K. Eichner u.a. (Hgg.): Kundschafter im Westen

Cover
Titel
Kundschafter im Westen. Spitzenquellen der DDR-Aufklärung erinnern sich


Hrsg. v.
Eichner, Klaus; Schramm, Gotthold
Erschienen
Berlin 2003: edition ost
Umfang
383 S.
Preis
€ 17,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Armin Wagner, Offizierschule des Heeres Dresden, Dozentur Militärgeschichte

Knapp über dreißig ehemals für die Auslandsspionage der DDR tätige Agenten erinnern sich in diesem Sammelband - jedoch nur selten an Einzelheiten ihrer Tätigkeit als "Kundschafter im Westen", viel häufiger dagegen an ihre Festnahme und anschließende Haft in der Bundesrepublik. "Isolationsfolter" nennt Gabriele Gast, früher stellvertretende Referatsleiterin "Politische Auswertung Sowjetunion" im Bundesnachrichtendienst, diese Zeit: die drei Jahre und fünf Monate, die sie wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit im Auftrag der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des Ministeriums für Staatssicherheit ab 1990 im Gefängnis absitzen musste.

Die Wehleidigkeit der Regierungsdirektorin Gast ist keine Ausnahme, sondern eher ein allgemeines Kennzeichen der einzelnen Beiträge des Buches. Dabei hätte es eine aufschlussreiche Anthologie werden können: Unter den 25 Agenten der HVA des Markus Wolf und den sechs Zuträgern der NVA-Militäraufklärung, die sich in dem Buch äußern, finden sich auch die prominenten Namen: neben der Gast zum Beispiel Hanna Olbricht ("Sonja Lüneburg"), Rainer Rupp ("Topas"), Klaus von Raussendorff, die Brüder Alfred und Ludwig Spuhler, Klaus Kuron und Günter Guillaume. Etwa die Hälfte der "Kundschafter", wie sich die Autoren in Anleihe an die einstige sowjetische Terminologie mit romantisch-abenteuerlichem Unterton selbst gern nennen, wurde mit falschen Lebensläufen ("Legenden") aus der DDR in die Bundesrepublik eingeschleust. Bei den übrigen Spionen handelt es sich um geworbene Westbürger. Der älteste Agent ("Harry") wurde 1922 geboren, der Jüngste (Dieter W. Feuerstein) 1955. Nicht alle wurden erst Anfang der 1990er-Jahre enttarnt, einige, wie das Ehepaar Heinz und Inge Baude oder Hans-Joachim Bamler, gerieten den westdeutschen Fahndern bereits in den Sechziger-Jahren in die Fänge. Die Baudes haben nach Verbüßung einer Teilstrafe bereits ab 1963 wieder in der DDR gelebt.

Die meisten Texte sind Originalbeiträge, ergänzt durch Stücke aus dem Nachlass und durch Interviews. Doch viele Lebensgeschichten enden dort, wo der Buchtitel vorgibt, dass sie beginnen: Kindheit und Jugend, das Reifen einer politischen Gesinnung stehen im Mittelpunkt, sodann die Entscheidung, für die Nachrichtendienste der DDR im Westen zu spionieren. Ein zweites Erzählmuster thematisiert die Erlebnisse der Spione nach ihrer Verhaftung. Vom eigentlichen Agenteneinsatz wird nur selten berichtet, etwa bei "Harry", der von 1966 bis zu seiner Verhaftung 1981 Verbindungsmann des NVA-Geheimdienstes zu einer West-Quelle war. Authentisch hinsichtlich seiner Beweggründe für die geheime Zusammenarbeit mit der DDR wirken die Erinnerungen des Physikers und Hamburger Bürgerschaftsabgeordneten Gerd Löffler. Wolfgang Hartmann berichtet plausibel, wie er als Werber und Instrukteur einen westdeutschen Studenten "unter fremder Flagge" für die HVA gewinnen konnte, also unter Vorspielung eines ganz anderen Auftraggebers, im konkreten Fall eines angeblichen Spitzenausschusses der bundesdeutschen Wirtschaft für den Osthandel. Herbert Willner, einst im verdeckten Einsatz in der FDP-Bundesgeschäftsstelle und bei der Friedrich-Naumann-Stiftung, ist der einzige Autor, der über das Problem von Verrat und Loyalität reflektiert: "Gibt es etwa für einen Kundschafter, dessen oberste Loyalität der Sache des Sozialismus gehört, eine rings um diesen Loyalitätskern gelagerte sekundäre Loyalität zu einzelnen Persönlichkeiten im anderen System?" (S. 309)

Doch auf diesem Niveau bewegen sich die übrigen Erinnerungsfragmente eben nicht. Deren zweites Charakteristikum neben dem Fehl an wirklicher Darstellung des Agentenalltages ist vielmehr Larmoyanz über das eigene Schicksal, verbunden mit Schuldzuweisungen an die Bundesrepublik. Dass da von "Klassenjustiz" (Dieter Popp, S. 174) die Rede ist oder über den Zusammenbruch der DDR als "Konterrevolution" gesprochen wird (Heinz D. Stuckmann, S. 242; Peter Wolter, S. 320), kann nach Kenntnis bisheriger Memoirenkultur aus dem regimenahen Milieu der DDR [1] nicht überraschen. Doch die in ihren Schlussfolgerungen bis ins Groteske überzogene Weltsicht Klaus von Raussendorffs, ab 1961 MfS-Agent im Auswärtigen Amt, fällt selbst in der hier versammelten Abschiedstrauer vom SED-Staat aus dem Rahmen (S. 98).

Bleibt festzuhalten, dass der von den beiden vormaligen HVA-Obersten Klaus Eichner und Gotthold Schramm herausgegebene Band nur an wenigen Stellen Informationen zur Westarbeit des MfS und des NVA-Geheimdienstes liefert. Er ist vor allem eine Rechtfertigungsschrift, in der das vordergründige Selbstbewusstsein vieler Autoren tatsächlich von der eigenen Selbstverunsicherung und von beinahe kindlichem Trotz ob des Engagements für eine gescheiterte Sache kündet. Wenn Doris und George Pumphrey berichten, als Flugpassagiere hätten sie sehen können, wie "ganz anders" West- und Ostdeutschland aus der Luft ausgesehen hätten: "Die Bundesrepublik wirkte schrecklich kleinkariert: die Felder waren klein. Die Felder in der DDR erschienen großzügig" (S. 113), dann liegt trotz unbestreitbarer Erfolge der DDR-Auslandsaufklärung die Frage nahe, welches analytische Gehalt so manche Berichte der "Kundschafter im Westen" an die Ost-Berliner Zentrale wohl gehabt haben mögen. Seriöse Informationen zur DDR- Auslandsaufklärung jedenfalls erschließen sich aus diesem Buch nicht. Dafür wird der am aktuellen Forschungsstand Interessierte eine neuere Publikation der "Gauck-Birthler-Behörde" zur Hand nehmen müssen. [2]

Anmerkungen:
[1] Vgl. für das MfS Fricke, Karl Wilhelm, Memoiren aus dem Stasi-Milieu. Eingeständnisse, Legenden, Selbstverklärung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 30-31/2001 vom 20.07.2001, S. 6-13.
[2] Vgl. Herbstritt, Georg; Müller-Enbergs, Helmut (Hgg.), Das Gesicht dem Westen zu... DDR-Spionage gegen die Bundesrepublik Deutschland (= Analysen und Dokumente. Wissenschaftliche Reihe der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR 23), Bremen 2003.

Zitation
Armin Wagner: Rezension zu: Eichner, Klaus; Schramm, Gotthold (Hrsg.): Kundschafter im Westen. Spitzenquellen der DDR-Aufklärung erinnern sich. Berlin 2003 , in: H-Soz-Kult, 23.02.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3474>.
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23.02.2004
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