Straub, Eberhard: Das spanische Jahrhundert. Berlin : Siedler Verlag 2004 ISBN 3-88680-739-8, 350 S. € 22,00.

Collado Seidel, Carlos; König, Andreas (Hrsg.): Spanien. Mitten in Europa. Frankfurt am Main : IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation 2003 ISBN 3-88939-690-9, 403 S. € 24,90.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Axel Kreienbrink, Osnabrück

Wenn man das Buch von Eberhard Straub zur Hand nimmt, einigermaßen mit der europäischen Geschichte der Neuzeit vertraut ist und vielleicht sogar frühere Titel des Autors kennt [1], erwartet man im ersten Augenblick eine weitere Darstellung von Spaniens „Goldenem Zeitalter“. Doch weit gefehlt, denn das spanische Jahrhundert, das Straub uns näher bringen will, ist das 20. Jahrhundert. Damit stellt das Buch einen Beitrag zum nicht übermäßig reichhaltigen Angebot an deutschsprachigen Überblicksdarstellungen zur spanischen Geschichte dar, der in der Wahl dieses Zeitraums singulär ist.[2]

Straub deutet die spanische Geschichte dieses Zeitraums als eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit den Ideen der Generation von 1898. Das Jahr, in dem Spanien seine letzten überseeischen Kolonien verlor, begriffen als nationales Desaster, wurde von Intellektuellen und Politkern als Tiefpunkt eines spanischen Niedergangs, als Ergebnis eines verfehlten Sonderwegs, als Inbegriff der Krise aufgefasst. Den Ausweg sollten die „regeneración“, die Rückbesinnung auf ein wie auch immer geartetes wahres Spanien, und die „europeización“, die Europäisierung des Landes bringen. Darüber, wie dieser Weg aussehen sollte, gab es jedoch eine Vielzahl von durchaus widerläufigen Ansichten. Straub zeichnet nach, wie diese in den wechselhaften Zeitläufen zwischen Monarchie, Republik, Diktatur und erneuter Monarchie zum Tragen kamen. Die zentrale These, angelehnt an den Philosophen Ortega y Gasset, geht dahin, dass der beständige Versuch einer Vergangenheitsbewältigung bei der Unversöhnlichkeit der einzelnen Positionen keinen Raum dafür ließ, sich über die Notwendigkeiten der Gegenwart zu verständigen. Erst mit dem Versuch während der „transición“, dem Übergang vom Franco-Regime zur parlamentarischen Monarchie, die jüngere Vergangenheit ruhen zu lassen und über Parteigrenzen hinweg den Blick in die europäische Zukunft zu richten, sei die „regeneración“ letztlich gelungen.

Die Entwicklung dorthin wird in neun Kapiteln behandelt, wobei das Schwergewicht auf den ersten vier Jahrzehnten des Jahrhunderts liegt. Das erste Kapitel widmet sich ausführlich den verschiedenen Denkrichtungen des „regeneracionismo“ nach 1898 und verknüpft souverän die ihnen jeweils zugrunde liegenden Auffassungen weltpolitischer Ereignisse, Geisteshaltungen und Geschichtspolitiken. Das zweite Kapitel analysiert mit umfangreichen Rückgriffen auf die Entwicklungen im 19. Jahrhundert die „Suche nach einem geeigneten Staat“ (S. 51), also die Probleme des liberalen Verfassungsstaats, inklusive der Entwicklungen von Regionalismus und Anarchismus. Das dritte Kapitel beschreibt die sukzessive Erosion des Zweiparteiensystems zwischen Liberalen und Konservativen bis zum Ersten Weltkrieg. Dabei kontrastiert der Autor sehr schön die verzerrten Krisenperzeptionen in Spanien mit vergleichbaren Situationen in anderen europäischen Staaten. Die Diktatur von General Primo de Rivera, die Jahre der Republik sowie die Zerstörung der Republik durch politische Auseinandersetzungen und Bürgerkrieg stehen im Mittelpunkt der folgenden Abschnitte. Dabei gelingt es Straub immer wieder prägnant, die Unübersichtlichkeit der vielen politischen Strömungen durchschaubar zu machen, denn „Spanien teilte sich nicht in zwei Blöcke, wie das Schlagwort von den ‚beiden Spanien’ suggeriert, sondern in viele politische Fragmente“ (S. 178f.). Das Ergebnis des Bürgerkrieges, die Diktatur von General Franco, ist Inhalt des siebten und achten Kapitels. Dabei ist ersteres eine Art Systemanalyse des von Franco geschaffenen autoritären „Neuen Staates“ in der Phase des frühen Franquismus. Letzteres hat den mittleren und späten Franquismus im Blickpunkt und beschreibt die Entwicklungen sowohl im sozioökonomischen wie im politischen Bereich als Beginn der Transformation, die den friedlichen Übergang zur parlamentarischen Monarchie nach Franco erst ermöglichte. Diesem Übergang, der „transición“, ist das letzte Kapitel gewidmet, in dem Straub nun eher essayistisch verschiedene Aspekte dieser Phase mit Entwicklungen bis hin zur Gegenwart verbindet. Er charakterisiert Spanien hier als Land, das endlich in der europäischen Normalität angekommen ist – auch wenn es immer auf die eine oder andere Art mit Europa verbunden war.

In einer kraftvollen Sprache, mitunter mit einem Stakkato kurzer Sätze, gelingt es Straub das in der Vielfalt der Problemfelder und Akteure Komplizierte und Verwirrende der spanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts verständlich zu machen. Form und Stil der komprimierten Darstellung bringen jedoch bisweilen die Gefahr mit sich, dass manche Wiedergabe zeitgenössischer Wahrnehmungen oder Positionen als Fakten oder sogar Wertung des Autors genommen werden könnten. Das Buch ist an eine breite Leserschaft gerichtet, nicht nur an ein akademisches Publikum im engeren Sinne. Dementsprechend sind im Interesse der Lesbarkeit und wegen des starken Akzents auf politische Ideen manche Details unberücksichtigt geblieben. So zum Beispiel die innenpolitische Funktion der Entsendung der „Blauen Division“ 1941 zur Entledigung von unzufriedene Falangisten, der abschlägig beschiedene Assoziationsantrag an die Europäische Gemeinschaft 1962 oder die deutlichen Veränderungen in den Europaperzeptionen während der Regierungen von Felipe González und José María Aznar, um nur einige zu nennen. Entsprechend dem Zielpublikum verzichtet Straub, abgesehen von wenigen Zitatbelegen, auf Anmerkungen und auch die Bibliografie ist nur sehr reduziert in Auswahl wiedergegeben. Mancher weiterführende Titel, den man bei der Lektüre deutlich erkennt und der vielleicht auch für ein deutsches Publikum von Interesse gewesen wäre, fehlt.[3] Von daher ist der Band nur bedingt als einführende Literatur zur spanischen Geschichte im Seminarbetrieb geeignet, wohl aber eine äußerst anregende Tour d’horizon zur Politikgeschichte Spaniens.

Dort wo Straub endet, bei Spaniens „Ankunft in Europa“, setzt das von dem Historiker Carlos Collado Seidel und dem Kulturanthropologen Andreas König herausgegebene Buch „Spanien. Mitten in Europa“ an. Es soll dem Verständnis der spanischen Gesellschaft, Kultur und Identität dienen und richtet sich als Beitrag zur interkulturellen Kommunikation laut Klappentext an jene, die sich beruflich oder privat mit Spanien beschäftigen. Dazu werden von insgesamt neun Autoren verschiedener Disziplinen die Bereiche Spanienbilder, Nationalbewusstsein, Wertvorstellungen, soziokulturelle Strukturen, ökonomische Kultur und der Wandel Spaniens zu einem „europäischen“ Land behandelt. Grundsätzlich könnte das Buch damit auch als Beitrag zur Sozialgeschichte Spaniens gelesen werden. So weist Collado Seidel ausdrücklich auf die historischen Prozesse und Ereignisse hin, die die behandelten Aspekte mit geprägt hätten (S. 17). Im Sinne einer „Momentaufnahme“ spricht der Sprach- und Kulturwissenschaftler Karl Braun hier auch vom synchronen Ausdruck diachroner Entwicklungen (S. 144). Erst mit einer Einbettung werden die beschriebenen Vorstellungen und Strukturen jenseits der Deskription interessant. Das gelingt den Autoren des Bandes recht unterschiedlich.

Exzellent sind die (leider anmerkungsfreien) „Überlegungen zu Nation und Nationalbewußtsein“ von Collado Seidel (Kap. 2), der es versteht, historische Entwicklungen, Geschichtsbewusstsein, -vermittlung und -politik im nationalen wie internationalen Kontext auf gegenwärtige Situationen zu beziehen. Die gelungenen Analysen „sozialkultureller Strukturen“ (Kap. 4) betrachten ihren Gegenstand in der Regel als Entwicklungen seit der Zeit des Franquismus bzw. der Demokratisierung. Dazu gehören die Abschnitte zu Geschlechterverhältnissen des Soziologen Dieter Goetze (Kap. 4.6), Jugendkultur der Romanisten/Psychologen Eva R. und René Bendit (Kap. 4.7), zu Familie, Zivilgesellschaft sowie zu Wahlverhalten und politischer Repräsentation der spanischen Historiker Jesús Izquierdo Martín und Pablo Sánchez León (Kap. 4.8, 4.10, 4.11) und Collado Seidels Beitrag zu Religion und Religiosität (Kap. 4.9).

Die Überlegungen der Psychologin Vera Kattermann zu Stierkampf und Männlichkeitskonzepten (Kap. 4.3, 4.4.) sind ohne eine eingezogene Vergleichsebene dagegen unbefriedigend. Hier hätte sich der europäische Kontext angeboten, der übrigens bei den meisten Autoren, anders als der Buchtitel erwarten lässt, kaum eine Rolle spielt. Was sollen Ergebnisse zur Besonderheit der „corrida“ als Gelegenheit, Aggressionen freizulassen oder gesellschaftliche Hierarchien auszulösen, wenn sie nicht gegen analoge Phänomene z.B. in der Fußballarena abgesetzt werden? Und bei den Männlichkeitskonzepten, abgesehen von der unaufgelösten Apostrophierung des „progresismo“ als „AIDS der Linken“ (S. 179), lässt die abschließende Feststellung, dass sich die behandelten Konzepte in vielen Gesellschaften zeigen, die Ergebnisse sehr im Ungefähren. Dass es nicht nur die historische Einbettung sein muss, die Erfolg verspricht, zeigt die dichte Beschreibung und Analyse (nach der Methode von Geertz) zu Festneigung und Genus von Braun (Kap. 4.2). Die Ausführungen zum Personenkonzept von König (Kap. 4.1.) mäandern dagegen seltsam unspezifisch zwischen Aspekten wie Tod, Gewalt, Religion und Kleidung dahin. Königs einleitendes Kapitel zu Spanienbildern (Kap. 1) ist ebenfalls eher unbefriedigend, wenn vieles ohnehin Bekannte nur angetippt und auf ausführlichere Darstellungen anderweitig verwiesen wird. In seinem Kapitel zu Wirtschaftskultur und Wirtschaftskommunikation (Kap. 5) gelingt es ihm dagegen, sehr plastisch Unterschiede zu Deutschland herauszuarbeiten. Dieser Beitrag entspricht dem Ziel des Buches, ggf. auf einen Spanienaufenthalt vorzubereiten. Das letzte Kapitel zum Wandel des ursprünglichen (España profunda) zum europäischen Spanien (España europea) (Kap. 6) nennt König selbst einen „par-force-Ritt“ [sic!] (S. 372), der über die soziale, ökonomische und kulturelle Transformation geht. Er greift dabei verschiedene Aspekte der vorherigen Kapitel wieder auf, aber der Blick in die Anmerkungen lässt das Gefühl zur Gewissheit werden, dass man vieles dieser Kompilation anderswo bereits ausführlicher gelesen hat.[4] - Unabhängig von einer leider nachlässigen Redaktion (fehlerhafte Seitenumbrüche, Fußnoten ohne Text, ständig andere Zitier- und Anmerkungsweisen), fällt somit bei diesem Sammelband das Urteil insgesamt zwiespältig aus.

Anmerkungen:
[1] Straub, Eberhard, Pax et imperium. Spaniens Kampf um seine Friedensordnung in Europa zwischen 1617 und 1635, Paderborn 1980.
[2] In der Regel ist das 20. Jahrhundert Teil von größeren Überblicksdarstellungen wie z.B. bei Bernecker, Walther L.; Pietschmann, Horst, Geschichte Spaniens. Von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, Stuttgart 2000; Bernecker, Walther L., Sozialgeschichte Spaniens im 19. und 20. Jahrhundert. Vom Ancien Régime zur parlamentarischen Monarchie, Frankfurt am Main 1991; Schmidt, Peer, Kleine Geschichte Spaniens, Stuttgart 2002; Bernecker, Walther L., Spaniens Geschichte seit dem Bürgerkrieg, München 1997.
[3] Zum Beispiel García Pérez, Rafael, Franquismo y Tercer Reich. Las relaciones económicas hispano-alemanas durante la Segunda Guerra mundial, Madrid 1994.
[4] Vor allem Bernecker, Walther L.; Dirscherl, Klaus (Hgg.), Spanien heute. Politik - Wirtschaft - Kultur, Frankfurt am Main 1998. Im Jahr 2004 ist eine überarbeitete Neuauflage erschienen.

Zitation
Axel Kreienbrink: Rezension zu: Straub, Eberhard: Das spanische Jahrhundert. Berlin 2004 / Collado Seidel, Carlos; König, Andreas (Hrsg.): Spanien. Mitten in Europa. Frankfurt am Main 2003 , in: H-Soz-Kult, 22.10.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5080>.
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22.10.2004
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