G. Stourzh (Hg.): Annäherungen an eine europäische Geschichtsschreibung

Titel
Annäherungen an eine europäische Geschichtsschreibung.


Hrsg. v.
Stourzh, Gerald
Umfang
175 S.
Preis
€ 29,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Frithjof Benjamin Schenk, Osteuropa-Institut, Freien Universität Berlin

Die Geschichte Europas hat Konjunktur. Im Zuge der voranschreitenden politischen und ökonomischen Integration des Kontinents intensivieren sich auch unter Historikern die Bemühungen, die Grenzen zwischen den einzelnen Nationalgeschichten zu überwinden und diese durch ein neues, europäisches historisches Narrativ zu ersetzen. Die Fragen, was man sich unter „europäischer Geschichte“ vorzustellen habe und wie diese zu schreiben sei, waren im Mai 2000 Gegenstand eines international besetzten Symposiums an der österreichischen Akademie der Wissenschaften, dessen Beiträge seit 2002 in dem Band „Annäherungen an eine europäische Geschichtsschreibung“ in gedruckter Form vorliegen. Der Einladung von Gerald Stourzh, Professor em. für Geschichte der Neuzeit an der Universität Wien, waren neun namhafte Fachvertreter aus verschiedenen Ländern West-, Mittel- und Osteuropas sowie aus den USA und aus Israel gefolgt. Bereits diese Zusammensetzung des Symposiums dokumentiert das Bemühen der Organisatoren um einen möglichst „weiten“ Europa-Begriff.

In seinen einleitenden Bemerkungen („Europa, aber wo liegt es?“, S. IX-XX), warnt Gerald Stourzh (Wien) vor einem zu engen Europa-Begriff. „Europäische Geschichte“, die mehr sein will als ein legitimierendes historisches Narrativ für die Europäische Union in ihren aktuellen oder zukünftigen Grenzen, dürfe, so Stourzh, weder die Geschichte Ostmittel- und Osteuropas noch die Verflechtung mit der transatlantischen Geschichte ausblenden. Auch mit Blick auf den Raum östlich der zahlreichen „Begrenzungslinien“ mentaler und strukturhistorischer Art zwischen Ost- und Westeuropa plädiert Stourzh für einen Europa-Begriff, der nicht auf der Annahme eines „homogenen, durch bestimmte Errungenschaften, Programme oder exklusive Werte definierten Europa“ (S. XX) basiert, sondern der offen ist für die kulturellen Unterschiede des Kontinents. Das „gelehrte Europa“ möge mit einem solchen erweiterten Europa-Verständnis, dem „politischen Europa“ vorausgehen, schließt Stourzh, und lässt dabei die Frage offen, wie sich denn „Europa“ von anderen Räumen oder Geschichtsregionen abgrenzen, d.h. definieren lässt.

Die Schwierigkeit, über „europäische Geschichte“ zu sprechen oder diese gar zu schreiben, rührt nicht zuletzt daher, dass sich Europa dem Blick des Historikers sowohl als „Struktrur-“ als auch als „Wahrnehmungsraum“ präsentiert. Europa ist zum einen eine Geschichtsregion, die sich als Ergebnis tiefgreifender und strukturbildender historischer Prozesse (wie z.B. Ausbreitung des Christentums, Aneignung des Erbes der griechisch-römischen Antike, Ausbildung von Nationalstaaten etc.) beschreiben lässt. Zum anderen ist „Europa“ spätestens seit dem späten Mittelalter ein ideologisch aufgeladener Begriff, der allzu oft dem Gefühl europäisch-christlicher Superioriät gegenüber allem Nicht-europäischen Ausdruck verlieh. Dieses Spannungsverhältnis von Struktur- und Wahrnehmungsraum ist auch für die einzelnen europäischen Großregionen (Mitteleuropa, Nordeuropa, Osteuropa, Balkan etc.) charakteristisch, denen fünf Beiträge des vorliegenden Sammelbandes gewidmet sind. Auf dem Weg von den europäischen Nationalhistoriografien zu einer umfassenden europäischen Geschichtserzählung kann die Betrachtung der Geschichte dieser europäischen Teilräume als hilfreicher Zwischenschritt betrachtet werden.

In ihrem Beitrag über den „Central-Europe“-Diskurs („Does Europe have a centre? Reflections on the history of Western and Central Europe“, S. 1-14) in West- und Ostmitteleuropa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geht Nicolette Mout (Leiden) insbesondere auf den ungarischen Historiker Jenö Szücz und sein Werk „Die drei historischen Regionen Europas“ ein. Die Unterteilung des Kontinents in drei Geschichtsregion und die Abgrenzung Ostmitteleuropas von West- und von Osteuropa kritisiert Mout mit der Begründung, dass diese die Gemeinsamkeiten der europäischen Geschichte verdecke und die gedankliche Barriere zwischen Ostmittel- und Osteuropa weiter verfestige. Mout erinnert in diesem Zusammenhang an Oskar Haleckis Plädoyer, Europa als eine Einheit zu betrachten, lässt dabei aber unerwähnt, dass dieser in seinem Werk „Europa. Grenzen und Gliederungen seiner Geschichte“ die UdSSR wegen der Herrschaft der Bolschewiki als „antieuropäischen Staat“ bezeichnete. [1] Der „Mittelpunkt Europas“, so Mout, lasse sich auf keiner Landkarte, sondern nur als „imaginiertes Zentrum“ in der gemeinsamen europäischen Geschichte beschreiben.

Anders als Mout, die nicht nach den historisch gewachsenen Strukturen fragt, die „Central Europe“ in den Augen zahlreicher Historiker konstituieren, nimmt Max Engman (Åbo) in seinem Beitrag („Norden“ in European History, S. 15-34) den „Norden“ Europas als historisch gewachsene Großregion in den Blick. Zwar lasse sich der „Norden“ Europas, der die Länder Island, Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland umfasst, auch als eine „Erfindung“ und als Konzept der Binnenabgrenzung der skandinavischen Länder von den beiden aufstrebenden Mächten Russland und Deutschland im 19. Jahrhundert beschreiben, daneben gebe es den „Norden“ aber auch als „realen“ historischen Strukturraum. Nicht zuletzt die periphere Lage habe dazu geführt, dass sich der „Norden“ als eigene europäische Geschichtsregion entwickelte, die u.a. von relativ großer ethnischer Homogenität, von lutheranischen Staatskirchen, einem starken und selbstbewussten vierten Stand, der engen Verbindung von Krone und Bauern und schließlich von einer auf Konsens und Ausgleich ausgerichteten politischen Kultur geprägt ist. Der „Norden“, so Engman, sei eine eigene Geschichtsregion und dabei seit der Christianisierung und der Etablierung nationaler Monarchien (9.-12. Jahrhundert) ein integraler Bestandteil Europas.

So wie „Central Europe“ oder der „Norden“ lassen sich auch Osteuropa oder der Balkan sowohl als Geschichtsregionen als auch als gedachte Großräume auf den kognitiven Karten des Kontinents beschreiben. Andreas Kappeler (Wien) führt in seinem Beitrag („Die Bedeutung der Geschichte Osteuropas für ein gesamteuropäisches Geschichtsverständnis“, S. 43-56) aus, dass die zunehmende gedankliche Abgrenzung von „Osteuropa“ (d.h. von Russland) im 19. Jahrhundert auch zu einer Vernachlässigung der Geschichte dieses Teils des Kontinents durch die Historiker West- und Mitteleuropas geführt habe. Bis heute werde die Geschichte Osteuropas noch oft als „Defizitgeschichte“ bzw. als eine Erzählung nachholender Entwicklung geschrieben, wobei dem „Osten“ immer die Rolle des Schülers und dem „Westen“ die Rolle des Lehrers zukomme. Um dieses gedachte Gefälle bei der Betrachtung der europäischen Geschichte zu überwinden, müssten sich, so Kappeler, Historiker in Zukunft auch verstärkt mit der Frage beschäftigen, in wieweit die Geschichte des Kontinents auch von Entwicklungen aus Osteuropa beeinflusst und geprägt worden sei. Dabei hat Kappeler nicht nur die Ausstrahlungskraft russischer Hochkultur und Spiritualität im 19. und frühen 20. Jahrhundert oder die Sprengkraft revolutionären Gedankenguts dieser Zeit im Blick. Er erinnert auch an die Bedeutung der Selbststilisierung als „Retter Europas“ vor den Feinden aus Asien in russischen, polnischen und ungarischen Identitätsdiskursen. Schließlich weist er darauf hin, dass eine kritische Überprüfung der Annahmen der westlichen Modernisierungstheorie auch eine Neubewertung einzelner Aspekte der vermeintlich „rückständigen“ Entwicklung Osteuropas erlaube. Bei einer vergleichenden Betrachtung z.B. des Umgangs mit Minderheiten, der Stellung der Frau in der Gesellschaft, der Ausprägung proto-demokratischer Institutionen und der Bedeutung traditioneller Sozialformen könnte das Urteil über den vermeintlich „zurückgebliebenen“ Osten heute oft positiver ausfallen als noch vor wenigen Jahren.

Vor einer Mythisierung der Geschichte Europas und vor einem exklusiven und normativen Europa-Begriff warnt auch Alexej Miller (Moskau/Budapest) („Russia, Eastern Europe, Central Europa in the Framework of European History“, S. 35-42). Miller erinnert daran, dass die europäische Geschichte nicht nur reich an dunklen Kapiteln sei, sondern dass sie sich auch in Szenarien erzählen lasse, die sich von dem „lichten“ Entwicklungspfad der westlichen Demokratien unterscheiden. Eine solche „alternative version of European history“ sei die Geschichte Russlands, erzählt als die einer nach Hegemonie in Europa strebenden christlichen Macht. Miller legt überzeugend dar, dass sich weder die Geschichte Europas unter Ausblendung Russlands, noch die Geschichte Russlands ohne Berücksichtigung der Entwicklung Westeuropas erzählen lasse. Er weist in diesem Kontext auf die Rolle Russlands im europäischen Mächtegefüge seit Napoleon und auf die Bedeutung Westeuropas als Vorbild für die Entwicklung des Russischen Reiches seit dem späten 17. Jahrhundert hin. Dieses Argument lässt sich mit dem Hinweis noch verstärken, dass auch die Geschichte europäischer Mächtepolitik im 18. Jahrhundert ohne die Einbeziehung Russlands nur schwer zu schreiben ist. Erinnert sei hier z.B. an die Rolle Russlands im Siebenjährigen Krieg oder an die Beteiligung des Landes an den Teilungen Polens. Millers Fazit lautet: Schließt man die Geschichte Russlands nicht aus der „europäischen Geschichte“ aus, so wird deutlich, dass sich letztere nicht mehr als eine lineare Erzählung (mit relativ „fortschrittlichen“ und relativ „rückständigen“ Ländern), sondern nur als ein Narrativ mit mehreren alternativen Entwicklungswegen, d.h. als europäische Geschichten (im Plural) schreiben lasse. – Dieses Plädoyer, die Unterschiede zwischen den verschiedenen historischen Entwicklungen innerhalb Europas wahrzunehmen und sich der Herausforderung der Differenz der politischen Kulturen zu stellen, findet sich auch in dem Beitrag des polnischen Historikers Wlodzimierz Borodziej (Warschau) („Der Standort des Historikers und die Herausforderungen der europäischen Geschichte“, S. 105-118).

Am Beispiel des Balkans lässt sich das Spannungsverhältnis von Struktur- und Wahrnehmungsraum bei der Beschreibung europäischer Geschichtsregionen besonders gut deutlich machen. Maria Todorova (University of Illinois/Urbana-Champaign) widmet sich in ihrem Beitrag („The Balkan as Category of Analysis: Border, Space, Time“, S. 57-84) [2] der Frage, welche Rolle Historiker im Prozess der Festschreibung kognitiver Karten des Kontinents spielen. Die Autorin setzt sich insbesondere mit den Thesen des Berliner Historikers Holm Sundhaussen auseinander, der sich auch in Reaktion auf Todorovas Buch „Imagining the Balkans“ wiederholt für die Begriffe „Balkan“ und „Südosteuropa“ als Analysekategorien vergleichender europäischer Geschichtsschreibung ausgesprochen hat. [3] Ähnlich wie Mout stößt sich Todorova an dem Verfahren, Europa anhand bestimmter Merkmal-Cluster in Geschichtsräume zu unterteilen. Die Konzentration auf historische Strukturgrenzen und Differenz innerhalb Europas verdecke den Blick auf die Gemeinsamkeiten der europäischen Geschichte und vertiefe die gedanklichen Barrieren zwischen den einzelnen Teilräumen. Die mögliche Trennung eines neutralen wissenschaftlichen von und einem politischen, normativ geladenen Diskurs über europäische Großregionen stellt sie grundsätzlich in Frage. Todorovas kritische Anmerkungen schärfen das Bewusstsein dafür, dass sich historische Großraumbegriffe wie z.B. der „Balkan“ oder „Ostmitteleuropa“ nur dann als Analysekriterien im wissenschaftlichen Diskurs eignen, wenn die bezeichneten Räume nicht als ewig währende Einheiten angesehen werden und die Kriterien, die für ihre Beschreibung dienen, immer kenntlich gemacht werden. Todorova ist jedoch entgegen zu halten, dass eine kritische europäische Geschichtsschreibung, die diesen Namen verdient, nicht auf die Benennung von Kriterien verzichten kann, die helfen, den eigenen Gegenstand wissenschaftlich zu de-finieren, d.h. nach „außen“ abzugrenzen, und nach „innen“ zu gliedern.

Eine Annäherung an eine europäische Geschichtsschreibung kann nicht nur über den Umweg der Beschreibung europäischer Geschichtsregionen erfolgen, wie u.a. der Beitrag Dan Diners (Jerusalem/Leipzig) („Geschichte der Juden – Paradigma einer europäischen Historie“, S. 85-104) deutlich macht. Als einen Weg, die engen Grenzen der nationalen Historiografien zu überwinden und zu einer „europäischen Geschichte“ zu gelangen, schlägt Diner die Betrachtung der Geschichte der europäischen Juden vor, die sich als eine Art Seismograf für die zentralen Dimensionen des historischen Wandels der Geschichte des Kontinents lesen lasse. Diner exemplifiziert seine These am Beispiel der Geschichte der Juden vom späten 18. bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wie kaum eine andere Bevölkerungsgruppe seien die Juden von der Umwandlung der transnationalen europäischen Imperien in europäische Nationalstaaten im 19. und 20. Jahrhundert betroffen gewesen. Am Ende dieser Entwicklung habe nicht nur die tragische Geschichte von Verfolgung, Massenmigration und Ermordung der europäischen Juden, sondern auch die allgemeine Anerkennung der Juden als kollektives Rechtssubjekt nach dem Holocaust gestanden. Doch nicht nur die Folgen dieser allgemeineuropäischen Entwicklung ließen sich an der Geschichte der Juden verdeutlichen. Ebenso sei an ihr zu zeigen, dass diese allgemeinen Trends in den verschiedenen Teilen des Kontinents zu ganz unterschiedlichen Entwicklungen führen konnten. Während in West- und Mitteleuropa die Juden auf die wachsenden demokratischen und nationalen Bestrebungen mit einer Internalisierung und Konfessionalisierung ihrer Religion reagierten und sich als Staatsbürger in die Nationen ihrer Heimatländer integrierten, lasse sich der Wandel des Judentums in Osteuropa mit den Schlagworten Externalisierung der Religion, kollektiver Säkularisierung und Ethnisierung des Judentums beschreiben. In seinem Beitrag schließt sich Diner der These von Gerald Stourzh an, dass sich europäische Geschichte nicht ohne Einbeziehung der USA und Israels schreiben lasse. Amerika sei nicht nur als Zielpunkt europäischer Migrationen ein wichtiger Faktor der Geschichte Europas gewesen. Die großen amerikanischen Migrantengruppen, wie z.B. die Juden, die Iren oder die Polen hätten auch über Vermittlung der Diplomatie der USA die Zeitläufte auf dem „alten Kontinent“ – u.a. auch das Schicksal der Juden – mit beeinflussen können. Diners Aufsatz zeigt in exemplarischer Form, dass sich europäische Geschichte nicht als Addition einzelner Nationalgeschichten schreiben lässt, ja dass das Denken entlang der Grenzen von Staaten und Nationen die Suche nach den Grundzügen der europäischen Geschichte eher erschwert. Die Geschichte der Juden, für deren Selbstverständnis die Kategorien der Transnationalität und Transterritorialität eine zentrale Rolle spielen, bietet sich in der Tat als ein möglicher Zugang zu einer europäischen Geschichte, zumindest der des 19. und 20. Jahrhunderts, an.

In seinem Beitrag („Die Komponenten der historischen Europäistik“, S. 119-140), der als eine Art Resümee den vorliegenden Sammelband in hervorragender Art und Weise abschließt, benennt Wolfgang Schmale (Wien) weitere Themenfelder, die einer europäischen Geschichtsschreibung helfen könnten, „Schneisen“ in den Wald der nationalen Historiografien zu schlagen. Themen aus den Gebieten der Gesellschafts-, Mentalitäts- und Wirtschaftsgeschichte, wie z.B. die Geschichte der Volksaufstände in Europa im 17. Jahrhundert, böten sich dafür weit besser an, als Fragen der klassischen Politik- und Staatengeschichte. Schmale zieht in seinem Aufsatz Bilanz über die Entwicklung europäischer Geschichtsschreibung seit dem 18. Jahrhundert und plädiert am Schluss seines Textes für die Methoden der Komparatistik, die Untersuchung von Mechanismen des Kulturtransfer und für eine europäische Geschichte als Diskursgeschichte. Kritisch setzt sich Schmale mit Formen europäischer Geschichtsschreibung auseinander, die weiterhin einer „nationalhistorischen storyline“ folgt, die sich als Identität-stiftendes Projekt versteht oder die gar einen neuem Euro-Chauvinismus das Wort redet. Dagegen plädiert er für eine europäische Strukturgeschichte, die sich in vergleichender Perspektive sowohl mit jenen Strukturmerkmalen befasst, die Europa als einen historisch gewachsenen Raum konstituieren, als auch mit solchen, die charakteristisch sind für seine einzelnen Teilräume. Daneben tritt Schmale für die Untersuchung Europas als Wahrnehmungsraum, d.h. als sprachlich bzw. narrativ konstituiertes Phänomen ein. Schmales zugespitzte These lautet: „Europa hat keine Existenz außerhalb der Konstitution durch Diskurse“ (S. 136) Europäische Geschichte sei daher vor allem als Diskursgeschichte zu schreiben. Dabei sei auch zu berücksichtigen – und hier berührt sich Schmales Argumentation mit der von Todorova – dass auch Historiker, die den Kontinent als historischen Strukturraum beschreiben, zur diskursiven Konstituierung Europas beitragen. Für den Leser schließt sich hier der Kreis: Der Gegensatz zwischen Europa als Struktur- und als Wahrnehmungsraum löst sich auf. Europa ist das, was als solches in unterschiedlichen Diskursen bezeichnet wurde und von Historikern immer neu als Geschichtsregion beschrieben wird.

Der vorliegende Sammelband hält, was sein Titel verspricht: Er dokumentiert verschiedene und z.T. äußerst inspirierende Annäherungen an eine europäische Geschichtsschreibung. Es ist dem Herausgeber als hohes Verdienst anzurechnen, dass es ihm gelungen ist, einen Kreis herausragender Wissenschaftler aus den verschiedenen Regionen Europas, den USA und Israels zu diesem Symposium zusammengeführt zu haben. Es wäre dem Sammelband gewiss zugute gekommen, wenn man bei der Überarbeitung der einzelnen Beiträge für den Druck etwas mehr auf die formale Ähnlichkeit der Texte geachtet hätte. Texte, die an Statements erinnern, stehen im Band neben detailliert ausgearbeiteten Aufsätzen, die zum Teil schon an anderer Stelle veröffentlicht worden sind. Auch das Fehlen eines Vorwortes, das die einzelnen Beiträge in einen Gesamtzusammenhang einordnet und zwischen ihnen Beziehungen herstellt, macht sich bei der Lektüre des Bandes schmerzlich bemerkbar. Auf die Erstellung des Registers und der kompilierten Bibliografie hätte dagegen bei einem Werk dieser Art gut verzichtet werden können. Ungeachtet dieser Kritikpunkte überwiegt am Ende der Lektüre des Sammelbandes jedoch ein äußerst positiver Eindruck. Der goldene Weg zu einer europäischen Geschichtsschreibung ist gewiss noch nicht gefunden. Bei der Suche nach dem richtigen Zugang sind die „Annäherungen an eine europäische Geschichtsschreibung“, die der vorliegende Band vermittelt, allerdings eine gute Orientierungshilfe.

Anmerkungen:
[1]Halecki, Oskar, Europa. Grenzen und Gliederungen seiner Geschichte, Darmstadt 1957, S. 90.
[2] Eine deutsche Übersetzung des Beitrages ist abgedruckt in: Conrad, Christoph (Hg.), Mental Maps, (Geschichte und Gesellschaft 28,3), Göttingen 2002, S. 470-492.
[3] Sundhaussen, Holm, Europa balcanica. Der Balkan als historischer Raum Europas, in: Geschichte und Gesellschaft 25 (1999), S. 626-653; Ders., Europa – Osteuropa – Balkan oder der „kleine“ historische Unterschied, in: Berliner Osteuropa Info 18 (2002), S. 5-7.

Zitation
Frithjof Benjamin Schenk: Rezension zu: Stourzh, Gerald (Hrsg.): Annäherungen an eine europäische Geschichtsschreibung. Wien 2002 , in: H-Soz-Kult, 25.05.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3459>.
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25.05.2004
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