K. Ruchniewicz: Zögernde Annäherung

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Titel
Zögernde Annäherung. Studien zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen im 20. Jahrhundert


Autor(en)
Ruchniewicz, Krzysztof
Erschienen
Umfang
337 S.
Preis
€ 35,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Troebst, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig (GWZO)

Das gängige Bild der deutsch-polnischen Beziehungen im Kalten Krieg nimmt sich bis zum Beginn der Brandtschen Ostpolitik überwiegend statisch aus. Erst Grundlagen- bzw. Grenzvertrag und Kniefall 1970 haben in dieser Perspektive Dynamik in die Beziehungen zwischen Warschau und Bonn gebracht, wohingegen die Distanz zwischen VR Polen und DDR anhielt, mit Solidarnosc gar zunahm. Dass die Berührungsflächen von Deutschen und Polen nach 1945 – auch auf oberster Ebene – tatsächlich nicht nur größer waren, sondern zu Teilen vergessen, ja unbekannt sind, haben unlängst Jan Rydels Untersuchung der polnischen De facto-Territorialautonomie im Emsland in der unmittelbaren Nachkriegszeit mit Maczków (Haren) und Spadochronowo (Emmerich) als Zentren [1] oder die von Wlodzimierz Borodziej und Hans Lemberg unternommene Quellenedition zum Schicksal der Deutschen im westverschobenen Polen im selben Zeitraum belegt.[2]

Auch die Aufsatzsammlung von Krzysztof Ruchniewicz, Direktor des Willy-Brandt-Zentrums für Deutschland- und Europastudien an der Universität Wroclaw/Breslau und Leiter des dortigen Lehrstuhls für Geschichte, exploriert neben den gut ausgebauten Magistralen deutsch-polnischer Beziehungsgeschichte nicht zuletzt Trampelpfade und Schleichwege. Die zwischen 1998 und 2003 erstmals erschienenen 22 Beiträge sind auf fünf thematische Blöcke aufgeteilt: erstens den mühsamen, aber facettenreichen Prozess der Annäherung Polens an die beiden deutschen Halbstaaten samt wechselseitigen Perzeptionen; zweitens die verschiedenen Migrationsströme zwischen ihnen; drittens die Brückenfunktion des vormals zum Deutschen Reich gehörigen und nach 1944 polnischerseits “wieder gewonnenen” Niederschlesiens samt seiner Metropole Breslau/Wroclaw; viertens die polnische Rezeption des deutschen Widerstandes gegen Hitler; fünftens die (bundes-)deutsch-polnischen Schulbuchgespräche als Motor der Annäherung.

Gleich der Auftaktbeitrag über die beiden ersten Treffen zwischen exilpolnischen und bundesdeutschen Historikern 1956 in Tübingen und 1964 in London ist ein Glanzstück sowohl historiografie- wie wissenschaftsdiplomatiegeschichtlicher Forschung. Ungeachtet vielfältiger politischer Probleme, organisatorischer Hemmnisse und persönlicher Ressentiments gelang es dem Tübinger Osteuropahistoriker Werner Markert im Verbund mit dem in London lebenden Diplomatiehistoriker Tytus Komarnicki, zwei ebenso hochrangige wie hochkarätige Symposien deutscher Polenhistoriker und polnischer Exilhistoriker der älteren Generation unter Beteiligung der jüngeren durchzuführen. “[D]en Kontakt zur jungen Generation der deutschen Historiker, die unbelastet von der Vergangenheit und frei von den Komplexen der älteren Generation sind, zu erhalten” war dabei Komarnickis Hoffnung (S. 39) – und sie sollte nicht trügen. Ob sich der Sekretär des Polish Institute of International Studies in der britischen Hauptstadt dabei im Klaren war über die Rolle seines Tübinger Partners in “kämpfender Wissenschaft”, Wehrmacht und Abwehr 1933-1945, ist unbekannt.

Von besonderem Interesse sind desgleichen die Beiträge zu den bundesdeutsch-polnischen Beziehungen in der Adenauer-Ära, als unter Gomulka 1956/57 eine spürbare Annäherung stattfand. Der im Zuge der Entstalinisierung deutlich vergrößerte Spielraum der katholischen Kirche in Polen trug maßgeblich dazu bei, dass die Bonner Republik ihre Fixierung auf die UdSSR lockerte und die Herstellung konsularischer, gar diplomatischer Beziehungen zu Volkspolen erwog. Ausgelotet wurde dies unter anderem von dem Krupp-Manager Berthold Beitz in fünf Polen-Reisen zwischen 1958 und 1961. Die Frage der Anerkennung der Oder-Neisse-Grenze durch die Bundesrepublik stellte jedoch eine nicht überwindbare Blockade dar. Aus Ruchniewiczs Analysen, die auf polnischen, westdeutschen und DDR-Quellen basieren, geht hervor, dass die frühe Bonner Sicht auf Polen und auf das deutsch-polnische Verhältnis in CDU wie SPD ganz ähnlich war: So problematisch sich die Grenzfrage auch ausnahm, so deutlich zeichnete sich ein Konsens bezüglich Verständigung und Versöhnung ab. Nicht nur Carlo Schmid sprach in einer Gastvorlesung an der Jagiellonen-Universität Krakau 1958 von deutscher Kollektivschuld (137), sondern auch Konrad Adenauer äußerte 1961 dem sowjetischen Botschafter in Bonn, Andrej Smirnov, gegenüber, “Deutschland trage eine Schuld gegenüber Polen, an der, wenn sie auch von den Nazis eingegangen worden sei, das ganze deutsche Volk mitzutragen habe. Die Schuld fühle er auch auf sich selbst lasten” (S. 125).

Zwei weitgehend unbekannte Kapitel deutsch-polnischer Beziehungs- und Migrationsgeschichte schlägt der Verfasser in Beiträgen zur polnischen Emigration in den Westzonen und der Bundesrepublik sowie in SBZ und DDR auf. Dabei handelte es sich mehrheitlich um vormalige Kriegsgefangene sowie DPs, die erst zu Beginn der 1950er-Jahre Daueraufenthaltsstatus erhielten oder – zum kleineren Teil – nach Volkspolen remigrierten. Deutlich autobiografisch eingefärbt ist ein Beitrag über den Oldenburger Gymnasiallehrer Enno Meyer (1913-1996), einen “Pionier des Dialogs und der deutsch-polnischen Verständigung” (S. 303). Der damals 23-jährige Verfasser hatte Meyer im Frühjahr 1990 zu dessen 1956 in der Bundesrepublik öffentlich vorgestellten und beträchtliche Wirkung entfaltenden 47 Thesen zur “Darstellung der deutsch-polnischen Beziehungen im Geschichtsunterricht” befragen können. Der von polnischen Historikern seinerzeit aufgenommene Dialogfaden führte 1972 zur Gründung der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission, wie sie bis heute besteht und international als Vorbild betrachtet wird, so etwa für die japanisch-koreanischen Schulbuchgespräche.

Der Band verfügt über ein Vorwort des Reihenmitherausgebers Walter Schmitz sowie über bibliografische Nachweise der Erstdrucke. Dass die fünf Themenblöcke des Buches nur durch Ziffern, nicht durch entsprechende Überschriften kenntlich gemacht werden, erschwert seine Benutzung ebenso wie das Fehlen von Registern.

Mit seiner Aufsatzsammlung festigt Ruchniewicz seinen Ruf als einer der besten Kenner der Beziehungen zwischen Polen und den beiden deutschen Staaten im Zeitraum 1945-1989, den er sich mit seiner 2003 erschienenen Dissertation zum Dreieck Warschau-Bonn-Pankow im Jahrzehnt 1949-1958 [3] erworben hat. Auf seine im Entstehen befindliche Habilitationsschrift zur Frage der Entschädigung der polnischen Opfer der NS-Herrschaft 1945-1975 darf man daher gespannt sein.

Anmerkungen:
[1] Rydel, Jan, Die polnische Besatzung im Emsland 1945-1948, Osnabrück 2003.
[2] Borodziej, Wlodzimierz, Hans Lemberg (Hgg.), “Unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden...” Die Deutschen östlich von Oder und Neiße 1945-1950. Dokumente aus polnischen Archiven, Marburg 2000-2004. (Rezensiert für H-Soz-u-Kult von Heidi Hein, in: H-Soz-u-Kult, 11.01.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-1-025>.
[3] Ruchniewicz, Krzysztof, Warszawa – Berlin – Bonn. Stosunki polityczne 1949-1958 [Warschau – Berlin – Bonn. Politische Beziehungen 1949-1958], Wroclaw 2003.

Zitation
Stefan Troebst: Rezension zu: Ruchniewicz, Krzysztof: Zögernde Annäherung. Studien zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen im 20. Jahrhundert. Dresden 2005 , in: H-Soz-Kult, 08.09.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4312>.
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Veröffentlicht am
08.09.2005
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