B. Schefold: Wirtschaftssysteme im historischen Vergleich

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Titel
Wirtschaftssysteme im historischen Vergleich.


Hrsg. v.
Schefold, Bertram
Erschienen
Stuttgart 2004: Franz Steiner Verlag
Umfang
580 S., 17 s/w Abb.
Preis
€ 80,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael von Prollius, Berlin

Nach Jahren wissenschaftlicher Abstinenz erfreuen sich Wirtschaftssysteme, Wirtschaftsordnungen und Wirtschaftsstile in der Wirtschaftsgeschichte einem zunehmenden Interesse. [1] Die Wirtschaftsgeschichte folgt mit einiger Verspätung der Diagnose der Wirtschaftswissenschaften, die über Transaktionskosten und Institutionen nach einer geeigneten Therapie zur Überwindung ihrer selbst auferlegten Grenzen suchte. Nach wie vor sind die Ökonomen bemüht, mittels Pfadabhängigkeit und evolutionstheoretischen Überlegungen einschließlich emergenter Phänomene das neoklassisch fundierte, westliche Weltbild zu erweitern. Das zuweilen als „cultural turn“ bezeichnete Vorgehen schließt an den ein halbes Jahrhundert zuvor verlassenen spezifisch deutschen Pfad an: die Vorläufe der Institutionenökonomik, zuletzt maßgeblich vertreten durch die Ordoliberalen. Zudem gerät die Historische Schule mit ihrer historischen Verschränkung von Kultur und Wirtschaftstätigkeit ins Blickfeld. An der Schnittmenge von Wirtschaftssystem und Wirtschaftsstil ist der zu besprechende Band positioniert.

Das auf rund 540 Textseiten niedergelegte Projekt zur Tragfähigkeit des Wirtschaftsstil- und Wirtschaftssystemkonzeptes im historischen Vergleich ist bereits mehr als ein Dutzend Jahre alt. Es umfasst neben einer dogmengeschichtlichen Einleitung fünf Kapitel, die von den ersten Stammeskulturen der Wildbeuter (Helge Peukert) über die Klassik der attischen Antike (Helge Peukert) und die Ptolemäer (Wolfgang Habermann und Bernhard Tenger) bis zum Mittelalter (Oliver Volckart) reichen und anhand des Konzepts der „orientalischen Despotie“ (Hermann Reich) auch Russland streifen. Ziel ist es, „Stile und Systeme […] auf die ferne und fernste Vergangenheit [anzuwenden], um ihre Tragfähigkeit zu erproben, den Grad der Wandlungsfähigkeit des Wirtschaftens zu erfassen und um sichtbar zu machen, in welchen Formen trotz des Wandels dauerhaft wirkende Gesetzmäßigkeiten auftreten können“ (S. 11). Leider bleiben die Teile der Untersuchung unverbunden neben einander stehen und die Synthese der Erkenntnisse und der Tragfähigkeit des Wirtschaftsstil bzw. -systemkonzepts aus. Die Erklärungskraft der modernen Wirtschaftswissenschaft für andere, fremde Wirtschaftsweisen jenseits von Angebot und Nachfrage, ist insofern nicht ausgeschöpft.

Dogmengeschichte
Das liegt zunächst an der glänzenden, hinsichtlich der Wissensentwicklung geradezu spannenden dogmengeschichtlichen Einleitung, die einen Überblick über 150 Jahre Ordnungsgeschichte bietet. Die auf den Arbeiten von Bertram Schefold beruhende Darstellung schreitet entlang der Meilensteine den Pfad wissenschaftlicher Wissensentwicklung ab, der durch das Streben nach „der“ Erklärung für die Entwicklung von Gesellschaft und Wirtschaft gekennzeichnet ist und stets eine Auseinandersetzung um die „richtigen“ Modelle und Theorien war. Er reicht von der Wirtschaftsstufenlehre und dem Methodenstreit der Historischen Schule zwischen Menger und Schmoller um die Rolle von Empirie und Theorie über den Versuch ihrer Überwindung mittels einer Synthese durch die Idee des Wirtschaftsstils (Sombart, Spiethoff) einerseits und des Wirtschaftssystems (Eucken) andererseits und mündet im Vorschlag einer hermeneutisch arbeitenden Nationalökonomie (Schefold). Die Verbindung von Wirtschaftsstil und Wirtschaftssystem, mit anderen Worten Walter Eucken erweitert um Evolutions- und Transaktionskostentheorie mit dem Schwerpunkt auf Institutionen, erscheint für die Erklärung der Funktionsweise und Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft ein sehr viel versprechendes Modell.

Wildbeuter
Leider wird dieses Modell in den nachfolgenden empirischen Kapiteln nicht konsequent überprüft, sondern weicht Abwandlungen und Alternativen der jeweiligen Autoren. Zudem hinterlässt das über 100 Seiten starke Kapitel über die ersten Wirtschafts- und Sozialbeziehungen der Menschen von den Wildbeutern bis zur neolithischen Revolution einen zwiespältigen Eindruck. Interdisziplinarität und Kenntnisreichtum verlieren sich – zumal stark gerafft – im Punktuellen und Additiven. Einer Vielzahl von Anglizismen (überwiegend Fachtermini) und zahllosen, häufig einen ganzen Abschnitt umfassenden englischen Zitaten erschweren wie die im Band durchgängige Einbindung der Fußnoten in den Text das Lesevergnügen. Der Rezensent muss eingestehen, dass sich ihm Text und Wollen des Autors nicht immer erschlossen haben. So wurden Erkenntnisse der Evolutionsökologie und -biologie im Rahmen einer Systemtheorie entwickelt, die an Maturanas Autopoiese-Konzept anknüpft und die Fähigkeit zur Energieakkumulation in den Mittelpunkt stellt.

Klassik
Ergebnis der Analyse des antiken (attischen) Wirtschaftssystems ist eine Eigenständigkeit, die – ohne auf einem Marktsystem zu beruhen – sich zu einer Alternative zum „heutigen Industrialismus auf fossiler Energiebasis“ (S. 269) hätte entwickeln können. Der Wirtschaftsstil der Handelsmacht Athen zeichnete sich durch ein intensives Naturgefühl, fließende, häufig nicht-hierarchische Sozialstrukturen und begrenzte Zugriffsrechte des Staates bei wirtschaftspolitischer Zurückhaltung (Handel war Privatsache) aus. Statt Macht strebte die Elite nach „Glanz“ und „Hervorragen“. Zudem prägte das griechische Alltags- und Wirtschaftsleben „eine maßvolle Mischung antipodischer Grundorientierungen […] [wie] Gemeinschaft versus Gesellschaft, […] Land versus Stadt, […] Kollektiv- versus Individualorientierung, Sitte versus Gesetz, Glaube versus Skeptizismus“ (S. 208). Bemerkenswerter Weise kam das Währungssystem ohne Banken aus, da Kreditgeschäfte parallel zum Handel ausgeübt wurden, und es spricht einiges dafür, dass wirtschaftliche Tätigkeit ohne Preissignale und damit ohne interdependente Marktsysteme (Geld- und Güter) auskam.

Ptolemäer
Strukturiert und systematisch wird das Wirtschaftssystems der Ptolemäer in Ägypten zwischen 323 und 246 v.Chr. beschrieben. Leitfaden bildet die Auseinandersetzung mit den Arbeiten von Rostovtzeff, wenn auch auf einen theoretischen Zugang verzichtet und der Wirtschaftsstil en passant behandelt wird. Die „zentralgelenkte Wirtschaft“ (S. 331) der Ptolemäer beruhte auf einer in verschiedene Landkategorien aufgeteilte Landwirtschaft (Königs-, Tempel-, Kleruchen-, Privatland, Doreai). Sie dienten neben der Verpachtung etwa der Verlagerung sämtlicher Risiken auf Privatleute, der Ermöglichung begrenzter Eigeninitiative und dem Urbarmachen von Land. Monopole auf Öl, Textilien und Fertigspeisen wurden als „gut funktionierendes Instrument zur fiskalischen Ausbeutung der ägyptischen Bevölkerung durch die makedonischen Eroberer“ (S. 326) gebildet. Die Abschottung durch Schutzzölle und Importverbote sowie ein umfassendes System von Preisfestsetzungen komplettierten das System. Bemerkenswerter Weise gelang es (schon) den Ptolemäern, trotz eines umfangreichen und effektiven Planungssystems, die private Initiative für staatliche Zwecke zu nutzen. Systemziel war eine Gewinnmaximierung und -abschöpfung, so dass nicht zuletzt durch den Export der Reichtum des Landes in die Schatzkammern wanderte. Zum Widerspruch lädt die These ein, dass der Niedergang der Wirtschaft das System zum Einsturz brachte, der Niedergang aber nicht systembedingt, sondern Ergebnis einer Verkettung politischer, militärischer, ethnischer Niederlagen und Spannungen war.

Mittelalter
Gleichermaßen gut lesbar wie systematisch angelegt ist das Kapitel über das Mittelalter. In drei Epochen gegliedert werden jeweils Umwelt, Landwirtschaft, Handwerk und Handel bzw. städtisches Gewerbe analysiert. Das Frühmittelalter kennzeichnet eine Mangel- und Subsistenzwirtschaft. Man lebte von der Hand in den Mund und in ständiger Angst, besonders Existenzangst. Während Privateigentum zu Gunsten einer Hierarchie abgestufter Besitzrechte verschwand (feudaler Charakter), gibt es keine Anzeichen für marktwirtschaftliche Handlungsweisen auf dem Land. In der Stadt war man zwar abhängig vom Markt, ging aber wegen schlechter Versorgung zur Selbstherstellung und -versorgung über. Das Hochmittelalter charakterisiert ein Niedergang der feudalen Struktur bei gleichzeitiger Entstehung kapitalistischer Strukturen: Erläutert werden der unbeschränkte Privatbesitz für Handwerker, ein entstehendes Genossenschaftswesen und die zunehmende Bedeutung „uneingeschränkte[r], wenn auch […] rudimentär entwickelte[r] Marktwirtschaften“ (S. 445) für Grundherrn, Bauern und Handwerker sowie die Entwicklung eines Lohnarbeitsmarktes. Die religiöse und soziale Verankerung der Arbeit kommt zu kurz.

Im Ergebnis sieht Oliver Volckart die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts mit den frei verwendbaren Produktionsmitteln in Privatbesitz, verbreiteter Lohnarbeit und dem Markt als Koordinationsmechanismus die entscheidende Weichenstellung hin zum Kapitalismus und seinen Wirtschafts- und Denkstrukturen. Ob insgesamt mit angemessenen Kategorien Maß genommen wird und nicht-ökonomische Kategorien stärker zu berücksichtigen sind, lässt sich vor dem Hintergrund einer aktuellen Studie über die Karolinger diskutieren. [2]

Orientalische Despotie
Das Modell Orientalische Despotie ist kein Klischee der Europäer von Asien. Hermann Reich plädiert für eine breitere Verwendung des Konzepts, dessen Merkmale Willkür, staatlicher Terror, Abschaffung des Privateigentums und Zwangsarbeit seit 700 Jahren Russland geprägt haben. Folglich ist „Russland ‚asiatischer’ als viele Länder Asiens und […] Kommunismus und Totalitarismus [wurzeln] in spezifisch russischen Traditionen, die auch heute noch lebendig sind“ (S. 542). Nicht zuletzt das Fehlen des Feudalismus als Voraussetzung von Marktwirtschaften erschwert die Entwicklung bürgerlicher Demokratie und Marktwirtschaft.

Zwar ist die moderne Theorie nicht an der Analyse vorindustrieller Wirtschaftsformen gescheitert. Das Modell der Entwicklung von Wirtschaftssystemen und Wirtschaftsstilen wurde jedoch nicht historisch überprüft und der angekündigte Vergleich blieb durch uneinheitliche Perspektiven, Arbeitsweisen und Theorien/Modelle aus. Die unzureichende Betrachtung der Institutionen, der Entscheidungsfindung und der Ausübung von (politischer) Macht hinterlassen den Eindruck, Entwicklungen seien lediglich auf übliche historische Weise beschrieben worden. Dennoch bleiben bemerkenswerte Ein- und Überblicke über wirtschaftsgeschichtliche Epochen, die sonst nicht im Mittelpunkt eines gemeinsamen Bandes stehen. Letztlich ist das Ganze lediglich die Summe seiner Teile. Dennoch, ein Anfang ist gemacht. Alternativen zur heutigen Wirtschaftsweise und zum ökonomischen Denken werden sichtbar.

Anmerkungen:
[1] Siehe statt anderer: Klump, Rainer (Hg.), Wirtschaftskultur, Wirtschaftsstil und Wirtschaftsordnung, Marburg 1996; Ambrosius, Gerold, Staat und Wirtschaftsordnung, Stuttgart 2000; Prollius, Michael von, Das Wirtschaftssystem der Nationalsozialisten, Paderborn 2003.
[2] Emmerich, Bettina, Geiz und Gerechtigkeit. Ökonomisches Denken im frühen Mittelalter, Wiesbaden 2004.

Zitation
Michael von Prollius: Rezension zu: Schefold, Bertram (Hrsg.): Wirtschaftssysteme im historischen Vergleich. Stuttgart 2004 , in: H-Soz-Kult, 17.11.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4904>.
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17.11.2004
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