A. Pók, J. Rüsen, J. Scherrer (Hgg.): European History

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Titel
European History. Challenges for a Common Future


Hrsg. v.
Pók, Attila; Rüsen, Jörn; Scherrer, Jutta
Erschienen
Hamburg 2002: Körber-Stiftung
Umfang
245 S.
Preis
€ 12,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Heidemarie Petersen, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas, Leipzig

Die politische Wende des Jahres 1989 hat nicht nur den Blick auf das „vergessene“ Europa jenseits des Eisernen Vorhangs gelenkt; sie hat auch dazu beigetragen, einem Projekt namens „Europäische Geschichtsschreibung“ neuen Schwung zu geben. Seine erste Konjunktur erlebte es unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg als zunächst deutsch-französische Initiative zur Überwindung der nationalistischen Traditionen in den Geschichtswissenschaften beider Länder. Institutionelle Form fand diese Initiative u.a. in dem Mainzer Institut für Europäische Geschichte, das 1950 gegründet wurde. So wie damals der politische Impuls einer europäischen Verständigung und insbesondere der Überwindung der vermeintlichen deutsch-französischen „Erbfeindschaft“ ausschlaggebend waren, so ist es heute die fortschreitende politische und wirtschaftliche Einigung Europas, die den entscheidenden Anstoß für eine entsprechende Neuperspektivierung der Geschichtsschreibung gibt. Diesem Impuls folgend, organisierten das Kulturwissenschaftliche Institut Essen und die in Hamburg ansässige Körber-Stiftung in den Jahren 1999 und 2000 eine Reihe von Symposien, aus denen unter der Bezeichnung „Eustory“ mehrere Publikationen [1] sowie ein Internetportal (http://www.eustory.org) hervorgegangen sind.

Der vorliegende dritte Band der „Eustory Series: Shaping European History“ trägt den programmatischen Titel „European History: Challenge for a Common Future“. Damit wird benannt, was sowohl die Herausgeber in ihrer Einführung, als auch die einzelnen Autoren in ihren Beiträgen immer wieder betonen: Europäische Geschichte resp. Geschichtsschreibung ist auch heute kein klar definiertes Spezialgebiet einer „Allgemeinen Geschichte“, sondern ein fortlaufendes Projekt, das seine Gegenstände und Methoden in einer Art „work in progress“ immer wieder neu erarbeiten muss. „It is not at all clear what ‚Europe’ means as a dimension of Historical Consciousness“ (S. 9) - die historischen Umrisse einer europäischen „mental map“ müssen erst noch gezeichnet werden. In drei Kapiteln präsentiert der Band mögliche Facetten eines solchen Unternehmens.

Im ersten Abschnitt „Addressing Europe“ wird danach gefragt, wie eine europäische, transnational gedachte Geschichte geschrieben werden kann oder muss, und ob etwa eine spezifisch europäische Meistererzählung denkbar sei. Bodo von Borries stellt diese Fragen an eine Auswahl von Publikationen, die in den vergangenen zehn Jahren unter dem Etikett einer europäischen Geschichtsschreibung erschienen sind, wobei er einerseits Gesamtdarstellungen wie Norman Davies’ „Europe. A History“ [2] und andererseits Publikationsreihen wie die von Wolfgang Benz edierte „Europäische Geschichte“ [3] in den Blick nimmt. Borries’ Urteil fällt kritisch aus: Die methodologische Herausforderung einer komparativen und multiperspektivischen Darstellung sei bislang allenfalls in Ansätzen angenommen worden, und insbesondere die verschiedenen Reihentitel seien überwiegend „Buchbindersynthesen“ (S. 31) mehr oder minder zufällig zusammengestellter thematischer Fallstudien.

Im vorliegenden Band analysiert Bernard Eric Jensen sodann, in welcher Weise Europa im dänischen Geschichtsdiskurs thematisiert wird. Während bis in die 1970er-Jahre des 20. Jahrhunderts Europa mit gelegentlichen rassistischen Untertönen überwiegend als „Kulturgemeinschaft“ konzipiert worden war, sei europäische Geschichte seit den 1980er-Jahren zunehmend zu einem Projekt der politischen Linken mit Blick auf die Europäische Staatengemeinschaft geworden. Dariusz Jarosz gibt einen Überblick über historische Identitätskonstruktionen in Polen seit 1944, ohne allerdings einen expliziten Europa-Bezug herauszuarbeiten. Attila Pók widmet sich Europa als politisch konnotierter „symbolischer Geografie“ in den Geschichtsschreibungen Ostmitteleuropas, vor allem aber Ungarns nach dem Zweiten Weltkrieg. Deren zentrales, über die politische Wasserscheide von 1989 hinausreichendes Merkmal sei der fortdauernde Versuch, die eigene Position im diskursiven Spannungsverhältnis zwischen „Ost“ und „West“ auszubalancieren.

Geschichtspolitik ist auch das Thema des folgenden Abschnitts „Uses and Abuses of History“. Hier geht es darum, in welcher Weise Geschichte im heutigen Europa national-politischer Sinnstiftung dient. Europa als mögliche Bezugsgröße erscheint in den einzelnen Beiträgen jedoch allenfalls am Rande. Den Umgang mit Geschichte im postsowjetischen Russland beschreibt Jutta Scherrer als „Suche nach einer nützlichen Vergangenheit“. In der Perestrojka-Zeit und während der Regierung Jelzins habe dies vor allem eine Wiederaneignung zuvor verschwiegener und verdrängter Geschichte(n) bedeutet; unter Putin erlebe man nun in einer Art Gegenbewegung eine erneute Annäherung an die Sowjetzeit mit positivem Vorzeichen. Die Grenzen zwischen nostalgischer Rückbesinnung und einem bewussten Ausblenden unerwünschter Wahrheiten seien dabei stets fließend. Wilfried Jilge widmet sich der Frage, welche Versuche in der seit 1991 unabhängigen Ukraine unternommen wurden, eine alt-neue Nationalgeschichte zu schreiben, wobei er ein Spannungsverhältnis zwischen einem ethnischen und einem staatszentrierten Geschichtsmodell konstatiert. Lucian Boia problematisiert die longue durée historiografischer Topoi in Rumänien, deren Weiterwirken über das Ende des Çeauçescu-Regimes hinaus er als mögliches Hindernis einer dauerhaften gesellschaftlichen Modernisierung seines Landes sieht. Die Rumänen müssten, so Boia, „adapt the image of their past to the requirements of their present–day projects“ (S. 141). Geschichtspolitik wird von Boia also durchaus positiv als notwendige Neuperspektivierung der Geschichtswahrnehmung in Zeiten politischer Umbrüche gesehen. Klas-Göran Karlsson schließlich kommt in seinem Beitrag über Schweden zu dem für Mitteleuropäer eher befremdlichen Befund einer relativen „Geschichtsvergessenheit“ der schwedischen Gesellschaft nach 1945, die er mit Bezug auf das Leitthema dieses Kapitels als „non-use of history“ bezeichnet (S. 145).

Der letzte Abschnitt des Buches ist sehr verschiedenartigen „Problems of Representation“ gewidmet. Joy Hendry beschreibt, auf welche Weise in japanischen Freizeitparks Europa imaginiert wird. Was in europäischen Augen (vor)schnell als parodiehafte Disneyisierung erscheint, interpretiert sie als legitime Umkehrung des europäischen Blicks auf „den Orient“ – „The Orient Strikes Back“, so der Titel ihrer 2000 erschienenen Monografie, die sich diesem und ähnlichen Phänomenen widmet.[4] Nach einer möglichen Veränderung unserer Geschichtswahrnehmung in den und durch die Neuen Medien fragt Stefan Haas in seinem Beitrag über Computerspiele mit historischen Themen. Frank van Vree untersucht in einem Vergleich Frankreichs, Polens und der Niederlande, wie sich die Erinnerungskulturen um den Zweiten Weltkrieg und die Shoah von der Konstituierung nationaler Heldennarrative unmittelbar nach dem Krieg bis hin zu einem transnationalen Gedenken an die Opfer entwickelt haben. Eine besondere Rolle komme in diesem Prozess der zunehmenden Visualisierung von Geschichte zu. Abschließend analysiert Sharon Macdonald am schottischen Beispiel ein gesamteuropäisches Phänomen - die Renaissance eines häufig regionsbezogenen Ethnonationalismus als Reaktion auf die politische und wirtschaftliche Vereinheitlichung Europas. Sie wirft eine Reihe von zentralen Fragen auf: Ist es möglich, eine nationale Perspektive auf Geschichte zu überwinden? Wieviel nationale Geschichte(n) muss man vergessen, um eine europäische Geschichte konstituieren zu können?

Das Ziel der Herausgeber dieses Bandes war es nach eigenem Bekunden, „to contribute to a coherent, common and assumed history of Europe“ (S. 11). Die Sammlung zeigt indes, wie schwierig es ist, ein solches Vorhaben in die Tat umzusetzen. Zwar enthält sie einige Texte, in denen grundlegende Fragen an das Projekt „Europäische Geschichtsschreibung“ formuliert werden; doch anders als etwa die zeitgleich in Wien erschienenen „Annäherungen an eine europäische Geschichtsschreibung“ [5] mutet die Zusammenstellung der Aufsätze insgesamt wenig kohärent an. So ist am Ende ein lesenswertes Buch entstanden, das gleichwohl nur einen begrenzten Beitrag zu der anvisierten europäischen Geschichtsschreibung zu leisten vermag.

Anmerkungen:
[1] Macdonald, Sharon (Hg.), Approaches to European Historical Consciousness. Reflections and Provocations, Hamburg 2000; Van der Leeuw-Roord, Joke (Hg.), History for Today and Tomorrow. What Does Europe Mean for School History? Hamburg 2002.
[2] Davies, Norman, Europe. A History, New York 1998.
[3] Benz, Wolfgang (Hg.), Europäische Geschichte, Frankfurt am Main 1996.
[4] Hendry, Joy, The Orient Strikes Back: A Global View of Cultural Display, Oxford 2000.
[5] Stourzh, Gerald (Hg.), Annäherungen an eine europäische Geschichtsschreibung, Wien 2002 (vgl. die aktuelle Rezension von Frithjof Benjamin Schenk unter http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=3459).

Zitation
Heidemarie Petersen: Rezension zu: Pók, Attila; Rüsen, Jörn; Scherrer, Jutta (Hrsg.): European History. Challenges for a Common Future. Hamburg 2002 , in: H-Soz-Kult, 08.07.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3457>.
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08.07.2004
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