müssen, ob sie sich als neue „Welle“ einer nun zeithistorisch gewendeten Transformationsforschung und der dieser eingeschrieben Wahrnehmungsweisen begreifen – oder aber, ob sie neue Ansatzpunkte suchen wollen, indem sie die vorgefundenen zeitgenössischen Deutungskonfigurationen und deren zeitgenössische Formierung explizit zum Gegenstand ihrer künftigen Untersuchungen machen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. dazu als facettenreiche Zusammenschau: Ulrich Mählert (Hrsg.), Die DDR als Chance. Neue Perspektiven auf ein altes Thema, Berlin 2016; siehe auch den Tagungsbericht: Zur Gesellschaftsgeschichte des Umbruchs. Lebenswelt und Systemwechsel vor, während und nach „1989“, Potsdam, 22.06.2017 – 23.06.2017, in: H-Soz-Kult, 01.06.2017, URL: http://www.hsozkult.de/event/id/termine-34306 (13.09.2017).
[2] Dazu die Bilanz von Stephan Weingarz, Laboratorium Deutschland? Der ostdeutsche Transformationsprozess als Herausforderung für die deutschen Sozialwissenschaften, Münster 2003.
[3] Siehe hierzu jüngst: Detlev Brunner: Rezension zu: Thomas Großbölting / Christoph Lorke (Hrsg.), Deutschland seit 1990. Wege in die Vereinigungsgesellschaft, Stuttgart 2017, in: H-Soz-Kult, 04.09.2017, URL: http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27529 (13.09.2017).

Citation
Marcus Böick: Rezension zu: Müller, Jann: Die Wiederbegründung der Industrie- und Handelskammern in Ostdeutschland im Prozess der Wiedervereinigung. Stuttgart 2017 , in: H-Soz-Kult, 12.10.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27548>.
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12.10.2017
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