Titel
Kleruserziehung. Das Bistum Eichstätt im 19. Jahrhundert


Autor(en)
Strötz, Jürgen
Erschienen
Hamburg 2003: Verlag Dr. Kovac
Umfang
538 S.
Preis
€ 135,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Eric Steinhauer, Universitätsbibliothek, Technische Universität Ilmenau

Jürgen Strötz hat in seiner Münchener Dissertation eine umfangreiche Biografie des Eichstätter Bischofs Franz Leopold Freiherr von Leonrod (1827-1905) erstellt. In vier Bänden wurde diese Arbeit nun im Kovac-Verlag publiziert.[1] Einer der Bände behandelt die Kleruserziehung in Eichstätt. Diesem Gebiet hatte Bischof Leonrod seine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Das Thema Kleruserziehung im 19. Jahrhundert mutet randständig an. Es hat indes einen starken Gegenwartsbezug. In den vor allem im 19. Jahrhundert ausgefochtenen Auseinandersetzungen zwischen Staat und Kirche um die wissenschaftliche Vorbildung der Geistlichen haben sich die bis heute wirksamen Strukturen der Theologenausbildung an den staatlichen Universitäten im Nebeneinander zu privaten, in kirchlicher Trägerschaft stehenden Hochschulen entwickelt. Für die staatskirchen- und hochschulrechtlichen Probleme Theologischer Fakultäten ist die Kenntnis der Konflikte des 19. Jahrhunderts daher unerlässlich. Strötz hat also ein Thema behandelt, das über den Kreis der Historiker und Theologen hinaus Beachtung verdient.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in zwei große Teile, einen historischen und einen bio-bibliografischen. Strötz stellt Bischof Leonrods Biografie vor und schildert Genese und Gestalt der Eichstätter Klerusausbildung. Diese hat sich schrittweise von einem Knabenkonvikt mit Besuch des staatlichen Gymnasiums hin zu einer rein kirchlichen Anstalt entwickelt, die die Alumnen von der Zeit ihrer Gymnasialstudien bis hin zur Priesterweihe durchliefen. Hintergrund dieser Entwicklung war das Seminardekret des Trienter Konzils.[2] Danach musste jeder Bischof ein Seminar zur Priesterausbildung einrichten. Grund für diese Vorschrift war der katastrophale Bildungsstand des Klerus, vollzog sich die reguläre Ausbildung doch nicht in einem systematischen Unterricht, schon gar nicht an einer Universität. Dort studierten nur die wenigen, die sich das leisten konnten. Die meisten Priester erhielten demgegenüber ihre Ausbildung durch Anlernen bei einem Pfarrer. Durch die verpflichtende Einführung von Priesterseminaren sollte dieser Zustand beseitigt werden. Aus finanziellen Gründen konnten man aber den Besuch einer Universität nicht allgemein vorschreiben. So gesehen war das Seminar eine Alternative für weniger begüterte Alumnen, nicht jedoch ein Gegenmodell zu den Theologischen Fakultäten der Universitäten. Im Zeitalter des Ultramontanismus jedoch wurde das Seminar entgegen seiner ursprünglichen Intention als Gegenentwurf zu einer regulären universitären Ausbildung der künftigen Priester verstanden. Man fürchtete, dass die künftigen Priester an den Universitäten ihrer eigentlichen geistlichen Berufung entfremdet und mit modernistischen Ideen verdorben würden. Allein in kirchlicher Obhut stehende Seminare konnten in dieser Perspektive einer solchen Entwicklung gegensteuern. Mit der Errichtung solcher Seminare war aber eine bedenkliche intellektuelle Abschottung des in weiten Bevölkerungskreisen einflussreichen Klerus verbunden. Es war daher das Interesse der staatlichen Obrigkeit, Priesterseminare nur für die spezifisch geistliche Ausbildung zu dulden, im Übrigen aber auf ein reguläres Hochschulstudium zu drängen. Vor diesem Hintergrund konnte sich eine rein kirchliche Ausbildung der künftigen Priester in Deutschland nur in Ausnahmefällen durchsetzen. Ein solcher Fall war in Eichstätt gegeben. Strötz zeichnet überzeugend die Entwicklung in Eichstätt nach. Die einschlägige Literatur wird gewürdigt, auch Arbeiten, die sich allgemein mit den strukturellen Problemen der Priesterausbildung in Deutschland beschäftigen, wenngleich einige Desiderate bleiben. So wäre es sehr reizvoll gewesen, den Streit um die Gründung der Bonner Fakultät vergleichend darzustellen. In Bonn hatte die Kirche eine ohne ihr Zutun vom Staat gegründete Theologische Fakultät nach längerem Zögern anerkannt. Aber die einschlägige Arbeit von August Franzen bleibt ebenso unberücksichtigt wie das immer noch unübertroffene Standardwerk von Heinrich Mussinghoff.[3] Strötz' Verdienst ist es freilich, gegenüber der „preußischen“ Perspektive Mussinghoffs und Franzens die Entwicklungen in Bayern stärker in den Blick genommen zu haben.[4]

Der umfangreichste Teil der Arbeit ist der bio-bibliografischen Darstellung der Dozentenschaft des Eichstätter Priesterseminars gewidmet (S. 141-321). Strötz stellt Leben und Veröffentlichungen von rund 50 Seminarprofessoren und -regenten dar.[5] Namentlich erwähnt seien die über die Grenzen Eichstätts hinaus bekannten Liturgiker Valentin Thalhofer und Ludwig Eisenhofer.[6] Durch die Zusammenschau von Leben, Lehre und Forschung der Seminarprofessoren wird der geistige Binnenraum des Seminars sichtbar. Leider bleibt Strötz hier zu sehr im Deskriptiven stehen, anstatt auf Grundlage der sehr gründlichen Personenlemmata eine genauere Analyse des geistigen Binnenraums des Eichstätter Seminars zu geben. Gleichwohl vermittelt die Rekonstruktion des Seminarsalltag anhand der Statuten sowie der auf das Seminar bezogenen Tätigkeit Bischof Leonrods einen Eindruck vom Eichstätter Seminar als Beispiel einer „totalisierten Klerusbildung“ (S. 125).

Strötz` ungemein fleißige Arbeit ist eine Fundgrube für alle, die sich mit der Geschichte der Priesterausbildung im Zeitalter des Ultramontanismus beschäftigen wollen. Dass die Arbeit zu wenig von der Eichstätter Perspektive absieht und es versäumt, die gesamte Entwicklung in Deutschland zu würdigen, die sich in Gestalt des theologischen Fakultätenrechts mehr und mehr zu einem einheitlichen Sachverhalt hin entwickelt hat, ist bedauerlich. Dies umso mehr, als das Eichstätter Seminar im Zeitalter des Kulturkampfes wegen seiner strikt kirchlichen Linie von Alumnen aus ganz Deutschland besucht wurde, sich zu einer Art Zentralseminar für Deutschland entwickelt hat und gerade so auch überregional bedeutend war. Diesen Umstand hat Strötz allerdings ausführlich dargestellt und mit Zahlenmaterial belegt. Freilich lag die hier angemahnte Perspektive einer vergleichenden Darstellung der Priesterbildung in Deutschland nicht in der Fragestellung der hinter der Arbeit stehenden Dissertation, die eben Person und Wirken Bischof Leonrods zum Gegenstand hatte. Doch muss sich Strötz, wenn er eine einheitliche Untersuchung in vier teure Separatpublikationen aufspaltet, Kritik gefallen lassen; für sich allein genommen verlangt das Thema der Kleruserziehung im 19. Jahrhundert nach einer weiteren Perspektive, auch und gerade dann, wenn die Verhältnisse in Eichstätt ausdrücklich als Beispiel für ultramontane Kleruserziehung in Deutschland verstanden werden (S. 513).

Anmerkungen:
[1] Neben dem vorliegenden Band sind noch zu nennen: Glaube als Lebensprägung. Katechismen, Liturgie und Spiritualität (Studien zu Religionspädagogik und Pastoralgeschichte 2), Hamburg 2003; Das Eichstätter Domkapitel. Verfassung und Personalgeschichte im 19. Jahrhundert (Studien zu Religionspädagogik und Pastoralgeschichte 3), Hamburg 2003; Der Fels der Kirche. Ultramontane Kirchenlehre im 19. Jahrhundert, dargestellt am Beispiel des Eichstätter Bischofs Franz Leopold Freiherrn von Leonrod (1827-1905) (Studien zu Religionspädagogik und Pastoralgeschichte 4), Hamburg 2003.
[2] Dazu Wolf, Hubert, Priesterausbildung zwischen Universität und Seminar. Zur Auslegungsgeschichte des Trienter Seminardekrets, in: Römische Quartalschrift 88 (1993), S. 218-236.
[3] Vgl. Franzen, August, Die katholisch-theologische Fakultät Bonn im Streit um das Erste Vatikanische Konzil. Zugleich ein Beitrag zur Entstehung des Altkatholizismus am Niederrhein (Bonner Beiträge zur Kirchengeschichte 6), Köln 1974; Mussinghoff, Heinz, Theologische Fakultäten im Spannungsfeld von Staat und Kirche. Theologische Fakultäten als Aufgabe von Staat und Kirche nach den Bestimmungen des Preußenkonkordats von 1929, dargelegt unter Berücksichtigung des Preußischen Statutenrechts und der Bestimmungen des Reichskonkordats (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte 27), Mainz 1979.
[4] Gleichwohl fehlt im Literaturverzeichnis die einschlägige Arbeit von Stefan Seit: Beamte – Gelehrte – Geistliche. Zum Wissenschaftsstatus der katholischen Theologie im bayerischen Bildungssystem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts am Beispiel des Bamberger Lyzeums (Bamberger Theologische Studien 12), Frankfurt 2000.
[5] Hingewiesen sei hier auf eine vergleichbare Arbeit für das Kölner Priesterseminar von Heckerm, Hermann Joseph, Chronik der Regenten, Dozenten und Ökonomen im Priesterseminar des Erzbistums Köln 1615-1950 (Studien zur Kölner Kirchengeschichte 1), Düsseldorf 1952.
[6] Leider hat Strötz die maßgebliche Monografie über Thalhofer nicht berücksichtigt: Reinhold Malcherek: Liturgiewissenschaft im 19. Jahrhundert. Valentin Thalhofer (1825-1891) und sein „Handbuch der katholischen Liturgik“ (Liturgiewissenschaftliche Quellen und Forschungen 86), Münster 2000.

Zitation
Eric Steinhauer: Rezension zu: Strötz, Jürgen: Kleruserziehung. Das Bistum Eichstätt im 19. Jahrhundert. Hamburg 2003 , in: H-Soz-Kult, 22.07.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4164>.