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Titel
Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus


Autor(en)
Koenen, Gerd
Erschienen
Umfang
368 S.
Preis
€ 22,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Steinseifer, Graduiertenkolleg Transnationale Medienereignisse, Justus-Liebig-Universität Gießen

Die Zugänge zum deutschen Terrorismus der 1970er-Jahre haben sich in den letzten Jahren vervielfältigt. Neben der erstarrten öffentlichen Konfrontation von Forderungen nach Distanzierung einerseits und dem (unterstellten) Fortschreiben bestimmter Mythisierungen andererseits, wie sie in der Debatte um die geplante Ausstellung der Berliner Kunst-Werke im Sommer 2003 ein spätes Comeback erlebte, stehen nicht mehr allein die vorwiegend sozialwissenschaftlichen Erklärungsversuche der 1980er-Jahre.[1] Abgesehen von der Neu-Aneignung bestimmter Bilder und Symbole als radikaler modischer Gesten („Prada-Meinhof“) gibt es zunehmend Versuche, die terroristische Gewalt der RAF und anderer Gruppen als einen Teil der Geschichte der alten Bundesrepublik neu zu verstehen und zu erzählen. Dazu mag neben der Auflösung der RAF auch der (Generations-)Abstand von mehr als 25 Jahren zu den Ereignissen des deutschen Herbstes beitragen.

Eine Möglichkeit, Widersprüche nicht vorschnell in einer Erfolgsgeschichte aufzulösen, wie dies mit den zivilisierenden Folgen von „1968“ immer wieder geschieht, mit der terroristischen Gewalt aber nur schwer denkbar ist, bilden Parallelerzählungen wie in Andreas Veiels Film „Black Box BRD“ (2001) oder in Dorothea Hausers Doppelbiografie „Baader und Herold“ (1997). Zu den jüngsten ‚Integrationsversuchen’ ist auch die für Jugendliche geschriebene „Lebensgeschichte der Ulrike Marie Meinhof“ von Alois Prinz zu zählen, die der Verlag als ein „herausragendes Lehrstück deutscher Nachkriegsgeschichte“ (Umschlagtext) präsentiert.[2] Gerd Koenens Buch gehört in diesen historisch-publizistischen Zusammenhang. Koenen stellt seine Dreiecksbiografie des Schriftstellers und Verlegers Bernward Vesper sowie der RAF-Mitbegründer Gudrun Ensslin und Andreas Baader zudem in eine mentalitäts- und generationengeschichtliche Perspektive – ähnlich wie bereits in seinem Buch „Das rote Jahrzehnt“ (2001).

Ausgangspunkt und Klammer des vorliegenden Werks bildet das zwischen 1969 und dem Selbstmord Vespers 1971 entstandene, 1977 publizierte Fragment „Die Reise“ (S. 10ff., 341). Der Text mit seiner literarischen Verbindung von Reisebericht, Drogenerlebnissen (Trips) und Autobiografie wurde von der zeitgenössischen Kritik nach dem deutschen Herbst als „Nachlass einer Generation“ gelobt (S. 11). Und im Nachlass des Autors Vesper hat Gerd Koenen nun recherchiert, um diese formelhafte Wertung anhand der Lebensgeschichten Vespers, seiner Freundin und Verlobten Ensslin sowie ihres späteren Partners Baader zu begründen (S. 310ff.). Im Anspruch der exemplarischen Generationengeschichte liegt allerdings auch eine Schwierigkeit des Buches, das mehr sein will als eine gut recherchierte und spannend geschriebene Biografie. Denn zugleich soll die bisher kaum erforschte Vor- und Frühzeit der RAF erhellt (S. 251) und der deutsche Terrorismus insgesamt erklärt werden – Ziele, die nur in Teilen erreicht werden.

Die Stärken des Buches liegen in den eher individualbiografischen Passagen über Vespers Jugend auf dem väterlichen Gut Triangel in den 1950er-Jahren (S. 25-92) sowie über die Zeit der Beziehung mit Ensslin zwischen 1962 und 1968/69 (S. 93-210). Koenen arbeitet als psychisches Grundmuster eine Spannung von „Verschmelzungswünschen und Bindungsängsten“ heraus (S. 96). Diese Spannung zeigte sich in Paarbeziehungen, die einen Dritten als Spiegel brauchen, und wurde in Verbindung mit Lebenskrisen auf letztlich selbstzerstörerische Weise radikalisiert (S. 139). Diese Radikalität bestimmt in der Darstellung der „Reise“ das Selbstbild Vespers mit seiner scharfen Wendung gegen den diktatorischen Nazi-Vater und in den bekannten Haftkassibern auch das Bild Ensslins.[3]

Demgegenüber belegen die von Koenen verwendeten Texte und Briefe aus dem Nachlass eine starke Identifikation des jungen Vesper mit der nationalistisch-geistesaristokratischen Haltung seines nicht erst nach 1945 literarisch gescheiterten Vaters Will Vesper. Diese Identifikation reichte auch noch in die erste Zeit seiner Beziehung zu Ensslin, in der sie sich parallel zu eigenen verlegerischen Projekten gemeinsam um eine Rehabilitation des väterlichen Werkes in der deutschnationalen Publizistik bemühten (S. 26ff.). Die Trennung ist Gegenstand eines Briefwechsels zwischen beiden während der Haft Ensslins im Zusammenhang mit der Frankfurter Kaufhausbrandstiftung (April 1968 bis Juni 1969). Neben die provokativen Szenen im Gerichtssaal tritt der Eindruck einer Zerrissenheit Ensslins zwischen der Beziehung zu Vesper, der Verantwortung für den gemeinsamen Sohn Felix und der Faszination durch die Radikalität Baaders, dessen Darstellung jedoch (mangels geeigneten Materials) blasser bleibt. Koenen zeichnet hier ein differenziertes Bild der Verschränkung vorgeprägter und kontingenter Momente in den Lebensgeschichten diesseits von späteren Stilisierungen.

Die weiteren Kapitel bieten eine Parallelerzählung der weitgehend bekannten „Reisen“ Baaders und Ensslins in den Untergrund, der Radikalisierungen durch gruppendynamische Prozesse sowie der realen und fiktiven Reisen Vespers zwischen 1969 und 1971, wie sie aus seinem Buch und mit Hilfe von Aussagen seines Umfelds zu rekonstruieren sind (S. 211-315). Dabei betont Koenen die schwer zu trennende Verbindung von Motivationen, Selbst- und Fremdstilisierungen – so etwa zu Beginn des letzten Kapitels, in dem er kurz dem „völlige[n] Missverhältnis von Schein und Sein“ (S. 317) in der RAF bis 1977 nachgeht. Diese „kurze Geschichte der RAF“ (S. 317-338) wurde ähnlich allerdings auch schon in „Das rote Jahrzehnt“ erzählt.[4] Spätestens hier rückt Koenens Anspruch in den Vordergrund, selbst eine ‚große’ Erzählung, einen „deutschen Familienroman“ zu schreiben, in dem sich die Kinder der „Generation von Auschwitz“ von dieser zu lösen und im Kontext marxistischer und internationalistischer Theorien neu zu erfinden versuchen, dabei aber die totalitäre Selbstermächtigung des Nationalsozialismus nur verschoben wiederholen (S. 335): „Wollte man die RAF-Kader als ‚Hitlers Kinder’ beschreiben, dann in dieser Maß- und Bedingungslosigkeit, mit der sie einer Welt von (größtenteils wahnhaften) Feinden den Krieg erklärten, auch dann noch, als sie schon unentrinnbar im 7. Stock des Bunkers von Stammheim eingeschlossen saßen. In diesem Sinne evozieren die nebligen Bilder des ‚deutschen Herbstes’ von 1977 von ferne noch etwas von den nibelungenhaften Untergängen des April 1945.“

Nun gehört die Spannung von Individualität und überindividueller Symptomatik zu den Problemen jeder Biografie und erst recht jeder Generationengeschichte, und mit den verborgenen mentalen Kontinuitäten zwischen den Generationen wird ein wichtiger Punkt angesprochen. Doch die Zuspitzung am Ende wirft auf den literarisierenden Rahmen des „Familienromans“ und die damit verbundene Metaphorik des „Paars“ und der „Urszene“ ein verändertes Licht. Erscheint sie zunächst ‚nur’ als Narrationsstrategie einer nicht primär auf das wissenschaftliche Publikum zielenden Studie, so neigt Koenen – der die Mythisierungen und Legenden um die RAF im Einzelnen durchaus lakonisch entlarvt – im Ganzen dazu, selbst einen Gegenmythos zu erzählen. Die ins Schicksalhafte gesteigerten Familienbande bei Vesper (S. 63f.), das Ur-„Paar“ aus Ensslin (der „Hohenpriesterin“ (S. 175f.) bzw. „Sphinx“ (S. 139 u.ö.)), und Baader (dem „rebel without a cause“), ein „Arkanum“ der „Spiele von Eros und Macht“ (S. 267) sowie schließlich die Suche nach einem Set von „Urszenen“ des Terrorismus geraten zu einer großen Erzählung, die über Brüche hinweggeht.

Zwar wird der Blick auf die Vorgeschichte und die Bedingungen eines spezifisch „deutschen Terrorismus“ geöffnet, dann aber wieder auf prototypische Akteure verengt, während die politischen Resonanzen und massenmedialen Hysterisierungsprozesse zu Selbstverständlichkeiten eines Kreislaufs der Gewalt erklärt werden (S. 319ff.). Dabei steht eine Aufarbeitung der vielfältigen „Reaktionen“ und medial geprägten „Bilder“,[5] die für den Terrorismus als widerspenstigen Ereigniszusammenhang der Nachkriegsgeschichte konstitutiv sind, gerade in ihrer mentalitätsgeschichtlichen Bedeutung noch weitgehend aus.

Anmerkungen:
[1] Vgl. u.a. Bundesministerium des Innern (Hg.), Analysen zum Terrorismus, 4 Bde., Opladen 1981-1984; Hess, Henner u.a., Angriff auf das Herz des Staates, 2 Bde., Frankfurt am Main 1988; Wunschlik, Tobias, Baader-Meinhofs Kinder. Die zweite Generation der RAF, Opladen 1997.
[2] Prinz, Alois, Lieber wütend als traurig. Die Lebensgeschichte der Ulrike Marie Meinhof, Weinheim 2003.
[3] Zusammengefasst in Bakker Schut, Pieter (Hg.), das info. Briefe der Gefangenen aus der RAF 1973-1977, Kiel 1987.
[4] Koenen, Gerd, Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977, Köln 2001, S. 359-414.
[5] In Koenens Buch sind teils bekannte, teils bisher unbekannte private Fotografien abgebildet, die jedoch nur als mehr oder weniger zufällige Illustrationen eingesetzt werden.

Zitation
Martin Steinseifer: Rezension zu: Koenen, Gerd: Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus. Köln 2003 , in: H-Soz-Kult, 10.02.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3504>.
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10.02.2004
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