L. Rensmann: Demokratie und Judenbild

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Titel
Demokratie und Judenbild. Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland


Autor(en)
Rensmann, Lars
Erschienen
Umfang
541 S.
Preis
€ 42,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Ulmer, Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft, Eberhard-karls-Universität Tübingen

Die Studie des Berliner Politikwissenschaftlers Lars Rensmann ist hochaktuell und brisant zugleich: Anhand überregionaler Presse- und Medienberichte analysiert er die jüngsten Antisemitismus-Streits (1998: Walser-Bubis-Konflikt, 2002: Möllemann und FDP), die vergangenheitspolitischen Kontroversen (Goldhagen-Debatte, Mahnmal-Diskussion, Zwangsarbeiter-Entschädigung) und die wachsende Israelfeindschaft. Außerdem bezieht die materialreiche Untersuchung jüngste empirische Umfragen ein, die ein deutliches Anwachsen des manifesten und latenten Antisemitismus feststellen.

Rensmanns Dissertation ist eine eindrucksvolle politische Gesellschafts- und Kulturgeschichte des Post-Holocaust-Antisemitismus seit 1945, der vom sekundären Antisemitismus geprägt ist und in dem auch Motive, Denkstrukturen und Funktionsweisen des modernen Antisemitismus vor 1945 integriert sind. Der empirische Teil der Studie konzentriert sich auf den Antisemitismus in der politischen Kultur im vereinigten Deutschland. Dabei werden deutliche Diskursverschiebungen nachgewiesen: Offene und vor allem codierte antisemitische Stereotype haben laut Rensmann an Legitimität gewonnen.

Rensmann orientiert sich an der ausführlich dargestellten Kritischen Theorie Adornos und Horkheimers und dabei besonders am Begriff des sekundären Antisemitismus als Erinnerungs- und Schuldabwehr wegen Auschwitz, in dem Juden als Störenfriede der Erinnerung erscheinen. Aus dem Fundus der Antisemitismus-Forschung der Frankfurter Schule verwendet er unter anderem auch das sozialpsychologisch-ideologiekritische Modell der Verbindung von Autoritarismus, ethnozentrischem Nationalismus und Antisemitismus, dessen Befunde in der empirischen Forschung vielfach bestätigt wurden.

Allerdings entwickelt Rensmann diese zentralen Säulen unter kritischer Einbeziehung einzelner Ansätze von Jürgen Habermas und Axel Honneth zu einer politischen Kulturforschung über Antisemitismus weiter. Im Sinne des ‚cultural turn’ und ‚discursive turn’ überwindet Rensmann Defizite der Kritischen Theorie wie die Vernachlässigung von politischen Interaktions- und Diskursprozessen, mentalitätsgeschichtlichen Normierungen und deren kulturellen Transformationen. Ausgehend von Karl Rohes Konzept der historischen und kulturellen Genese einer politischen Kultur (bestehend aus sedimentierter politischer Soziokultur und aktueller Deutungskultur)[1] untersucht Rensmann die verschränkten politischen, öffentlichen und medialen Diskurse sowie kollektive Mentalitäten, nationalstaatliche Identitäten und ihre Wechselwirkungen im Blick auf den Antisemitismus seit 1990. Dieser Ansatz könnte über die Antisemitismus-Forschung hinaus auch für andere Themen der Politik-, Kultur- und Medienwissenschaften einen Bezugsrahmen bilden.

Die Studie behandelt die politischen, kulturellen und diskursiven Gelegenheitsstrukturen für antisemitische Mobilisierungsversuche und Äußerungen in der politischen Kultur, also ihre Akzeptanz und ihre Grenzen in der Demokratie. Die zentralen Stichworte sind ‚Vergangenheitsbewältigung’ und ‚Israel’ im Zeitalter von Wiedervereinigung und Globalisierung. Dabei erodieren die Grenzziehungen gegenüber antijüdischen Aussagen immer häufiger – so Rensmanns Kernthese. Dieses Fazit betrifft alle gesellschaftlichen Schichten und das gesamte politische Spektrum.

Zwar hat der politische Antisemitismus als zentrale Ideologie des Rechtsextremismus und der Neuen Rechten trotz verstärkter Agitation in der Bundesrepublik im politischen System keine Chance, doch existieren für die Rechten starke Anknüpfungspunkte zu Teilen der radikalen Linken wegen deren antisemitisch motiviertem Antiimperalismus, Antizionismus und Antiamerikanismus, die sich seit der ‚2. Intifada’ und den Terroranschlägen des 11. September 2001 durch Verschwörungstheorien noch verstärkt haben. Diese teils bewussten, teils unbewussten antisemitischen Motive und Muster fungieren links wie rechts als gegen die kapitalistische Globalisierung gerichtete Welterklärungen. Der Antizionismus bedient vielfach den auch in Teilen der Linken verbreiteten Wunsch nach Schuldabwehr durch Täter-Opfer-Umkehr, wie Rensmann an zahlreichen Beispielen belegt. Die ideologische Nähe und Konvergenz von rechtem (offenem) und linkem (codiertem) Antisemitismus sei eine neue Dimension, deren Auswirkungen auf die politische Kultur spürbar seien: „Israelfeindschaft, Ressentiments gegen die ‚US-Ostküste’, Verschwörungstheorien und Vorstellungen von einer weltumspannenden ‚zionistischen Lobby’, die allesamt dem ideologischen Arsenal des politischen Antisemitismus und Rechtsextremismus entstammen, finden heute teils Resonanz in der demokratischen Öffentlichkeit.“ (S. 333)

Aus dem Spektrum der Studie sollen drei zentrale öffentliche Auseinandersetzungen kurz vorgestellt werden. Nach Rensmann hatten die Goldhagen- und die Walser-Bubis-Debatte eine wichtige Katalysatorfunktion für Grenzverschiebungen zugunsten von Antisemitismus. Bereits die Rezeption der Goldhagen-Studie von 1996 habe den Prozess der Normalisierung der deutschen Nation gestört und starke Abwehrreaktionen gegenüber einer Erinnerung an die Shoah hervorgerufen. Im Kontext dieses sekundären Antisemitismus wurden in den Medien häufig offene oder latente antijüdische Stereotype gegenüber dem amerikanisch-jüdischen Historiker Daniel Goldhagen laut, denen kaum widersprochen worden sei.

Eine noch größere Bedeutung für die Rückkehr antisemitischer Motive und Bilder in den politischen Diskurs hatte der Walser-Bubis-Streit – ausgelöst durch Martin Walsers sekundär-antisemitische Friedenspreisrede im Oktober 1998. Dem populären Schriftsteller sei es durch seine öffentlichen Auftritte mit stereotyper Wiederholungsrhetorik und dank zahlreicher Unterstützung in Medien und Politik gelungen, so Rensmann, den Grad der sozialen Akzeptanz von antisemitischen Ressentiments in der Öffentlichkeit zu erhöhen. Bei diesem ersten Antisemitismus-Streit habe sich ein starker Normalisierungsdiskurs gezeigt, der von der Sehnsucht nach nationaler Identität und Größe geprägt worden sei, die wiederum durch ‚Auschwitz’ und jüdische Mahner wie Ignatz Bubis nachhaltig gestört worden sei. In diesem Konflikt hätten sich die antisemitischen Projektionen gegen die Kritiker des Schlussstrichs unter die NS-Verbrechen gerichtet.

Den zweiten Antisemitismus-Streit im Frühjahr 2002, den der ‚Tabubrecher’ Jürgen Möllemann gegen Ariel Sharon, Michel Friedman und deren angebliche ‚Meinungsmonopole und Verbote’ inszenierte, weist Rensmann anhand vieler Aussagen führender FDP-Politiker als gezielte antisemitische Wahlkampagne der FDP nach. Eine Mehrheit der Medienöffentlichkeit und viele Politiker hätten nicht den offenen Antisemitismus in der FDP kritisiert, sondern eher den „Antisemitismus-Vorwurf“ (S. 454). Dieser erste antisemitische Mobilisierungsversuch einer etablierten demokratischen Partei seit 1945 ist zwar bei der Bundestagswahl für die FDP aus unterschiedlichen Gründen gescheitert. Andererseits wurde der ‚sagbare’ Antisemitismus in der Demokratie ausgeweitet.

Während vergangenheitspolitische Schlussstrich- und Normalisierungs-Debatten vor allem ein umkämpftes Diskursfeld des konservativen Spektrums und von dessen Medien sind, dominieren im bürgerlich-liberalen sowie im linken Spektrum laut Rensmann eher Israelfeindschaft und teilweise Antiamerikanismus als Bezugspunkte für Antisemitismus. Dabei fallen die beiden Diskursfelder ‚Vergangenheitsbewältigung’ und ‚Israel’ in der Bundesrepublik inzwischen immer häufiger zusammen und mobilisieren verstärkt codierte antisemitische Bilder in allen politischen und gesellschaftlichen Gruppen. Gleichzeitig diffundieren im Zuge der Globalisierung antisemitisch motivierte globalisierungs- und israelfeindliche sowie verschwörungstheoretische Ideologien und Ressentiments von Rechts- und Linksaußen in Deutschland und Europa in die gesellschaftliche Mitte. Sie interagieren mit Akteuren in Politik und Medien, wenngleich ein offener Antisemitismus im politischen System weiter ausgegrenzt bleibt (wie jüngst beim Fall Hohmann). In dieser differenzierten Studie werden auch die noch funktionierenden Grenzlinien für den politischen Antisemitismus und die demokratischen Gegenkräfte dargestellt.

Abschließend plädiert Rensmann für entschiedenes Handeln gegen Antisemitismus durch dessen Sanktionierung und Skandalisierung. Gleichzeitig bleibt die kritische Be- und Verarbeitung der NS-Vergangenheit eine anhaltende Herausforderung. Welches Bild von Juden und vom Judentum sich in der Demokratie jedoch durchsetzt, hängt vom Prozess der politischen Kommunikation sowie der Aufarbeitung von Ursachen, Dynamiken und tradierten Mustern des Antisemitismus ab. Der Ausgang ist laut Rensmann weiter offen.

Die wichtige soziologische Antisemitismus-Forschung besitzt bestimmte Defizite – dazu zählen ihre Theorieferne und bestimmte fragwürdige Ergebnisse wie etwa die These, der Antisemitismus habe durch kollektive Lernprozesse vor 1989 abgenommen.[2] Dem setzt Rensmann eine theoretisch fundierte und empirisch-ergebnisoffene politische Kulturforschung entgegen. Damit entwickelt der Politikwissenschaftler neue Maßstäbe für die aktuelle Antisemitismus-Forschung. Sein Buch verdient eine breite Rezeption in Wissenschaft, Politik, Medien und politischer Bildung.

Anmerkungen:
[1] Rohe, Karl, Politische Kultur und der kulturelle Aspekt von politischer Wirklichkeit. Konzeptionelle und typologische Überlegungen zu Gegenstand und Fragestellung Politischer Kultur-Forschung, in: Berg-Schlosser, Dirk; Schissler, Jakob (Hgg.), Politische Kultur in Deutschland: Bilanz und Perspektiven der Forschung, Wiesbaden 1987, S. 39-48; Ders., Politische Kultur und ihre Analyse, in: Dornheim, Andreas; Greiffenhagen, Sylvia (Hgg.), Identität und politische Kultur, Stuttgart 2003, S. 110-126.
[2] Bergmann, Werner, Antisemitismus in öffentlichen Konflikten. Kollektives Lernen in der politischen Kultur der Bundesrepublik 1949-1989, Frankfurt am Main 1997.

Zitation
Martin Ulmer: Rezension zu: Rensmann, Lars: Demokratie und Judenbild. Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden 2004 , in: H-Soz-Kult, 21.10.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4935>.
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21.10.2004
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