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Titel
Veiled Empire. Gender and Power in Stalinist Central Asia


Autor(en)
Northrop, Douglas
Erschienen
Umfang
392 S.
Preis
$25.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniela Bergelt, Institut für Geschichtswissenschaft, Humboldt Universität zu Berlin

Am 8. März 1927, dem internationalen Frauentag, gab die Parteizentrale in Moskau den Startschuss zur „Befreiung der Frau“ im sowjetischen Zentralasien. Eine „Attacke auf die alte Lebensweise“ - usbekisch hujum - sollte die „rückständigen“ Geschlechterbeziehungen der muslimisch geprägten Gesellschaften neu ordnen. Die Parteifunktionäre zweifelten nicht am Erfolg dieser Kampagne: die Frauen würden das „Befreiungsprojekt“ dankbar begrüßen und einmal emanzipiert von Schleier und despotischer Unterordnung den Aufbau des Sozialismus tatkräftig unterstützen. Die Realität sah anders aus. Ein halbes Jahr nach Beginn der Kampagne schien es, als wäre die Verschleierungspraxis weiter verbreitet als je zu vor. Selbst noch am Vorabend des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, 15 Jahre nach Beginn der Kampagne, gehörten Geschlechtertrennung und Verschleierung zum Alltag in den zentralasiatischen Sowjetrepubliken.

„Veiled Empire“ untersucht den hujum zwischen 1927 und 1941 in Usbekistan und erzählt den Versuch der Bolschewiki, Geschlechterbeziehungen und Familienleben neu zu ordnen, als Begegnungsgeschichte zwischen Zentrum und Peripherie des sowjetischen Imperiums. Dabei betont Douglas Northrop den für beide Seiten transformativen Charakter dieser Begegnung und zeichnet ein aufschlussreiches und komplexes Porträt der beständigen Interaktion zwischen Sowjetmacht und usbekischer Gesellschaft. Er untersucht Aspekte der Kulturpolitik, Geschlechterbeziehungen, kolonialer Macht und des Alltagslebens. Durch die Verbindung verschiedener Fragestellungen der colonial und postcolonial studies gelingt es Northrop, neue Facetten der stalinistischen Herrschaft und des kulturellen Wandels in Zentralasien zu erkunden.

Seine Quellenbasis bilden zahlreiche usbekisch- und russischsprachige Dokumente der Staats- und Parteiführung sowie deren lokaler Unterorganisationen, OGPU-Berichte und zeitgenössische Periodika. Jenseits überholter Vorstellungen geradliniger Herrschaftsdurchdringung befragt der Autor diese nach der Machtbeziehungen zwischen Zentrum und Peripherie, nach der Eigen- und Fremdwahrnehmung der beteiligten Akteure sowie den Folgen, die diese Form der Begegnung für beide Seiten hatte. Und er gibt überzeugend Antwort:

Bereits im 19. Jahrhundert symbolisierten die muslimischen Frauen in den Augen der europäischen Kolonialmächte eine rückständige, primitive Gesellschaft. Trotz aller Emanzipationsrhetorik unterschied sich die Sicht der Bolschewiki auf die muslimische Peripherie kaum von der ihrer zarischen Vorgänger. Doch im Gegensatz zu den bürgerlichen Beamten waren sie entschlossen dem historischen Fortschritt den Weg zu bahnen - auch mit Gewalt. Sie entwickelten eine Interpretation der zentralasiatischen Gesellschaft, wonach alle muslimischen Frauen Opfer patriarchaler Unterdrückung waren und somit den Platz der nicht existierenden indigenen Arbeiterschaft in der Arena des Klassenkampfes einnahmen. Die muslimischen Frauen fungierten also als „Ersatzproletariat“.[1] Ihre Befreiung wurde zur Hauptfrage der sozialistischen Revolution in Zentralasien hochstilisiert.

Die konkrete „Befreiungskampagne“ nahm in den einzelnen zentralasiatischen Sowjetrepubliken unterschiedliche Formen an. In Usbekistan wurde die Praxis der Verschleierung zum Hauptziel der „Attacke auf die alte Lebensweise“. In den Augen der Bolschewiki verkörperte der Schleier die Antithese sozialistischen Forstschritts und manifestierte Unterdrückung, Ignoranz, Schmutz und Unmoral. Die verschleierte Frau galt ihnen quasi als Beweis für die Notwendigkeit sowjetischer Emanzipation.

Dabei hatten die Bolschewiki bei der Grenzziehung der zentralasiatischen Sowjetrepubliken den Schleier selbst genutzt, um eine usbekische Identität zu kreieren. Wo Usbekistan begann und Turkmenistan aufhörte, entschied sich nicht zuletzt anhand bestimmter Verschleierungspraktiken. Usbekisch sein bedeutete seit 1924 auch eine bestimmte Form des Schleiers zu tragen (paranjij, eine schwere Baumwollrobe und chavon, ein Gitterschleier aus Pferdehaar für das Gesicht). Den Schleier anzugreifen hieß in der Konsequenz, einen wesentlichen Teil usbekischer Identität zu negieren. Die entschleierte Frau verkörperte für viele Usbeken das Fremde, die Verneinung Gottes sowie ihrer traditionellen Lebensweise. Entschleierungen provozierten daher breiten, oft gewalttätigen Widerstand.

In „Veiled Empire“ wir die einheimische Verweigerungshaltung in ihrer beeindruckenden Vielfalt gezeigt. Dabei ist Northrops Widerstandsverständnis von den Ansätzen der „Subaltern Studies“ geprägt, die koloniale Herrschaftsverhältnisse als Dominanz ohne Hegemonie begreifen und somit Raum lassen für die Frage nach tatsächlicher Herrschaftsdurchdringung.[2] Diese, so Northrop, habe es in Usbekistan nicht gegeben. Zwar besaß Moskau vor allem mit der Roten Armee geeignete Instrumente der Machtsicherung; die kulturelle Hegemonie der nichtsowjetischen Weltsicht konnte jedoch nicht gebrochen werden. Weit verbreitete passive, halbversteckte, aber auch offene und gewalttätige Formen des Widerstandes machten den hujum zu einem klaren Misserfolg. Der Schleier wurde in der Auseinandersetzung immer mehr zum Ausdruck usbekischen Selbstverständnisses, das Tragen dieses symbolträchtigen Kleidungsstückes zum Zeichen politischen und kolonialen Widerstandes.

Die usbekische Peripherie lernte anders als es Kotkin für das sowjetische Kernland beschrieb nicht „speaking Bolshevik“.[3] Vielmehr zwang der Konflikt um die Entschleierung die europäischen Parteiaktivisten in einen Dialog mit muslimischen Traditionalisten über die Zukunft Zentralasiens. Northrop verfolgt diese Auseinandersetzung um den Schleier und damit verbundene Vorstellungen von Geschlechterbeziehungen und Gesellschaftsordnung minutiös. Dabei zeigt er, dass ideologisch aufgeladene Interpretationen und dramatische Inszenierungen auf beiden Seiten zu einer Verhärtung der Fronten führten und Zwischenstimmen jenseits der Maximalpositionen zum Schweigen brachten.

Zwischen die Fronten gerieten in dieser Auseinandersetzung vor allem die usbekischen Frauen. Sie waren den diametral entgegengesetzten Erwartungshaltungen und den Folgen der Konflikteskalation ausgesetzt. Dennoch verschwinden sie in der Rückschau auf den hujum beinahe ganz als handelnde Individuen und treten in erster Linie als Projektionsfläche konkurrierender Weltbilder in Erscheinung. Ein Problem, das Northrop erkennt und benennt, das aber anhand des zur Verfügung stehenden Quellenmaterial nicht behoben werden kann.

Um so beindruckender ist Northrops Demonstration „bolschewistischer Blindheit“. Das verschleierte Imperium zeigt sich in Moskau ebenso wie in Taschkent. Es sind nicht nur die Frauen Usbekistans, die in Dunkelheit und Unkenntnis verharren – verschleiert ist auch der Blick der Bolschewiki, der indigenes Beharrungsverhalten allein durch das Prisma des Klassenkampfes zu betrachten vermag. Frauen, die sich der Entschleierung widersetzten, wurden in parteiinternen Berichten und offiziellen Darstellungen ebenso zu Opfern des Klassenfeindes umgedeutet, wie einfache Bauern, die entschleierte Frauen misshandelten oder gar ermordeten.

Die Tatsache, dass sich oppositionelles Verhalten und offener Widerstand gegen den hujum in allen Gesellschaftsschichten äußerte, führte nicht zu einer Revision der These vom „Ersatzproletariat“. In den Augen der Bolschewiki waren es vor allem die Bejs und Mullahs, die den Schleier und damit die alte Klassenstruktur verteidigten. Sie hielten die Masse unter ihrem Einfluss und verleiteten sie dazu, gegen ihr Eigeninteresse zu handeln. Das Unvermögen, die Reaktionen der einheimischen Bevölkerung auf den hujum jenseits marxistisch-leninistischer Deutungsmuster zu verstehen, nahm den Parteifunktionären des Zentrums die Möglichkeit ihre Strategie zu ändern und die Gewaltspirale anzuhalten.

Blind und taub zeigten sie sich auch für die schwierige Lage der eigenen, überwiegend männlichen Parteimitglieder vor Ort. In der Annahme, dass diese die Entscheidung für den hujum begrüßen würden, war ihnen die wichtige Rolle des „positiven Beispiels“ zugedacht. Sie sollten als erste ihre Frauen entschleiern und gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben lassen. Damit gerieten auch sie zwischen die Fronten und waren den innerparteilichen Erwartungen ebenso ausgesetzt wie dem sozialen Druck ihrer Umwelt. Beide Seiten waren nur dann gewillt, sie weiterhin als ihresgleichen zu akzeptieren, wenn sie die „richtige“ Position in der Frauenfrage vertraten.

Es zeigte sich, dass sich viele usbekische Kommunisten der Entschleierungskampagne passiv oder aktiv verweigerten. Sie waren nicht bereit ihre traditionelle Geschlechterrolle und damit verbundene usbekische Identität aufzugeben. Die obersten Parteiführer begegneten diesem Loyalitätsmangel mit den üblichen Disziplinierungsmaßnahmen. Alltagsleben und Geschlechterbeziehungen wurden zum Indikator für kommunistisches Bewusstsein. Folgerichtig war es in Usbekistan auch der hujum, der das Vokabular für Denunziationen während der Parteisäuberungen lieferte. Der Vorwurf, der eigenen Frau die Befreiung von Schleier und Unterdrückung zu versagen, wurde hier weitaus häufiger erhoben als der einer antisowjetischen, imperialistischen oder trotzkistischen Verschwörung.

„Veiled Empire“ ist ein wichtiges Buch für alle, die sich für das Aufeinanderprallen verschiedener Interpretationen von Moderne und Tradition im Allgemeinen und das stalinistische Fortschrittsprojekt in Zentralasien im Besonderen interessieren. Einerseits beleuchtet es die Schwierigkeiten des Zentrums mit dem kulturell Fremden der Peripherie umzugehen und andererseits die Reaktionen der usbekischen Gesellschaft auf den äußeren Eingriff in ihre soziokulturelle Ordnung. Northrop betrachtet den sowjetischen Staat als einen Akteur unter vielen und zeigt, dass er keineswegs immer die Formierung der sozialen, kulturellen und politischen Welten seiner Bewohner dominierte. Die übersichtliche Gliederung, ein leserfreundlicher Stil und zahlreiche Abbildungen machen dieses Buch noch zusätzlich lesenswert.

Anmerkungen:
[1] Damit greift Northrop die These von Gregory Massell auf, vgl. Massell, Greogry J., The Surrogate Proletariate. Moslem Women and Revolutionary Strategies in Soviet Central Asia, 1919-1929, Princeton 1974.
[2] Guha, Ranajit; Spivak, Gayatri Ch. (Hgg.), Selected Subaltern Studies, New York 1988.
[3] Kotkin, Stephen, Magnetic Mountain. Stalinism as a Civilization, Berkeley 1995.

Zitation
Daniela Bergelt: Rezension zu: Northrop, Douglas: Veiled Empire. Gender and Power in Stalinist Central Asia. Ithaca 2004 , in: H-Soz-Kult, 05.07.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4737>.
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Veröffentlicht am
05.07.2005
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