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Titel
Maria von Guadalupe. Wie das Erscheinen der Jungfrau Weltgeschichte schrieb


Autor(en)
Badde, Paul
Erschienen
Berlin 2004: Ullstein Verlag
Umfang
255 S.
Preis
€ 20,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Felix Hinz, Institut für Iberische und Lateinamerikanische Geschichte, Universität zu Köln

Obwohl der Titel darauf schließen ließe, erfährt man in diesem Buch wenig über die Maria von Guadalupe – das Nationalheiligtum Mexikos und den vielleicht größten Wallfahrtsort der Katholischen Kirche – und leider noch weniger darüber, wie sie Weltgeschichte schrieb, sondern vor allem etwas über die Genese des Marienglaubens von Paul Badde. Das ist schade.

Zwar beginnt das kleine Werk viel versprechend mit einer an Richard Nebel (gut!) orientierten kompletten Übersetzung des Nican Mopohua [1], in dem der Mexica Antonio Valeriano im 16. Jahrhundert berichtet, wie die Muttergottes 1531 dem kürzlich heilig gesprochenen Nahua Juan Diego erschienen sei. Doch wird diese Quelle vom Journalisten Badde nicht etwa als Ausgangspunkt einer fruchtbaren und kritischen Auseinandersetzung mit dem Stoff genutzt, sondern gleichsam als ´Beweis´ der tatsächlichen Erscheinung Marias hingestellt. Wenn Badde die Geschichte an sich für wenig aufregend hält, in der die Maria zehn Jahre nach der Conquista Tenochtitláns im ehemals heidnischen Tepeyac einem Indio erschienen sein und den spanischen Bischof durch ihn aufgefordert haben soll, ihr genau dort ein Heiligtum zu errichten, dann erkennt er nicht ihre Tragweite. Diese Forderung war ein kirchenpolitischer Skandal! Die Unterworfenen sollten nach dem Willen der franziskanischen Missionare nichts von ihrer heidnischen Religion retten können. Sie sollten sich lediglich belehren lassen und gehorchen, andernfalls würde Gott für ihre gänzliche Ausrottung sorgen. [2] Allein schon deswegen hätte Fray Juan de Zumárraga OFM, der damalige Bischof Méxicos, von dem Antrag Juan Diegos nichts wissen wollen.

Statt einen genaueren Blick in die Literatur zu werfen, interviewt Badde verschiedene Guadalupe-gläubige Geistliche in Mexiko. Gewichtige Einwände an der Historizität Juan Diegos wie – immerhin – diejenigen des ehemaligen Abtes der Guadalupe-Basilika Guillermo Schulemburg werden vom Autor unkommentiert durch seine Gesprächspartner mit „Ach, der Ärmste!“ abgetan (S. 127).

Auf der anderen Seite verschweigt uns Badde, dass vor Juan Diego noch kein einziger Indianer heilig gesprochen wurde. Ist dies nun vor unserem heutigen Grundsatz der Gleichberechtigung von Geschlechtern, Völkern und Rassen nicht seinerseits ein Skandal? Und liegt es nicht nahe, dass Papst Johannes Paul II. diesem Missstand abzuhelfen bestrebt war und in diesem Zusammenhang als erstes an eine Anerkennung des ohnehin schon so bedeutenden Guadalupe-Heiligtums von México gedacht hat? Was aber die kirchliche Erhebung Juan Diegos für die Indianer im Zeitalter der Globalisierung im Allgemeinen und für Mexiko im Besonderen bedeutet, fragt Badde nicht. Doch wenn man „so nah, wie es überhaupt nur möglich ist“, an die Guadalupe herankommen möchte (S. 229), dann muss man Mexiko, muss man auch die Nahuas und ihre Kultur verstehen. Dazu reichen Kurzaufenthalte in Mexiko-Stadt und die Lektüre von Hugh Thomas [3], auf den sich Badde bisweilen bezieht, nicht aus. Das Heiligtum der Guadalupe auf dem Tepeyac am Ort des ehemaligen Kultortes der Göttin Tonan zu errichten, war eben kein Trick „findiger Franziskaner“ (S. 72), sondern der Versuch halbhispanisierter Nahuas, heidnischen Elementen einen christlichen Rahmen zu verleihen und damit ihr Überleben zu sichern. Die Franziskaner waren vielmehr so entsetzt über derartige Bestrebungen, dass sie anfängliche Experimente, Nahuas als gleichberechtigte Brüder in ihrem Orden aufzunehmen und indianische Priester auszubilden, aufgaben und sie stattdessen als ´Verstockte´ im Glauben betrachteten. Ob es europäischen Katholiken nun gefällt oder nicht: Guadalupe war und ist nicht nur, aber auch Tonan, „unsere Mutter“ – Bis heute. Sie wurde vor der Conquista auch Cihuacóatl oder Ilamatecuhtli genannt, und gemäß Sahagún schrieb man ihr Widrigkeiten wie Armut, Demütigungen und Mühsal zu. Sie war dem Missionar des 16. Jahrhunderts unheimlich. Sie habe auf dem Rücken ein Bündel wie zum Tragen eines Kindes gehabt und sich so unter die Frauen auf dem Markt gemischt. Dort habe sie es liegengelassen, und als die anderen Frauen das ´vergessene´ Bündel genauer betrachteten, hätten sie darin anstatt eines Kindes ein Feuersteinmesser gefunden wie diejenigen, mit denen die Nahuas Menschenopfer – auch Tonan zu Ehren - durchzuführen pflegten. [4]

Um das Phänomen Guadalupe religionshistorisch einordnen zu können, sei auch darauf hingewiesen, dass die Tlaxkalteken beispielsweise ihre Gottheit Toci [5] schon bald unter dem Deckmantel der Hl. Anna verherten. [6] Und das Konvent von Chiautempan (Chalchiuapan, Tlaxcala) musste verlegt werden, weil es die traditionell als heilig verehrte Quelle in seinem Garten bzw. den Kult der Göttin Matlalcueye nicht christlich umzuwerten imstande war. Nach wie vor strömten Pilger zu dem Ort, jedoch nicht nur aus Verehrung des Konvents bzw. des christlichen Gottes, sondern auch, um an der Quelle zu opfern. [7]

Das bedeutet jedoch nicht, dass die heutige Maria-Guadalupe eine synkretistische Monstergöttin ist. Auch die lateinische Sprache der Kurie oder das Händefalten zum Gebet sind ja beispielsweise nicht originär christlich, werden aber so verstanden. Sie hat viele Wandlungen erfahren. Jede Zeit trug ihre Bedürfnisse an sie heran. Ihre Darstellung als das Apokalyptische Weib auf der Mondsichel geht wohl auf die franziskanische Interpretation der Conquista-Geschichte als göttliches Strafgericht über die sündigen Heiden zurück.[8] Mit Quetzalcóatl als vermeintlichem „Mondgott“ (S. 67) hat das jedenfalls nichts zu tun. Wenn Badde die Guadalupe kritiklos als Schlachtenlenkerin von Lepanto schildert (S. 208), so traf dies wohl auf die Sicht der Spanier und Italiener im Zeitalter der Türkenkriege zu, für heutige Christen ist eine solche deuteronomistische Interpretation schwer nachvollziehbar. Es fehlt ein Kapitel über Guadalupe und ihre Bedeutung in der mexikanischen Revolution und für die derzeitige mexikanische Nation. Baddes zutreffende Feststellung, dass Guadalupe die „Seele Mexikos“ sei, ist mit der christlichen Friedensbotschaft allein nicht erklärt (S. 144).

Interessant ist der Vergleich des Bildes der Guadalupe mit dem mindestens ebenso berühmten Turiner Grabtuch (S. 54). Hier begnügt sich Badde nicht mit der Anerkennung des Wunders und geht auch auf den theologischen Diskurs um derartige Reliquien und ihren Kult der Zur-Schau-Stellung ein, indem er den Universalienstreit verständlich zusammenfasst (S. 82ff.). Davon hätte man sich mehr gewünscht. Die langen Exkurse über Orte der Marienverehrung im ehemaligen Jugoslawien, in Spanien, Italien und Jerusalem tragen in der von Badde gebotenen Form wenig zum Verständnis der María de Guadalupe bei. Hier hätte man mit Maurice Halbwachs und seinen Untersuchungen über die Verortung des christlichen Glaubens im Heiligen Land als Geografie des Gedächtnisses [9] aufschlussreiche Parallelen zur religiösen Topografie Mexikos bzw. Neuspaniens anstellen können.

Abschließend muss man daher feststellen, dass Paul Badde sich zwar eines ergiebigen Themas angenommen, die Chance der auch einer breiten Leserschaft zugänglichen Religions- und Kulturanalyse jedoch weitgehend vertan hat. Wer freilich über Maria auf der Suche nach Gott ist, nicht verstehen, sondern nur betrachten und glauben möchte, dem mag das Buch eine Hilfe sein.

Anmerkungen:
[1] Tonantzin, Santa María, Vírgen de Guadalupe. Religiöse Kontinuität und Transformation in Mexiko, Immensee 1992.
[2] Sahagún, Bernardino de, Colloquios y doctrina christiana - Sterbende Götter und christliche Heilsbotschaft. Wechselreden indianischer Vornehmer und spanischer Glaubensapostel in Mexiko 1524. „Colloquios y doctrina christiana“ des Fray Bernardino de Sahagún aus dem Jahre 1564 (span. u. mex. Text mit dt. Übers.), hrsg. von Lehmann, Walter; Kutscher, Gerdt, (Quellenwerke zur Alten Geschichte Amerikas aufgezeichnet in den Sprachen der Eingeborenen III) Stuttgart 1949, 109, Z. 1140-1148.
[3] Hugh, Thomas, Die Eroberung Mexikos. Cortés und Montezuma, Frankfurt am Main 1998.
[4] Vgl. Sahagún, Bernardino de, Historia general de las cosas de Nueva España (versión íntegra del texto castellano del manuscrito conocido como Códice florentino), hrsg. von Austin, Alfredo López; Quintana, Josefina García, 3 Bde, México 2000, lib. I, cap. VI, Bd. 1, S. 74.
[5] Vgl. zu ihr Durán, Diego, Historia de las Indias de Nueva España e Islas de la Tierra Firme, Obras: Bd. 2, México 1967, cap. LXII, in: Obras, Bd. 2, S. 463-466.
[6] Vgl. Nebel, Richard, Altmexikanische Religion und christliche Heilsbotschaft. Mexiko zwischen Quetzalcóatl und Christus (Neue Zeitschrift für Missionswissenschaft, Supplementa Bd. XXXI). Immensee 1983, S. 243.
[7] Vgl. Muñoz Camargo, Diego (?), Suma y epíloga de toda la descripción de Tlaxcala, hrsg. von Andrea Martínez Baracs u. Carlos Sempat Assadourian, Tlaxcala 1994, S. 87, 106f.
[8] Vgl. Hinz, Felix, ´Hispanisierung´ in Neu-Spanien 1519-1568. Transformation kollektiver Identitäten von Mexica, Tlaxkalteken und Spaniern. Im Druck. [Siehe http://www.motecuhzoma.de], Kap. 12.4.
[9] Halbwachs, Maurice, Stätten der Verkündigung im Heiligen Land. Eine Studie zum kollektiven Gedächtnis, Konstanz 2003.

Zitation
Felix Hinz: Rezension zu: Badde, Paul: Maria von Guadalupe. Wie das Erscheinen der Jungfrau Weltgeschichte schrieb. Berlin 2004 , in: H-Soz-Kult, 14.01.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5126>.
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14.01.2005
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