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Titel
Gefährliche Zeiten. Ein Leben im 20. Jahrhundert


Autor(en)
Hobsbawm, Eric
Erschienen
München 2003: Carl Hanser Verlag
Umfang
499 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Volker Depkat, Historisches Institut, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Die Fortsetzung von Historiografie mit autobiografischen Mitteln

Geschichtsbewusste Zeitgenossen denken oft ihr Leben lang über die historische Bedeutung der eigenen Zeit nach und verwandeln dadurch die selbst erlebte Vergangenheit in Geschichte. Das kann in verschiedenen Modi historischen Erzählens geschehen: als wissenschaftliche Abhandlung, als publizistische Zeitdiagnose und eben auch als Autobiografie. Alle diese Formen zeigen ‚Geschichte im Entstehen’, und besonders interessant sind solche Fälle, wo ein und dieselbe Person wiederholt zur historischen Deutung der eigenen Zeit ansetzt und sich dabei verschiedener Modi historischen Erzählens bedient. Dies hat der britische Historiker Eric Hobsbawm getan, der dem „Zeitalter der Extreme“, seiner großartigen Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, nun eine überaus lesenswerte autobiografische Parallelgeschichte an die Seite gestellt hat.[1]

Seine Autobiografie „Interesting Times“, deren ansonsten gelungene deutsche Übersetzung unter dem höchst unglücklichen Titel „Gefährliche Zeiten“ firmiert, bezeichnet Hobsbawm als „die B-Seite von ‚Das Zeitalter der Extreme‘“ (S. 11), die seine Leser als „Einführung in das außergewöhnlichste Jahrhundert der Weltgeschichte“ lesen möchten, „indem sie den Lebensweg eines Menschen mitverfolgen, der so, wie er verlaufen ist, in keinem anderen Jahrhundert möglich gewesen wäre“ (S. 12).

Dieses Leben führte Hobsbawm vom ägyptischen Alexandria, wo er 1917 als erstes Kind des Engländers Leopold Percy Hobsbaum (sic) und seiner österreichischen Frau Nelly geboren wurde, in das bürgerliche Wien der 1920er-Jahre und von dort, nach dem frühen Tod seiner Eltern, 1931 in das Berlin kurz vor dem Untergang der Weimarer Republik. Dort lebte er als Schüler des Prinz-Heinrich-Gymnasiums bis kurz nach dem Erlass der so genannten „Reichstagsbrandverordnung“ und emigrierte dann nach England. Nach dem Studium in Cambridge und seinem Einsatz während des Zweiten Weltkrieges an der britischen Heimatfront begann Hobsbawm im Jahre 1947 am Londoner Birkbeck College als Historiker zu arbeiten. Das war der Beginn eines steinigen Wegs zu einer Weltkarriere, der erst ab den 1970er-Jahren die gebührende internationale Anerkennung zuteil wurde. Hobsbawm war bereits 1936 in die Kommunistische Partei Englands eingetreten und blieb bis zu deren Ende im Jahre 1991 Mitglied – ein Umstand, der seine wissenschaftliche Karriere wiederholt behinderte.

Die Autobiografie wird von vier sich überkreuzenden Selbstbildern strukturiert: Hobsbawm schreibt als engagierter Intellektueller, der seine Zeit aus kritischer Distanz beobachtet; als heterodoxer Kommunist, für den die Russische Oktoberrevolution „der zentrale Bezugspunkt im politischen Universum“ ist (S. 252) und der ungeachtet aller Desillusionserfahrungen trotzig am „Traum der Oktoberrevolution“ festhält (S. 77); als Kosmopolit, der in keinem Land der Erde so richtig, wohl aber in der ganzen Welt zu Hause ist; und schließlich als Jude, der für jüdischen Nationalismus nichts als Sarkasmus übrig hat.

Die temporalen Linien der autobiografischen Erzählung verlaufen meistens parallel zu den Deutungsachsen des „Zeitalters der Extreme“, und dessen große Themen finden sich auch hier wieder. Das von 1914 bis 1945 währende „Katastrophenzeitalter“ wird in vielfältiger Brechung auch biografisch als eine zusammenhängende Phase der Unsicherheit und existenziellen Not entworfen. In denkbar scharfem Kontrast entfaltet sich die Zeit nach 1945 auch für Hobsbawm persönlich als ein „Goldenes Zeitlalter“. Es steht im autobiografischen Gesamtzusammenhang als eine Phase des privaten Glücks, des ungeahnten materiellen Wohlstandes, der weltumspannenden Reisen und der ständig steigenden beruflichen Anerkennung da. Das Kapitel „Wasserscheide“ läutet diese in den späten 1950er-Jahren beginnende und bis in die Schreibgegenwart andauernde Phase ein, und es teilt die Autobiografie in zwei ganz unterschiedliche Teile: Auf die im ersten Teil chronologisch angeordneten Kapitel folgen ab dem siebzehnten Kapitel systematisch organisierte und zu wiederholten lebensgeschichtlichen Längsschnitten ansetzende Abschnitte, in denen Hobsbawm von der Entwicklung der Geschichtswissenschaft, seiner akademischen Karriere sowie seiner persönlichen Verflechtung mit Frankreich, Spanien und Italien, Lateinamerika und den USA berichtet. Seit den späten 1950er-Jahren verlaufen sowohl sein Leben als auch die allgemeine Entwicklung des Jahrhunderts in ruhigeren Bahnen. Er habe seither nicht mehr ständig in der „Erwartung seismischer Katastrophen“ gelebt, schreibt Hobsbawm (S. 255).

Ein weiteres Generalthema der Autobiografie, das auch schon vom „Zeitalter der Extreme“ her geläufig ist, ist der Verlust von Vergangenheit in Folge des sich nach 1945 voll entfaltenden globalisierten Kapitalismus. In seinem subjektiven Horizont schildert Hobsbawm dies als das weltweite Versinken jener vertrauten politisch-intellektuellen Welt, in die er selbst einst hineingewachsen war und die bis in die 1950er-Jahre hinein bestand. Insofern setzt er auch hier in der Autobiografie das fort, was er in seinen historiografischen Werken schon begonnen hat. Er schreibt (S. 15f.): „Eines der Ziele dieses Buchs und überhaupt meiner Arbeit als Historiker bestand darin, diese Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart wiederherzustellen, die der reine modus operandi gegenwärtiger Gesellschaften zerstört.“

Zeigen diese Parallelen, zu welchem Grade zeitgeschichtliche Epochengliederungen erfahrungsgeschichtlich fundiert sind, so ist Hobsbawms Autobiografie immer dann besonders spannend, wenn er sein individuelles Leben in der Differenz zu den von ihm selbst angenommenen kollektiven Erfahrungen und Fakten des 20. Jahrhunderts reflektiert. So stellt er beispielsweise fest, dass der Zweite Weltkrieg für seine Generation die schlagartige Aufhebung der Zukunft bedeutet habe (S. 181), doch wird zugleich deutlich, dass der Krieg für ihn persönlich keine existenzielle Grenzerfahrung war, sondern kasernenlangweilige Sinnlosigkeit, eine ingesamt „vertane Zeit“ (S. 183). Noch viel deutlicher treten individuelle und kollektive Geschichtserfahrung in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts auseinander. Von seinem Leben seit den späten 1950er-Jahren schreibt Hobsbawm, dass es ein „außerordentlich schönes Leben“ gewesen sei, das ihm „viel Spaß gemacht“ habe; zugleich muss er sich selbst daran erinnern, dass er sich als Kommunist in dieser Welt eigentlich nicht wohl fühlen dürfe, dass sein privates Glück im eklatanten Widerspruch sowohl zu den weltweit scharf ausgeprägten sozialen und ökonomischen Ungerechtigkeiten der kapitalistischen Welt als auch zu den schrecklichen Ereignissen, die die Menschheit als ganze im 20. Jahrhundert durchlebt hat, steht (S. 355f.).

Diese Reflexion des Individuellen in seiner Diskrepanz zum Allgemeinen ist freilich eher selten. Dominant ist der Erzählgestus des „Beobachtens“, und der hat zur Konsequenz, dass Hobsbawm seine Individualität über weite Strecken überhaupt nur in ihren historischen (und das heißt kollektiven) Bezügen reflektiert. Daraus erwachsen einerseits viele farbenreiche Milieustudien, scharfsinnige Erörterungen der allgemeinen Verläufe und Zusammenhänge sowie erhellende Einsichten in die Generationserfahrungen des 20. Jahrhunderts. Doch führt dieser Erzählgestus anderseits dazu, dass die individuellen Gründe für die wohl zentrale Lebensentscheidung Eric Hobsbawms – sein Entschluss, Kommunist zu werden und es ein Leben lang zu bleiben – merkwürdig vage sind. Als die für seine politische Sozialisation lebensprägende Zeit entwirft er die beiden Berliner Jahre (1931–1933). Doch verbirgt Hobsbawm, der zu verstehen gibt, dass er damals kaum etwas vom politischen Programm des Kommunismus wusste, dass er weder „persönlich[e] Gründe für eine Ablehnung der Gesellschaftsordnung“ gehabt habe, noch viel unter dem „üblichen Antisemitismus Mitteleuropas“ zu leiden hatte (S. 77), seine Individualität hier ganz hinter dem Allgemeinen: Die „politische Leidenschaft“ sei der große Dämon des 20. Jahrhunderts, der reinste Ausdruck dafür der Kommunismus gewesen (S. 154), und im politisch polarisierten Berlin sei ihm als britischer Staatsbürger und Jude angesichts der rechtsnationalistischen Alternative auch gar nichts anderes übrig geblieben, als Kommunist zu werden (S. 79).

Angesichts der ‚realhistorischen’ Entwicklungen des 20. Jahrhunderts kann Hobsbawm sein politisches Leben nur als Desillusionierungsgeschichte erzählen. Als traumatische Schlüsselsituation wird das Jahr 1956 greifbar: Der XX. Parteitag der KPdSU, das Bekanntwerden des ganzen Ausmaßes der stalinistischen Verbrechen und schließlich der sowjetische Einmarsch in Ungarn bündeln sich in seiner subjektiven Periodisierung zu einer Zäsur, die das eigene Leben und das Jahrhundert in ein ‚Davor’ und ‚Danach’ teilen. Hobsbawm zog sich vom aktiven parteipolitischen Engagement zurück und verlegte sich auf Forschung und Lehre. Anders als so viele andere desillusionierte Linksintellektuelle brach er jedoch nicht mit dem Kommunismus – und die Gründe, die er dafür nennt, legen ein beredtes Zeugnis ab vom dogmatischen Rigorismus, den die „politische Leidenschaft“ als Signatur der Epoche gebahr, und sie erschrecken bei einem so selbstständigen Geist wie Hobsbawm um so mehr: Neben dem Argument der stolzen Treue zu sich selbst führt er vor allem zwei Gründe dafür an, warum er über 1956 hinaus Kommunist blieb. Ungeachtet aller erkennbaren Defizite der UdSSR habe seine Generation „eine fast unzerreißbare Nabelschnur mit der Hoffnung auf die Weltrevolution und ihrer Heimat, der Oktoberrevolution“, verbunden (S. 253). Außerdem sei es ihm und seinen Generationsgenossen damals so erschienen, als würde die historische Situation des sich weltweit steigernden Klassenkampfes, in der sie sich damals leben sahen, auch die Opfer des Stalinismus – und nicht nur die – rechtfertigen (S. 228): „Auch wir – ich sage das mit nachträglichem Bedauern – ließen bei dem Preis, den wir bereit waren, andere bezahlen zu lassen, keine Grenze gelten. Es macht die Sache nicht besser, wenn ich hinzufüge, dass auch wir selbst bereit waren, ihn zu bezahlen.“

Hinter dieser letzten Bemerkung schimmert eine Grundtatsache der Autobiografie durch: Hobsbawm blickt auf sein eigenes Leben als inzwischen 80-Jähriger geschulter Fachhistoriker zurück, dem der ‚junge Hobsbawm’ wie ein Fremder gegenübersteht. In dem Versuch, sich ihm anzunähern, muss der Historiker Hobsbawm immer wieder feststellen, dass er das aus der Perspektive des Jahres 2002 nicht mehr kann. In dieser Unerreichbarkeit der eigenen Biografie dokumentiert sich die subjektive Erfahrung eines sich innerhalb eines Menschenlebens radikal beschleunigenden historischen Wandels, durch den die Verbindung von einst und jetzt radikal durchtrennt wurde. Erst diese Geschichtserfahrung verwandelt vergangenes Geschehen in „interessante Zeiten“, gleich wie gefährlich sie gewesen sein mögen.

Anmerkung:
[1] Hobsbawm, Eric, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 1995.

Zitation
Volker Depkat: Rezension zu: Hobsbawm, Eric: Gefährliche Zeiten. Ein Leben im 20. Jahrhundert. München 2003 , in: H-Soz-Kult, 03.11.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3234>.
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03.11.2003
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