M. Sabrow u.a. (Hgg.): Zeitgeschichte als Streitgeschichte

Cover
Titel
Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Große Kontroversen seit 1945


Hrsg. v.
Sabrow, Martin; Jessen, Ralph; Große Kracht, Klaus
Erschienen
München 2003: C.H. Beck Verlag
Umfang
378 S.
Preis
€ 15,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sabine Moller, Kulturwissenschaftliches Institut Essen

Um zeithistorische Themen wird häufiger und mit mehr Verve gerungen als um Themen anderer Geschichtsabschnitte. Hintergrund vieler Kontroversen war und ist der Ereigniszusammenhang von „Drittem Reich“, Zweitem Weltkrieg und Holocaust. Woran sich große Debatten entzündeten, wie sie verliefen und wie sich die Rollenverteilung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit gestaltete, zeigt das hier vorzustellende Taschenbuch. Es versammelt die Beiträge einer Tagung, zu der das Zentrum für Zeithistorische Forschung im Sommer 2002 vornehmlich Fachleute geladen hatte, die bei den großen Kontroversen selbst dabei gewesen waren.[1]

Der Band informiert sehr kompakt nicht nur über wichtige deutsche Kontroversen (wie die Fischer-Kontroverse, den Historikerstreit, die Goldhagen-Debatte und die Auseinandersetzung um die so genannte Wehrmachtsausstellung), sondern befasst sich auch mit der „Streitgeschichte“ im europäischen Ausland (Frankreich, Polen, Schweiz, Österreich und Spanien). Das Konfliktpotenzial länderübergreifender Phänomene – wie „1968“, das Aufkommen der Alltagsgeschichte und der Umbruch von 1989 – wird in seinen Auswirkungen auf Deutschland dargelegt. Die Beiträge zeichnen sich durch ganz unterschiedliche Herangehensweisen und Reflexionsniveaus aus. Einige Autoren schreiben aus der Perspektive engagierter Mit-Streiter und Zeitzeugen, andere eher aus der Sicht distanzierter Beobachter. Neben abwägenden Analysen gibt es Seitenhiebe und Koketterien.

Mit der „Fischer-Kontroverse“ der frühen 1960er-Jahre beschäftigen sich Konrad H. Jarausch und Imanuel Geiss. Jarausch charakterisiert die Kontroverse als „Schlüsseldebatte“ einer kritischen Geschichtswissenschaft und eines kritischen bundesrepublikanischen Geschichtsbewusstseins generell. Die Auseinandersetzung, die den Thesen des Hamburger Historikers Fritz Fischer über die maßgebliche Verantwortung der deutschen Politik für den Beginn des Ersten Weltkriegs folgte, sieht Jarausch als „Stellvertreterdebatte“ an (S. 35). Durch die immer mitgedachten Zusammenhänge mit dem Zweiten Weltkrieg sei es „um nichts Geringeres als die Kontinuität des historischen Selbstverständnisses und die daraus abgeleitete Legitimität nationaler Politik in Deutschland gegangen“ (S. 34). Demzufolge sieht Jarausch das große Verdienst dieser Debatte „weniger in der Aufdeckung der deutschen Kriegsschuld als in der Universalisierung nationaler Selbstkritik als zentraler Aufgabe der Zeitgeschichte überhaupt“ (S. 36).

Genau hier setzt allerdings die Kritik an, die Imanuel Geiss in seiner Darlegung der Kontroverse formuliert. Geiss kritisiert, wie die Auseinandersetzung mit der deutschen Kriegszielpolitik von vielen Intellektuellen aufgenommen und zu einem „‚gesinnungsethischen’ Rigorismus“ (S. 49) im Dienste eines „autistischen Negativ-Nationalismus“ (S. 52) umfunktioniert worden sei. Bei der Lektüre von Geiss’ Anwürfen, insbesondere gegen die Bielefelder Schule, wird dem Leser allerdings deutlich, dass die von den Herausgebern anvisierte Selbsthistorisierung der Zeitgeschichte an ihre Grenzen stößt.

Erfrischend ist es daher, wie sich Ingrid Gilcher-Holtey dem Ereigniskomplex „1968“ als einer versäumten Kontroverse nähert. Gilcher-Holtey diagnostiziert eine Kluft zwischen der Bedeutung der Protestbewegung im Fokus des öffentlichen Interesses und ihrer historischen Erforschung (S. 59): Die Ereignisse hätten sich „in die Erinnerung, nicht aber in die Geschichtswissenschaft ein[geschrieben]“. „1968“ werde bis heute vor allem von den Medien und früheren Akteuren verwaltet. Ausgebremst worden sei die (zeithistorische) Forschung unter anderem dadurch, dass der Streit über „1968“ indirekt ausgetragen wurde – „im Kampf um die Rekrutierung oder Nichtrekrutierung von Historikern, in der Auseinandersetzung über Themenfelder und deren ‚richtige’ historische Behandlung, im Methodenstreit und im Streit um die Historische Sozialwissenschaft“ (S. 69). „1968“ zu historisieren müsse auch heißen, die Selbsthistorisierung einer ganzen Generation einzufordern.

Ulrich Herbert lässt in seinem Beitrag den „Historikerstreit“ von 1986/87 Revue passieren. Wird dieser Streit gemeinhin als wissenschaftlich nutzlos eingestuft, so gibt Herbert dem gängigen Urteil eine neue Wendung. Seine Kritik gilt dem „wissenschaftlichen Ist-Stand“ in Hinblick auf die Erforschung der Judenvernichtung, der zum damaligen Zeitpunkt auf „weitgehend intellektuelle Debatten ohne empirischen Unterbau“ beschränkt gewesen sei (S. 100). Wissenschaftlich bedeutsam sei der Historikerstreit daher insofern gewesen, als er einen „Paradigmenwechsel in der NS-Forschung“ herbeigeführt habe (S. 104), durch den der Holocaust als das zentrale Verbrechen von NS-Herrschaft und Zweitem Weltkrieg anerkannt und breit erforscht worden sei. In der biografischen Aufschlüsselung der Kontroverse diagnostiziert Herbert eine Kluft zwischen öffentlicher und privater Erinnerung in Deutschland. Während des Historikerstreits seien die Folgen einer Überkreuzung von wissenschaftlichen oder politischen Haltungen mit individuellen Erfahrungen zu Tage getreten (S. 107): „Die einzelnen öffentlichen Stellungnahmen waren in offenbar starker Weise auch von weit zurückliegenden persönlichen Erinnerungen und Verlusten gekennzeichnet: dem Tod des Bruders, dem Erlebnis der Vertreibung und anderem.“

Norbert Frei und Volker Ullrich analysieren die Goldhagen-Debatte von 1996/97. „Hitlers willige Vollstrecker“, so Frei, sei weniger ein Buch als ein Ereignis gewesen: eine „Einladung zur historischen Selbstabsolution“ (S. 145). Doch erneut fällt die Bilanz zwiespältig aus. Obwohl Frei über Goldhagen und seine „Jünger“ spottet, kommt er nicht umhin, den Impuls des Buches für bisher vernachlässigte Bereiche der NS-Forschung hervorzuheben (wie etwa die Täterforschung oder die Einbeziehung der Opferperspektive): „Obgleich sich kaum eine einschlägige neuere Arbeit findet, die sich auch nur in einem dieser Punkte explizit auf Goldhagen bezieht, wird man einen indirekten Einfluss des Buches auf den Fortgang der Holocaust-Forschung schwerlich bestreiten können.“ (S. 146)

Sehr lesenswert sind die Beiträge zu historischen Kontroversen in europäischer Perspektive. Etienne François arbeitet die gemeinsamen Strukturmerkmale der Debatten über das Vichy-Regime und den Algerien-Krieg in Frankreich heraus. Charakteristisch war hier zum einen, wie die Erinnerung zur moralisch-politischen Pflicht erhoben und Zeitzeugenberichte aufgewertet wurden. Zum anderen war der Ruf nach offizieller und symbolischer Anerkennung an ein „Vor-Gericht-Ziehen der Geschichte“ (Henry Rousso) gekoppelt.

Interessante Einblicke gewährt auch der Beitrag von Wlodzimierz Borodziej, der sich der polnischen Debatte über Jan Tomasz Gross’ Buch „Nachbarn“ widmet. Das im Jahr 2000 zunächst auf Polnisch veröffentlichte Werk, das die polnische Mittäterschaft bei antijüdischen Pogromen während der deutschen Besatzung dokumentiert, hatte nach Ansicht von Borodziej für das polnische Fremd- und Selbstbild sehr viel weitreichendere Folgen als etwa der Historikerstreit oder die Goldhagen-Debatte für Deutschland. Borodziej bietet hierfür (neben einer wenig überzeugenden psychoanalytischen Deutung) die Erklärung an, dass das martyrologische Bild des „einzigartigen Opfers“ in Polen bereits vor Erscheinen des Buches stark erodiert war. Auch wenn die Wucht der Debatte viele Polen überraschend getroffen habe, so zeige eine Meinungsumfrage vom Herbst 2002, auf welche Offenheit die Enthüllungen auch gestoßen seien (S. 298): „Die Frage, ob die Aufdeckung des Mordes ‚gut’ war, bejahten 83 Prozent.“

Den mittlerweile gängigen Begriffen der Erinnerungs-, Geschichts- und Vergangenheitspolitik stellt Sacha Zala in einem engagierten Beitrag das Beispiel des schweizerischen „Geschichtsmanagements“ zur Seite. Dahinter verbirgt sich eine zielgerichtete und straff organisierte Form staatlicher Geschichtspolitik, die eine kritische Aufarbeitung der Schweizer Rolle im Zweiten Weltkrieg systematisch verhinderte und die von Aktenvernichtungen über Intrigen gegen Historiker bis zur Zensur von Akteneditionen reichte. Das restriktive Geschichtsmanagement traf in der Schweiz allerdings lange Zeit auf ein „Grundbedürfnis ‚von unten’“ – einen „auf der Neutralitätspolitik gegründeten, sinn- und identitätsstiftenden nationalen Grundkonsens“ (S. 321).

Während man sich vom Hype gegenwärtiger Debatten manchmal genervt abwendet, wird man durch die Lektüre des vorliegenden Sammelbandes eines Besseren belehrt: Zeithistorische Kontroversen scheinen für die Weiterentwicklung der Forschungslandschaft sowie für eine demokratische Gesellschaft von unschätzbarem Wert zu sein. „Zeitgeschichte als Streitgeschichte“ bietet keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse, ist aber ein lesenswerter Querschnitt durch weiter zurückliegende und aktuelle Kontroversen.[2]

Anmerkungen:
[1] Vgl. auch die Tagungsberichte von Albrecht Wiesener (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=70), Dippel, Carsten, in: Deutschland Archiv 35 (2002), S. 843-846; Lammers, Karl Christian, Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 51 (2003), S. 168ff.; Sander, Tobias, Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 54 (2003), S. 174-178.
[2] Vgl. auch Jarausch, Konrad H.; Sabrow, Martin (Hgg.), Verletztes Gedächtnis. Erinnerungskultur und Zeitgeschichte im Konflikt, Frankfurt am Main 2002, sowie die Rezension von Jan-Holger Kirsch: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=1588.

Zitation
Sabine Moller: Rezension zu: Sabrow, Martin; Jessen, Ralph; Große Kracht, Klaus (Hrsg.): Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Große Kontroversen seit 1945. München 2003 , in: H-Soz-Kult, 20.03.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3077>.
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20.03.2004
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