B.-A. Rusinek (Hg.): Kriegsende 1945

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Titel
Kriegsende 1945. Verbrechen, Katastrophen, Befreiungen in nationaler und internationaler Perspektive


Hrsg. v.
Rusinek, Bernd-A.
Erschienen
Göttingen 2004: Wallstein Verlag
Umfang
265 S.
Preis
€ 20,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jana Mikota, Kulturwissenschaftliches Institut, Essen

Der vierte Band der „Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte“ ist das Ergebnis einer Tagung, die am 10. und 11. Oktober 2003 in Dachau stattgefunden hat. Der Herausgeber Bernd-A. Rusinek verweist in seiner Einleitung auf die Themen der vorhergegangenen Symposien und Sammelbände[1] und nennt zugleich das Ziel des letzten, nämlich „Elemente eines Gesamtporträts von Gesellschaften und Staaten in der Schlussphase des Zweiten Weltkrieges“ zu erarbeiten.

Die einzelnen Beiträge umfassen ein breites thematisches Spektrum und versuchen auf unterschiedliche Art, sich dem Thema „Kriegsende 1945“ zu nähern. Analysiert werden neben dem Kriegsende in verschiedenen Regionen bzw. Ländern auch die „Überschreitung des nationalen Schemas bei Betrachtung des Kriegsendes“ (S. 7) und (inter-)nationale Erinnerungsdiskurse – insbesondere diejenigen, die dem Jahr 1989 folgten. Die Frage nach einer klaren Datierung des „Kriegsendes“ zieht sich wie ein roter Faden durch die Aufsätze und verdeutlicht zugleich die Schwierigkeiten, dieses zu definieren.

Der Band gliedert sich in drei Themenblöcke; der erste davon konzentriert sich auf das Kriegsende in Deutschland und enthält Beiträge von Gabriele Hammermann, Jürgen Reulecke, Alfons Kenkmann, Ralf Blank und Heinrich Schwendemann. Hammermann analysiert, wie das Kriegsende aus Sicht der Häftlinge, der Stadtbevölkerung, der SS und dann der Alliierten in Dachau erlebt wurde: Während es für die KZ-Häftlinge Befreiung bedeutete, hieß es für die Stadtbevölkerung weitestgehend Niederlage, wobei die Bewohner Dachaus nach Hammermann „auf die Schuldvorwürfe mit einer allgemeinen Opferhaltung“ reagierten (S. 45). Die amerikanischen Soldaten erlebten die Befreiung des Konzentrationslagers als eine Zäsur ihrer Biografie, da sie mit unvorstellbaren Leiden konfrontiert wurden.

Reulecke wendet sich der Jugend und der „Generationskonstellation nach Kriegsende“ (S. 56) zu. Kenkmann untersucht anhand dreier weiblicher Biografien die unterschiedlichen Haltungen zum NS-Staat. Paradigmatisch betrachtet er eine regimetreue Mitarbeiterin der Wehrersatz-Inspektion, eine „Edelweißpiratin“ sowie eine junge Frau, die im Zusammenhang mit der „Weißen Rose“ inhaftiert wurde, und stellt die Frage, wie diese das Kriegsende erlebt haben. Während die regimetreue Frau ihren Lebensweg auch nach 1945 einigermaßen bruchlos fortsetzen konnte, erlebte die Sympathisantin der „Weißen Rose“ das Kriegsende als eine Befreiung im doppelten Sinne: Sie wurde aus der Haft entlassen und vom NS-Regime befreit. Dennoch fand sie in der Nachkriegsgesellschaft keine Akzeptanz für ihre antinationalsozialistische Haltung. Die dritte Protagonistin hinterließ keine Ego-Dokumente. Ihre Biografie rekonstruiert der Autor hauptsächlich aus überlieferten Fürsorgeakten (S. 78).

Blank und Schwendemann verlassen in ihren Beiträgen den Blick auf das Individuum und „nehmen die Perspektive der Wirtschafts- und Militärgeschichte ein“ (S. 19). Blank schildert die „Kriegsendphase an Rhein und Ruhr 1944/45“, Schwendemann den „deutschen Zusammenbruch im Osten 1944/45“ – ein Terminus, der in einem solchen Sammelband etwas kritischer betrachtet werden müsste.

Der zweite Themenblock ist der internationalen Perspektive gewidmet. Gjalt R. Zondergeld, Jiří Pešek und Wolfgang Schwentker diskutieren in ihren Beiträgen das Kriegsende in den Niederlanden, in der Tschechoslowakei und in Japan. In diesem Teil wird also aus einer west-, einer ost- und einer außereuropäischen Sicht berichtet. Unterschiede und Veränderungen im Umgang mit der Geschichte in den einzelnen Ländern analysieren alle drei Verfasser. Während das Thema in den Niederlanden unter neuen Gesichtspunkten diskutiert wird, schreibt Pešek, Professor an der Prager Universität, dass das „Kriegsende 1945 […] für die tschechischen Historiker der postkommunistischen Zeit kein spannendes und drängendes Thema“ sei (S. 173). Mit dieser Haltung, so Pešek weiter, grenzen sich tschechische Forscher von ihren polnischen und slowakischen Kollegen ab.

Christoph Kleßmann beschäftigt sich in seinem Beitrag „Kriegsende – Dimensionen, Erinnerungen, Verdrängungen“ mit der Situation in Ostdeutschland und Polen. Dies eröffnet den dritten Themenblock, der sich den Erinnerungs- und Bewältigungsstrategien zuwendet. Karola Fings zeigt am Beispiel Kölns das Erinnern in einer deutschen Großstadt; Klaus Naumann formuliert Beobachtungen und Thesen zur Wahrnehmung des Jahres 1945 „im aktuellen Geschichtsdiskurs“.

Der Ertrag des Bandes liegt zunächst in den unterschiedlichen Akzentuierungen. Die einzelnen Beiträge zeigen die verschiedenen Sichtweisen des Begriffes „Kriegsende 1945“ auf. Dass Neuanfänge seltener, (biografische) Kontinuitäten dagegen häufiger zu verzeichnen sind, demonstrieren insbesondere die Artikel von Kenkmann und Hammermann. Neben der Multiperspektivität ist es vor allem die Mikroperspektive auf das Geschehen, die mikroskopische Analyse des Einzelfalles, die heutige Historiker des Weltkrieges (und des Holocaust) zu faszinieren scheint.

Die Aufsätze von Zondergeld, Pešek und Schwentker zeichnen das internationale Kriegsende nach und regen so zu weiterer Forschung an. Damit nimmt der Sammelband die aktuelle Forschungstendenz auf, die sich von einer nationalen Erinnerungs- und Geschichtskultur wegbewegt und zu einer europäischen und globalen Geschichtsbetrachtung strebt. Dies ist, wie das Buch eindrucksvoll belegt, mit einem deutlichen Historisierungsschub des zeitgeschichtlichen Erinnerns verbunden. Frühzeitig vor dem 60. Jahrestag des 8. Mai 1945 liefert der Sammelband eine fundierte Orientierung. Zu hoffen bleibt, dass weitere Arbeiten zu diesem Thema ähnlich informativ sind und sich durch eine ebenso gute Lesbarkeit auszeichnen.

Anmerkung:
[1] Frei, Norbert; Steinbacher, Sybille (Hgg.), Beschweigen und Bekennen. Die deutsche Nachkriegsgesellschaft und der Holocaust, Göttingen 2001; Paul, Gerhard (Hg.), Die Täter der Shoah. Fanatische Nationalsozialisten oder ganz normale Deutsche?, Göttingen 2002 (rezensiert von Stefan Laube: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-3-129>); Hockerts, Hans Günter; Kuller, Christiane (Hgg.), Nach der Verfolgung. Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts in Deutschland?, Göttingen 2003 (rezensiert von Clemens Vollnhals: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-4-023).

Zitation
Jana Mikota: Rezension zu: Rusinek, Bernd-A. (Hrsg.): Kriegsende 1945. Verbrechen, Katastrophen, Befreiungen in nationaler und internationaler Perspektive. Göttingen 2004 , in: H-Soz-Kult, 03.02.2005, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4882>.
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Veröffentlicht am
03.02.2005
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