B. Gotto u.a. (Hrsg.): Männer mit "Makel"

Cover
Titel
Männer mit "Makel". Männlichkeiten und gesellschaftlicher Wandel in der frühen Bundesrepublik


Hrsg. v.
Gotto, Bernhard; Seefried, Elke
Erschienen
Berlin 2017: de Gruyter
Umfang
156 S.
Preis
€ 16,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lena Elisa Freitag, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Universität Göttingen

Die Erforschung von Männlichkeiten erfuhr in den letzten Jahren vermehrte Aufmerksamkeit. Dabei ist die wissenschaftliche Arbeit durch den soziologischen Ansatz Raewyn Connells geprägt, der bereits seit rund 20 Jahren diskutiert wird.[1] Auch die Geschichtswissenschaft nutzte das Konzept der „hegemonialen Männlichkeit“, um neue Erkenntnisse über Ideale und Werte von Gesellschaften bzw. sozialen Gruppen zu gewinnen.[2] Der von Bernhard Gotto und Elke Seefried herausgegebene Sammelband geht ebenfalls von einem dominierenden Männlichkeitsideal in der frühen Bundesrepublik aus: dem Vorbild des Familienvaters als Versorger und Ernährer. Der Fokus liegt jedoch auf denjenigen Männern, die den gesellschaftlichen Erwartungen nicht entsprachen – die mit einem „Makel“ behaftet zu sein schienen – und damit das Männlichkeitsideal in Frage stellten. Somit hat der Band den Anspruch, neben der hegemonialen Männlichkeit vor allem die von Connell dazu in Beziehung gesetzten Geschlechterpositionen zu analysieren: männliche Komplizenschaft, Marginalisierung und Unterordnung sowie alle Ausprägungen von Weiblichkeit. Dem Ansatz des „doing gender“/„doing masculinity“ folgend behandeln die Beiträge Normen und Aushandlungsprozesse, Lebenswelten und Erfahrungen sowie Performanz und Praxis unterschiedlicher Gruppen. Dabei werden Liberalisierungs- und Individualisierungstendenzen in der frühen Bundesrepublik diskutiert sowie Forschungsthesen zur „Krise der Männlichkeit“ und zur Remaskulinisierung nach dem Zweiten Weltkrieg hinterfragt.

Sabine Schleiermacher beschreibt anhand der staatlichen finanziellen Versorgungsmaßnahmen für „Kriegsgeschädigte“ den Transformationsprozess vom Soldaten zum Familienvater. Während die Besatzungsmächte nach 1945 nur eine Grundversorgung durch allgemeine Fürsorgeeinrichtungen sicherstellten, habe die Adenauer-Regierung in den 1950er-Jahren den Wehrmachtssoldaten durch das Bundesversorgungsgesetz Rehabilitation und Reintegration ermöglicht. So konnten sie den Anforderungen an das aktuelle Männlichkeitsideal gerecht werden und dieses wiederum stärken. Auch die Prothetik unterstützte kriegsversehrte Männer dabei, diesem Vorbild folgen zu können, so Noyan Dinçkal. Während Frauen kosmetische Prothesen zur Verfügung standen, erhielten Männer funktionelle Prothesen, mit denen sie ihre Selbstständigkeit wiederherstellen sollten. Denjenigen, die diese „Verbesserungsangebote an das Selbst“ (S. 40) ablehnten, sei Mangel an männlichem Willen und Asozialität vorgeworfen worden. Darüber hinaus habe sich der Leistungsanspruch an Männer ab den 1960er-Jahren vermehrt an Fachwissen, Ausdauer und Intelligenz ausgerichtet und nicht länger an körperlicher Kraft. Daraus folgte eine „geschlechterspezifische Neukodierung der Wahrnehmung von Arbeit“ (S. 45). Auch der Versehrtensport diente dazu, den „Makel“ der Kriegsversehrtheit durch sportliche Leistungen und einer damit einhergehenden Selbstvergewisserung zu kompensieren, so Sebastian Schlund. Zudem habe innerhalb des Versehrtensports eine Hierarchisierung stattgefunden: Die sich als „Edelversehrte“ sehenden Kriegsgeschädigten grenzten sich von den „zivilbehinderten“ Sportlern ab und marginalisierten diese. Ebenso wie die zwei nachfolgenden Beiträge kann Schlund mithilfe von Connells Konzept überzeugend die Umdeutung eines „Makels“ in eine Tugend innerhalb einer sozialen Gruppe darlegen.

Mit dem Hamburger Obdachlosenheim „Pik As“ führt Britta-Marie Schenk ein Beispiel für eine Männergruppe in einem homosozialen Raum an. Sie vertritt die These, dass die Obdachlosen sich einer Marginalisierung entzogen, indem sie eigene Männlichkeitsideale entwickelten: ein selbstbestimmtes Leben und eine Abwertung von Arbeit. Mit dieser Gegenposition bildeten sie gesamtgesellschaftlich wiederum eine komplizenhafte Männlichkeit, da sie die ihnen entgegengebrachten öffentlichen Vorurteile bestätigten und damit die hegemoniale Männlichkeit stärkten.

Nadine Recktenwald befasst sich mit einer Gruppe, die sich bewusst vom gesellschaftlichen Männlichkeitsvorbild abgrenzte: den „Gammlern“. Sie protestierten gegen die bestehende Gesellschaftsordnung durch ihr Erscheinungsbild sowie „performativ im demonstrativen Nichtstun“ (S. 77) – zwei bewusst eingesetzte „Makel“. Öffentliche Aufmerksamkeit erhielten sie primär, da sie die bestehende Geschlechterordnung unterwanderten. Die Binnenhierarchisierung habe sich zum einen nach der überbetonten marginalisierten Männlichkeit („Dauergammler“) gerichtet. Zum anderen habe in der Gruppe eine männliche Dominanz gegenüber weiblichen Gammlern geherrscht, was wiederum als Komplizenschaft für die gesellschaftliche hegemoniale Männlichkeit zu sehen sei.

Im ersten Beitrag zum Thema Homosexualität zeigt Michael Schwartz, dass sich in beiden Teilen Berlins in der Nachkriegszeit schnell eine homosexuelle Szene entwickelte. Der Mauerbau 1961 stelle aber einen Bruch dar: Die Ostberliner Szenestruktur wurde zerschlagen; zugleich zogen sich ostdeutsche Homosexuelle weitestgehend ins Private zurück. Westberlin hingegen bildete ein Zentrum für homosexuelle Lokale und Medien. Benno Gammerl fragt danach, wie sich die gesellschaftliche Feindlichkeit gegenüber Homosexuellen auf deren Lebenswelt auswirkte. Anhand von Oral-History-Interviews legt er eindrücklich dar, wie gesellschaftliche Normen die Gefühlspraktiken einzelner homosexueller Akteure in Form einer „internalisierten Homophobie“ (S. 108) beeinflussten. Gleichzeitig seien homophile Magazine bemüht gewesen, „die Makellosigkeit der Männerliebe“ (S. 110) zu betonen. Sie näherten sich damit dem emotionalen Charakter, den die hegemoniale Männlichkeit der 1960er-Jahre zunehmend annahm.

Einen deutsch-deutschen Vergleich mit Blick auf die Aspekte Gewalt und Arbeit nimmt Stefanie Coché vor. Anhand von Patientenakten stellt sie fest, dass der Einweisungsgrund „Gewalt“ in beiden deutschen Staaten wie schon im Nationalsozialismus als „spezifisch männliche“ Eigenschaft galt (S. 117). (Mangelnde) Leistungsfähigkeit sei in der Bundesrepublik von beiden Geschlechtern zur Beschreibung der eigenen Krankheit genutzt worden. In der DDR dagegen lassen sich Beschreibungen von Leistungsmangel bzw. dem Gefühl, überarbeitet zu sein, als Krankheitssymptom nur bei Hausfrauen sowie bei „Neubauern“ und politischen Aufsteigern finden. Coché führt dies auf die – trotz sozialistischer Propaganda zur Aufwertung von Arbeit – geringere Leistungsanforderung und Karrieremöglichkeit vieler Arbeitnehmer*innen in der DDR zurück. Mithilfe von Broschüren für militärische Vorgesetzte gibt Friederike Brühöfener einen Einblick in die Führungs- und Erziehungsideale der Bundeswehr der 1950er-Jahre. Das Ziel des „makellosen Bundeswehrsoldaten“ verfolgend entwarfen die Autoren ihn als „guten Staatsbürger“, der sowohl für die Bundeswehr als auch für die Zivilgesellschaft ideal sein sollte. Problematisiert wurde dabei eine „geistige und emotionale Orientierungslosigkeit“ vieler Jungen, da ihnen ein Vater als „Erziehungsfaktor“ und „Leistungsvorbild“ fehle (S. 133f.). Obwohl die Bundeswehr vielen als „Schule der Nation“ galt, hatte der Militärdienst auch den Ruf, sexuelle Ausschweifungen zu fördern. Die Grundlage des Männlichkeitsideals – die patriarchalische Familie – lasse sich vor allem durch diese negativen Gegendarstellungen belegen.

Till van Rahden thematisiert die Suche der bundesrepublikanischen Gesellschaft nach einer demokratischen Lebensform, die sich anhand der Diskussion um eine neue Vaterschaft darstellen lasse. Mithilfe von Publikationen christlicher Autoren zeigt er, dass eine demokratische Vaterschaft bereits in den 1950er-Jahren als eine liebevolle Vaterschaft galt. Eine umfassende Gleichberechtigung von Mann und Frau sei nicht das Ziel gewesen, doch die Diskussion über diese neue väterliche Autorität habe die Abkehr vom militärischen Männlichkeitsideal des Nationalsozialismus gefördert.

Die Beiträge des Sammelbandes werden den in der Einleitung formulierten Zielen weitgehend gerecht. Positiv hervorzuheben ist, dass einzelne Autor*innen den Ansatz Connells umfassend angewandt haben – ein in der bisherigen geschichtswissenschaftlichen Männlichkeitsforschung nur selten anzutreffendes Vorgehen. Hingegen weisen die deutsch-deutschen Vergleiche trotz der durchaus spannenden Einblicke in die ostdeutsche Gesellschaft Schwächen auf. Die Unterschiede west- und ostdeutscher Männlichkeitsideale werden nicht ausreichend herausgestellt und eine Bewertung der damit verknüpften Aushandlungsmöglichkeiten in den verschiedenen politischen Systemen bleibt vage.

Insgesamt lohnt sich eine Lektüre des Bandes, dessen Aufsätze inhaltlich wie sprachlich gut lesbar sind. Die Autor*innen konnten herausarbeiten, dass in der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit zwar ein deutliches hegemoniales Männlichkeitsideal anerkannt war; jedoch entwickelten sich Liberalisierungs- und Pluralisierungsprozesse nicht erst in den 1960er-Jahren. Die breit gefächerte Auswahl unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen, die hier analysiert werden, ermöglicht dabei einen differenzierten Blick auf den gesellschaftlichen Wandel in der frühen Bundesrepublik. Somit stellt der Sammelband auch eine wichtige Grundlage für die Erforschung von Männlichkeitsidealen und damit zusammenhängenden gesamtgesellschaftlichen Werten der darauffolgenden Jahrzehnte dar.

Anmerkungen:
[1] Raewyn Connell, Masculinities, Cambridge 1995.
[2]Siehe z.B. Martin Dinges (Hrsg.), Männer – Macht – Körper. Hegemoniale Männlichkeiten vom Mittelalter bis heute (Geschichte und Geschlechter 49), Frankfurt am Main 2005.

Zitation
Lena Elisa Freitag: Rezension zu: Gotto, Bernhard; Seefried, Elke (Hrsg.): Männer mit "Makel". Männlichkeiten und gesellschaftlicher Wandel in der frühen Bundesrepublik. Berlin 2017 , in: H-Soz-Kult, 10.08.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27569>.