R. Börrnert: Ernst Thälmann als Leitfigur

Titel
Ernst Thälmann als Leitfigur der kommunistischen Erziehung in der DDR.


Autor(en)
Börrnert, René
Erschienen
Umfang
276 S.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Wollschläger, Die Deutsche Bibliothek, Frankfurt am Main

In den letzten Jahren ist in Form von Dissertationen eine Reihe von Arbeiten zum Bildungssystem der DDR erschienen. Darunter befinden sich Studien zur Vermittlung der ideologisch-politischen Zielsetzung der Staatsführung im Staatsbürgerkundeunterricht, der Rolle des Geschichtsunterrichts in der historisch-politischen Sozialisation in der SBZ und der DDR und, was einzelne Topoi angeht, beispielsweise zur Behandlung des Nationalsozialismus und des Spanischen Bürgerkriegs im Unterricht.

Eine wichtige Rolle spielte die Vermittlung von Leitbildern im Unterricht anhand „sozialistischer Helden“ aus Geschichte und Gegenwart. Der kürzlich in „Sehepunkte“ rezensierte Sammelband „Sozialistische Helden: Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR“ scheint in seinem Abschnitt zur DDR nicht vollständig befriedigend zu sein [1]; er enthält jedoch einen guten Beitrag über Ernst Thälmann. Dieser kann als eine zentrale Persönlichkeit unter diesen Leitfiguren bezeichnet werden. Die eingehende Analyse der Leitfigur Thälmann in einer eigenen Forschungsarbeit wurde nun von René Börrnert vorgelegt.

Die Untersuchung von Börrnert ist in folgende Bereiche aufgegliedert: 1. Die Analyse des Thälmann-Bildes in der DDR, worin Formen der Darstellung Ernst Thälmanns in der DDR untersucht werden; 2. Das Verhältnis der SED-Führung zu Ernst Thälmann; 3. Die Vermittlung des Thälmann Bildes im Rahmen der kommunistischen Erziehung generell und in den speziellen Bildungsbereichen (jeweils) der 70er und 80er Jahre.

Im ersten Teil gelingt es Börrnert überzeugend, Kernpunkte des Thälmann-Bildes zu formulieren, die „als biographische Eckpfeiler das gesamte Bild von Ernst Thälmann [stützen]“ (S. 30). Das Bild „Sohn seiner Klasse“ beschrieb die Kindheit und Jugend und die Erziehung Thälmanns. „‚Teddy‘ und der Hamburger Arbeiteraufstand 1923“ zeigte Thälmann in unbestrittener Führungsrolle und machte ihn mit seinem Kosenamen menschlich populär. Als „Der beste Freund der Sowjetunion“ legitimierte das Thälmann-Bild eine Art sozialistisches Grundprinzip. Der „Führer seiner Klasse“ beschrieb Thälmann als den bedeutendsten Parteiführer der Arbeiterklasse und nahm den breitesten Raum in den über ihn verfassten Biografien ein. Das Bild „Unbeugsam hinter Kerkermauern“ zeigte „einen letztlich ungebrochenen Kommunisten im faschistischen Kerker: tapfer, mutig und immer wieder optimistisch“ (S. 49) und betonte das Durchhaltevermögen der Parteiführung der KPD. Die Bilder der „Ermordung Thälmanns“ sowie „Thälmann ist niemals gefallen“ stilisierten Thälmann zum kommunistischen Märtyrer und dienten der Beschwörung des geistigen Weiterlebens Thälmanns in der DDR, „deren sozialistische Gesellschaft die Partei als gesellschaftliche Inkarnation der Thälmannschen Gedanken auffasste“ (S. 30f., vgl. S. 56). Eine besondere Rolle im Thälmann-Bild der DDR spielten Frau und Tochter, Rosa und Irma Thälmann, als Symbolfiguren des Thälmann´schen Erbes.

Anzumerken ist an dieser Stelle, dass das Kapitel über Rosa und Irma Thälmann mit knapp vier Seiten etwas kurz erscheint. Ihre Aktivitäten zu Thälmanns Lebzeiten und in der DDR werden kurz referiert, jedoch vermisst man eine etwas eingehendere Untersuchung ihrer Instrumentalisierung, etwa wie sich das Verhältnis zwischen gewolltem Engagement beider und gezieltem Einsatz seitens der DDR-Führung gestaltete.

Die Thälmann-Biografien der DDR-Zeit werden von Börrnert akribisch miteinander verglichen. Aufgaben und pädagogische Stile werden beschrieben, und genauer wird auf die Idealisierung Thälmanns in den Darstellungen der DDR eingegangen. Um ein makelloses Bild Thälmann zu schaffen, wurden in offiziellen Biografien keine Passagen aufgenommen, die eine kritische Betrachtung seines Lebens und Handelns erlaubten. Selbst Manipulationen der Fakten bzw. Darstellungen blieben dabei nicht ausgespart. Börrnert stellt folgende Formen der Manipulation fest: Fälschung von Fotos und Texten, Entfernung sowie (Wieder-)Aufnahme von Namen, Tabuisierung von unpassenden Fakten, Überhöhung, politische Verklärung und Missbrauch des chronologischen Prinzips. In Zusammenfassung dieser Betrachtungen nennt Börrnert das Thälmann-Bild der DDR wohl zu recht „ein in vieler Hinsicht konstruiertes Bild“.

Im zweiten Teil, der das Verhältnis der SED-Führung zu Ernst Thälmann behandelt, geht Börrnert zunächst auf die Rolle ein, die sich die SED als Nachfolgerin der KPD zuschrieb. Nicht nur der Bezug auf die politische Orientierung der KPD unter Thälmanns Führung durch die Partei charakterisierte den SED-Staat; bemerkenswert war auch das Selbstverständnis der führenden SED-Funktionäre als Nachfolger Ernst Thälmanns. Insbesondere Erich Honecker berief sich auf Gemeinsamkeiten mit Thälmann, unter anderem die fast ebenso lange Haftzeit in der NS-Zeit und den persönlichen Kampf gegen das Regime. Honecker führte die ausgestreckte Faust als „Thälmann-Gruß“ wieder ein, und unter ihm nahmen Formen des Personenkultes in Verbindung mit der Thälmann-Verehrung deutliche Formen an. Auch wurde in den 70er und 80er Jahren (also in der Honecker-Ära) das Thälmann-Bild in den politisch-ideologischen Erziehungsalltag in zunehmendem Maße einbezogen, stärker als in der Anfangsphase der DDR-Geschichte.

Die durchaus sinnvolle Fokussierung auf die Honecker-Ära bei der eigentlichen Betrachtung der Vermittlung des Thälmann-Bildes wird von Börrnert im zweiten Teil seiner Untersuchung relativ knapp begründet. Dass, wie Börrnert formuliert, der Nachweis im Folgenden erbracht würde, stimmt nur bedingt. Zwar zeichnet er ein deutliches und überzeugendes Bild der Vermittlungs-Formen in der Honecker-Ära; durch den fehlenden Vergleich mit den End-40er bis 60er Jahren erklärt sich jedoch der verstärkte Thälmann-Bezug nicht von selbst. Wenigstens ein summarischer Überblick über die Vermittlungs-Tendenzen der früheren Jahre wäre hier hilfreich gewesen. Es fällt auch auf, dass Börrnert an verschiedenen Stellen anstelle eigener Formulierungen Zitate benutzt, um Schlussfolgerungen auszudrücken. Mitunter prägnant, sollte es jedoch nicht wiederholt Thälmann oder Honecker überlassen bleiben, ihre Instrumentalisierung bzw. Politik zu bewerten (Beispiele siehe S. 74, 91, 143).

Die politisch-ideologische Erziehung mit Hilfe des Thälmann-Bildes wird umfassend behandelt. Träger dieser Erziehung waren wesentlich die nach Thälmann benannte Pionierorganisation wie auch die FDJ. Als Formen der Vermittlung des Thälmann-Bildes stellt Börrnert drei grundlegende Modi heraus (S. 144): Erstens, die Präsentation dieses Bildes durch z.B. Wandzeitungen, Versammlungen oder Thälmann-Kabinette zur „narrativen, visuellen, vokalen Vermittlung des Thälmann-Bildes und dessen Festigung“; zweitens, die Erlebbar-/Erfahrbarmachung des Thälmann-Bildes in allgemeinen Mahn- und Gedenkstätten sowie speziellen Thälmann-Gedenkstätten; drittens, die Identifikation mit dem Vorbild durch Namensverleihungen und Auszeichnungen. Diese Vermittlungs-Modi werden mit einer Fülle von Quellen belegt und bilden ein schlüssiges Ensemble.

Der letzte Teil der Untersuchung widmet sich zunächst der Vermittlung des Thälmann-Bildes in den Unterrichtsplänen der allgemein bildenden Polytechnischen Oberschulen. Börrnert bezieht sich dabei auf die zu Beginn seiner Arbeit herausgestellten Kernpunkte des Thälmann-Bildes und untersucht deren Auftreten in den unterschiedlichen Klassenstufen. Als Schwerpunkte ergeben sich die Vermittlung in den Fächern Lesen/Literatur und Heimatkunde in den unteren Klassen sowie im Fach Geschichte der 9. Klassenstufe. Der Unterrichtsaufbau letzterer wird minutiös aufgeschlüsselt und ergibt in Zusammenhang mit dem entsprechenden Teil des Quellenanhangs (D 4.a) eine anschauliche Darstellung der Unterrichtsmethodik. Interessant ist, dass das Thälmann-Bild im Lehrplan der 7. und 8. Klassen sowie im Staatsbürgerkunde-Unterricht nicht explizit vorkommt. Dieser Punkt wird von Börrnert lediglich festgestellt, jedoch nicht näher bewertet bzw. mit anderen Eckpunkten der staatsbürgerlichen Erziehung in diesen Klassenstufen kritisch in Verbindung gebracht.

Schließlich widmet sich Börrnert der Vermittlung des Thälmann-Bildes mit Hilfe von Kinderliteratur. Zwölf einzelne Werke für unterschiedlichste Lesealter werden eingehend betrachtet. In der Mehrzahl dieser Kinderbücher spielt die Besinnung der DDR auf Thälmann eine wichtige bis zentrale Rolle. Börrnert weist auch hier wiederum den Gebrauch der erwähnten Kernpunkte des Thälmann-Bildes nach und zeigt die altersgerechte Ausgestaltung der Leitfigur Thälmann als Vorbild für die Kinder auf. Aus bibliothekarischer Sicht ist anzumerken, dass der Abschnitt „Kinderbücher über Ernst Thälmann in der Kinderbibliothek“ (S. 182) außer der Nennung der Systematik-Gruppe keine Information über das postulierte Thema enthält. Die Frage, ob und inwieweit Thälmann-Literatur in der Kinderbibliothek eine spezielle Rolle spielen sollte, wird nicht einmal gestellt.

Was den Umgang mit den Primärquellen in Form von Literatur und Unterrichtsmaterial angeht, gelingt es Börrnert an sich überzeugend, die zentrale Instrumentalisierung Thälmanns als Leitfigur in Erziehung und Bildung der DDR nachzuweisen. Die Herausarbeitung der Kernpunkte des Thälmann-Bildes wirkt schlüssig, die Formen der Vermittlung im Allgemeinen und im Unterricht sowie in Kinderbüchern ergeben ein rundes, zusammenhängendes Bild. Der enzyklopädisch wirkende Quellenanhang hätte an mancher Stelle noch etwas enger in die Darstellung einbezogen werden können, bildet aber aufgrund der sehr differierenden Quellenarten eine sinnvolle Ergänzung der Arbeit.

Nicht ganz überzeugen kann dagegen die Arbeit in methodischer Hinsicht. Neben den bereits genannten Schwachpunkten wird man vor allem eine kritische Diskussion von Sekundärquellen und Forschungsarbeiten vermissen. Während die Thälmann-Biografien als Primärquellen gut vergleichbar ausgewertet werden, fehlt oftmals der doch angestrebte „kritische Blick auf die SED-Dokumente“ (S. 8). In der Arbeit werden keine grundsätzlichen Aussagen zum Gebrauch von Vorbildern bzw. Leitfiguren in der Erziehung gemacht, und der Gebrauch von kommunistischen Vorbildern etwa wird nur aus Sicht des DDR-Erziehungswesens dargestellt (S. 95-99). Nur sehr kurz wird erwähnt, dass nach 1989 eine Diskussion über das Thälmann-Bild der DDR entstanden war, ohne diese jedoch genauer zu charakterisieren (S. 7, 66), obwohl dies für die Einordnung des Untersuchungsergebnisses sehr hilfreich gewesen wäre. Das Ziel der Studie, „eine Sondierung programmatischer sowie schul- und unterrichtspraktischer Vorgaben der SED zur Vermittlung des Thälmann-Bildes“ vorzunehmen (S. 187), ist sicherlich erreicht worden, wenn auch, wie bereits angedeutet, die methodische Geschlossenheit der Untersuchung nicht völlig befriedigen kann.

Anmerkung:
[1] Vgl. Jan C. Behrends' Rezension zu: Satjukow, Silke; Gries, Rainer (Hgg.), Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR, Berlin 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 7/8 [15.07.2003], URL: <http://www.sehepunkte.historicum.net/2003/07/3347.html>

Zitation
Thomas Wollschläger: Rezension zu: Börrnert, René: Ernst Thälmann als Leitfigur der kommunistischen Erziehung in der DDR. Braunschweig 2002 , in: H-Soz-Kult, 20.08.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3258>.
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20.08.2003
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