C. Brinker-von der Heyde u.a. (Hgg.): Familienmuster - Musterfamilien

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Titel
Familienmuster - Musterfamilien. Zur Konstruktion von Familie in der Literatur


Hrsg. v.
Brinker-von der Heyde, Claudia; Scheuer, Helmut
Erschienen
Frankfurt am Main 2004: Peter Lang/Frankfurt am Main
Umfang
239 S.
Preis
€ 37,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Joachim Linder, München

Der Band dokumentiert eine Ringvorlesung. Was Hörerinnen und Hörern im Wochenrhythmus geboten wurde, waren ohne Zweifel anregende Ausführungen zu einem "Gang durch die Jahrhunderte vom Mittelalter bis in die Gegenwart an ausgewählten Texten" (S. 12), in denen Familien thematisiert, Familienkonflikte inszeniert und/oder familiäre Niedergänge protokolliert werden. Leider wird jedoch durch Claudia Brinker-von der Heydes knappe "Einführung" (S. 7-12) zur Konzeption des Bandes und zur Einordnung in die Forschungslandschaft nur mitgeteilt, dass man keinen erschöpfenden Überblick erwarten dürfe. Zunächst (ohne mich an ihre Anordnung im Band zu halten) sei hier auf einzelne Beiträge eingegangen, die allesamt in gut zugänglicher Form Expertenwissen ausbreiten. Im Zentrum des Bandes stehen vier Beiträge zum 'bürgerlichen Familienbild' des 19. und frühen 20. Jahrhunderts:

Matthias Luserke-Jaqui analysiert Heinrich von Kleists Die Familie Schroffenstein. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen (EA: 1803, UA: 1804) als "Begegnung eines lesenden Kopfes aus dem späten 20."[1] bzw. frühen 21. Jahrhundert mit einem Text des frühen 19. Jahrhunderts (S. 113-133). Die Väter, die ihre Kinder zu Tode bringen, richten ihren Furor gegen die Fortdauer der Familie, das sieht man bei Kafka wie bei Kleist, wo "Familienbindung" als "verlässlicher sozialer Wert an sich" zur Disposition gestellt ist (S. 121). Kleists Trauerspiel wird aber auch in den Kontext der Familien-Dramen des Sturm und Drang gestellt, in denen die "Präsentation von Dysfunktionen wichtiger ist als die Darstellung gesellschaftlicher Affirmation" (S. 132). Die Rückkehr zur Harmonie durch die Wiedereinsetzung des höchsten Werts der Familienbindung ist bei Kleist abgeschnitten: "die Musterfamilie von Schroffenstein erweist sich als Schreckbild einer zukunftslosen Gesellschaft" (S. 133), in der das Vaterwort mit Gesetz und Gewalt identifiziert wird.

Walter Erhart (S. 161-184) liest Thomas Manns Roman Buddenbrooks. Verfall einer Familie (1901) als Arbeit an den Mythen verfallender Familien. Die Hoffnung der Väter (Jean, Johann und Thomas Buddenbrook) auf Fortführung der Verbindung von Geschäft und Familie wird ohne deren aktives Zutun enttäuscht. Nicht gewaltsame Unterbrechung, sondern Degeneration,[2] die im frühen Tod Hannos Höhepunkt und Abschluss findet, verhindert Dauer. Erhart beschreibt die Ablösung der Familienmythen gleichsam als gegenseitige Dekonstruktion: Die Idealisierung der Großfamilie der Vergangenheit, die der 'Modernisierung' zum Opfer gefallen ist, wird im fin de siècle durch einen Degenerationsmythos ersetzt, so dass die Familie nicht durch den großen Konflikt zerfällt, sondern gerade dadurch, dass sie immer zusammenhält und sich um den jeweiligen 'Chef' versammelt (S. 172). Das Festhalten an der männlichen Nachfolge und dem Familienverband wird nun zur Ursache für den (so oder so unvermeidlichen) Zerfall.

Thomas Anz (S. 185-200) erinnert die gegenwärtige Diskussion über Vaterlosigkeit und ihre angeblich schädlichen Folgen für Familien und Gesellschaft daran, dass "der Vater im Umkreis des Expressionismus zur zentralen Metapher sozialer Machtverhältnisse wird", die "für die Kulturgeschichte antiautoritärer Bewegungen im 20. Jahrhundert wegweisend" geblieben sei (S. 194f.). Der Bachofenschen Teleologie (Promiskuität – Mutterrecht – Patriarchat) stellt Anz die "sozialhistorisch argumentierenden Genealogie" der Geschlechterverhältnisse bei Otto Gross gegenüber (S. 190f.), aber auch die Abrechnung mit der Vätergewalt in literarischen Texten von Kafka, Werfel, Hasenclever u.a. Die "restaurativen Tendenzen" (S. 187) im heutigen Gebrauch des Schlagworts kontert Anz mit dem Blick auf die 'Pop-Literatur', die sich zwar in Abgrenzung von der Gesellschaftskritik der '68er' definiere, aber an der "positiven Re-Mystifikation" der Väter desinteressiert sei (S. 200).

Helmut Scheuers Beitrag (S. 135-160) wirft ein Schlaglicht auf die (intellektuellen) Diskussionen des Leitbilds in Wilhelm Heinrich Riehls Die Familie (EA 1855 mit zahlreichen Nachauflagen). In Riehls Ideologie der "Selbstbeschränkung und Selbstbescheidung" wird die Familie zum Rückzugsraum, der sich vom Staat abgrenzt (Autorität und Pietät vs. Macht und Recht, Landes'vater' vs. Familienvater), und so erst zum Sozialisationsraum werden kann. Die 'sittliche Bildung' wird der Familie, also der Autorität des Vaters zugewiesen und setzt auf emotionale Bindungen. Scheuer kontextualisiert: Er bezieht Riehls Konzeptionen auf die literarischen Inszenierungen in Familien- und Kaufmannsromanen, auf das neue Medium der Familienzeitschriften, die das Harmoniemodell der Familie (freilich mit Anleihen bei der Empfindsamkeit) in zahlreichen Varianten inszenieren und in Markt- und Lesesegmenten am Leben erhalten, die von Realismus, Naturalismus und früher Moderne nur am Rande tangiert werden.

Es wäre ungerecht, auf Lücken hinzuweisen, die bei der Anlage des Bandes unumgänglich sind, statt dessen ist auf die hohe Verweisdichte hinzuweisen, die sich zwischen den Beiträgen zum 19. und frühen 20. Jahrhundert fast zwangsläufig ergibt, die aber nicht thematisiert wird (und wäre es nur durch Personen- und Sachregister). Vergleichbares stellt sich bei den Beiträgen zur Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit für mich nicht ein, auch wegen der größeren zeitlichen Distanzen zwischen den thematisierten Texten. Claudia Brinker-von der Heydes Überblicksartikel behandelt "Familienmodelle im Mittelalter" (S. 13-30) u. a. im Hildebrandslied sowie in Wolfram von Eschenbachs Parzival und Willehalm, in denen Familien-, Welt- und "(Un)Heilsgeschichte" zusammenfallen (S. 25); Elisabeth Schmid rekonstruiert (mit Hilfe der Ethnopsychoanalyse) Freundschaft, Adoleszenz und Familiengründungen in Konrad von Würzburgs Engelhard (S. 31-49). Maria E. Müller orientiert sich am "Chronotopos des Hauses" (und seiner Modellierung bei Freud), um den Rückzugsraum der Familie und die "Leichen im Keller" in Texten der frühneuzeitlichen Literatur zu identifizieren (S. 51-89). Thomas Strässles Aufsatz über das 'gnädige Gelingen' der Vatersuche in Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch (S. 91-112) beschließt die Beispielreihe aus Mittelalter und Früher Neuzeit

Die beiden letzten Beiträge des Bandes beschäftigen sich mit Medienerzeugnissen der Gegenwart: Ulf Abraham liest die Harry-Potter-Saga (S. 225-239) als ein "Fest für Leseförderung" (S. 235), mit dem an die traditionelle Stellung des Romans als Medium über und für die Familie angeknüpft werde. Die Analyse einerseits, Leserumfragen andererseits lassen ihn zu dem (hoffnungsfroh klingenden) Schluss kommen, dass in der Lektüre der Potter-Romane die "soziale Grundkategorie [...] der bürgerlichen Familie" im Hegelschen Sinne 'aufgehoben' würde (S. 239). Lothar Mikos handelt über "Fernsehfamilien" (S. 201-224) in einem Überblick, der Filme und Serien des deutschen Fernsehens seit seinen Anfängen anspricht und behauptet, dass nur "ein Thema", nämlich die Familie (als "sozialpsychologische" Kategorie) mit der "formalen Struktur" der Serie vereinbar sei (S. 206): Wenn man das hinnimmt, dann hat man es mit einer weiteren Aufhebung zu tun, der mit Milos' (plausibler) Beobachtung der formatübergreifenden 'Melodramatisierung' der Alltagsrepräsentationen im Fernsehen zu verbinden wäre. Doch der Beitrag verzettelt sich und reanimiert am Ende noch die alte Geschlechterdichotomie mit der Behauptung, dass die 'Identifikationsangebote' von Serien und soaps vor allem von Frauen genutzt würden, die hier ihre "Wünsche, Sehnsüchte und Phantasien" wieder fänden (S. 223).

So endet der Band mit kaum verhohlenen Absagen an die (literarhistorische) Moderne: Das ist weder originell noch unzulässig, aber kontextualisierungs- und diskussionsbedürftig. Doch der in der Einleitung avisierte 'Gang durch die Jahrhunderte' schreitet bis dahin ausschließlich deutschsprachige Literatur ab und endet – sieht man von vereinzelten Rand- und Schlussbemerkungen ab – im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. Jeder Hinweis auf Familienthematisierungen in den Literaturen des 'Dritten Reiches' und des Exils, der BRD und der DDR unterbleibt – auch in der Einleitung. Wer "einführende Lektüre" (S. 12) sucht, wird sich am Ende wundern über das Nebeneinander von hochinformativen Einzelbeiträgen und konzeptioneller Unbeholfenheit, mit der schon am Anfang des Bandes die Dauer der Familie beschworen wird, die "in allen Kulturen und zu allen Zeiten" als "zentraler Ort interaktiv gelebter Gemeinschaft" gegolten habe, "auf die der Mensch [...] angewiesen ist, will er nicht seinen Halt, seine Orientierung und Beziehungsfähigkeit verlieren" (S. 8).[3]

Anmerkungen:
[1] von Matt, Peter, Verkommene Söhne, mißratene Töchter. Familiendesaster in der Literatur, München 1995, S. 179. Peter von Matts Buch ist selbstverständlich als 'Referenzlektüre' aller Beiträge des vorliegenden Bandes mitzuführen.
[2] Ob hier ein latenter Bezug auf Gustav Freytags Kaufmannsroman Soll und Haben (1855) zu lesen ist (Einheirat als Verschiebung der Sukzession auf die weibliche Linie), bleibt offen.
[3] Orientierung verweigert der Band auch durch den Verzicht auf die sonst üblichen bio-bibliographischen Notizen zu den Beiträgerinnen und Beiträgern.

Zitation
Joachim Linder: Rezension zu: Brinker-von der Heyde, Claudia; Scheuer, Helmut (Hrsg.): Familienmuster - Musterfamilien. Zur Konstruktion von Familie in der Literatur. Frankfurt am Main 2004 , in: H-Soz-Kult, 12.05.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6042>.
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12.05.2005
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