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Titel
Michel Foucault.


Autor(en)
Schneider, Ulrich J.
Erschienen
Darmstadt 2004: Primus Verlag
Umfang
264 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ute Frietsch, Graduiertenkolleg "Geschlecht als Wissenskategorie", Humboldt-Universität zu Berlin

2001 bis 2004 erschienen die Schriften "Dits et écrits" von Michel Foucault in deutscher Übersetzung. [1] Dabei handelt es sich um Aufsätze, Vorträge, Vorworte und Interviews, die der französische Philosoph begleitend zu seinen Hauptwerken lancierte und die aus dem Nachlass 1994 zusammenhängend ediert wurden. Auf der Basis dieses neuen Textbestandes ist die Herausgabe einer neuen Werkbiografie sinnvoll [2], auch wenn die Veröffentlichung der Vorlesungen, die Foucault 1970 bis 1984 am Collège de France hielt, bislang unabgeschlossen ist.

Ulrich Johannes Schneider, Privatdozent für Philosophie an der Universität Leipzig und Leiter der Abteilung Forschungsprojekte an der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, hat eine gut lesbare "intellektuelle Biographie" Foucaults, gerichtet an "allgemein interessierte Leser" (S. 7) geschrieben. Auf diese Werkbiografie wird man sich in Zukunft stützen können.

Schneider würdigt Foucaults denkerische Leistung, indem er sie sachlich benennt. Er zeichnet das jeweilige Erkenntnisinteresse nach, das sich in den Schriften Foucaults artikuliert und bezieht auf diese Weise diskret Position: Foucaults Schriften werden gegen Unterstellungen, Missverständnisse und überzogene Ansprüche verwahrt, indem sie an den jeweils selbst gestellten Aufgaben gemessen werden. Polarisierungen und Grabenkämpfe der 1960er und 1970er-Jahre in Frankreich (insbesondere um Strukturalismus und angeblichen Anti-Humanismus), der 1980er und 1990er-Jahre zwischen deutschen und französischen Philosophen (insbesondere um die Methode der Hermeneutik und um den Status des Subjekts) sowie zwischen Foucault und Historikern (um den adäquaten Umgang mit Quellen sowie das Verständnis von Epochen) werden retrospektiv entdramatisiert und in ihrem argumentativen Wert gesichtet. So bedarf etwa der Vorwurf, Foucault sei bourgeois, aus heutiger Sicht bereits der Rekonstruktion, um erschlossen zu werden. Schneider legt den Akzent auf eine immanente Analyse. Foucaults Methoden (Archäologie, Genealogie, Diskursanalyse) werden aus ihrer immanenten Entwicklung heraus beschrieben und als Entscheidungen kenntlich gemacht. Schneider präsentiert Foucault als einen Denker, der das Prestige des Philosophen aktiv zurückgenommen hat (S. 161), indem er undogmatisch den historischen Quellen den Vorrang gab. Foucaults Denken wird auf diese Weise überzeugend als "Einübung der Philosophie als Forschung" (S. 215) charakterisiert, als Doppelstrategie sowohl historischer Erkenntnis wie begrifflicher Revisionen (S. 213f.).

Schneider wird dem Anspruch an eine Werkbiografie auf vorbildliche Weise gerecht. Er leistet eine äußerst einfühlsame Vermittlungsarbeit, ohne in eine Imitation seines Autors zu verfallen. So wird etwa Foucaults Skepsis gegenüber den Kategorien "Autor" und "Werk" von ihm benannt, ohne dass er sich selbst genötigt sieht, im Aufbau seiner Darstellung von diesen Kategorien Abstand zu nehmen. Angesichts der Komplexität des Gegenstandes ist diese konventionelle Form klug gewählt. Schneider handelt Foucaults Hauptwerke zu Wahnsinn, Klinik, Wissensordnungen, Gefängnis und Sexualität sowie seine Antrittsvorlesung am Collège de France chronologisch und kapitelweise ab. Zusätzlich werden Vorträge und Interviews aus den "Dits et écrits" herangezogen. Ergänzt werden die Werkskizzen durch thematische Kapitel zu Foucaults Umgang mit Literatur, zu seinem Konzept der Macht sowie zu seiner Praxis des Philosophierens. Schneiders Präsentation der behandelten Schriften ist komplex ohne kompliziert zu sein und zudem beeindruckend knapp und philologisch komfortabel. Überarbeitungen und Kürzungen zwischen den Auflagen werden genau benannt, die französische Vorlage und die deutsche Übersetzung werden abgeglichen, man erfährt, wo bestimmte Texte zuerst erschienen (beispielsweise in Italien, Japan, Südamerika), ob sie von Foucault selbst redigiert wurden und welche Schriften bislang teilweise oder vollständig unveröffentlicht sind.

An Vita und Kulturkolorit bietet Schneider wenig. Allerdings arbeitet er mit der Foucault-Biografie von Didier Eribon [3], die nach wie vor sehr zu empfehlen ist, weil sie einen unnachahmlichen Eindruck der intellektuellen Zeitgenossenschaft Foucaults gibt. Auf James Millers Biografie "Die Leidenschaften des Michel Foucault" [4] weist Schneider hin, indem er dessen These, Foucault habe sein Spätwerk aufgrund sexueller Schlüsselerlebnisse neu konzipiert, mit Blick auf die Quellenarbeit Foucaults zurückweist: "Es macht die Miller'sche Hypothese insgesamt unplausibel, einen gelehrten Denker wie Foucault auf persönliche Erfahrungen zu reduzieren, weil man dann behaupten würde, dass die Auseinandersetzung mit den Texten [...] selber keine Erfahrung darstellte." (S. 191) Ebenso lakonisch verfährt Schneider in seinem Kapitel "Philosophieren mit der Maske" mit den Enthüllungen des Schriftstellers und Fotografen Hervé Guibert, die er zu Recht als "faule Vernunft" beurteilt (217f.).[5]

Schneider lenkt den Blick auf Foucaults – zumal für einen Philosophen – singuläre Ausrichtung an Quellen und konzentriert sich auf eine Erläuterung des Verfahrens der "Diskursanalyse" im Unterschied sowohl zum "Kommentar" (S. 47) wie zur "Ideengeschichte" (S. 63, 87, 96). Die Tauglichkeit von Foucaults Ergebnissen zu transponierbaren Modellen betrachtet er gelassen als "gebunden an die Evaluierung eines bestimmten Materials" (S. 130), womit wiederum unangemessene Ansprüche zurückgewiesen werden. Schneider betont jedoch, dass sich bei Foucault "eine neue Beschreibung der sozialen Wirklichkeit" ankündige (S. 170) und dass seine Machtanalytik einen neuen Ansatz vorbereite, "der im Grunde das ganze Feld der ethischen und sozialen Probleme betrifft" (S. 178). Besonders subtil ist Schneiders Spekulation, dass die methodische Offenheit Foucaults seinem Verständnis von literarischem Sprechen als "Alternative" geschuldet gewesen sein könnte (S. 160). In Schneiders Darstellung zeichnet sich eine Erläuterung der Foucaultschen Denkbewegung aus der Entgegensetzung von ontologischem Denken der Sprache und biologischem respektive anthropologischem Denken ab, die allerdings nicht interpretierend durchdrungen wird. Im Nachvollzug der chronologischen Linie gelingt es Schneider jedoch mit Leichtigkeit, die Kohärenz sowie das skrupulöse philosophische und das gesellschaftspolitische Ethos der Foucaultschen Arbeit zu verdeutlichen.

Zwischen einer Einordnung des Denkers Foucault im Sinne kurzlebiger Etiketten und einer Unterwerfung unter dessen kapriziöse Selbstinterpretationen hält Schneider geschickt und argumentativ konzentriert die Mitte. Er konfrontiert Foucaults Ansätze in kurzen Strichen mit den Konzepten zahlreicher anderer Denker (Derrida, Jaspers, Sartre, Merleau-Ponty, Dumézil, Marcuse, Barthes, Bourdieu, Elias, Baudrillard, Duerr, Hobbes, Spinoza, Habermas, Honneth, Werner Jaeger), wobei er gelegentlich einen fiktiven Dialog entspinnt. Über einen kurzen Schlenker zu Gilles Deleuzes visionärer Foucault-Interpretation mündet seine Darstellung in eine selektive Skizze aktueller Anschlüsse. Es werden insbesondere Arbeiten von Pierre Macherey, John Rajchman, Wilhelm Schmid, Thomas Lemke und Judith Butler hervorgehoben. Ein Literaturverzeichnis führt (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) Schriften von Foucault an sowie im Zusammenhang einschlägige Schriften anderer AutorInnen. Ein Begriff- und Sachregister zusätzlich zum vorhandenen Namenregister fehlt und wäre sinnvoll.

Anmerkungen:
[1] Foucault, Michel, Schriften. Dits et écrits, 4 Bände, herausgegeben von Daniel Defert und François Ewald unter Mitarbeit von Jacques Legrange, Band 1: 1954-1969, Band 2: 1970-1975, Band 3: 1976-1979, Band 4: 1980-1988, Frankfurt am Main 2001-2004.
[2] Zuvor auf deutsch erschienen unter anderem: Kögler, Hans Herbert, Michel Foucault, Stuttgart, Weimar 1994 (diese durchaus brauchbare werkbiografische Untersuchung wird von Schneider nicht angeführt); Fink-Eitel, Hinrich, Foucault zur Einführung, Hamburg 1989.
[3] Eribon, Didier, Michel Foucault. Eine Biographie, Frankfurt am Main 1991; sowie: Eribon, Didier, Foucault und seine Zeitgenossen, München 1998.
[4] Miller, James, Die Leidenschaften des Michel Foucault. Eine Biographie, Köln 1995.
[5] Guibert, Hervé, Der Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat, Hamburg 1991.

Zitation
Ute Frietsch: Rezension zu: Schneider, Ulrich J.: Michel Foucault. Darmstadt 2004 , in: H-Soz-Kult, 24.02.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5648>.
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24.02.2005
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