W. Abelshauser: Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945

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Titel
Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945.


Autor(en)
Abelshauser, Werner
Erschienen
München 2004: C.H. Beck Verlag
Umfang
527 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Friederike Sattler, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Mit seiner „Deutschen Wirtschaftsgeschichte seit 1945“ verfolgt Werner Abelshauser neben der Sachdarstellung zwei übergeordnete Ziele: erstens hinterfragt er kritisch die Wirksamkeit ordnungspolitischer Weichenstellungen für das bundesdeutsche „Wirtschaftswunder“ der 1950er-Jahre und zweitens ordnet er dieses Wirtschaftswunder in die langfristigen Entwicklungstrends des 20. Jahrhunderts ein. Diese beiden Anliegen bestimmten auch bereits die „Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1945-1980“, mit der Abelshauser ganzen Generationen von Studierenden den Einstieg in ein ebenso quellennahes wie theorieorientiertes Studium der zeithistorischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte erleichtert hat – anregend-provokativ und methodisch anspruchsvoll zugleich.[1] Mehr als zwanzig Jahre später sind beide Anliegen noch immer aktuell. Nach dem Ende der DDR hat sich gezeigt, wie zählebig die Vorstellung war und ist, wichtige ordnungspolitische Weichenstellungen wie eine Währungsreform könnten quasi automatisch ein neuerliches „Wirtschaftswunder“ bewirken. Die historisch-kontingenten Rahmenbedingungen waren 1989/90 jedoch völlig andere als 1947/48, als sich die Wirtschaftspolitik auf die „Rekonstruktionskräfte“ des säkularen Wachstumstrends stützen konnte. Diesen Rekonstruktionskräften, die zum Beispiel in niedrigen Löhnen bei gleichzeitig hohem Qualifikationsniveau zum Ausdruck kamen, misst Abelshauser nach wie vor einen erheblich größeren Stellenwert bei als politischen Impulsen. Ausgehend von den aktuellen wirtschaftspolitischen Diskussionen um Wettbewerbsfähigkeit und Globalisierung sind einige neue Fragen hinzugekommen, insbesondere die nach der Pfadabhängigkeit des deutschen „sozialen Systems der Produktion“.

Die Darstellung ist in neun Kapitel gegliedert, von denen fünf neu geschrieben wurden. Ausgehend von der Northschen Überlegung, dass in den westlichen Industrieländern, gestützt auf neue Institutionen, die zur produktiven Verknüpfung von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik führten, bereits am Ende des 19. Jahrhunderts ein „nachindustrielles Zeitalter“ begann, skizziert Abelshauser zunächst die Grundlegung des deutschen „sozialen Systems der Produktion“ im Bismarckschen Kaiserreich. Zu den Regeln dieser „korporativen Marktwirtschaft“ kehrte die westdeutsche Wirtschaft nach den beiden Weltkriegen im Wesentlichen zurück. Die NS-Rüstungswirtschaft brachte allerdings eine wichtige Neuerung mit sich: Sie verhalf der am amerikanischen Vorbild orientierten Massenproduktion auch in Deutschland zum Durchbruch. Die deutsche Produktionsweise sei deshalb, so Abelshauser, bis zur tiefen Krise des „Fordismus“ in den 1970er-Jahren von einem Dualismus zwischen der traditionell starken diversifizierten Qualitätsproduktion und der neuen standardisierter Massenproduktion gekennzeichnet gewesen; und seither finde nun ein regelrechter wirtschaftlicher „Kulturkampf“ statt – ein Bild, das angesichts zahlreicher wechselseitiger unternehmerischer Anpassungen und Verflechtungen überzogen wirkt.[2]

Das nächste Kapitel widmet sich den wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen nach Kriegsende, die – wie schon 1983 gegen den Trend nachgewiesen – angesichts von Kriegszerstörungen, Demontage- und Reparationslasten sowie der wirtschaftlichen Teilung des Landes erstaunlich gut waren. Bei unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Konzepten (im weiten Spektrum zwischen Liberalismus, Keynesianismus, Gemein- und Planwirtschaft) und unterschiedlichen materiellen Rahmenbedingungen kam bereits im „Entscheidungsjahr 1947“ in allen vier Besatzungszonen ein nachhaltiger Wiederaufbau in Gang. Die weiteren Weichenstellungen durch Währungsreform, Marshallplan und Koreakrieg, die inneren Koordinations- und Abstimmungsprobleme der „sozialen Marktwirtschaft“ einschließlich der Reform der Sozialversicherungen und der lang anhaltenden Bergbaukrise werden anschließend ebenso ausführlich und kompetent analysiert wie die Rückkehr der westdeutschen Wirtschaft auf die westeuropäischen und internationalen Märkte. Unmittelbar benachbarte Themen, die die wirtschafts- und sozialgeschichtliche Forschung in den letzten Jahren intensiv beschäftigt haben, etwa die nach der Auseinandersetzung der westdeutschen Unternehmer mit der eigenen nationalsozialistischen Vergangenheit, die nach ihrer „Amerikanisierung“ und „Internationalisierung“ oder die nach den Kontinuitäten und Mentalitäten der deutschen Wirtschaftselite im 20. Jahrhundert überhaupt, sind leider ausgespart geblieben.[3]

Die Kapitel sechs und sieben widmen sich den Grundlinien der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung der Bundesrepublik bis in die Gegenwart hinein. Die verschiedenen theoretischen Erklärungsansätze für die zunächst sehr erfolgreiche, ab den 1970er-Jahren jedoch von einer „Wachstumsschwäche“ gekennzeichnete westdeutsche Wirtschaft werden hier noch einmal gegeneinander abgewogen. Aus dem breiten Angebot, das von der Strukturbruch- über die Lange-Wellen- und die Aufhol-Hypothese bis zum Modell der Rekonstruktionsperiode reicht, präferiert Abelshauser eindeutig das Letztere. Denn nur dieses Modell erlaubt es, zwischen den scharfen Wachstumseinbrüchen und den anschließend regelmäßig festzustellenden Phasen mit besonders hohen Wachstumsraten einen inneren Erklärungszusammenhang herzustellen. Was für die Weltwirtschaftskrise und den anschließenden Aufschwung der NS-Zeit problematisch ist, da von politisch „deformiertem Wachstum“ ohne die typischen Folgen wirtschaftlichen Fortschritts (etwa einem wachsenden Lebensstandard) auszugehen ist [4], bietet für die westdeutsche Nachkriegsentwicklung eine plausible Erklärung: Der Wachstumsprozess hatte demnach aus sich heraus die Tendenz, nach seiner massiven Störung in der Schlussphase des 2. Weltkriegs zu seinem langfristigen Pfad zurückzukehren, den er um 1914 verlassen hatte. Sobald ausreichend materielle Ressourcen zur Verfügung standen, spezifische Engpässe überwunden waren und die „richtigen“ ordnungspolitischen Weichenstellung das Potenzial zur Entfaltung brachten, konnte die Diskrepanz zwischen der anfangs niedrigen realen Leistung und der wesentlich höheren potenziellen Leistungsfähigkeit durch außerordentlich hohe Wachstumsraten ausgeglichen werden. Mitte der 1960er-Jahre kam der so verstandene Rekonstruktionsprozess allerdings an sein Ende. Die Wachstumsschwäche der 1970er-Jahre erscheint vor diesem Hintergrund nicht als ein besonderes Krisenphänomen, sondern vielmehr als Rückkehr zum „normalen“ Wachstumspfad und zu den klassischen Konjunkturschwankungen. Probleme, die zuvor durch den rasch wachsenden Lebensstandard überdeckt wurden, etwa die hohe Abhängigkeit vom Weltmarkt oder die wachsenden Umweltbelastungen, traten nun deutlicher hervor. Ein besonders gravierendes strukturelles Problem resultiert daraus, dass der Dienstleistungssektor seit dem Ende der Rekonstruktionsperiode nicht mehr in der Lage ist, den langfristigen Beschäftigungsrückgang in den anderen Sektoren aufzunehmen.

Im achten Kapitel geht es schließlich um „wirtschaftliche Aspekte der deutschen Frage“. Auch wenn Abelshauser bereits in der Einleitung darauf hinweist, er habe bewusst der Versuchung widerstanden, die Jahre der staatlichen Trennung mit einer „synthetischen Gesamtsicht“ zu überbrücken, obwohl es keine Einheit der deutschen Wirtschaftsgeschichte mehr gab, bleibt die Darstellung ausgewählter Aspekte doch irgendwie unbefriedigend. Zum einen, weil die hier unternommenen Ausflüge in die ostdeutsche Wirtschaftsgeschichte zwar manche ihrer Probleme pointiert auf den Punkt bringen, aber in wichtigen Grundfragen, zum Beispiel nach der Reformfähigkeit der zentralen Planwirtschaft, ganz an der Oberfläche verbleiben.[5] Zum anderen, und das wiegt für eine „Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945“ meines Erachtens noch schwerer, weil der systematische deutsch-deutsche Vergleich unterschiedlicher wirtschaftspolitischer Lösungsansätze für die weltwirtschaftlich bedingten und deshalb systemübergreifend festzustellenden Krisen der Industriegesellschaften ab den 1970er-Jahren besonders aufschlussreich sein könnte. Abelshauser selbst führt dies an der Gegenüberstellung der unterschiedlichen Adaption der fordistischen Produktionsweise in der west- und ostdeutschen Automobilindustrie vor Augen, verfolgt diesen viel versprechenden Ansatz aber nicht weiter.

Im abschließenden neunten Kapitel, in dem Abelshauser eine niederschmetternde Bilanz der orientierungslosen bundesdeutschen Wirtschaftspolitik der letzten 20 Jahre zieht, werden wichtige Anregungen gegeben, welche Fragen bei einer solchen weiterführenden Untersuchung im Mittelpunkt stehen könnten: die Ursachen für die Krise der standardisierten Massenproduktion in den 1970er-Jahren, die Hintergründe der eigenartigen Persistenz des klassischen industriellen Leitbildes in der Wirtschafts- und Sozialpolitik beider deutscher Staaten trotz wachsender Bedeutung von wissensbasierten Dienstleistungen und neuen Informationstechnologien, die Chancen und Grenzen nationalstaatlicher Lösungsansätze, seien sie keynesianischen, neoliberalen oder planwirtschaftlichen Zuschnitts, für die strukturellen Probleme der Volkswirtschaften und nicht zuletzt die Möglichkeiten des Erhalts von Mitbestimmungsrechten der Beschäftigten. Werner Abelshauser scheut sich nicht, der Politik als Wissenschaftler eindringlich zu raten, sich auf die traditionellen Stärken der korporativen Marktwirtschaft zu besinnen und sich im Interesse des gesellschaftlichen Zusammenhalts für ihren Erhalt einzusetzen.

Ob wir heute allerdings überhaupt noch in einer Gesellschaft leben, deren Produktionssystem sich auf langfristige, kooperative Beziehungen stützt und sich in klarer Abgrenzung zum amerikanischen Kapitalismus als ein besonderer „rheinischer Kapitalismus“ kennzeichnen lässt, und welche komparativen Stärken es – gegebenenfalls – auf Dauer aufweisen könnte, vielleicht gerade im Bereich der diversifizierten Qualitätsproduktion und der Mitbestimmung, ist freilich schon jetzt umstritten.[6]

Anmerkungen:
[1] Abelshauser, Werner, Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1945-1980, Frankfurt am Main 1983.
[2] Zahlreiche Hinweise darauf enthält der Bericht von David Gilgen zu der Tagung „Immaterielle Produktion und Globalisierung als Herausforderungen für Unternehmen und Institutionen“, die am 26./27.11.2004 am Institut für Weltgesellschaft der Universität Bielefeld stattfand; vgl. <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=684>.
[3] Vgl. beispielsweise: Wiesen, S. Jonathan, West German Industry and the Challenge of the Nazi Past (1945-1955), Chapel Hill 2001; Kleinschmidt, Christian, Der produktive Blick. Wahrnehmung amerikanischer und japanischer Management- und Produktionsmethoden durch deutsche Unternehmer 1950-1985, Berlin 2002; Berghahn, Volker R.; Unger, Stefan; Ziegler, Dieter (Hgg.), Die deutsche Wirtschaftselite im 20. Jahrhundert. Kontinuität und Mentalität, Essen 2003.
[4] Zur Kritik an Abelshausers These vom nationalsozialistischen „Wirtschaftswunder“: Buchheim, Christoph, Die Wirtschaftsentwicklung im „Dritten Reich“ – mehr Desaster als Wunder. Eine Erwiderung auf Werner Abelshauser, in: Vierteljahrhefte für Zeitgeschichte 49 (2001), S. 653-664.
[5] In diesem Kontext wird die grundlegende Arbeit: Steiners, André, Die DDR-Wirtschaftsreform der sechziger Jahre. Konflikt zwischen Effizienz- und Machtkalkül, Berlin 1999, die das wirtschaftliche Scheitern des Reformprojekts belegt und in die machtpolitischen Zusammenhänge einordnet, leider nicht rezipiert.
[6] Vgl. zu dieser Debatte zuletzt: Berghahn, Volker R.; Vitols, Sigurt (Hgg.), Gibt es einen deutschen Kapitalismus? Tradition und globale Perspektiven der sozialen Marktwirtschaft, Frankfurt am Main 2006.

Zitation
Friederike Sattler: Rezension zu: Abelshauser, Werner: Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945. München 2004 , in: H-Soz-Kult, 26.09.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4989>.
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26.09.2006
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