E. Wirbelauer (Hg.): OGL Antike

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Titel
Antike.


Hrsg. v.
Wirbelauer, Eckhard
Erschienen
München 2004: Oldenbourg Verlag
Umfang
526 S.
Preis
€ 34,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Hartmann, Geschichts- und Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

An Einführungen sowohl in die Inhalte als auch die Methoden der Alten Geschichte besteht gewiss kein Mangel.[1] Dennoch bietet das OGL Antike nicht mehr vom Gleichen: Als Hybrid von Überblicksdarstellung und Einführung in die Technik des wissenschaftlichen Arbeitens, durch ein dezidiertes Abrücken von einem bloß chronologisch-ereignisgeschichtlichen Zugriff hin zu einem strukturgeschichtlich-anthropologischen, schließlich durch die Einbeziehung von Rezeptions- und Forschungsgeschichte prägt es ein unverwechselbar eigenes Profil aus.

Auf eine kurze Einführung, in der Hans-Joachim Gehrke gewissermaßen eine Apologie des Studiums der Alten Geschichte liefert, folgt ein auf 90 Seiten komprimierter ereignisgeschichtlicher Abriss, der freilich nicht uneingeschränkt als gelungen bezeichnet werden kann. Wohl dient - wie im gesamten Buch - vorzügliches Karten- und Bildmaterial der Veranschaulichung und sehr nützlich sind auch die den einzelnen Kapiteln vorangestellten Zeittafeln, die jedoch für Hellenismus und Spätantike zu umfangreich ausgefallen sind, als dass der Studienanfänger eine schnelle Orientierung über wirklich zentrale Ereignisse erhielte. Die Behandlung der Römischen Republik ist etwas stiefmütterlich ausgefallen: So werden weder die Ständekämpfe noch die Gracchen explizit behandelt, Kenntnisse über letztere jedoch in einer beiläufigen Bemerkung vorausgesetzt (S. 68). Manchmal führt die starke Verkürzung zu missverständlichen Formulierungen, etwa wenn der Eindruck erweckt wird, römische Bürger hätten sich überhaupt nicht durch Steuerleistung an den Kosten des Reiches beteiligt (S. 71, 77).[2] Gerade die lobenswert zahlreichen Querverweise offenbaren auch, dass durch die Trennung von Ereignis- und Strukturgeschichte Zusammengehöriges oft zerrissen wird: Das OGL bietet sich für auszugsweise Lektüre nur bedingt an.

Generell ist freilich zu fragen, welcher Klientel mit einem derartigen Abriss überhaupt gedient sein soll: Ein ereignisgeschichtlicher Überblick ist in einem solch engen Rahmen wohl nicht hinlänglich zu leisten; die Obergrenze einer noch als sinnvoll zu bezeichnenden Komprimierung scheint mir mit dem Studienbuch von Gehrke und Schneider erreicht.[3] Wer es ganz kurz haben möchte, ist mit einer Darstellung aus einem Guss, wie etwa Gehrkes Kleiner Geschichte der Antike besser bedient.[4] Wo ein möglicher Ausweg hätte liegen können, zeigt Jochen Martins Abschnitt über die Spätantike: Ein fast vollständiger Verzicht auf die Faktografie ermöglicht einen strukturgeschichtlichen Zugriff, der wenn auch nicht eine detaillierte Kenntnis, so doch ein grundlegendes Verständnis der Epoche befördert. Der Beitrag Martins steht in seiner Eigenart jedoch bereits dem historisch-anthropologischen Teil des Buches nahe, und so muss man konstatieren, dass es wohl besser gewesen wäre, zur Gänze auf einen ereignisgeschichtlichen Abschnitt zu verzichten, dafür aber den strukturgeschichtlichen entsprechend zu erweitern. Derartiger Gestaltungsspielraum stand freilich dem Herausgeber des Bandes nicht offen, der sich diesbezüglich an ein von der Reihe vorgegebenes Konzept zu halten hatte.

Ein erster Abschnitt zur Technik des historischen Arbeitens führt anschließend elegant an grundsätzliche wissenschaftstheoretische Problematiken, spezifisch althistorische Fragestellungen und die Interpretation antiker Quellen am Beispiel eines fiktiven Referates über das Kolosseum heran. Es folgt der zweite Großteil des Buches, der systematisch den antiken Menschen in seiner natürlichen Umwelt, seinen familialen Nahbeziehungen, seinen politischen Vergemeinschaftungen, seinen religiösen Vorstellungen und seiner Selbstwahrnehmung im Spiegel von Literatur und bildender Kunst vorstellt. Hier wird das OGL seinem Anspruch, eine Einladung in die Antike zu sein, in hervorragender Weise gerecht. Dennoch fallen einige Auslassungen ins Auge: So bleiben Krieg und Militär auch im Kapitel "Internationale Beziehungen" fast völlig ausgeblendet. Dies entspricht den Präferenzen unserer Gegenwart, verzerrt aber entschieden die historischen Gegebenheiten. Der Historiker kann Krieg und Gewalt als nur allzu effektive politische Gestaltungsmittel nicht ausblenden, zumal wenn man die Häufigkeit von Kriegen, aber auch den Anteil der Kosten für das Militär an den staatlichen Haushalten in der Antike bedenkt. Auch über das Phänomen der Herrscherkulte hätte man gerne mehr gelesen. Der Versuch, auf 20 Seiten einen Überblick über die antike Literaturgeschichte zu geben, gerät zwangsläufig zu einer tour de force: Weniger wäre hier wohl mehr gewesen. Ein abschließendes Kapitel erschließt antike Kunst als historische Quelle für Lebenswelten und Mentalitätsgeschichte, nicht ohne die damit verbundenen Probleme anzureißen. Dabei hätte jedoch das grundsätzliche methodische Problem des Verhältnisses von Text- und Bildquellen deutlicher erörtert werden sollen: Die Symposiendarstellung auf der im Buch als Beispiel angeführten attischen Trinkschale etwa wäre weder in ihren Details (Kottabos-Spiel!), noch hinsichtlich ihres gesellschaftlichen Kontextes ohne Heranziehung literarischer Quellen überhaupt verständlich.

In einem zweiten Technikabschnitt werden die unterschiedlichen Quellengattungen der Alten Geschichte vorgeführt. Hier ergibt sich zunächst einmal das Problem von erheblichen inhaltlichen Dopplungen zwischen den Beiträgen von Martin Zimmermann und Mischa Meier in Bezug auf den rhetorischen Charakter der antiken Literaturproduktion einerseits und zwischen dem bereits angeführten literaturgeschichtlichen Überblick und Meiers Darlegungen über literarische Quellen abseits der Geschichtsschreibung andererseits. Zimmermanns Behauptung, dass "die Absicht, eine wissenschaftliche Darstellung im Sinne einer objektiven Sicht auf die Dinge zu verfassen, [...] sich [in der antiken Historiografie] in keinem Fall nachweisen" lasse, scheint mir überzogen: Gerade die Absicht wird ja häufig geäußert und tatsächlich argumentiert schon Herodot in einem geradezu klassischen Beispiel von Quellenkritik gegen die Glaubwürdigkeit Homers.[5] Nicht ohne Zufall findet sich das gewöhnlich mit dem Namen Leopold von Rankes verbundene Zitat über die Aufgabe der Geschichtsschreibung fast wörtlich bereits bei Lukian.[6] Dass die antiken Geschichtsschreiber weder über die technischen Ressourcen, noch den Professionalisierungsgrad ihrer modernen Nachfahren verfügten, darf nicht den Blick darauf verstellen, dass die Entwicklung einer "wissenschaftlichen" Geschichtsschreibung ohne diese antiken Grundlagen nie eingetreten wäre, wie gerade der Vergleich mit außereuropäischen Geschichtskulturen lehrt.[7]

Das dritte Großkapitel widmet sich dem Vorgehen der Forschung, wobei einerseits wichtige Forschungsfelder ("Macht und Herrschaft", "Identität und Alterität", "Geschlecht und Geschlechterdiskurs") exemplarisch vorgestellt werden, andererseits auch der Rezeptionsgeschichte breiter Raum gewährt wird. Als gerade für den Studienanfänger wenig hilfreich ist hier jedoch der Abschnitt zur Rezeption des Römischen Rechtes von Christian Körner anzusprechen, denn an keiner Stelle wird expliziert, welche seiner Elemente denn nun konkret aufgenommen wurden oder wo gegebenenfalls noch heute antikes Erbe in unseren Rechtssystemen kenntlich ist. Die reine Aufführung von Kommentarien und Schultraditionen nützt dem nicht rechtshistorisch vorbelasteten Leser wenig. In Eckhard Wirbelauers Ausführungen zur Geschichte des Papsttums hätte eine eingehendere Behandlung der Konstantinischen Schenkung nebst den Pseudo-Isidorischen Dekretalen die Möglichkeit geboten, exemplarisch den bisweilen überaus kreativen Charakter europäischer Antikenrezeption deutlich zu machen.[8] Die Darlegungen zur nachantiken Geschichte des Papsttums sind in ihrer Kürze mindestens diskussionswürdig: Die Annahme des Titels vicarius Christi etwa kann schon deswegen keine grundsätzlich neue Qualität in der Auffassung des Papsttums anzeigen, weil sie - wie auch die Bezeichnung vicarius Dei - seit der Spätantike immer wieder auf alle Bischöfe und Priester und ebenso auf den weltlichen Herrscher angewandt wurde.[9]

In einem letzten Abschnitt zu den Techniken wissenschaftlichen Arbeitens plädiert Rosemarie Günther für eine verstärkte Ausbildung von Schlüsselkompetenzen in der universitären Lehre und exemplifiziert dies insbesondere an den Möglichkeiten für die Präsentation historischen Wissens. Auch wenn diesen Ausführungen grundsätzlich zuzustimmen ist, so muss doch auch gesagt werden, dass Studienanfänger heute im Durchschnitt weit weniger Probleme mit dem Präsentieren als mit der methodisch fundierten Erarbeitung von Kenntnissen haben. Die Zurückdrängung der Alten Geschichte in den Lehrplänen und das Aussterben des humanistischen Gymnasiums werden für die nächste Zeit die wirklichen Herausforderungen für die universitäre Lehre darstellen.

Der letzte Teil des OGL Antike stellt die Forschung selbst in den Mittelpunkt: Auf einen wissenschaftsgeschichtlichen Abriss vorwiegend zur deutschen Althistorie des 19. und der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts folgt eine Darstellung aktueller Forschungsstrukturen und schließlich multimedialer und vernetzter Hilfsmittel und Darstellungen althistorischen Wissens. Angesichts der Fülle der Angebote bleibt die Auswahl schwierig, aber einige Auslassungen erstaunen: Eine systematische Vorstellung des Perseus Project wäre sicherlich angebracht gewesen.[10] Für Studierende von besonderem Interesse wäre auch die wachsende Bibliothek englischer Quellenübersetzungen auf der Website Lacus Curtius.[11] Für das Feld der Epigrafik hätte auf CLAROS und ConcEyst hingewiesen werden sollen. An numismatischen Datenbanken wären die Sammlung des Seminars für Alte Geschichte an der Universität Freiburg (unter dem Dach von FREIMORE) und die Numismatische Bilddatenbank Eichstätt (NBE) zu nennen. Sehr nützlich - gerade für Referate - ist auch das Kartenmaterial des Ancient World Mapping Centre.[12] Was die Verwendung von Unicode als Standard für altertumswissenschaftliche Zeichensätze angeht, hätte unbedingt die in Windows 2000/XP implementierte Unterstützung für biblische Sprachen erwähnt werden müssen. Die grundsätzliche Problematik jeder Publikation über Internetressourcen ist freilich die geringe Halbwertszeit des dargelegten Wissens, und so führen manche der angegebenen Links bereits jetzt ins datentechnische Nirwana.[13] Zudem gestaltet sich die Eingabe der oft langen URLs zur Geduldsprobe. Man fragt sich, ob derartige Informationen nicht besser im Internet präsentiert (und aktualisiert) würden, zumal die OGL-Reihe ja eine ansehnliche Präsenz unterhält und die Links des Vorgängerbandes OGL Frühe Neuzeit dort auch zur Verfügung stehen.[14]

Zu den am Ende jedes Abschnittes gegebenen Literaturhinweisen ist grundsätzlich zu bemerken, dass zwar die jeweils zentrale Spezialliteratur genannt, jedoch nirgends systematisch weiterführende Grundlagenliteratur oder Nachschlagewerke aufgeführt werden. Gerade angesichts der Knappheit des ereignisgeschichtlichen Teils wäre es notwendig gewesen, den Studenten zu weiterführenden Überblicksdarstellungen zu leiten. Negativ zu bemerken ist schließlich das Fehlen eines Verzeichnisses, welches das Kartenmaterial des Buches systematisch erschließen würde, sowie eines Glossars, das den Studienanfänger über einschlägige termini technici aufklären könnte.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass das OGL einen durchaus innovativen und viel versprechenden Ansatz bietet, der jedoch in mancherlei Hinsicht noch konsequenter hätte durchgeführt werden können. Nichtsdestotrotz vermittelt das Buch einen weitaus besseren Eindruck von der Vielfalt althistorischer Fragestellungen am Beginn des 21. Jahrhunderts als gängige Einführungen traditionellen Zuschnitts. Ob sich das OGL als wirkliches Lehrbuch etwa für universitäre Einführungsveranstaltungen eignet, muss aufgrund der oben dargelegten Bedenken dahingestellt bleiben. Eine gelungene Einladung in die Antike bietet es jedoch allemal.

Anmerkungen:
[1] Ich verweise nur auf die einschlägigen Abschnitte des Eichstätter Tutoriums zur Alten Geschichte: http://www.gnomon.ku-eichstaett.de/LAG/proseminar.
[2] Freilassungssteuer und Erbschaftssteuer hätten nicht in einem Absatz mit dem tributum zusammengestellt werden dürfen. Der Leser ohne entsprechende Vorkenntnisse muss aus dem Zusammenhang alle Steuertypen ausschließlich auf die Provinzialen beziehen. [3] Gehrke, Hans-Joachim; Schneider, Helmuth (Hgg.), Geschichte der Antike. Ein Studienbuch, Stuttgart 2000.
[4] Gehrke, Hans-Joachim, Kleine Geschichte der Antike, München 1999.
[5] Hdt. 2,116-117. Zum hohen Gewicht der Primärforschung bei den antiken Historikern vgl. nur das ausgewogene Urteil von Meister, Klaus, Art. "Geschichtsschreibung", in: Cancik, Hubert; Schneider, Helmuth (Hgg.), Der Neue Pauly, Bd. 4, Stuttgart 1998, Sp. 995-996 (dort auch die wichtigste Literatur).
[6] Lukian. hist. conscr. 41.
[7] Die in ihren Konzeptionen grundlegend europäische Prägung auch der außereuropäischen Geschichte verdeutlicht der Forschungsbericht Osterhammel, Jürgen, Außereuropäische Geschichte. Eine historische Problemskizze, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 46 (1995), S. 253-276.
[8] Die Konstantinische Schenkung wird im Rahmen einer Detailskizze zu den Fresken in SS. Quattro Coronati nur kurz genannt (S. 425), ohne dass jedoch eine weitere Erläuterung erfolgte.
[9] Siehe nur Heckmann, Marie-Luise, Art. "Vikar,-iat", in: Lexikon des Mittelalters, München 1997, Sp. 1663-1664. Eher ist die Aufnahme der Bezeichnung in die Titulatur Indiz einer intendierten Monopolisierung etablierter Vorstellungen durch das Papsttum. Erwähnt sei immerhin, dass auch nach der neuesten Auflage des Missale Romanum von 2002 jeder Bischof oder Priester in persona Christi agiert, insofern er das Messopfer vollzieht (Instructio Generalis § 4).
[10]http://www.perseus.tufts.edu.
[11]http://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Roman/home.html.
[12] Zu CLAROS: http://www.dge.filol.csic.es/claros/cnc/2cnc.htm; ConcEyst: http://www.ku-eichstaett.de/Fakultaeten/GGF/fachgebiete/Geschichte/Alte%20Geschichte/Projekte/conceyst. Das letztere Angebot wird immerhin von Anne Kolb an anderer Stelle kurz genannt (S. 315), allerdings mit einem veralteten Link; FREIMORE: http://freimore.ruf.uni-freiburg.de/muenzen/index.html; NBE: http://www.gnomon.ku-eichstaett.de/LAG/nbe/nbe.html; Ancient World Mapping Centre: http://www.unc.edu/awmc/mapsforstudents.html.
[13] So z.B. Martin Wallraffs Überblicksseite über Fonts für Patristiker http://www.uni-bonn.de/~ute404/fonts.html (jetzt erreichbar unter http://www.personal.uni-jena.de/~y2wama/fonts.html) oder auch http://orakelix.uni-muenster.de/tag_pro.htm. Auch Softwareempfehlungen altern schnell: Für Zugriffe auf die TLG- und PHI-CDs empfiehlt sich jetzt die Software Antiquarium 2: http://antiquarium.eremus.org.
[14]http://www.oldenbourg.de/verlag/ogl/i_index.htm.

Zitation
Andreas Hartmann: Rezension zu: Wirbelauer, Eckhard (Hrsg.): Antike. München 2004 , in: H-Soz-Kult, 04.04.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6105>.
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04.04.2005
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