C. Sanz Díaz: "Clandestinos", "Ilegales", "Espontaneos"

Titel
"Clandestinos", "Ilegales", "Espontáneos". La emigración ilegal de españoles a Alemania en el contexto de las relaciones hispano-alemanas, 1960-1973


Autor(en)
Sanz Díaz, Carlos
Umfang
128 S.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Axel Kreienbrink, Referat Migrations- und Integrationsforschung, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Nürnberg

Innerhalb der Literatur zur „Gastarbeiter“-Migration nach Deutschland nimmt die Beschäftigung mit der Zuwanderung aus Spanien nur einen nachgeordneten Rang ein. Auch wenn sie in den Anfangsjahren zahlenmäßig bedeutend war, wurde die Gruppe der Spanier durch die späteren Anwerbungen in Jugoslawien und vor allem in der Türkei schnell in den Schatten gestellt. Zudem galten Spanier gemeinhin als problemlos und unauffällig, so dass sie nur wenig in den Fokus von sozialwissenschaftlichen Untersuchungen gerieten.[1] Umgekehrt ist auch in Spanien die so genannte „emigración económica“ in die Bundesrepublik Deutschland bisher nicht in dem Maße bearbeitet worden, wie dies für Frankreich der Fall ist.[2] Für beide Staaten gilt, dass sich die historische Migrationsforschung erst seit relativ kurzer Zeit darum bemüht, diese Epoche auf breiter Quellenbasis zu erforschen.[3]

In diesen Forschungsstrang gehört Carlos Sanz Díaz mit seinem schmalen Band, der 2003 von der spanischen Kommission für die Geschichte der internationalen Beziehungen (Comisión Española de Historia de las Relaciones Internacionales) mit dem ersten Preis für junge Historiker ausgezeichnet worden ist. Seine Arbeit steht im Zusammenhang einer in Kürze abzuschließenden Dissertation, die verschiedene Aspekte der deutsch-spanischen Beziehungen in den 1950er und 1960er-Jahren untersucht. Hier behandelt Sanz Díaz das Phänomen der irregulären Migration spanischer „Gastarbeiter“ und ihre Auswirkungen auf die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Spanien. Vom Ansatz her sollen dabei Migrationsgeschichte und die Geschichte der internationalen Beziehungen miteinander verbunden werden, um damit gewisse Ursache-Wirkungs-Beziehungen aufzudecken. Der Autor folgt damit einigen älteren französischen Ansätzen, die sich aber problemlos in das umfassendere, von Klaus J. Bade formulierte Postulat der sozialhistorischen Migrationsforschung inkorporieren lassen.[4]

Sanz Díaz kommt es darauf an zu zeigen, wie Tausende von individuellen Migrationsentscheidungen ein Problem in den bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Spanien schufen und die Migranten damit zu Akteuren in den internationalen Beziehungen wurden; sie beeinflussten die Außenpolitik sowohl des Herkunfts- als auch des Ziellandes (S. 13). Zudem will er einen „Mythos“ zerstören, den es in Spanien analog zur deutschen Vorstellung der Problemlosigkeit der spanischen Migration gibt und der angesichts der gegenwärtigen Einwanderungssituation in Spanien von Interesse ist: dass die Spanier damals nur geordnet und legal mit einem Vertrag in der Tasche das Land verlassen hätten. Sanz Díaz macht dagegen deutlich, dass irreguläre oder illegale Migration schon zu jenen Zeiten existierte und durchaus zentral war. Als Gründe für diese Art der Migration nennt er vier Gesichtspunkte: a) Vorteile für die Migranten; b) die Unfähigkeit des franquistischen Regimes, diese Art der Migration trotz wiederholter Versuche zu verhindern; c) die Anreize, die die deutsche Wirtschaft lieferte, vor allem die industriellen Arbeitgeber und das Wirtschaftsministerium; d) die Nachsichtigkeit in Fragen der Einwanderung, vor allem seitens des Arbeitsministeriums und der Bundesanstalt für Arbeit (BAA) (S. 15).

Sanz Díaz kann seine Thesen sehr anschaulich belegen, gestützt auf eine breite Quellenbasis der spanischen und der deutschen Ministerial- und Arbeitsverwaltung. Zunächst gibt er einen Überblick zum Umfang und Verlauf der spanischen „Gastarbeiter“-Wanderung und erläutert die verschiedenen Migrationswege im Rahmen der nach spanischem Recht so genannten „betreuten Auswanderung“ (emigración asistida) und der „unbetreuten“ (emigración no asistida), die in einigen Jahren bis zu einem Drittel der spanischen Zuwanderung ausmachte. Der erste Weg, der für Spanien der einzig gültige war, bedeutete die formale Anwerbung in Spanien entsprechend des Anwerbevertrages von 1960 über die deutsche Anwerbekommission und das Institut Español de Emigración (IEE). Der zweite Weg führte über die Beantragung eines Arbeitsvisums bei der Botschaft in Madrid. Zudem gab es die Möglichkeit, als Tourist nach Deutschland einzureisen und vor Ort eine Regularisierung der Situation mit den notwendigen Genehmigungen zu erreichen (dritter Weg). Der letzte Weg schließlich war die Einreise als Tourist, um ohne die notwendigen Genehmigungen illegal in Deutschland zu arbeiten.

Im Folgenden arbeitet Sanz Díaz detailliert die Motive spanischer Migranten für die „nicht betreute Auswanderung“ heraus (erhöhte Schnelligkeit im Vergleich zur Anwerbung über das IEE; größere Flexibilität; alternativer Weg nach Ablehnung durch das IEE oder die deutsche Anwerbekommission) sowie den Missbrauch durch Schleuserorganisationen. Von besonderem Interesse ist schließlich die Analyse der politischen Auseinandersetzung zwischen Spanien und Deutschland um diese Fragen. Deutlich wird dabei, dass die Definition von „Illegalität“ auf beiden Seiten entsprechend der jeweiligen Interessen sehr unterschiedlich war. Spanien wollte aus seinem Kontrollinteresse heraus nur den ersten Weg akzeptieren, wenngleich es innerhalb der spanischen Regierung auch liberalere Sichtweisen zur Auswanderung gab. Die Bundesrepublik hingegen beharrte erfolgreich auf der Möglichkeit auch des zweiten Weges, obwohl die beteiligten Ministerien und die BAA hier ebenfalls zeitweise in ihren Ansichten divergierten. Das Problem blieb der dritte Weg, der durch Netzwerke in Deutschland arbeitender Spanier und das Interesse der deutschen Kapitalseite nach zügiger Anwerbung gefördert wurde. 1963 erleichterte sogar das Bundesinnenministerium diese nach heutigem Verständnis illegale Zuwanderung. Der spanischen Seite waren wegen der allgemeinen wirtschaftspolitischen Bedeutung der Auswanderung und aus übergeordneten politischen Interessen letztlich die Hände gebunden, rigoros dagegen vorzugehen. Abgesehen davon hätte Madrid nicht die Mittel besessen, eine solche Politik durchzusetzen, zumal sich Bonn gegenüber den spanischen Kontrollinteressen unnachgiebig zeigte.

Sanz Díaz selbst weist darauf hin, dass diese Studie auch als Spiegel für das heutige Spanien gelesen werden kann. Mit seinen Ergebnissen lässt sich die vergangene Migration der eigenen Bevölkerung nicht einfach in eine Gegenposition zu den heutigen illegalen und irregulären Einwanderungen auf der iberischen Halbinsel bringen. Für Deutschland stellt die Studie ebenso einen Spiegel dar, bedenkt man die Vorwürfe vergangener Jahre an die südeuropäischen Staaten, sie gingen zu lax mit ihren Einwanderungskontrollen um. Dabei waren es nicht zuletzt ökonomische Interessen, die sie – wie die Bundesrepublik Jahrzehnte zuvor – flexibel mit ihren Einwanderungsrestriktionen umgehen ließen.[5]

Carlos Sanz Díaz’ Studie ist äußerst lesenswert; nur die seitens des Verlages in schlechter Qualität eingefügten Grafiken stellen einen leichten Wermutstropfen dar.

Anmerkungen:
[1] Vgl. die Literaturangaben in Kreienbrink, Axel, Aspectos da inmigración española, portuguesa e iberoamericana en Alemaña, in: Estudios Migratorios. Arquivo da Emigración Galega 10 (2000), S. 109-129.
[2] Rubio, Javier, La emigración española a Francia, Barcelona 1974; Parra Luna, Francisco, La emigración española en Francia 1962-1977, Madrid 1981. Siehe jüngst auch die Beiträge im Themenheft der Zeitschrift Hispania. Revista española de Historia 62/2, Nr. 211 (2002).
[3] Siehe z.B. Schönwälder, Karen, Einwanderung und ethnische Pluralität. Politische Entscheidungen und öffentliche Debatten in Großbritannien und der Bundesrepublik von den 1950er bis zu den 1970er Jahren, Essen 2001 (rezensiert von Imke Sturm-Martin: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-1-200>); Sonnenberger, Barbara, Nationale Migrationspolitik und regionale Erfahrung. Die Anfänge der Arbeitsmigration in Südhessen 1955-1967, Darmstadt 2003 (siehe dazu meine Rezension: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-3-041>). Auf spanischer Seite vgl. u.a. Fernández Asperilla, Ana, La emigración como exportación de mano de obra. El fenómeno migratorio a Europa durante el franquismo, in: Historia Social 30 (1998), S. 63-81; Farré, Sebastián, Spanische Agitation. Emigración española y antifranquismo en Suiza, Madrid 2001; Babiano Mora, José; Fernández Asperilla, Ana, El fenómeno de la irregularidad en la emigración española de los años sesenta, Madrid 2002.
[4] Bade, Klaus J., Sozialhistorische Migrationsforschung, in: Hinrichs, Ernst; van Zoon, Henk (Hgg.), Bevölkerungsgeschichte im Vergleich. Studien zu den Niederlanden und Nordwestdeutschland, Aurich 1988, S. 63-74; Ders., Historische Migrationsforschung, in: Oltmer, Jochen (Hg.), Migrationsforschung und Interkulturelle Studien. Zehn Jahre IMIS, Osnabrück 2002, S. 55-74.
[5] Vgl. dazu Kreienbrink, Axel, Einwanderungsland Spanien. Migrationspolitik zwischen Europäisierung und nationalen Interessen, Frankfurt am Main 2004.

Zitation
Axel Kreienbrink: Rezension zu: Sanz Díaz, Carlos: "Clandestinos", "Ilegales", "Espontáneos". La emigración ilegal de españoles a Alemania en el contexto de las relaciones hispano-alemanas, 1960-1973. Madrid 2004 , in: H-Soz-Kult, 14.04.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5913>.
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14.04.2005
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